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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1903-07-03 · 27 (3.7.1903) · page 1

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
20 (1903)
Issue
27 (3.7.1903)
Date
1903-07-03
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Ur> 27 Dr■ BlOCh 8 Jahrgang XX. Centrslorgsn für die gesammten Interessen des Iudenthums. -#-- Wien, 3. Juli 1903. -—<->- Erscheint jeden Freitag. -- Brief-Adresse: Wien, IX/1» Derggaffe 3S. Telegramm-Adresse: Bloch's Wochenschrift, Wien. U - - M Tt. ft. Postfxarcassett-Amk Clearing-Verkehr Hr. 810.976. KcDartinn und Administration: Wien IX/1, Berggafsr Nr. 39. Telephon Nr. 14.847. ff-- — —~ "--■=* j BsjugapriiB flir Oesterreich: Halbjährig 8 Äronen. Einzelexemplare 56 Heller. Für'» Ausland: Halbjährig 10 Aronen. Ganzjährig 20 » Anzeigen: Die 4mal gespaltene Prtitzeile 24 Heller. K - " — . =m Inhalt: Leitartikel: Amerika gegen Rußland. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Glossen zur Tagesgeschichte. Ein czechischer Dichter über H. Heine. — Die Gesetze Hamnmrabi's und die mosaische Gesetzgebung. — Eorrespond e n zen: Wien. Belgrad und Bibel. Eine heftige Anklage gegen König Peter. Zur Schächtfrage. Ans Böhmen. Lemberg, Olmütz, Agram. Das neue russische Judengesetz. Petersburg, Paris. Eine jüdische Volkswehr. Washington, New-Aork. — Vermischtes:-Kranzablösungsspenden zu Gunsten der Ehewra-Kadischa in Wien. Wien, Nikolsburg, Teschen, Tabor, Wsetin, Preßburg, Lemberg, Manchester. — Feuilleton: — Neue Bücher. — Briefkasten.— Inserate. Amerika gegen Rußland. New-Pork, 20. Juni 1903. Rußland dünkt sich allmächtig, weil es sich auf eine eventuelle Heeresmacht von drei Millionen Soldaten stützen zu können glaubt. Vor diesem Popanz haben auch die europäischen Mächte offenbarRespect und wollen daher mitdemvermeintlichenRiesen nicht anbinden. Sie halten einestheils diese Militärmacht für eine unüberwindliche, anderseits haben sie geschäftliche Gründe, den Russen gegenüber den todten Hasen zu spielen. Frankreich glaubt Rußlands Hilfe zu brauchen, weil es seinen Frieden mit Deutschland nicht machen will, Deutschland möchte den russischen Markt für seine Industrie nicht missen, selbst England, das sonst so selbstbewußt seine culturelle Präponderanz in Europa geltend zu machen wußte und seinerzeit nack den Greuelthaten in Südrußland die Gerechtigkeit und Menschlichkeit höher stellte als seinen Vortheil, hat es jetzt unterlassen „sich in die innerpolitischen" VerhältnisseRußlands, wie mau officiell dieKischenewer Greuelthaten nennt, einzumischen, und läßt „alle fünf gerade sein", um den russischen Bären nicht zu stören. Von dem sonst an der Spitze des Freisinnes marschirenden Italien kann man jetzt, da der Besuch des Ezaren in Rom in Aussicht steht, nicht erwarten, daß es seine Stimme zu Gunsten des Rechtes erhebe, und so kam es, daß thatsächlich das ganze civilisirte Europa geschwiegen hat, als jüngst in Kischenew Greuel verübt wurden, für welche trotz aller Ableugnung des Ministers Plehwe nur die russischen Beamten und das russische Militär die Verantwortung tragen. So empörend das Verhalten der politischen Beamten und der Soldaten in Kischenew war, so verlogen ist auch das Proceßverfahren, welches gegen die Mörder von Kischenew als eine wahre Gerichtscomödie inscenirt wurde. Mag man aber in Rußland vermeinen, stark zu sein, weil man die Allerschwächsten vergewaltigt, mag man sich mächtig dünken, weil die europäischen Mächte um egoistischer Zwecke willen den russischen Greueln gegenüber beide Augen zudrücken — die Wahrheit bricht sich dennoch Bahn! Verbirgt sich Europa vor der russischen Gewalt, Amerika verbirgt sich nicht. Hier wohnt nicht blos, wie man in Europa irrig wähnt, die „wirthschaftliche Freiheit", nein, hier haben Rechtsgefühl und Menschlichkeit eine uneinnehmbare Festung sich aufgebaut, hier hat man weder vor russischen Soldaten noch vor russischen Schiffen Furcht, hier besorgt man nicht, den russischen Markt zu verlieren und hier schreckt mau vor einer Drohung mit dem Abbruch diplomatischer Beziehung nicht zurück. Was ist dem Amerikaner Hekuba — der Barbarenftaat im Osten Europas? Was liegt ihm an Rußland. Er braucht es nicht zu fürchten, er hat von ihm nichts zu erwarten. Im Bewußtsein seiner völligen Unabhängigkeit ist Amerika aber nicht blos seiner physischen und wirthschaftlichen Kraft eingedenk, sondern auch seiner ethischen Würde. Und dieses Volk von Industriellen und Kaufleuten und Landwirthen, das nicht die angeblichen Eulturtraditionen der alten Welt besitzt, das hat mehr Rechts- und Menschlichkeitsgefühl als alle die Höchst- und Hochgeborenen Europas. Das ist auch ganz erklärlich. Hier kommt es auch dem „Geringsten" zur Erkenntniß, daß ein Staatswesen nur dann stark ist, wenn es auf Recht und Moral basirt, und eben deshalb imponiren dem Amerikaner die Bajonette und Kanonen der Europäer überhaupt nicht, und am allerwenigsten die von Rußland. Hier hat man einen freieren Blick für die Machtverhältnisse eines Staates und weiß es sehr wohl zu beurtheilen, daß die physischen Mittel allein nicht ausreichen, um ein Staatswesen zu erhalten. Wo die moralische Grundlage fehlt, da steht der mächtigste Koloß auf thönernen Füßen, und von diesem Gesichtspunkte aus hat man hier ein richtigeres Urtheil über Rußland als in Europa. Hier sieht man es klar, daß diese hundertdreißig Millionen Bewobner Rußlands nichts weniger als eine „Stärke" des Reiches zu betrachten sind; hier erkennt man es ganz richtig, daß dieses corrupte Beamtenthum, diese feile Justiz, die schon Nikolaus I. als einen Krebsschaden des Staates beurtheilte und die sich wiederholt als unzuverlässig erwiesen, jetzt nicht um ein Haar mehr die Macht des Staates zu fördern geeignet sind, und eine Armee, die mit Mördern fraternisirt, kann wohl auf keine höhere Stufe gestellt werden, als die serbische, deren „Eidestreue" am 11. Juni so eclatant sich als unverläßlich erwies und die als „Stütze des Thrones" genau so viel werth war, als ihr Eid! Wenn man einem Volke Plünderungen erlaubt — vor welchem Eigenthum soll es Achtung haben? Wenn Mörder straflos

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