Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 26 (26.6.1903)
- Date
- 1903-06-26
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 26 Dr. Bloch's WmhrnsttzE Seite 43» muß —, wurde bald darauf (.1650) Rabbiner in Proßnitz und im Jahre (661 Landesrabbiner von Mähren mit dem Sitze in Nikolsburg, erhielt im Jahre 1664 einen Ruf nach Wien, wo er auch, die Oberaufsicht über die ganze Provinz Oesterreichs ausübte. Tort stand er im eifrigen Kampf gegen die damals auch in Wien sich ausbreitende Irrlehre des Sabbatai Zewi und wurde dabei von dem Rabbiner Jakob Sasportas in Hamburg und von Rabbi Aron Simon Schapira in Prag ernstlich unterstützt. Im Jahre 1670 wurde er nach Metz berufen, wo er bis zu seinem Tode (im Jahre 1693) segensreich wirkte und durch seine Hochschule (ns'®') und Gemeindefunctionen der Judenheit in Elsaß-Lothringen und Westpreußen von bedeutendem Nutzen war. So wie aber der Referent die großartigen rabbinischen Leistungen Aschkenasi's, seine allzngroße Bescheidenheit und hochsittliche Lebensführung lobend hervorhebt, ebenso unbefangen tadelt er die gottesdienstlichen Moralpredigten desselben, der diese Vorträge mit pilpulistischen, aus dem halachischen Felde entnommenen Floskeln verziert, wodurch recht possirliche Bilder zum Vorschein kommen, wobei aber — durch diese scharfsinnige, künstliche Spielerei — die eigentliche Moral leer ausging. Und in der That ist diese Methode leider noch bei vielen Rabbinen, welche auch in der Agada ihren Scharfsinn zeigen wollen, gang und gäbe, besonders in den Gegenden Osteuropas, und sie merken nicht einmal, wie diese Art den unbefangenen Zuhörer oder Leser unsympathisch berührt. Der durch seine gediegenen Leistungen bekannte Förderer der Kenntnisse der Geschichte der Juden in Spanien und Portugal, Herr Rabbiner Dr. M. K a y f e r l i n g in Budapest, liefert einen interessanten Beitrag über das Leben und die Gedichte des Rabbi I s a k A b u h a b. dem dritten, der (zum Unterschiede von seinem gleichnamigen Zeitgenossen) Abuhab De Fon seka genarnt wurde. Dieser war ein Enkel des scharfsinnigen Rabbi Jsak Abuhab, welcher in den castilischen Gemeinden der letzte G a o n genannt wurde und der vor der Austreibung der Juden aus Spanien nach Portugal iibersiedelte und in Oporto wohnte, (wo er der Lehrer des R. Abraham Sakut, des Verfassers des Buches Juchassin war), aber nach einigen Monaten daselbst gestorben ist. Sein Sohn David flüchtete sich vor den Verfolgungen der Inquisition mit seiner Frau Jsabella de Fonseca und seinem Sohn Jsak nach Amsterdam, wo er bald darauf im Männesalter starb. Der siebenjährige Jsak erhielt daselbst zugleich mit dem in der jüdischen Geschichte rühmlichst bekannten Ü. LI6NÄ8LÜ6 den IsrasI Unterricht in Bibel, Mischna und Talmud und zeichnete sich durch außergewöhnliche Fortschritte auch in weltlichen Wissenschaften aus, so daß er im 21. Lebensjahre die Autorisation zum Rabbineramte mit deni Titel Obaebam erhalten hat. Im Jahre 1642 wurde unser Abuhab zum Volkslehrer und Leiter der jüdischen Gemeinde in Fernambuk in Brasilien gewählt, wohin er mit einigen hundert spanischen Inden wanderte. Da entbrannte der Krieg zwischen Portugal und Holland und die Juden, welche auf Seiten der Holländer standen und in deren Heer kämpften, haben viel Leid erfahren/ Neun Jahre dauerte Abuhab's Wirksamkeit im feindlichen Gebiete und bevor er Brasilien verlreß, und zwar infolge des Sieges der Portugiesen, beschrieb er in poetischer Form die Kriegsereignisse und deren Leiden, sowie die dabei abgehaltenen Gebete und fugte noch andere sehr schöne Gedichte dazu, welche insgesammt eine bedeutende poetische Begabung beurkunden. Denn, nachdem Portugal Brasilien erobert hatte, waren die Juden ja gezwungen, auszuwandern, und Abuhab kehrte somit nach Amsterdam zurück, wo er unter dem Rabbiner Saul Lewi Morteira Rabbinats-Assessor war und nach dessen Ableben zum Oberrabbiner ernannt worden ist und auch als Leiter der' im Jahre 1656 gegründeten Hochschule viele Jahre hindurch mit bestem Erfolge wirkte. Abuhab war auch ein hervorragender Prediger, besonders in spanischer Sprache, und viel bedeutender als sein Zeitgenosse Rabbi Menasche ben Israel, von welchem ein bedeutender Geistlicher sagte, daß er spricht, was er w e i ß, während Abuhab weiß, was er spricht. Abuhab war auch ein berühmter Sänger, der schon als junger Mann zum Vorbeter in Amsterdam berufen worden ist. — Während seiner langjährigen Wirksamkeit leitete Abuhab III. seine Gemeinde mit großer Umsicht, uneigennützig, mit feinem Tact, mit Sanftmuth und Friedensliebe, so daß es ihm gelungen ist, die drei verschiedenen Parteien zu vereinigen. Er übersetzte auch den Pentateuch ins Spanische, wirke fast 70 Jahre mit großer Gewissenhaftigkeit und starb, 88 Jahre alt, am 27. Adar II im Jahre 1693. Sein Andenken bleibe gesegnet. Zu großem Dank sind wir Herrn Abraham Kahana verpflichtet, der uns das handschriftliche Werkchen „Schiedsgericht" des Rabbi Moses Sacut übermittelte und einige werthvolle historische Daten aus dem inneren Leben der Juden, besonders der Gemeinde zu Mantua verzeichnete, wo Rabbi Moses Sacut die trefflichen Statuten verfaßte, welche auch vom damaligen (1676) Herzog Ferdinand Karl aus dem Hause Gonzaga bestätigt worden sind. Dieser Fürst war den Juden freundlich gesinnt und hatte dadurch vom damaligen Papst Clemens VIII. viel zu leiden, da dieser auf Anstiftung des fanatischen Franziskaners Bartholomeus Cambi da Soloteno, welcher in Mantua bas Volk gegen die Juden unaufhörlich hetzte, die Judenverfolgung mit Eifer und Nachdruck befahl, was dem Herzog viele Unannehmlichkeiten bereitete, da er gegen seinen Willen gezwungen wurde, für die Juden Ausnahmsgesetze zu erlassen. Da entstanden in den Ghettomauern zu Mantua u. d. T. „Schiedsgericht" die autonomen Gemeindestatuten, wodurch die nationalen Sitten und Gebräuche in friedlicher Weise geordnet worden sind und das jüdische Stammesbewußtsein ein festes Gepräge und eine freundliche Gestaltung erhalten hat, was den Bemühungen des Rabbi M. Sacut zuzuschreiben ist. Diese Statuten verdienen noch heutzutage aufmerksame Beachtung. Der Vertheidigungsbrief des Rabbiners in Rechnitz in Ungarn, Rabbi Leib Staßschaf, zur Zeit des Streites Emden und Eibenschütz, ist herzinnig geschrieben und muthet uns sehr sympathisch an. Die Veranlassung dazu war, daß Emden den frommen Mann, der ein Freund von Eibenschütz war, des Einverständnisses mit den Anhängern des Sabbatäismus verdächtigte und in Rechnitz sich einige übereifrige Männer vorfanden, die den Rabbiner als Sabbatianer betrachteten. An der Spitze dieser Partei stand ein unberufener, muthwilliger Stänkerer, welcher lügenhafte Berichte über den Unschuldigen ausstreute. Gegen diese falschen Anschuldigungen ist der (von Dr. Löwenstein, Rabbiner in Moßbach) nntgetheilte Brief gerichtet. Die vier Briefe von S. L. Rappaport, Jost, Gabr. Pollak und Senior Sachs an Js. S. Reggio (aus des Letzteren Nachlaß von Dr Berliner mitgetheilt) haben dauernden literarischen Werth. Rappaport kritisirt wohlwollend aber in seiner gediegenen Weise das von Reggio edirte und commentirte Werk des Rabbi Elias bei Medigo. „Die Prüfung des Gesetzes". Jost vertheidigt u. A. die damaligen Reformbestrebungen der deutschen Rabbiner. G. Pollak tadelt mit bescheidenen aber ernsten Worten das von Reggio edirte Buch „Tie Prüfung der Tradition" — Senior Sachs verbreitet sich über viele literarische Erscheinungen und der Verfasser — Herr Rabbiner Josef Löwenstein in Serazk — liefert kritische Ergänzungen und Bemerkungen zum trefflichen Werkchen Abr. Epstein's „Ueber die Familie Lurje". Mit einer geistreich abgefaßten bibelkritischen und polemischen Abhandlung des Js. Jak. Weißberg schließt diese werthvolle Sammelschrift, (wozu wir dem Verfasser beipflichtend hinzufügen, daß das Wort 1V27> in Sam. II 20, 8 die Erklärung zu na ist; vgl. Onkelos zum 3. B. M. Cap. 6, 3, wo na mit parc1? übersetzt wird) und auch wir schließen unser Referat mit dem aufrichtigen Wunsche, daß es dem strebsamen und fleißigen Herausgeber, der nicht nur anf dem Gebiete der talmudischen und religionsphilosophischen Literatur. sondern auch un chassidäischen Schriftthume heimisch ist — wie dies sein jüngstes Werkchen über „Rabbi Nachum aus Tschernobel und seine Nachkommen" (Berditschew »902) zur Genüge bekundet — nach wie vor gelingen möge, im Verein mit den gediegenen Gelehrten unserer Zeit recht viele nützliche Beiträge für die Wissenschaft des Inden - thums zu veröffentlichen. * * Auf allgemeines Verlangen ist die Gedenkrede für die Opfer in Kischenew, welche Se. Ehrwüden Herr Rabbiner Dr. S. Gelbhaus bei der Trauerfeier im israelitischen Tempel des IX. Bezirkes in Wien am 21. Mai 1803 gehalten, im Verlage von R. Löwit, I., Rothenthurmstraße 22, soeben erschienen. Jeder Zuhörer des damaligen Gottesdienstes erinnert sich noch an den mächtig und ergreifenden Eindruck, welchen diese Trauerrede auf alle Anwesenden machte, aber Viele konnten in der Erregung des Augenblickes wohl kaum unterscheiden, was sie eigeutlich erschütterte: das Entsetzen über die blutigen Vorgänge in Kischenew oder die Gewalt des Predigers, der in vollendeter Form der allgemeinen Trauer, dem allgemeinen Schmerze Ausdruck verlieh. Umso dankenswerther ist es von dem bewährten Verlage, diese treffliche Rede nun einem weiteren Kreise zugänglich gemacht und ihr über die flüchtige Stunde hinaus Dauer und Wirkung verliehen zu haben. Zumeist ist es ja ein gewagtes Unternehmen, eine Predigt in Druck erscheinen zu lassen. Manches, was im Hören gefällt, erregt das Befremden oder die Mißbilligung des aufmerksameren, kritischeren Lesers. Vieles, was durch die Kunst des Vortrages leuchtendes Leben erhält, verblaßt und verschwindet auf dem Papiere festgehalten; aber solche Befürchtungen brauchen Jene nicht zu empfinden, welche die Predigt Dr. Gelbhaus' zur Hand nehmen. Mit der unmittelbaren Gewalt des Gesprochenen ergreift die Rede auch beim Lesen, während die gewählte Form und der sorgfältige, an classischen Mustern geschulte Stil auch künstlerische Befriedigung erweckt. Auch in einer Zeit, in welcher die tragischen Ereignisse in Kischenew nicht mehr so wie heute im Brennpunkte unseres Interesses und unserer Theilnahme stehen, wird die Gedenkrede Dr. Gelbhaus' eine werthvolle und anregende Lectüre bilden und das Bild der Tage, in welchen arbeitsame, intelligente, friedliebende und patriotische Menschen dem blinden Haß einer bethörten Menge zum Opfer fielen, mit greifbarer Deutlichkeit heraufbeschwören. — Der Reinertrag der Publication, deren Preis 40 Heller beträgt, ist den von der Katastrophe Heimgesuchten gewidmet, und es ist anzunehmen, daß trotz des niedrigen Preises durch diese Widmung den unglücklichen Juden in Kischenew eine namhafte Spende wird zugeführt werden können. Neue Bücher. S. Spinner. Etwas über den Stand der Cnltur bei den Juden inPolen im XVI. Jahrhundert. 1. Heft. Selbstverlag des Verfassers, Wien, H., Kaiser Josefstraße 36. Dr. L. Goldschmidt. Der Kampf um Babel und Bibel im Lichte des Judenthum. Verlag I. Kauffmann, Frankfurt a. M. Dr. Albert Löwy. Die Echtheit der Moabitischen Inschrift im Louvre. Auf's Neue geprüft. Adolf Holzhausen, Wien, 1903. Dr. Münz. Es werde Licht. Verlag. W. Koebner, Breslau.