Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 26 (26.6.1903)
- Date
- 1903-06-26
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 410 Dr. Bloch's Wochenschrift. Nr. L6 durch Geldleistungen zu unterstützen, welche es frank und frei in die Welt hinausruft, daß ihr Antisemiten als Mitglieder willkommen seien. Wir waren wiederholt in der Lage, für den ^Liberalismus^ der Herren Götz, Krnjak, Primavesi und Genossen praktische Beispiele anzuführen. Die Herren betrachten die Gefolgschaft der Juden als ein nothwendiges Uebcl. So oft aber unsere bedrängten Glaubensgenossen sich an die „liberale" Partei wenden, damit dieselbe auch den Antisemiten gegenüber die Grundsätze der Freiheit und der Gleichberechtigung belhätige, dann fertigt man sie mit nichtssagenden Brocken oder gar mit dem hämischen Zurufe ab: „Seid doch nicht gar so empfindlich/ Em sehr lehrreiches Seitenstück zu den Znaimer Vorgängen bietet auch eine Episode, welche sich bei dem am 22. Juni in Prag abgehaltenen deutsch - fortschrittlichen Parteitage abgespielt hat. Nachdem die Herren Eppinger, Pergelt und Urban in überaus pathetischen Reden die unversiegbare Kraft der liberalen Grundsätze gepriesen hatten, erhob sich ein Theilnehmer des Parteitages, der den ominösen Namen Dr. K o h n führt und bisher redlich mitgeholfen hat, das Deutschthum in dem hart an der Sprachengrenze gelegenen Jechnitz zu erhalten, und stellte an die Parteileitung die indiscrete Frage, warum die Partei nicht öfter zur Bethätigung in freiheitlicher Gesinnung auch in confeffionellen Fragen Anlaß genommen habe. Aus dem Prager Casino-Deutsch, in welchem der diesbezügliche Bericht abgefaßt wurde, in ehrliches Deutsch übersetzt, heißt das wörtlich: Warum die deutsch-liberale Parteileitung gegen die antisemitischen Strömungen im deutschen Lager selbst nicht energischer Stellung genommen habe. Darauf antworteten Dr. S ch ü ck e r, Dr. Funke und Dr. Eppinger in ziemlich gereiztem Ton, daß die fortschrittliche Partei nach wie vor auf ihrem Programm beharrt und keine wie immer gearteten Anlässe zur Bethätigung desselben aus dem Auge verliert, sie fügten über unter demonstrativem Beifalle hinzu, daß die Parteileitung keine Ursache habe, solche Anlässe selbst zu schaffen. Mit anderen Worten: Es fällt uns nicht ein, wegen der paar Juden einen Streit mit unseren antisemitischen Volksgenossen vom Zaune zu brechen. Wer da weiß, wie rasch Herr P e r g e l t bereit war, die Reihen der deutsch-fortschrittlichen Partei zu verlassen, um nicht mit dem jüdischen Genossen Dr. Rosenzweig beisammensitzen zu müssen, der wird die Grundsatztreue und Principienreinheit, welche die Führer der Partei in der Prager Versammlung so pathetisch im Munde führten, nach ihrem wahren Werthe zu toxiren wissen. Die Wahlstimmen der Juden werden ohne Bedenken den Deutsch-Fortschrittlichen zugelheilt, die Juden selbst aber läßt man nicht als Deutsche gelten, sondern macht es ihnen bei jeder Gelegenheit nur zu deutlich klar, daß sie nur geduldet werden und daß kein racenreiner Deutscher es für nothwendig findet, ihretwegen sich sonderlich zu echauffiren oder gar zu strapaziren. Wir können diesen Thatsachen gegenüber nur erklären, daß ein solcher Zustand für die Dauer nicht haltbar ist und daß wir es dem gesunden Politischen Sinne und dem Ehrgefühle unserer Glaubensgenossen überlassen müssen, die Conscquenzen aus diesem Stande der Dinge zu ziehen. Sie mögen erwägen, ob es zweckmäßig und nothwendig ist, in Gemeinschaft mit Antisemiten in eine» Kampf zu ziehen, bei dem sie, mag der Sieg nach welcher Seite immer sich neigen, stets nur der verlierende Theil sein können. Sie mögen erwägen, ob die Erhaltung des deutschen oder des czechischen Besitzstandes alle die Dtmüthigungen werth ist, die ihnen von deutscher und czechischer Seite unausgesetzt bereitet werden. Der schmarzrothe Deutsche Reichstag. Der nächste Deutsche Reichstag wird eine sehr sonderbare Zusammensetzung haben. Er ist mit einem hippokratischen Gesicht auf die Welt gekommen, und man braucht gar kein Prophet zu sein, um ihm ein baldiges Ende vorauszusagen. Wie soll die Regierung mit diesem Reichstag wirthschaften? Auf der einen Seite das starke katholische Centrum, auf welches die Regierung sich nicht stützen kann, ohne ihre Vergangenheit zu verleugnen, ihre innere Politik umzustütpen, die Grundlagen ihres Bestandes zu erschüttern, das stärkste Mißtrauen der größeren Hälfte der Bewohner des ganzen Reiches zu erwecken, die äußeren Beziehungen zu gefährden, sich zu einem zweiten Spanien zu machen — und auf der anderen Seite die starke socialdemokcatische Partei, die in erschreckender Zahl angewachsen ist und deren Stimmenzuwachs in der Bevölkerung der Regierung ein Llemento zuruft, das sie nicht überhören kann. Daß die socialdemokratische Partei keine „Stütze der Regierung" sein kann, braucht nicht erst bewiesen zu werden. Mit welcher Partei wird also die Regierung gehen? Alles, was einigermaßen ihr noch Gefolg leistete oder leisten konnte, ist bei den Wahlen weggefegt worden. Es gibt keine Nationalliberalen, keine Freisinnigen, keine Volkspartei und Reichspartei mehr, nicht einmal die Agrarier existiren fürder, sondern nur noch Restchen und Fractiönchen all dieser Parteien, und wenn auch die Stichwahlen ihnen noch einige Echolung bringen sollten, eine Rolle zu spielen oder gar der Kern der Regierungspartei zu sein, sind sie nicht mehr befähigt. Die Lage der deutschen Regierung ist angesichts diesem Stande der Dinge keine beneidenswerthe, aber mit Demjenigen, der ein Uebel selbst verschuldet, braucht man kein Mitleid zu haben. Die deutsche Regierung hat durch ihr Verhalten einerseits das Centrum großgezogen. Ihre äußere Politik war ein beständiges Kokettiren mit den Römlingen. Um dem republikanischen Frankreich den Wind aus den Segeln zu nehmen, hat man in Deutschland sich zu jedem Liebesdienst für Rom bereit gefunden. Die Centrnmsleute hätten mit Dummheit und Blindheit geschlagen sein müssen — was sie bekanntlich nicht sind — wenn sie nicht aus diesem Stande der Dinge Nutzen gezogen hätten. Sie wissen, was sie wollen, gehen ihrem Ziele rücksichtslos zu, und deshalb siegen sie. Ebenso ist das Verschulden der deutschen Regierung an der Wahlniederlage aller Reichsparteien — und diese waren ja doch nur die Liberalen verschiedener Couleur — ein unzweifelhaftes. Sie hat es unterlassen, sich durch Berücksichtigung berechtigter Forderungen der freisinnigen Bürgerschaft in derselben eine verläßliche Grundlage einer weitausblickenden Wirtschaftspolitik und Reichspolitik zu schaffen und sie hat sich durch Begünstigung gewaltsamer Auslegungen und Handhabungen der Geschäftsordnung des Reichstages, sowie durch ihre Handels - und Zollpolitik sich so viele Gegner geschaffen, daß es von vornherein als unvermeidlich erscheinen mußte, daß die Abstimmung nicht unter der Parole für diese oder jene Partei, sondern gegen die Regierung sich vollziehen werde. Und so ist es auch geschehen. Vor die Wahl gestellt, haben die Wähler lieber Socialdemokraten gewählt, als daß sie einem Regierungsanhänger von so unklarer Haltung, wie derjenigen der Liberalen, ihre Stimme gegeben hätten. Wer „schwarz" von Haus aus war, hat wieder „schwarz" gewählt. — Diese Partei hat keinerlei sonderlichen Stimmenzuwachs erfahren, aber Diejenigen, die nicht „schwarz" waren, haben nicht „weiß" sondern „roth" gewählt und statt einer schwarz-weiß-rothen Tricolore kann jetzt der Reichstag die „schwarz-rothe" Fahne aufstecken. Das gibt wohl nach mehreren Richtungen hin zu denken. Vor Allem sieht man, daß die Wähler Klarheit wollen. Wären die Liberalen consequent, aufrichtig, offen, entschieden gewesen, hätten sie sich nicht zu allerhand Liebedienereien hergegeben, hätten sie ihre Grundsätze immer freimüthig bekannt und hochgehalten, so wären sie heute noch der Kern des deutschen Reichtages. Sie haben dasselbe Spiel getrieben, wie die Liberalen in Oesterreich und haben auch dasselbe Schicksal erfahren. Wer ihnen nicht Gefolgschaft leisten wollte, ist darum nicht Socialdemokrat geworden, aber er hat lieber für einen „rothen" Candidaten gestimmt, als daß er einem verwässerten Liberalismus sich dienstbar gemacht hätte. Daraus mögen die Parteiführer, soweit sie noch im Reichstag einen Platz erhalten, oder wenn sie ihre Parteien ralliiren wollen, die entsprechende Lehre ziehen. Das Anwachsen der socialdemokratischen Stimmen muß aber auch den Regierungen die Augen darüber öffnen, welche Wirkungen ihre Handlungen oder Unterlassungen erzielen. Die reactionäre Politik, ob sie auf politischem, wirthschaftlichem oder confrssionellem Boden sich vollzieht, bringt immer und überall nur den extremen Parteien Gewinn, und wenn in Deutschland jetzt mehr als die Hälfte der Wähler socialdemokratisch gestimmt hat, so ist dies ebenso durch die pietistischen Tendenzen, die mit wahrer Frömmigkeit nichts gemein haben, wie durch den socialpolitischen Stillstand und durch denwirthschaftspolitischenRückschritt hervorgerufen worden. - Das classischesle Beispiel hiefür liefert das Königreich Sachsen. Hier haben der Antisemitismus, der mit wirtschaftlicher Corruption Hand in Hand geht, politische Reaction und höfische Mißwirtschaft einen Hexensabbath ärgster Art aufgeführt. Was sich an Brutalitäten aushäufen läßt, das haben die sächsischen Antisemiten gethan. Der sächsische Landtag hat allen ihren Anregungen Folge gegeben; die ganze sächsische