Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 26 (26.6.1903)
- Date
- 1903-06-26
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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»ritt 412 Vr. Blvch's Wochsnfchrifl. rr». ss („Ausgezeichnete" Juden.) So lautet die Spitzmarke der Notiz, in welcher das Schandblatt vom Antisemitenhof seinen Lesern die unangenehme Mtttherlung zu machen genöthigt ist, daß der Vice-Präsident der Börse sür landwirthschaftliche Producte in Wien, Jonas Weil, und der Präsident des Schiedsrichtercollegiums an derselben Börse, Eduard Reis, das Ritterkreuz des Franz Josef-Ordens „erhielten". In der amtlichen „Wiener Zeitung", welche die Ordensverleihungen publicirt, steht das freilich in einer anderen Fassung. Da heißt es, daß Se. Majestät den genannten Herren das Ritterkreuz des Fcanz Josef-Ordens zu verleihen geruht habe. Es werden derartige Auszeichnungen auch von sämmtlichen Wiener Blättern inclusive des Verganiblattes niemals in anderer Fassung mitgetheilt, als daß der Kaiser diese oder jene Auszeichnung verliehen habe. Ja, wenn es sich um Juden handelt, da tritt sür jeden braven Antisemiten eine ganz andere Situation ein. Die chrrstlich-socialen Stiefelwichspatrioten betreiben das ganze Jahr hindurch die Loyalitätsheuchelei und Speichelleckerei, indem sie den kckisertreuen Sinn der Bevölkerung in ihren geschäftlichen Calcul ziehen. Sie geriren sich, a s hätten sie allein den Patriotismus gepachtet, und ihre Ausfälle gegen alle anderen Parteien, nicht btos gegen die Deutschnationalen und Socialdemokcaten, sind immer darauf berechnet, in der Bevölkerung den Eindruck hervorzurufen, als wären die Antisemiten die patentirten und echten Beschützer von Thron und Altar. „Gut österreichisch, gut kaisertreu", oas ist ja das immer wiederholte agitatorische Schlagwort des Dr. Lueger, das er immer so anzuwenden weiß, als ob Antisemitismus und Patriotismus miteinander in Zusammenhang stünden. Wenn aber Juden decorirt werden, wenn sie eine Allerhöchste Auszeichnung „erhielten", dann knurrt die feige antisemitische Preßdestie, weil sie nicht laut zu bellen wagt, denn der einfache Leser könnte sich vielleicht sagen: Diese zwei Juden, die der Allerhöchste Herr seiner Gnade in so hohem Maße würdig erachtet, daß er sie durch eine Ordensverleihung ehrt, die können doch unmöglich so schlechte Kerle sein, als welche sie das antisemitische Hetzblatt hinstellt, blos deshalb, weil sie Juden sind. Die Juden, das sind ja die Betrüger, die Wucherer, die Ausbeuter. Auch jener Irrsinnige von der Mariahilferstraße, den das Bergani-Blatt ganz allein für zurechnungsfähig erklärt, der war doch „der Jude". ' Als dieser verrückte harmlose Mensch angehalten wurde, da kroch das Berganiblatt im Staube des Byzantinismus, um die Empörung gegen den „Juden" und damit auch den Haß gegen deffen Glaubensgenossen zu steigern. Nun liegt ein allerhöchster Gnadenact Sr. Majestät vor, eine kaiserliche Anerkennung des langjährigen Wirkens zweier Functionäre der Börse für landwirthschaftliche Producte, von welchen, wie man sich erinnern wird, in den antisemitischen Sudelblättern vom Range des „Deutschen Bolksblattes" niemals anders die Rede war, als von Körndeljuden und Getreidewucherern, und das ist nun freilich eine den antisemitischen Verleumdern und Fälschern höchst unangenehme Desavouirung ihres ehrabschneiderischen Treibens. In diesem Augenblicke verflüchtigt sich bei ihnen die schuldige Ehrerbietung vor einem perjönlichen Acte des Monarchen, besten Entschließungen denn doch erhaben sind über die verwegene Kritik und über die nichtswürdige Entstellung, die darin liegt, daß die THatsache der stattgefundenen Ordensverleihung an zwei Juden in hämischer Form registrirt wird. In einer Stadt, in welcher der Bürgermeister erklärt, er stehe mit den Gerichten „nicht aus gutem Fuße", insbesondere „mit dem Berwaltungsgerichtshof nicht", und man werde über gerichtliche Urtheile doch reden dürfen, da nimmt uns die unerhörte Frechheit auch nicht Wunder, daß Persönlichkeiten, weil sie Juden sind, auch anläßlich einer ihnen zutheil gewordenen Auszeichnung verhöhnt werden, wenn auch diesem Hohn nur durch ein Anführungszeichen Ausdruck gegeben wird. Nach Ansicht Bergani's erhielten „die zwei Juden" also etwas, was sie nicht verdienten; dagegen weiß ja Vergani seinerseits, daß er selbst das, was er für sein Mühldorfer Wirken und für die von ihm geübte Methode, Pauschalien zu erlangen, das, was er verdient hätte, nicht „erhielt". Dem so kaiser- und gesktzestreuen Herrn Dr. Lueger sei bei diesem Anlaffe gesagt, daß es Niemandem in Oesterreich verwehrt ist, eine richterliche Entscheidung sachlich und würdig zu kritisiren. In der Form aber, wie er gegen die Richter öffentlich und agitatorisch polemistrt, liegt eine versuchte Terrorisirung der Gerichtsbehörden, die, um vor böswilligen Angriffen geschützt zu sein, ihre Entscheidungen augenscheinlich so fällen sollen, wie es dem Willen des Herrn Doctor Lueger und seinem Parteiintereffe genehm ist. Isegrim. Aus Kischenew. Kischenew, 16. Juni. Von der Redaction der „Zeit" beauftragt, eine persönliche Untersuchung der Verhältnisse vorzunehmen, welche zu den historisch gewordenen blutigen Vorgängen in Kischenew geführt haben, berichtet der Correspondent aus Petersburg: Es gelang mir, mit verschiedenen Persönlichkeiten der höchsten Kreise in Verbindung zu treten, und ich kann auf Grund positiver und authentischer Mittheilungen feststellen, daß das große Drama eine von langer Hand vorbereitete Affaire war, daß der ruffische Minister des Innern Herr von Plehwe von diesen Vorbereitungen volle Kenntniß hatte, daß er in Wirklichkeit der hinter der Scene stehende Regisseur eines Dramas war, daß aber die einzelnen Schauspieler aus dem Rahmen ihrer Rolle heraustraten und den Herrn Minister dadurch in die unangenehme Lage versetzten, nach einem Sündenbock Umschau halten zu müssen. Diesen fand er dann in der Person des Gouverneurs v. Raaben, eines Mannes von sehr geringen Fähigkeiten, der augenscheinlich während seiner langen Carriere sich daran gewöhnt hatte, als Werkzeug für irgendwelche Zwecke benützt zu werden. Einer meiner Informanten, ein General der Infanterie und Mitglied des Armeerathes in Petersburg, sagte mir diesfalls: „Betrachten Sie nur einmal das officielle Dementi des Herrn v. Plehwe, welches dieser anläßlich der Enthüllung des von ihm geschriebenen Documents machte, in welchem er den Militärbehörden empfohlen hatte, anläßlich der blutigen Tumulte nicht einzuschreiten. Nach Veröffentlichung dieses Briefes in der Londoner „Times" behauptete Herr v. Plehwe auf das Energischeste, er habe denselben niemals an den Gouverneur von Kischenew geschrieben. Das ist freilich unbestreitbar wahr, doch nur insoweit, als er den Brief zwar nicht an den Gouverneur, wohl aber an eine andere Person gerichtet hat, welche dadurch einen ausschlaggebenden Einfluß auf die Actionsfreiheit des Gouverneurs v. Raaben gewann." Mein Informant sagte mir weiters, daß er durchaus kein besonderer Freund der Juden sei. Er wünschte im Gegentheil, sie wären Alle dort, wo der Pfeffer wachse, oder sonst irgendwo, nur nicht in Rußland. Nichtsdestoweniger sei es seine Ueberzeugung, daß Vorgänge wie jene in Kischenew von den leitenden Kreisen Rußlands rückhaltlos mißbilligt und als absolut verwerflich und verdammenswerth bezeichnet werden, weil dadurch Rußland selbst in den Augen der übrigen civilisirteu Welt herabgesetzt werde und weil solche Vorfälle unvermeidlich in irgend einer Weise eine schädliche Reaction auf Rußland ausüben müßten. Er schloß wörtlich, wie folgt: „Diesmal haben wir es mit einer Plünderung und Maffacrirung von Juden zu thun gehabt; das nächste Mal mag. der gleiche Mob sich gegen Gesetz und Ordnung und Besitz wenden, und die Thatsache, daß wir dann unser Militär aufbieten und die Ruhestörer über'n Haufen schießen werden, wird kaum geeignet sein, die bestehenden Verhältnisse zu verbessern." Eines ist Thatsache: daß Herr v. Plehwe gerade unter den leitenden Kreisen Rußlands der bestgehaßte Mann ist; und ebensowenig unterliegt es einem Zweifel, daß sein officielles Dasein mit dem Augenblicke zum Ende gelangt sein wird, wo Vertreter dieser Claffe es durchgesetzt haben werden, ihre diesbezüglichen Klagen vor den Czaren zu bringen. Auf dem Wege von Petersburg nach Odessa wurde ich einem Obersten der Husarengarde vorgestellt. Dieser Herr war in seinen Aeußerungen noch ausgesprochener als der vorerwähnte Militär. Er nennt Herrn v. Plehwe einen „gefährlichen politischen Jntriguanten", der aus rein politischen Rücksichten die ganz überflüssige Schlächterei arrangirt habe — lediglich um den Czaren davon abzubringen, gewisse lang geplante Reformen für das ganze Reich durchzuführen. Der Oberst fuhr dann fort: „Keine hundertfünfzig Werft ostwärts von Petersburg liegen in diesem Augenblick 20.000 Menschen am Scorbut darnieder, sterbend vor Elend und Hunger; wenn Plehwe diesen bejammernswerthen Menschen und diesen furchtbaren Zuständen nur ein klein wenig seine Aufmerksamkeit geweiht hätte, so wäre dies für ganz Rußland weit nützlicher gewesen, als diese wiss-en-seens eines Racentumults, der schließlich in so schmachvollem Massacre resultirte." Auf meine Frage, ob er (mein Gewährsmann) glaube, daß der Czar von der ganzen Sache Kenntniß habe, erklärte er, dem Czaren sei zwar die Thatsache des Massacres an sich bekannt, doch sei er weit entfernt davon, den Ursprung und den Zusammenhang der Schandaffaire zu ahnen. Der Czar habe sogar die Ansicht gehabt, den Opfern von Kischenew eine Geldunterstützung zukommen zu lassen; doch Plehwe habe ihn gebeten, das nicht zu thun, weil das böses Blut machen könnte; denn die Russen seien gegen die dort lebenden Juden wild aufgebracht — eine Behauptung, welche der Husarenoberst als Lüge bezeichnete. Denn die ganze Bewegung sei nur von Leuten von dem Gepräge eines Plehwe künstlich aufrechterhalten und angefacht. Mit Informationen dieser Art und anderen Erkundigungen, die ich in Odessa gesammelt hatte, versehen, kam ich in Kischenew an, volle sieben Wochen nach dem großen Gemetzel. Und doch konnte ich auf den ersten Bück flagrante Beweise des verübten Vandalismus erkennen. Ich war der Ansicht gewesen, daß die meisten Zeitungsmeldungen aus jüdischen Quellen gekommen seien, und versuchte deshalb von allem Anfänge an, mir meine Informationen aus anderen Quellen zu verschaffen, um der vollen Wahrheit auf den Grund zu kommen. Zu meiner größten Ueberraschung fand ich all die entsetzlichen Details, wie sie in der Presse über die ganze civilisirte Welt ver^