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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1903-06-26 · 26 (26.6.1903) · page 8

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
20 (1903)
Issue
26 (26.6.1903)
Date
1903-06-26
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Sette 416 Dr Blmtz's Wochvnschrifl. Nr. 26 dürfen. Am 5. April 1903 erließ jedoch Finanzminister Ladislaus Luks.cs eine Verordnung, wonach mit Ausnahme des Neujahrsfestes und des Versöhnungstages die Trafiken immer geöffnet bleiben müffen. In Folge dieser Verordnung kann den strenggläubigen Trafikanten israelitischer Confeffion die Trafiklicenz entzogen werden, falls sie ihre Läden an Samstagen dennoch geschloffen halten. Am Landescongreß hatten sich etwa 250 Delegirte aus 180 Gemeinden eingefunden. Zum Vorsitzenden wurde der Präsident der Miskolczer Gewerbecorporation Samuel Langer gewählt. Ehrenpräsident wurde Oberrabbiner Koppel Reich, Copräsidenten wurden Dr. Jakob Schächter, Sigmund Schmiedek (Morva-Szent-JLnos). Moriz Weiß(Balassa-Gyarmat) und Adolf Teipler (Miskolcz), Referent Hermann Koväcs (Miskolcz) und Schriftführer Samuel Reich (Verbü). Nach der Constituirung des Bureaus forderten mehrere Delegirte, daß entgegen der ursprünglichen Tagesordnung, das an den Finanzminister zu richtende Memorandum sogleich verlesen werde, was auch geschah. Im Memorandum wird ausgeführt, in welch empfindlicher Weise dje in Rede stehende ministerielle Verordnung das religiöse Gefühl der israelitischen Trafikanten verletze, weshalb um die Wiederherstellung der früheren Verhältnisse an gesucht wird. Es entwickelte sich eine große Debatte, wobei zahlreiche Modificationen der Denkschrift in Vorschlag gebracht wurden. Es wurde einstimmig beschlossen, an den Finanzminister ein vom Referenten Adolf Tupler (Miskolcz) vorgelegtes Memorandum zu richten, in welchem derselbe um Zurückziehung seines jüngsten Erlasses und um Aufrechterhaltung der Verordnung vom Jahre 1882 ersucht wird. Laut dieser Verordnung dürfen die Trafikanten an Samstagen auf einem außerhalb des Geschäftslocals befindlichen Orte Cigarren und Stempelmarken verkaufen, während der neue, gravaminöse Erlaß die Offenhaltung des Geschäftslocals vorschreibt. Nachdem Ehrenpräsident Oberrabbiner Koppel Reich für das in ihn gesetzte Vertrauen dankte, wurde beschlossen, beim Finanzminister eine Audienz zu erwirken, wenn dies aber nicht gelingen sollte, im Verlaufe der nächsten Woche der neuen Regierung im Wege einer Deputation ihre Aufwartung zu machen. Agram. Sehr geehrter Herr Redacteur! Der Ausruf der Agramer israelitischen orthodoxen Gemeinde in Nc. 25 Ihres geschätzten Blattes, um Unterstützung ihres projectirten Tempelbaues veranlaßt das Präsidium der Agramer israelitischen Cultusgemeinde, um die Aufnahme folgender Zeilen höflichst zu ersuchen. Die Mitglieder der hiesigen israelitischen orthodoxen Gemeinde — etwa z w a n z i g an der Zahl — zerfallen in vier Gruppen. Die Einen wären in der Thal conservative Israeliten, hinderte sie nicht daran ihre totale Unwissenheit auf allen Gebieten des jüdischen Schriftthums, in Gemäßheit des bekannten Ausspruches: „Lo am hoorez ehossid". Die Anderen entweihen zwar öffentlich den Sabbath. behaupten jedoch, daß nur der conservative Gottesdienst der Orthodoxen, an welchem sie theilnehmen, ihrer religiösen Ueberzeugung entspricht. Zu dieser Gruppe gehört der gewesene lar gjährige Vorsteher der orthodoxen Gemeinde, der seinen Laden am Sabbath geöffnet hielt. Eine dritte Gruppe besteht aus Israeliten, die nur die Institutionen der Agramer Cultusgemeinde benützen, de nomine aber Mitglieder der orthodoxen Gemeinde sind, um einer angemessenen Besteuerung seitens der Cultusgemeinde zu entrinnen. (Bei jener ist nämlich — nach Uebereinkommen — der Mitglieder beitrag ein geringerer als bei dieser.) Den vierten Theil endlich bilden Glaubensgenossen, die ihr Judenthum längst über Bord geworfen haben, öffentlich d e n I o m-K i p u r entweihen, nie an einem Gottesdienst theilnehmen, sich aber, weil es billiger ist, „orthodoxe" Juden nennen. Für die beiden letzten Gruppen ist also die Agramer israelitische Gemeinde nichts anderes, als eine Versicherungsanstalt gegen die Steuerleistung an die Cultusgemeinde. Dieses interessante Bild der Agramer orthodoxen Judengemeinde ist nur noch durch die Mittheilung zu vervollständigen, daß diese Gemeinde vor Kurzem vor dem unerhörten Chilul haschem nicht zurückschreckte, gegen die Agramer Chewra-Kadischah, eiu jüdisches Wohlthätigkeitsinstitut kat’exochen, zu dessen Mitgliedern auch die Orthodoxen gehören, eine beispiellose Exhibitionsklage bei Gericht einzurcichen. Bedenkt man, daß die hiesige, aus 700 Mitgliedern bestehende Cultusgemeinde, um des Friedens und der Einigkeit willen, stets bereit war und ist, ein Bethaus für die Orthodoxen aus eigenen Mitteln zu errichten und zu erhalten und für die Befriedigung ihrer sonstigen religiösen Bedürfnisse zu sorgen und daß die Unterhandlungen immer nur an den unglaublichsten Sophistereien und an der angeblichen — unbegreiflichen und beleidigenden — Furcht der Orthodoxen vor Nichteinhaltung der Vereinbarungen von Seite des Cultusvorstandes scheiterten, so ergibt sich, daß der geplante Tempelbau der Agramer Orthodoxen nicht nur nicht nothwendig, sondern ein nur unseligem Zwiespalte dienendes, dem Prestige des Judenthums abträgliches und die Integrität desselben trübendes Project ist. Das gefertigte Präsidium ruft demzufolge allen Freunden des Friedens, der Aufklärung und der Wahrheit zu: Wer den Tempelbau der Agramer „Orthodoxen" unterstützt, der fördert kulturfeindliche Bestrebungen und treibt einen Keil dauernder Zwietracht in die croatische Judenschaft, welche bei den allgemein traurigen Verhältnissen des Friedens und der Eintracht dringend bedarf! Das Präsidium der Agramer isr. Cultusgemeinde Die belgische Protestversammlung gegen die Kischenewer Greuel. Brüssel, 28. Mai. Am Mittwoch Abend fand das große „Protestmeeting", veranstaltet seitens der „Belgischen Bereinigung zur Wahrung der Menschenrechte", im neuen Brüsseler Hofe statt. Ein überaus zahlreiches Puplicum war erschienen, dank der Propaganda, die seitens der Socialisten, insbesondere seitens der russischen Studenten und Studentinnen fast in jedem Restaurant und fast in jedem Cafä gemacht worden war. Auf der Tribüne hatten neben dem Vorsitzenden der Vereinigung, Herrn Rousseau, noch Platz genommen: FrauHector Denis, Staatsminister Lr Jeune, die Herren Abgeordneten Van der Felde, Furremont und DeMblon, die Herren Professoren Leo Errara, Lucien Ansprach und Georges Pitre. Herr Rousseau erklärt zuerst den Zweck der Versammlung: Klar und deutlich die Entrüstung auszudrücken, die in allen civiltsirteu Ländern durch die abscheulichen Mißhandlungen in Kischenew hervorgerufen wurden. Herr Monseur verliest dann einen Brief von Herrn Ban der Kindere, der infolge einer schweren Erkältung nicht an dem Meeting theilnehmen kann. In diesem Briefe unterbreitet der hervorragende Professor der Versammlung die Idee, die „Ligue frangaise des droits de rhomme“ zu bitten, die Initiative in die Hand zu nehmen zu einem Protest gegen die befreundete Nation. Dieser Verlesung wird lebhaft applaudirt. Dann nimmt Herr Leo Errera an Stelle seines Bruders Herrn Paul Errera, der verhindert ist, das Wort. In seiner ruhigen und gemäßigten Weise legt der Redner die Verhältnisse klar, die zu dem schrecklichen Gemetzel der letzten Woche geführt haben. Die gesetzliche Verfolgung der Juden, das Verbot der Ausübung gewisser Gewerbe, das Verbot, zu reisen, das theilweise Verbot, das Gymnasium und die Universität zu besuchen, da nur eine beschränkte Anzahl zug'lassen wird, die Verwaltungstyrannei, worunter die Juden zu leiden haben, und die Demoralisirung, die diese Ungerechtigkeiten zur Folge haben. Dann erzählt er in genauen Zügen die Ereignisse, woraus mit Deutlichkeit die Verantwortlichkeit der Zeitung „Beffarabetz" hervorgeht, die unleugbare Verantwortlichkeit der Regierung, deren verwirrte Erklärungen besonders verdächtig sind. Die russische Regierung möge Alles aufbieten, sich Europa gegenüber von der Schuld reinzuwaschen, bei diesen abscheulichen Brutalitäten ihre Polizei unthätig gelassen zu haben, es wird ihr unmöglich sein. Dieser Vortrag, der durch seine einfache Darstellung große Rührung hervorries, machte einen tiefgehenden Eindruck auf die Zuhörer. Herr Errera sagte zum Schlüsse: „Vielleicht hat die russische Regierung das jüdische und orthodoxe Proletariat, das eine durch das andere, vernichten wollen. Das einzige Mittel, um der Regierung Halt zu gebieten, ist, so viel wie möglich die Ideen der Vernunft, der Gerechtigkeit und der Menschlichkeit in diesem noch halbbärbarischen Lande zu verbreiten".

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