Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 26 (26.6.1903)
- Date
- 1903-06-26
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. 26 Dr. Bloch's Wochrnfchrifk. Wette 421 Zeichen der allgemeinen Aufmerksamkeit und Furcht, die seine Kraft ein flößt, schreitet er einher, düster, stumm und in seiner wilden Schönheit einem großen Thiere gleichend. Plötzlich stößt er an ein Tischchen, auf dem heiße Leber. Lunge und Anderes feilgeboten wird, und alle diese Leckereien fallen auf das Pflaster. Der Verkäufer schreit und schimpft laut. .Warum stehst du mir denn im Wege?" fragt Artem mit ruhiger aber dumpf klingender Stimme. .Ist dies dein Weg, du Stier?" brüllt der Verkäufer. .Und wenn ich hier gehen will?" Artem's Wangen schwellen an vor Zorn und seine Augen gleichen zu glühender Röthe erhitzten Nägeln. Der Verkäufer bemerkt dies und murmelt: .Ist dir denn die Straße zu schmal?" Langsam schreitet Artem weiter, indeß der Verkäufer ein Gasthaus aufsucht, daselbst kochendes Wasser verlangt, seine Waare abspült, und nach fünf Minuten dieselbe wieder mit laut kreischender Stimme aripreist: .Le—ber, Lun—ge, heißes Herz! He, Matrose! Mach' den Anfang! Ich geb's billig. Für fünf Kopejken Zunge schneide ich dir ab! Tante, du kauf' das Hälschen! Wer braucht ein heißes Herz? . . . Le—ber, Lun—ge!" Die lärmenden, kreischenden Stimmen und die schwere, mit dem Geruch von Fäulniß, Schnaps, Schweiß, Fischen und Knoblauch durchtränkte Luft verschmelzen in einander und bilden em unsagbar widerwärtiges Ganzes. Die Menschen nehmen die Mitte der Straße ein, so daß sie die Pferde an der freien Bewegung verhindern, und schreien, feilschen, lachen. Hoch über ihnen blaut der wolkenlose Himmel, den ein trüber, aus Staub und Schmutz bestehender Nebel verhüllt! Derselbe entsteigt der Straße, in der selbst die Schatten der Häuser feucht und von klebrigem Schmutz durchdrungen scheinen. .Galanteriewaa—re! Zwirn! Nadeln!" ruft Kain, indem er auf Artem, der ihm noch schrecklicher dünkt als den Anderen, ängstliche Seitenbicke wirft. .Birnpastetchen mit drei Ecken kauf' und iß', so wird's dir schmecken!" ladet mit melodischer Stimme eine junge Verkäuferin ein. .Knoblauch, grüner Knoblauch!" ruft eine zweite. .Kwa—as! Kwa—as! kreischt ein kleingewachsener, fetter, rothwangiger, im Schatten eines großen, mit Kwas gefüllten Fasses sitzender Greis. Dort wieder verkauft ein Mann, der in der ganzen Straße unter dem sonderbaren Beinamen: .Der zerlumpte Bräutigam" bekannt ist, einem Schiffsarbeiter sein eigenes, schmutziges, aber noch festes Hemd und sucht den Mann auf äußerst logische Weise zu überzeugen: .Dummer Kerl! Zaunpfahl! wo wirst du für zwanzig Kopejken solch' ein Paravestück zu kaufen bekommen? Weißt du, daß du in solch' einem Hemde dir eine Kaufmannstochter kannst antragen lassen? Eine Millionärin sogar ... du Teufel!" Plötzlich dringt in dieses wilde, nichtsdestoweniger jedoch harmonisch klingende Gebrüll und Getöse der silberhelle Ton eine Kinderstimme: .Gebt, um Gottes Willen, eine Kopejke! . . . bin eine verlassene Waise, nicht Vater Hab' ich, noch Mutter . . ." Wie sonderbar und fremd klingt hier der Name Gottes! .Artem! komm' her!" ruft mit fröhlicher Stimme die muntere Soldatenfrau Darja Gromow, die Bliep*) zum Verkauf buk. .Wo bist du die ganze Zeit über gewesen? Warum vergissest du uns?" .Hast du viel verkauft?" fragt Artem ruhig, indeß er mit einer leisen Bewegung seines Fußes ihr Tischchen umwirft. Die gelben, fettglänzenden Kuchen fallen auf das Straßen Pflaster, ein wohlriechender Dampf entsteigt ihnen, und Darja, kampfbereit, schreit voller Wuth: .Deine frechen Auge» werde ich dir auskratzen! Du Räuber du! daß dich die Erde noch trägt, du astrachansker Kameel!" Aber rund umher kichert man laut, — wissen doch alle, daß sie dem Riesen bald wird verziehen haben! Er indessen setzt seinen Weg langsam fort, alle stoßend, mit seiner Brust unmittelbar auf die Leute heraufgehend und ihnen auf die Füße tretend. Und ihm voraus geht, als käme es von einer Natter, ein rasches, warnendes Zischen: .Artem kommt!" Selbst derjenige, der diese zwei Worte zum erstenmale hört, erkennt die in ihnen verborgene Warnung und geht dem Riesen aus dem Wege, indem er gleichzeitig dessen mächtige Gestalt mit Furcht und Interesse betrachtet. Jetzt begegnet Artem einem der vielen Vagabunden, mit denen er bekannt ist. Sie begrüßen einander und mit seiner eisernen Faust drückt Artem die Hand seines Bekannten so stark, daß letzterer vor Schmerz aufschreit und laut flucht. Da saßt ihn Arrem an der Schulter oder sucht ihm auf irgend eine Weise Schmerzen zu bereiten, und stumm und ruhig sieht er zu. wie der Mann ächzt und, unter seinem Griff sich windend, athemlos flüstert: „Latz' mich los, du Henker! . . . Verflucht!" Ader der Henker ist unerbittlich wie ein Richter. Auch Kain fiel häufig in die grausamen Hände Artem's, der mit ihm spielte, wie em neugieriges Kind mit einem Wurme. Dieses eigenartige und geradezu unbegreifliche Gebühren des Riesen, welches man in Schrchan .Artemchens Spaziergang" nannte, zog ihm viele Feinde zu. Doch konnten es dieselben, trotz häufiger Versuche, nicht ermöglichen, Artems Kraft zu brechen. Eines Tages beschlossen, — auf Ersuchen der ganzen Straße, sieben junge kcäfnge Burschen Artem eine Lehre zu ertheilen und ihn zu beruhigen. Zwei von ihnen mußten dieses Wagniß sehr schwer büßen, die anderen kamen mit verhältnißmäßlg leichten Verletzungen davon. Ein andermal mietheten die Laoenbesitzer, als beteidlgte Gatten, einen berühmten städtischen Athleten, — einen Fleischer. — der häufig im Kampfe mit Crrcus-Athleten den Sieg davongetragen hatte. Gegen ein hohes Entgelt verpflichtete sich derselbe, Artem halbtodt zu schlagen. Man brachte sie zusammen und nach einigen Minuten hatte Artem, der stets kampfbereit war, dem Fleischer einen Arm ausgerenkt und ihm einen Schlag in die Brust versetzt, der ihn zu Boden warf und ihn der Besinnung beraubte. Das Ergebmß vleser Thatsachen war, daß Artem's Kraft noch mehr bewundert und daß die Zahl seiner Feinde noch größer wurde. Artem jedoch setzte seine Spaziergänge des Weiteren fort, Alles und Alle auf fernem Wege zerstörend. Welchen Gefühlen wollte er aus diese Weise Ausdruck verleihen? . . . Kann sein, es war die unbewußte Rache eines von seinem Grund und Boden entwurzelten Wald- und Wiesenmenschen, die derselbe gegen die Stadt und ihre Sitten ausübte, kann auch fein, er harte ein unbestimmtes Gefühl, daß er in der Stadt zu Grunde gehe, daß dieselbe mit ihrem Gift ihm Leib und Seele zerstöre, und so suchte er denn anzukämpfen gegen die Gewalt, der er zum Opfer fiel. Manchmal fanden seine Spaziergänge ihren Abschluß im Polizeicomm.ffariat, wo er jedoch besser als die anderen Einwohner Schichans behandelt wurde; man bewunderte seine fabelhafte Kraft, über die man sich gleichzeitig amüfirte. En, Dieb war er nicht und konnte keiner sein, — das stand fest. Dazu war er viel zu dumm. Häufiger jedoch pflegte er nach solchen Spaziergängen in irgend einem Schlupfwinkel, wo dann eine der in ihn verliebten Frauen ihn unter ihren Schutz nahm, längere Zeit sich zu verbergen. Nach solchen Spaziergängen jedoch wurde Artem düster und launisch, seine Augen blitzten wild und die Starrheit seiner Züge machte den Eindruck von Blödsinn. Eine maßlos fette Verkäuferin, ein in dem von Balzac als verlockend angeführten Alter stehendes gesundes Weib, beschäftigte sich mit ihm, als wäre sie die Eigenthümerin dieses Thleres, vor dem sie nichtsdestoweniger eine geheime Furcht empfand. .Vielleicht trinkst du noch ein Fläschchen Bier. Artemchen? Oder ein Schnäpschen? . . . Oder willst du etwas essen? Warum bist du heute so düster?" .Mach', daß du sortkommst!" antwortete Artem duwps, worauf sie ihn mehrere Minuten unbehelligt ließ. Dann jedoch suchte sie abermals ihn zu berauschen, da sie wußte, daß Artem, so lange er nüchtern, mit Freundschaftsbeweisen geizte. Und nun halte das Schicksal, — in einem seiner unergründlichen Späffe, — beschlossen, daß dieser Mann und Kain einander auf ihrem Lebenswege begegnen sollten. (Fortsetzung folgt.) *) Eine besondere Art speeiell russischer Kuchen.