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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1903-06-26 · 26 (26.6.1903) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
20 (1903)
Issue
26 (26.6.1903)
Date
1903-06-26
Page
– (sequence 3)
Language
German
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r»r. 26 Vr. Bloch's Wochrnschrifk. Sette 411 Gesetzgebung war antisemitisch verseucht. Stadt- und Gemeinderäthe waren von Antisemiten verpestet — nun soll dies von einer solchen Sippe durchtränkte Land zeigen, welche Wendung diese Wirthschaft übt. Und siehe da! Das ganze Land wählt socialdemokratisch. Wen diese Wirkung des Antisemitismus nicht belehrt, der ist eben nicht mehr im Stande, Ursache und Wirkung zu beurtheilen, den muß man einfach an seinem eigenen Körper sühlen lassen, wohin der Antisemitismus führt. Im Ekel vor demselben greift man nach dem großen Besen, von dem man erwartet, er werde den gesammten Mist auskehren! _ Vom Jahrmarkt des Lebens. Glossen zur Tagesgeschichte. (Von einem „christlichen Arzte". — D ie verkannten Genies. — W a h l t a k t i k. — „A u s g e z e i ch n e t e" Juden. -Sr. Lueger und der R i ch t e r st a n d.) Der Mediciner-Congreß, der vor kurzer Zeit in Wien abgehalten wurde, bot ein erfreuliches Symptom von Einigkeit in unserem durch nationalen Hader zerklüfteten Oesterreich. Ohne Unterschied der Nation und Confefsion behandelten alle Redner die Fragen des Aerztestandes in sachlicher Weise und alle betonten einmüthig, daß eine Besserung nur auf dem Wege der Einigkeit, des Zufammenhaltens aller zu erzielen sei. Ein seltenes Phänomen war es für Oesterreich, daß sich ein ganzer Stand über alle nationalen und confessionellen Unterschiede hinwegsetzte, ein Phänomen, das nicht wiederkehren darf, wenn die berufsmäßigen Hetzer nicht genöthigt werden sollen, ihr verruchtes Handwerk aufzugeben. Die Antisemiten haben die ihnen drohende Gefahr sofort in ihrer ganzen Tragweite erfaßt und sie lassen ganze Artikelserien erscheinen, die den Brotneid der christlichen Aerzte gegen ihre jüdischen Collegen, die das Mißtrauen der christlichen Bevölkerung gegen die. jüdischen Aerzte Hervorrufen und schüren sollen. Das „Deutsche Bolksblatt", das unter allen antisemitischen Zeitungen der ergiebigste Geldquell ist und für das daher bei Wiederkehr normaler Zustände m der Bevölkerung am meisten auf dem Spiele steht, führt deshalb den Kampf gegen den Frieden, den Kampf für die gemeinste Verhetzung mit besonderem Eifer. Im „Plauderstübchen" — so heißl die Rubrik, die angeblich Sachen harmloser Natur in unterhaltender Weise bringt — erschien beispielsweise ein Artikel über „Die Verjudung des Aerztestandes", der zwar von einem Heloten des „Deutschen Volksblattes" geschrieben, aber der größeren Wirkung halber von einem „christlichen Arzte" signirt ist. Das Machwerk trägt zu deutlich die Marke der „Deutschen Volksblatt"-Waare ausgeprägt, als daß es von einem Arzte sein könnte; wenn wir uns aber irren, wenn das Pamphlet thatsächlich aus der Feder eines Arztes stammt, was wir rm Interesse des Ansehens des Aerztestandes lebhaft bedauern würden, so hat dieser Arzt damit den Beweis erbracht, daß er zu seinem Berufe ganz untauglich ist, "und er thäte besser daran, sich ganz der antisemitischen Presse zu widmen. Einträglich ist es;a, zwar nicht ehrenhaft, aber „non ölet“ sagen die Christlich-Socialen offen. „Man möge die erlangte, politische Macht im niederösterreichischen Landtage zum Wohle der christlichen und deutschen Bevölkerung ausnützen-, heißt es in dem Artikel des Arztes, und das Wohl der Bevölkerung besteht in seinen Augen darin, daß den jüdischen Aerzten ihre Clientel geraubt wird, durch das einfache Mittel der Verstadtlichung des Aerztestandes, wobei selbstverständlich nur christliche Aerzte Anstellung finden dürften. Und welches Schicksal wünscht oer menschenfreundliche Herr den jüdischen Aerzten? Sie mögen Wucherer werden, sagt er ausdrücklich; in seinem Interesse liegt es allerdings, daß Hunderten tüchtigen Männern ihr ehrlicher Verdienst entrissen wird, höhnisch turlveist er sie auf einen Erwerbszweig, der verächtlich ist, aber nach unserer Ansicht nicht so verwerstich und so gemeingefährlich wie das schurkische Handwerk der antisemitischen Wühler. Der geistreiche Projectanr der Verstadtlichung des Aerztestandes müßte dann — vorausgesetzt, daß er wirklich ein Arzt ist — die bestootirte Stelle erhalten, und seine Unfähigkeit, die Concurrenz mit tüchtigen Aerzten auszuhasten, würde ihm nicht weiter zum Schaden gereichen. Eine Durchführung des albernen Vorschlages ist natürlich ganz ausgeschloffen, vorläufig ist noch nicht einmal an eine Verstaatlichung des Aerztestandes zu denken, die allerdings nicht von verwerflichen Motiven, vom niedrigsten Brotneid dictnt sein dürfte. Um jeden Zweifel darüber zu beseitigen, daß nur ein interner Mitarbeiter des „Deutschen Volksblattes" den besprochenen Artikel geschrieben haben kann, eitiren wir folgenden Satz: „Die Kliniken Nothnagel und Schauta könnte man als wahre Brutöfen jüdischer Assistenten und jüdischer Docenten bezeichnen." Kein Arzt würde sich dazu hergeben, die Leistungen hochverdienter Gelehrter in dieser rohen, gemeinen Form herunterzusetzen, nur ein antisemitischer Soldknecht ist im Stande, derlei verächtliche Angriffe im Bewußtsein ihrer Verlogenheit und ihrer Gemeinheit vorzubringen. * * * Wie freuten sich unsere Antisemiten auf die deutschen Reichstagswahlen! Die Sturzwellen des Socialismus, so wurde in der antisemitischen Presse wochenlang geschrieben, werden sich brechen an dem Damme des Antisemitismus. Die fünfzig antisemitischen Candidaten würden den Socialisten die Wähler wegnehmen, die herrlichsten Erfolge waren der antisemitischen Sache sicher, und noch höher stieg der Jubel, jauchzender wurde die Stimmung, als sich die Herren Btelohlawek und Schneider entschlossen, in Deutschland zu agitiren. Der urwüchsige Humor, die natürliche Beredsamkeit Bielohlawek's im Vereine mtt der hebräischen Gelehrsamkeit Schneider's konnten nicht verfehlen, oer antisemitischen Partei Tausende neue Anhänger zu erwerben, und frohlockend verkündeten „Deutsches Bolksblatt" und „Deutsche Zeitung", daß sich Tausende Stimmen auf die antisemitischen Candidaten in München, wo die genannten Antisemitenführer ihre Weisheit verzapften, vereinigen würden. Aber ach, die dummen Münchener schätzen die besten Talente der chclchlich-socialen Partei Oesterreichs nicht, trotz Bielvhlawek, trotz Schneider erzielte der Gegencandidar Vollmar's, für den 36.000 Stimmen abgegeben wurden, nur 1450 Stimmen. München, das bisher als Kunststadt gegolten hat, ist unwürdig dieses Tttels. Die einzige Entschuldigung, die es Vorbringen kann, ist. daß es die anderen deutschen Städte nicht besser gemacht haben. Berlin, Hamburg, Frankfurt a. Sw., Dresden, Leipzig, kurz, fast alle deutschen Städte sind so verstockt, daß sie nichts von der antisemitischen Heilslehre wissen wollen, die für das Mittelalter, nicht aber für die Neuzeit passe, meinen sie. Wahrlich, die Wiener sind den Deutschen doch über. Die Deutschen lauschen den Worten eines Mommsen, auf ihren Gerhart Hauptmann sind sie stolz, die Wiener aber halten den Bielohlawck, der die Bücher nur so gefreffen hat, und den Talmudgelehrten Schneider in Ehren, deren erhabene Charaktere von den hochmüthigen Deutschen nicht begriffen werden. * * * Die Liberalen verstehen nichts, können unsere Christlich- Socialen jetzt wieder mit Emphase ausrufen. Wenn der Berliner Maglstrat sich an dem Wiener Magistrat ein Vorbild genommen hätte, — die Erfolge, die die deutsche Socialdemokratie in Berlin erzielt hat, wären nicht derart imponirend gewesen. Die Liberalen Berlins, die über den Magistrat verfügen, stehen auf dem lächerltchen Standpunkte, daß Behörden unparteiisch ihres Amtes zu walten haben. Die Wahllisten in Berlin wurden in der denkbar correctesten Weise hergestellt, das Wahlgeheimniß stricte bewahrt; daß bei solcher Taktik der Berliner Machthaber nichts zu erreichen war, haben nun die Thatsachen gelehrt. Da gehen die christlich-socialen Wahlmacher Wiens anders vor. Hätten die Liberalen Berlins sich an ihr Beispiel gehalten, so waren ihnen mindestens zwei Wahlkreise sicher gewesen. Die Praxis der Wiener Wahlfcywindler ist ja ganz einfach. Im zweiten Berliner Wahlkreise beispielsweise siegte der Socialist Fischer mit 33.000 Stimmen gegen die Liberalen und Conservativen, die 24.000 Stimmen auf ihre Candidaten vereinigten. Die kleine Minorität von 9000 Stimmen hätten die Christlich- Socialen leicht in eine Majorität umwandeln können. Es hätten nur 2000 Wähler nicht in die Wählerlisten ausgenommen, respective hinausreclamirt werden müssen, 2—3000 erprobte Anhänger wären doppelt einzutragen gewesen oder hätten mit falschen Legitimationen gewählt, ebenso viele Anhänger der socialistischen Partei, die in materieller Abhängigkeit von ihren Dienstgebern stehen, hätten gezwungen werden müssen, nach Befehl zu stimmen, undder Wahlkreis wäre den Socialisten entrissen worden. So wäre es in Wien geschehen, aber die zurückgebliebenen Berliner verstehen es nicht einmal, die einfachsten Praktiken anzuwenden. Unter solchen Umständen darf es nicht Wunder nehmen, daß der Socialismus in Deutschland Triumphe feiert.

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