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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1903-06-26 · 26 (26.6.1903) · page 9

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
20 (1903)
Issue
26 (26.6.1903)
Date
1903-06-26
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. SS Vr. Bloch's Worhrnschrifl. Sette 417 Hierauf nimmt Herr Van der Velde das Wort. »Was wäre noch zu dem eben gehaltenen Vortrage hinzuzufügen? Wir müffen uns unserer Zeit schämen, in der man in Transvaal, in China, in Armenien und in Bessarabien tödt t. Der Redner leitet die Verantwortlichkeit zuerst von der »antisemitischen Pest" ab (hat es nicht eine Zeitung durch einen fünfjährigen Feldzug dahin gebracht, eine friedfertige Bevölkerung in eine Bande wilder Thiere zu verwandeln!), dann von der gesammten russischen Regierung. Indem sie den religiösen und nationalen Fanatismus fördert, sucht sie ein Ableitungsmittel für die Unzufriedenheit, die im ganzen russischen Reiche herrscht. Was man in den jüdischen Handwerkern unterdrücken wollte, war die Idee der Gleichberechtigung, die sich immer mehr im ganzen Lande verbreitet. Angesichts dieser Thatsachen würde die Socialdemokratie alle ihre Pflichten vernachlässigen, wenn sie sich nicht den beherzten Männern anschließen würde, die uns heute hier empfangen haben. Wir müssen mit den Opfern von Kischenew fühlen, weil sie Menschen sind, weil sie unglücklich, weil sie diesem bewunderungswürdigen jüdischen Proletariat, das so viele Beispiele von Heldenmuth gegeben, angehören". Zum Schlüsse erwähnt der Redner, daß das Internationale socialistische Bureau einen Protest gegen die Verbrechen von Kischenew absenden wird. Lebhafter Beifall belohnte den Redner für seinen anregenden Bortrag. Sodann betrat die Tribüne Herr Demblon, Abgeordneter von Lüttich. Ec spricht mit der ihm eigenen Kürze sein Urtheil über den Antisemitismus aus. Anhaltender Beifall folgte seinen Worten. Herr Mouseur verliest sodann folgende Resolution, die einstimmig angenommen wird: »1500 belgische Bürger, vereinigt am 20. Mai 1903, zu einer Versammlung eiuberufen von ,1a Ligue des Droits de Thomme“ empört über die Schändlichkeiten, denen die jüdische Bevölkerung von Kischenew und anderen Plätzen im Südwesten -Rußlands unter den Augen und der Mitwirkung der Regierung unterworfen worden sind, brandmarken diese Excesse eines Fanatismus, der eine Schande für die moderne Civilisation ist. Sie fordern alle Belgier auf. - sich ihrem Proteste anzuschließen, und bitten die französischen Republikaner. insbesondere die Mitglieder der Ligue franqaise de droits de Thomme von ihrer Regierung zu erwirken, daß sie im Namen des civilisirten Europa der »befreundeten Nation" Vorstellungen macht. Sie hoffen, daß der Czar von den Protesten des Auslandes gerührt werden wird und Maßnahmen trifft, um weitere Gemetzel der Juden zu verhindern; und daß er in seiner Stellung als Summepiskopus und Kaiser gegen das Vorurtheil des rituellen Mordes ankämpfen wird, ein Vorurtheil, welches als der hauptsächlichste Borwand für die Gemetzel gilt". Dr. Arnold White als Bertheidiger Plehwe's. In der Nummer vom 9. Juni der »Daily News" trat der bekannte englische Antisemit Arnold White als Bertheidiger Plehwe's auf. Der frühere Stipendiat des Baron Hirsch stellt dem Minister Plehwe das Zeugniß eines zuverläffigen Ehrenmannes aus und behauptete, die ruffische Regierung müffe ihre Juden mit gewaltiger Faust Niederhalten, da diese sich sonst sehr bald zu Herren des Landes machen würden. Zum Dank dafür ernannte Herr v. Plehwe Mr. White zu seinem Oberofficiosus, indem er ihm eine in englischer Sprache abgefoßte Rechtfertigungsschrift zustellen ließ. In derselben wird in erster Reihe der in Beffarabien angeblich von jeher bestehende Judenhaß hervorgehoben und der Polizei, die »wie in allen russischen Provinzialstädten viel zu wünschen übrig läßt", nun in zweiter Reihe die Schuld für die Kischenewer Vorgänge gegeben. In erster Reihe werden, genau wie in dem officiellen Kommunique der russischen Regierung, die Juden für den Krawall verantwortl ch gemacht. Am ersten Tage war der nirgends auffindbare jüdische Carousselbesitzer das Karnikel, das angesangen hat, am zweiten Tage hätten aber die Juden die Christen überfallen, wodurch sie die eigentlichen Krawalle erst recht provocirt hätten. Als ein Wink für das über die Kischenewer Krawalle entrüstete amerikanische Volk muß der Vergleich des Kischenewer Krawalls mit der im fernen Westen Nordamerikas noch hie und da üblichen Lynchjustiz angesehen werden. Es gehört eben die sarmatische Unverfrorenheit eines Herrn von Plehwe dazu, um die in Kischenew verübten Massenmorde an Frauen und 2jährigen Kindern mit der gelegentlich im wilden Westen Nordamerikas an Pferdedieben verübten Lynchjustiz in eine Parallele zu stellen. Der Minister hebt dann die Entsendung des Directors des Polizei-Departements als ein in Rußland ohne Beispiel dastehendes Ereigviß hervor und rühmt sich deffen, daß der Gouverneur, der Polizeimeister und einige andere Kischenewer Beamte »entlaffen" sd. h. in höhere Posten befördert) worden find. Dann aber heißt es in der Rechtfertigungsschrift weiter: »Hunderte am Krawall Beiheiligte fitzen jetzt im Gesängniß und werden vom Gericht zu schwerer Zwangsarbeit in den Bergwerken Sibiriens verurtheilt werden". (Abwarten! Einstweilen sind von den 1000 Verhafteten nur etliche achtzig ausgesondert worden, um fie vor die Geschwornen zu stellen. Der Rest wurde entweder entlaffen oder kommt mit ein Paar Wochen Gesängniß davon. Nach den Bergwerken Sibiriens wird wohl kein Einziger von den Kischenewer Judenmördern kommen. Die Redaktion.) »Der Minister des Innern hat die Behörden angewiesen, bei vorkommenden neuen antisemitischen Krawallen sofort von der Feuerwaffe Gebrauch zu machen". (Dazu braucht es in Rußland keiner besonderen Anweisung. Eine solche Anweisung ist nur erforderlich, wenn der Minister des Innern den Gouverneur v orher durch ein Rundschreiben ausdrücklich verboten hat, gegen christliche Judenmörder Gewalt zu gebrauchen. Die Redaction.) Herr von Plehwe schließt seinen Bericht mit den Worten: »Die russische Regierung ist die Erste, welche solche schreckliche Gewaltthätigkeiten verurtheilt. Sie ist aber nicht im Stande, den Forderungen der radicalen und revolutionären Preffe (? Die Redaction.) nachgebend, den Juden Bürgerrechte zu gewähren, da dies das russische Volk zu neuen Exeeffen gegen die verhaßten Juden treiben würde". Man sieht, die russischen Juden werden von der Regierung aus lauter Liebe verfolgt. Nur um fie vor Excesse a laKischenew zu bewahren, werden fie seit mehr als 20 Jahren wie Parias behandelt. Bermuthlich hat Herr v. Plehwe aus demselben Grund dem elenden Kruschewan neuerdings 25.000 Rubel geschenkt, damit er in der »Snamja" und im »Beffarabetz" fortfahren kann, »die Juden vor Exceffen zu schützen". Es geht nichts über die Heuchelei und Verlogenheit eines russischen Polizeiministers! Rio de Janeiro. Herr Redaeteur! Die gräßlichen Mordthaten in diesem elenden russischen Winkel erregen die größte Verachtung der ganzen civilisirten Welt. Mit Recht fragen die hiesigen Zeitungen, warum sich denn die Juden nicht vertheidigt haben? Sie wurden in ihre Häuser zurückgedrängt und da hätte doch jedes jüdische Haus einer Festung gleichen sollen. Ein auf offener Staße überfallener Mensch kann sich gegen eine Uebermacht nicht vertheidigen, aber doch viel Schaden anrichten. Er kann Biele, die ihn angreifen, niederstechen oder tödtlich verwunden. Warum gehen die Juden in diesem Barbarenlande nicht bewaffnet? Warum trägt nichtjeder russische Jude in der Brusttasche einen giftigen Dolch? Die russische Regierung, die unfähig und ungewillt ist, ihre jüdischen Unterthanen zu schützen, kann ihnen wohl die Organisation gemeinsamer Bertheidigung untersagen, fie kann aber Niemandem verbieten, sich in seinem eigenen Hause zu vertheidigen! In seinem eigenen Hause kann jeder tapfere Mann, selb'i jede couragirte Frau gegen drei Mörder kämpfen, warum find die Todten der Mörder nicht zahlreicher als die der Juden? Wo find die jüdischen Helden aus der alten Zeit? Mit Fluchen und Weinen richtet man gegen so rohe Banden nichts aus. Da gehören Muth und gute Waffen. Die russischen Juden sollten sich die fie stets bedrohenden Gefahren vor Augen halten, und da sollte jedes jüdische Kind ein Mann, jede erwachsene Person ein Held sei! GanganeUL New Hork. (Lebanon Hospital g edeiht.) In der 10. Jahresversammlung werden erfreuliche Berichte vorgelegt. Hoch oben im Norden, an Westcheshr und Cauldwkll Ave., errichteten vor zehn Jahren die Mitglieder der Lebanon-Gesellschaft ein Krankenhaus. das heute eines der segensreichsten Institute in jener mittlerweile dicht bevölkerten Gegend ist. In der gestrigen Jahresversammlung, welche im Gebäude der »United Hebrew Charities" an 21. Str. und 2. Ave. stattfand, konnte der Gründer und Präsident der Gesellschaft, Jonas Weil, mit großer Genugthuung constatiren, daß auch im versloffenen Fiskaljahre das Hospital vergrößert worden ist. Es wurden in den letzten zwölf Monaten 1895 Patienten behandelt, davon wurden 974als vollständig geheilt, 463 als theilweise geheilt und 117 als unheilbar entlaffen, und 57 wurden nach anderen Hospitälern transferirt. Im Hospital

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