Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 25 (19.6.1903)
- Date
- 1903-06-19
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Sette 406 Vr. Vloch's Wochsnschrift. Nr. LS hasten, sondern übertrugen sich mit einem schüchternen, einschmeichelnden, unterwürfigen Lächeln von einer Richtung in die andere. Wer dieses Lächeln sah, der begriff sofort, daß, das innerste Wesen eines derart lächelnden Menschen — Furcht war; Furcht vor Allem und Jedem, eine Furcht, die sich jeden Augenblick bis zum tödtlichen Schrecken steigern konnte. Aus diesem Grunde gab sich Jeder, den die Trägheit daran nicht verhinderte, alle erdenkliche Mühe, dieses Angstgefühl, das nicht nur die Nerven des Juden, sondern sogar alle Falten seines langen, ewig zitternden Rockes zu durchdringen schien, mit Hilfe von boshaften Witzen und Püffen zu steigern. Der Name dieses elenden, schmutzigen, verkrüppelten Juden lautete: Chaim Aron Purwitz, doch zog man es vor, ihn Kain zu nennen. Das klingt einfacher, ist bekannter und drückt zugleich eine bedeutende Dosis Verachtung aus. Und obgleich die kleine, erschrockene Gestalt in nichts an den ersten Brudermörder erinnerte, waren nichtsdestoweniger Alle überzeugt, daß dieser Name, sowohl dem Körper, wie der Seele des Juden auf's Genaueste entspreche, und — was die Hauptsache, daß er ihn beleidige. Denn Kain lebte unter Menschen, die, unzufrieden mit ihrem Schicksal, ihre Nächsten gern kränken, da dies das einzige ihnen zu Gebote stehende Mittel, Rache für ihr Unglück zu nehmen. Und es hielt nicht schwer, Kain zu beleidigen. Seine Antwort auf alle Quälereien bestand in einem flehentlichen Lächeln, und manchmal lachte er selbst mit seinen Quälern, als wolle er das Recht, unter ihnen wohnen zu dürfen, auf diese Weise sich erkaufen. Selbstverständlich lebte er vom Handel. Mit einem Holzkasten aus der Brust durchwanderte er die Straßen und rief mit seinem sanften, dünnen Stimmchcn: „Schuh—wichse! Schwefel—Hölzer! Näh—nadeln! Stecknadeln! Allerlei Galanteriewaare! Verschiedene Kleinigkeiten!" Noch ein charakteristisches Merkmal — er hatte große, abstehende Ohren, die, wie. bei einem furchtsamen Pferde, immer in Bewegung waren. Der Schauplatz seiner Handelsthätigkeit war Schichan, ein Ort, wo die Ärmuth und das Elend der ganzen Stadt zusammenströmten, eine Zufluchtsstätte für allerler „gefährliche Leute". Schichan ist eine lange, schmale Straße, zu deren beiden Seiten alte, hohe, düstere Häuser stehen, in denen Nachtasyle, Schänken, Bäckereien, Läden mit Obst, altem Eisen und verschiedener Tandelwaare sich befinden; die Einwohnerschaft dieses Stadtviertels besteht vorwiegend aus Dieben, aus Hehlern, welche die gestohlenen Gegenstände kaufen, aus kleinen Ladenbesitzern und Eßwaaren ferlbietenden Verkäuferinnen. In dieser Straße ist immer viel Schatten, viel Schmutz und eine Menge Betrunkener, und im Sommer riecht es dort stets nach Fäulniß und billigem Schnaps. Nur zu ganz früher Morgenstunde blickr die Sonne vorsichtig und aus eine kurze Weile auf diese Ställe gleichsam als fürchte sie ihre Strahlen mit dem Schmutz derselben zu beflecken. Die Straße erstreckt sich den Bergabhang entlang, nicht weit vom Ufer eines großen Flusses, und es wimmelt dort von Schiffsarbeitern, von Matrosen und lustigen Flößern. Alle trinken sie hier und genießen die Freuden des Lebens, indeß Diebe in sicheren Verstecken des Augenblickes harren, da sich ihnen Gelegenheit bieten wird, die leichtsinnigen Trunkenbolde ihrer letzten Habe zu berauben. Die Trottoire der Straße sind von Frauen besetzt, welche Kuchen, und von Männern, welche heiße, frische Leber verkaufen. Gierig verzehren die Arbeiter das warme Essen, die Betrunkenen singen wilde Lieder und schimpfen sich gegenseitig, die Verkäufer preisen ihre Waare an und laden mit lauter Stimme zum Versuchen derselben ein. Und die Wagen raffeln über das Pflaster, und mit Mühe weichen sie den M enschen aus, die kaufend, verkaufend, oder auch in Erwartung von Arbeit oder eines anderweitig glücklichen Zufalls in dichten Gruppen beieinanderstehen. Ein Chaos von Klängen jagt durch die einem trüben Canal gleichende Straße und hallt von den schmutzigen Mauern der Häuser wieder, die an Stelle einstiger Verzierungen große Flecke feuchten Schimmels aufweisen. Ju diesem Canal, der voll von gährendem Schmutz, betäubendem Lärm und cynischen Reden, spielen Kinder jeden Alters, die indeffen alle gleich schmutzig, gleich hungerig und gleich verdorben sind. Vom frühen Morgen bis zum späten Abend laufen sie umher, und erobern ihre Nahrung auf Kosten der Güte der Verkäuferinnen oder durch die Geschicklichkeit ihrer kleinen Finger; des Nachts schlafen sie in irgend einem Winkel unter dem Stand eines Kuchenverkäufers oder in der Fensternische einer niedrigen Kellerwohnung. Mit dem ersten Morgengrauen sind diese Opfer der Rachitis oder Scropheln wieder auf den Beinen, um gute, schmackhafte Stückchen Fleisch zu stehlen oder solche, die zum Verkauf untauglich, zu erbetteln. Wessen Kinder sind das? . . . Allgemeines Eigenthum. Diese Straße wandert Tag ein, Tag aus Kain entlang, seine Waare feilbietend und sie den Frauen verkaufend. Häufig auch entlehnten Letztere bei ihm zwanzig Kopejken, mit der Verpflichtung, dieselben nach einigen Stunden mit einer Zugabe von zwei Kopcjken zurückzuerstatten, eine Verpflichtung, der sie aufs Pünktlichste Nachkommen. Ueberhaupt hatte Kain sehr viele Geschäfte in diesem Stadttheile; bei den Arbeitern kaufte er Hemden, Mützen, Stiefel und Harmonikas, bei den Frauen: Röcke, Jacken und billige Galanteriewaare, die er dann gegen andere Gegenstände in Tausch gab oder auch mit einem Nutzen von fünf Kopejken verkaufte. Dabei mußte er in einemfort Spottreden und Rippenstöße ertragen, und häufig auch wurde er bestohlen. Doch klagte er niemals. Im Gegentheil. Ein tragischsanftes Lächeln wich nicht von seinen Zügen. Manchmal geschah es, daß er in einem abseits gelegenen Winkelgäßcheu von Strolchen überfallen wurde, die in Folge von Hunger oder übermäßigem Trinken selbst vor einem Mord nicht zurückschraken. Dann wand sich der durch einen Faustschlag oder auch durch Angst zu Boden geworfene Kain zu ihren Füßen, und an allen Gliedern bebend, mit krampfhaft zitternden Händen die Taschen seiner Kleidung durchsuchend, flehte er: „Ach, meine Herren! Meine guten Herren! Nehmt mir nicht Alles! Womit werde ich handeln? . . Und trotz seiner namenlosen Furcht hörte er zu lächeln nicht auf. „Nun, quietsch' nicht! Gieb' nur dreißig Kopejken her!..." Die guten Herren begriffen nämlich recht gut, daß man einer Kuh, wenn sie nicht aufyören solle, Milch zu geben, das Euter nicht ausrechen dürfe. Manchmal schritt Kain, wenn er sich von der Erde erhoben hatte, in Gesellschaft seiner Peiniger scherzend und lachend dre Straße entlang. Und die ihn soeben überfallen, sprachen zu ihm mit Herablaffung und verspotteten ihn, ohne ihre Handlungsweise auch nur im Geringsten beschönigen zu wollen. Und Alles blieb, wie es gewesen, nur daß Kain eine zeitlang noch blässer und hagerer war als zuvor. Mit der Gemeinde lebte er, wie es den Anschein hatte, in keinem besonderen Einvernehmen. Höchst selten nur sah man rhu in Gesellschaft seiner Glaubensbrüder und dann konnte man bemerken, daß dieselben ihn mit Geringschätzung und sogar ziemlich verächtlich behandelten. Eine Zeitlang verlautete es sogar, man habe einen „Cherem" auf ihn geworfen, und die Frauen nannten ihn: „Der Verfluchte." Doch war dies eine Unwahrheit, obgleich viele Thatsachen Zeugniß von Kain's Unglauben ablegten; er beobachtete keinen Savoaiy und aß „treses" Fleisch. Wenn man ihn fragte, wieso er sich getraue, Speisen zu sich zu nehmen, deren Genuß sein Glaube ihm verbiete, wand er sich zusammen, wie ein Knäuel, suchte mit Scherzen über die Frage hinwegzugehen und entfernte sich hastigen Schrittes, ohne über den Glauben und die Sitten der Juden jemals ein Wort fallen zu lassen. Selbst die unglücklichen Kinder dieses Stadttheils verfolgten ihn, indem sie seinen Kasten oder seinen Rücken mit Schmutzklumpen, Kernen von Wassermelonen und allerlei Abfall bewarfen. Manchmal versuchte es Kain, seine kleinen Quälgeister dmch flehentliches Bitten zu besänftigen, häufiger jedoch flüchtete er vor ihnen in das dichteste Gewühl, wohin sie ihm, aus Furcht, zertreten zu werden, nicht folgen konnten. So lebte Kain von einem Tage zum andern, von allen Leuten gekannt, von allen verfolgt; er kaufte, verkaufte, zitterte vor Furcht, und . . . lächelte, bis plötzlich, eines Tages, das Schicksal seinerseits ihm ein lächelndes Antlitz zuwandte . . . (Fortsetzung folgt.)