Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 26 (26.6.1903)
- Date
- 1903-06-26
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Sette 420 Dr. Bloch's Wochsnschrifk. Nr. LS Feuilleton. Kam und Artem. Novelle von Maksym Gorki. Uebersetzt aus dem Russischen von Malwina Blumberg. Jeder Winkel des Lebens besitzt seinen Despoten. In Schichan war diese Rolle dem schönen Artem zutheil geworden. Es war dies ein kräftiger Bursche, mit einem runden, wohlgesormten Kopfe und dichtem, schwarzem Haar, desien seidenweiche Locken sich in die Stirn ringelten, fast bis zu den sammtnen Brauen und den großen, länglichen, immer wie mit einer fettigen Flüffigkeit überzogenen Augen. Die gerade, griechische Nase, die vollen, rothen, von einem dichten, schwarzen Schnurrbart beschatteten Lippen, der reine Teint, das runde, gebräunte Gesicht bildeten ein ungewöhnlich schönes Ganze, mit welchem die immer wie von einem Nebel umflorten Augen in vorzüglichem Einklang standen, ja, welches sie gleichsam zu vervollständigen schienen. Hohen Wuchses, schlank und breitschulterig, auf den Lippen ein Lächeln unbewußter Zufriedenheit, war er in Schichan der Schrecken der Männer und die Freude der Frauen. Den größten Theil des Tages verbrachte er liegend in der Sonne; und mit vollen, seine mächtige Brust regelmäßig hebenden Athemzügen sog er die klare Luft und das Sonnenlicht ein. Artem war fünfundzwanzig Jahre alt. Vor drei Jahren war er Plötzlich mit einer Abtheilung Flößer aus Promsin*) in der Stadt aufgetaucht und nach Schluß der Schiffahrtsaison blieb er den Winter über, da er einsah, daß er hier auch ohne zu arbeiten, nur vermittelst seiner Kraft und Schönheit recht angenehm leben könne. So verwandelte sich der bisherige Landbewohner und Flößer in einen Liebhaber der Kuchenverkäuferinnen, Ladenbesitzerinnen und anderer Frauen Schichans. Diese Art der Beschäftigung gestattete es ihm, sich immer mit Esse», Schnaps und Tabak in genügender Menge zu versehen, und somit — da ihm andere Wünsche unbekannt — alle seine Bedürfniffe zu befriedigen. Die Frauen schimpften und schlugen sich seinethalben, und die verheirateten wurden bei ihren Männern verklagt, die wiederum ihre lebenslänglichen Gefährtinnen die Kraft ihrer Fauste aufs Grausamste fühlen ließen. Artem verhielt sich dem gegenüber vollkommen gleichgiltig; er lag in der Sonne, dehnte und streckte sich wie eine Katze und wartete, bis einer seiner nicht zahlreichen Wünsche rege werden würde. Gewöhnlich lag er auf einem Berge, in den die Straße mündete. Unmittelbar vor sich sah er den Fluß, jenseits desselben, so weit das Auge reichte. Wiesen, auf deren saftiggrünem Teppich hie und da graue Flecke dämmerten, das sind Dörfer. Dort ists immer still, hell, grün . . . Und den Kopf nach links wendend, steht er seine Straße vom Beginn bis zum Ende, und das ganze in ihr gährende Leben und Treiben; den Blick in den düsteren Abgrund versenkend, unterscheidet er bekannte Gestalten, hört das hungrige Gebrüll der Straße, und kann sein, daß er auch etwas denkt. Um ihn umher, auf dem Berge, wachsen dichte Kletten, ragen einsam schwanke Birken und Fliedersträucher in die Höhe; hier flüchteten sich Diebe und Strolche, um ihren Rausch auszuschlafen, Karten zu spielen, ihre Kleidung zu flicken, und nach der Arbeit oder den Schlägereien auszuruhen. Bei diesem Gesindel war Artem nicht gut an geschrieben. Seine unüberwindliche Kraft und die ungewöhnliche Leichtigkeit, mit der es ihm gelang, seine Bedürfniffe zu befriedigen, weckten ihren Neid. Auch pflegte Artem niemals mit irgend Jemandem seine Beute zu theilen. Ueberhaupt war der Jnstinct der Geselligkeit sehr schwach in ihm entwickelt, was die Ursache, daß er sich nach Verkehr mit Menschen nicht sehnte. Wurde er angeredet, so antwortete er freundlich, selber jedoch begann er nie ein Gespräch; bat man ihn, daß er Geld für Schnaps geben solle, so gab er es; aus eigenem Antriebe jedoch bewirthete er me seine Bekannten, obgleich es bei denselben Sitte war, jede erworbene oder gestohlene Kopejke bei gemeinsamen Trinkgelagen durchzubriugen. *) Promsin, ein Dorf im Symbirsker Gouvernement, aus dem die besten, d. h. die kräftigsten Flößer stammen. (Anmerkung d. Autors.) Hier, im Schatten der Sträucher, erschienen vor Artem die Sendboten der Liebe, gewöhnlich in Gestalt eines zerlumpten, schmutzigen, kleinen Mädchens oder eines ebenso schmutzigen Burschen. Diese äußerst jugendlichen Leutchen — sie pflegten sieben oder acht, in den seltensten Fällen zehn Jahre zu zählen — waren stets auf's Tiefste von der Wichtigkeit ihres Auftrages durchdrungen; so sprachen sie denn mit halblauter Stimme und ihre Züge drückten geheimnißvolle Feierlichkeit aus . . . »Onkelchen Artem, die Tante Marie läßt dir sagen, ihr Mann ist verreist, so sollst du denn heute einen Kahn miethen, um mit ihr auf die Wiese zu fahren." »So . . . o . . .?" fragt Artem gedehnt und in seinen schönen Augen erglänzt ein trübes Lächeln. »Aber bestimmt." »Nun, ich kann kommen . . . aber . . . sag' doch nur.. wer ist denn deine Tante Marie?" »Sie hat doch einen Laden", antwortet der Kleine vorwurfsvoll. »Einen Laden... so? Wohl dort, neben dem Eisenwaarengeschäft?" »Freilich; neben dem Eisenwaarengeschäft von Anisia Mikolajewna . . . dicht daneben! »Nun, nun, Brüderchen, ich weiß ja . . . ich sag' doch nur so . . . Spaßes halber! . . . als hätt' ich es vergessen . . ich kenne ja deine Tante Marie!" Aber der Kleine traut ihm nicht recht; er will seinen Auftrag gewiffenhaft erledigen und fährt hartnäckig zu erklären fort: »Tante Marie, das ist die kleine Frau mit den rothen Wangen, die neben dem Fischmarkt wohnt ..." »Nun, ja doch! neben dem Fischmarkt. Das ist's! Bist ein kleiner Dummerjahn . . . Werd' ich mich denn irren? Schon gut. Sag' der Tante Marie, daß ich kommen werde. . . Artem wird kommen. Und jetzt geh'!" Aber der kleine Abgesandte hat noch ein Anliegen. »Onkelchen Artem, gib mir eine Kopejke!" schmeichelt,er. »Eine Kopejke! Und wenn ich keine habe?" fragt Artem, beide Hände in die Taschen seiner Hosen versenkend. Und immer findet er daselbst irgend ein kleines Geldstück. Mit freudigem Lächeln stürmt der Bursche davon, um die Ladeubesttzerin von der Erfüllung ihres Auftrages in Kenntniß zu setzen und auch von ihr eine Kleinigkeit als Botenlohn zu erhalten. Der Bursche kennt den Werth des Geldes; er bedarf dessen nicht nur, weil er hungrig ist, sondern auch weil er Cigaretten raucht, Schnaps trinkt und ebenfalls seine kleinen Herzensangelegenheiten hat. An jedem, auf solche Affaire folgenden Tage verhielt sich Artem den Sorgen des Daseins gegenüber noch gleichgiltiger, war aber noch schöner als sonst. Es war die selten anzutreffende Schönheit eines kräftigen, jedoch friedliebenden Thieres. So brachte er sein Leben zu; satt, aber fast gedankenlos. Trotzdem er viele Feinde, Feindinnen und Neider hatte, lebte er ruhig und ungestört, und diese Ruhe verdankte er der Schrecken einflößenden Kraft seiner Faust. Manchmal jedoch blitzte in den dunklen Augen des schönen Artem eine düstere Flamme auf; seine Brauen zogen sich zusammen und eine tiefe Falte durchfurchte seine Stirn. Dann verläßt er sein Lager, um in die Straße hinunterzugehen, und je näher er dem Gewühle kommt, um so kleiner werden seine Pupillen, um so häufiger zucken seine feinen Nasenflügel. Von seiner linken Schulter hängt ein gelber Rock von grobem Tuch herab; durch das Hemd, das seine rechte Schulter bedeckt, ist sein uiächtiger Körperbau deutlich erkennbar. Stiefel mochte er nicht und trug anstatt ihrer Bastschuhe; Strümpfe ersetzte er mit Leinwandlappen, die vermittelst geschickt über Kreuz gebundener Lederriemen festgehalten wurden und unter denen die Bildung seiner Füße sich plastisch abhob. Langsam, wie eine große, Hagel in sich bergende Wolke schreitet er einher. Die Straße kennt schon seine Gewohnheiten und der Ausdruck seiner Züge weissagt ihr nichts Gutes. Man verriimmt ein warnendes Flüstern: »Artem geht!" Man räumt dem Riesen Alles aus dem Wege, die Waarenbuden werden bei Seite geschoben, desgleichen die Kasserollen und Plateaus mit frischgekochtem Essen; Alle grüßen Artem und lächeln ihm zu, — und Alle fürchten ihn. Und zwischen diesen