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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1903-06-26 · 26 (26.6.1903) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
20 (1903)
Issue
26 (26.6.1903)
Date
1903-06-26
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 26 Vr. Bloch's WochsnsthrifL Sette 418 breitet worden waren, durch keine geringere Persönlichkeit als den Bürgermeister der Stadt, einen Deutschen Namens A. Schmidt, in vollstem Umfang bestätigt. Er gestand all die Grausamkeiten zu, von denen man gehört hat, und bestätigte auch die Thatsache, daß weder das Militär noch die Polizeibehörden irgend etwas gethan hatten, um der Raubmörderei ein Ziel zu setzen. Als ein Comits von Juden am ersten Tage des Massacres bei ihm vorsprach und um Hilfe bat, empfahl er den Leuten, sich möglichst rasch zu organisiren und dem plündernden Mob auf offener Straße die Stirn zu bieten. Das war entschieden der beste Rath, den die dortigen Juden bekommen konnten, und nach meinen eigenen Beobachtungen kann ich erklären, daß, wenn die Juden jenen Rath befolgt hätten, die ganze Affaire wahrscheinlich auf das Zerschlagen von Fenstern und vielleicht die Zerstörung von einigem Eigenthum beschränkt geblieben wäre. Ich habe persönlich mit nahezu fünfzig Männern gesprochen, von denen, wie ich überzeugt bin, etwa die Hälfte an den Gewaltscenen gegen die Juden theilgenommen haben. Ich frage sie, wieso sie dazu gekommen seien, dergleichen zu thun — ich möchte hier beifügen, daß die Leute alle Moldauer sind und daß ich mich mit ihnen in deren Sprache (rumänisch) unterhielt — und sie erklärten mir alle, jeder für sich, es sei ursprünglich nur ihre Absicht gewesen, sich mit den Juden „einen Spaß (!) zu machen" — nichts mehr als das; daß sie dann aber, ermuthigt durch die wohlwollende Neutralität der Polizei, am nächsten Tage weitergegangen, in die Häuser eingebrochen seien, dort alles zerstört, Wein und Schnaps aus den jüdischen Läden und Kellern geholt und in großen Quantitäten getrunken und erst dann, zumeist in schwer betrunkenem Zustande, die Juden persönlich angegriffen hätten. Inmitten all der Greuel erscheinen einzelne Fälle von wahrhaft christlicher Liebe in um so strahlenderem Lichte. Als der Pöbel in vandalischer Weise den Laden eines gewissen Feldstein plünderte, reichte ein christlicher Nachbar des Mannes diesem eine Leiter über die Mauer, welche seinen Hof von jenem Feldstein's trennt, und die ganze Feldstein'sche Familie, bestehend aus Mann, Weib und sieben Kindern, konnte sich in das Haus dieses echten Christen retten. In einem anderen Falle, wo der Mob in das Haus eines armen Kohlenhändlers eingedrungen war, erschien ein Priester auf der Scene und bot dem Mob fünfzig Rubel an, um ihn zur Freilassung des armen Juden zu bewegen. Des Gottesmannes Fürsprache war vergeblich und er eilte hinweg, um Hilfe von auswärts zu bringen. Mittlerweile wurde aber gerade dort eine der grauenerregendsten Verbrechensthaten verübt. Das Weib des armen Juden stand unmittelbar vor ihrer Entbindung; die blutgierigen Bestien öffneten den Leib des unglücklichen Weibes/rissen aus demselben zwei vollentwickelte Kinder heraus und füllten den Leib mit Federn aus den Kiffen, auf denen sie lag, die Zwillinge, denen sie das Leben geben sollte, wurden getödtet, bevor sie zum Leben erwacht waren« Damit nicht zufrieden, thaten sie dem vierzehnjährigen Mädchen des gemordeten Weibes Gewalt an und standen gerade im Begriffe, den Vater zu tödten, der es versuchte, sein Kind zu retten, als der Priester mit mehreren Männern seiner Kirche herbeieilte, die brutalen Mörder überwältigte und sie mit Stricken band. Sie blieben dort liegen, bis die Ruhe hergestellt war, und wurden dann ins Gefängniß abgeführt, wo sie sich jetzt noch befinden, um ihres Urtheils zu harren. Das junge Mädchen wurde ins Spital gebracht, wo es seither gestorben ist. Nachdem der Gouverneur von Odessa die Sache in die Hand genommen hatte, wurden 700 Verhaftungen vorgenommen; von den Verhafteten wurden etwa 600 freigelassen, während 180 der übrigen mit Freiheitsstrafen von vierzehn Tagen bis zu zwei Monaten belegt wurden. Kruschewan und Plehwe. Berlin. Aus Petersburg wird dem „Berliner Tageblatt" berichtet: Herrn Kruschewan, dem berüchtigten Herausgeber des „Beffarabetz" und der „Snamja", haben es seine hohen Protektoren ermöglicht, ein Buch, das er über Bessarabien geschrieben hat, dem Czar zu überreichen. Das Werk ist genau in dem Geiste geschrieben, in dem der „Beffarabetz" redigirt wird; die Schrift ist durchtränkt vom ärgsten und fanatischesten Zelotismus gegen alle „Fremden", das heißt gegen alle Russen, die nicht zur orthodoxen griechisch-katholischen Kirche gehören. Besonders bemerkenswert^ ist nun, daß der Czar Herrn Kruschewan für die Ueberreichung des Buches gedankt hat. Aus dieser Thatsache geht hervor, in welcher Weise es gelungen ist, den an und für sich wohlmeinenden Czar durch eine Entstellung der Thatsachen zu vorgefaßten Anschauungen zu bekehren. lieber die Tragweite dieser Beeinflussung des Czars kann man sich nicht täuschen, wenn man die folgende verbürgte Aeußerung des Ministers Plehwe hinzunimmt. Er bemerkte einem einflußreichen, liberalen russischen Christen gegenüber, von dem er annahm, daß er mit jüdischen Kreisen in Beziehung stehe, das Folgende: Wenn die Juden nicht dafür sorgten, daß ihre Glausensgenossen der Antheilnahme an den sogenannten revolutionären Bestrebungen entsagen, so würde er Mittel und Wege finden, die Juden zur Auswanderung aus Rußland zu zwingen. Was Jgnatiew gelungen sei, würde auch er fertig bringen. Darnach möchten sich die Juden richten. Diese Drohung in Verbindung mit den Ereigniffen in Kischenew ist deutlich genug, und sollten daher neue Emeuten gegen die Juden ausbrechen, so wird man wiederum im Voraus wissen, daß fie unter dem Schutz des Ministers stattgefunden haben. Die Drohung des Ministers ist umso unverständlicher, als es natürlich kein Mittel gibt, einzelne zur Verzweiflung getriebene Mische Fanatiker daran zu hindern, sich der Bewegung jener Theile des griechisch-katholischen russischen Volkes anzuschließen, die auf eine Beseitigung der Willkürherrschaft in Rußland abzielt. Richter in Kischenew. Abscheuliche Dinge über den Gang der Untersuchung in Kischenew werden der„Boffischen" gemeldet: Die Arbeit ist unter mehreren Untersuchungsrichtern vertheilt. Jedem find bestimmte Verbrechen zugewiesen, diesem die Mordthaten, jenem die Körperverletzungen, einem dritten Raub rc. Die Zahl der Verhafteten übersteigt bereits tausend. Die Richter find sehr um die Vertuschung bemüht, ebenso die Polizei um Verwischung der Spuren. Den Juden wurde befohlen, die Häuser sofort wieder in Ordnung zu bringen und namentlich die Blutflecke zu entfernen. Eine Frau, deren sämmtliche Familienmitglieder schwer verwundet im Krankenhause liegen und die deshalb den Befehl nicht schnell genug ausführen konnte, bekam einen Monat Arrest. Die Obduction der Leichen unterblieb. Die Angaben der jüdischen Zeugen werden meistens nicht ernst genommen; ist nur ein jüdischer Zeuge vorhanden, wird die Verfolgung eingestellt. Die Untersuchungsrichter behandeln die Vergewaltigungen als Lappalien. Die Zahl der von ihnen begangenen Ungesetzlichkeiten ist verblüffend. Auf die Zeugen und Aerzte, die sich über schwere Verstümmelungen und Verletzungen aussprechen müssen, wird ein Druck ausgeübt, damit sie günstigere Aussagen machen. Sicher werden die wenigen vor das Schwurgericht verwiesenen Proceffe ebenso mit der Freisprechung endigen, wie die jetzt von den Friedensrichtern Abgeurtheilten. Zuweilen erfolgte hier die Freisprechung trotz einstimmiger einwandfreier Zeugenaussagen auf die bloße Betheuerung des Angeklagten hin, daß er falsch beschuldigt worden. Israel in der Geschichte. In einer Publication der böhmischen graphischen Gesellschaft „Unie" über die Geschichte des Prager Ghettos findet sich eine charakteristische Episode. Es ist begreiflich, daß in der Zeit des dreißigjährigen Krieges die Juden des Ghetto noch mehr als sonst von Gefahren bedroht waren. Was sich der Söldner der verschiedenen Kriegsheere. die Prag überzogen, auf der Straße, im Dorf, in der Kirche durch Diebstahl und Raub angeeignet hatte, das brachte er den Juden ins Ghetto und bot es zum Kauf an. Im Jahr 1621 verbot Albrecht, Wenzel Eusebius von Waldstein, der oberste Kriegsbefehlshaber Gubernator von Böhmen, bei Todesstrafe, keiner der Soldaten möge ohne Genehmigung der Hauptleute etwas verkaufen. Er wollte dadurch den Diebstählen der Soldaten Vorbeugen. Kurz darauf brachte ein Soldat Wandgehänge aus Goldbrocat, die er im Liechtenstein-Palast entwendet hatte, zu dem Juden Joseph ben Jekusela Thein, der sie kaufte. Der Verwalter des ausgeraubten Palastes ließ die gestohlenen Gegenstände ausrufen. Joseph brachte sie, um sie zurückzuerstatten. Damit wäre die Sache in geregelten Verhältnissen abgethan gewesen. Aber Waldstein wollte den Juden bestrafen. Die Judenältesten erklärten dem Waldstein, das gestohlene Object werde dem Eigenthümer ausgefolgt, aber der Käufer werde nicht genannt. Statt der Antwort gebot Waldstein, sofort einen Galgen für die Stadtältesten zu errichten, denen nichts weiter übrig blieb, als Joseph ausznliefern. Sie thaten es, erflehten aber zugleich von den Jesuiten Fürsprache. Doch diese mochten ihnen gestanden haben, daß sich Waldstein in Sachen der Kriegsvorschriften von ihnen kaum würde beeinflussen lassen; sie sagten, er habe vor Kurzem einen Soldaten, der mit einem Ordensmitglied verschwägert war, hinrichten lassen, wobei er den Fürbittenden zugerufen haben soll: „Gehet in eure Kirchen und betet dort! wer für den Soldaten bitten wird, soll neben ihm aufgehängt werden!" Während sich Joseph zum Sterben gefaßt machte, legten die Nettesten bei anderen Machthabern Fürsprache ein. So gelang es, Waldstein zu überzeugen, daß „der Tod eines Juden nicht von Belang sei", und daß zehntausend rheinische Gulden, welche Summe die Prager Judenschaft zu entrichten gelobte, ein schöner Ersatz für den Juden sei. Aber Waldstein gab Joseph nicht so leicht frei.

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