Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 25 (19.6.1903)
- Date
- 1903-06-19
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 25 Vr. Vloch's Wochenschrift. Sette 403 gab, daß in nicht zu ferner Zeit ein anderes Organ mit gleichen Tendenzen in Bucarest erscheinen werde. Dies ist nunmehr eingetroffen. Dieser Tage ist ein Tagblattt erschienen, welches sich .Bremea" (.Die Zeit") nennt und schon durch die Form seines Kopfes — die Buchstaben sind nämlich der russischen Schrift nachgebildet — die Tendenzen, welche es verfolgt, zum Ausdruck bringt. Chefredacteur dieses Blattes ist der oben erwähnte Herr Braescu. Er hat auch einige ruffophile Mitarbeiter gefunden. Sein Programm ist dieses Mal der Kampf für die cn gkblich bedrohte Orthodoxie. Das Blatt deutet nämlich an, daß der Katholieismus sich ganz besonders der Huld des bekanntlich katholischen Königs erfreue und daß er, dadurch ermuthigt. feine Propaganda in einer immer offenkundiger werdenden Weise betreibt. Nun ist es zwar richtig, daß die Schulschwestern sich durch ihre Propaganda in letzter Zeit etwas verdächtig gemacht haben und daß der Katholieismus sich hier häuslich einrichtet, eine augenblickliche Gefahr dürfte aber kaum bestehen und auch die Sorge um die Zukunft ist kaum als eine Rechtfertigung der Haltung der .Bremea" anzusehen. Bildet nun der directe Kampf gegen den Katholieismus und der einstweilen indirecte gegen den König kein Erfolg versprechendes Programm, so kann man doch nicht dasselbe von dem Kampf für die Orthodoxie und besonders für denCzaren sagen. Man speculirt dabei auf den Aberglauben und das Elend des rumänischen Bauern, der noch immer an die Güte .Väterchens" glaubt. Uebrigens wird der .Bremea" auch aus den Kreisen der unabhängigen rumänischen Chauvinisten Hilfe zutheil werden. Man vernimmt bereits Stimmen, die sich gegen den Anschluß an Deutschland wenden, der dem Lande keinen Nutzen, wohl aber sehr viel Schaden gebracht haben soll. Glücklicherweise sind alle politisch maßgebenden Factoren und auch die denkenden Leute aller Parteien darin einig, daß der Anschluß an Deutschland, an den Dreibund, für Rumänien geradezu eine Lebensbedingung ist. Eine systematisch geleitete, von dem rollenden Rubel unterstützte, ruffophile Propaganda könnte aber auf dem dem Lande sehr viel Unheil anrichten. Charakteristisch ist, daß die hiesigen Russvphilen auf der Suche nach Bundesgenossn ganz besonders ihr Augenmerk auf die Juden richten. Der ruffophile Herr Braescu, der Leiter der neuen Bewegung, war früher ein eifriger Antisemit. Jetzt gesteht er, sogar unbefragt, daß er gefehlt habe. Nicht die Juden seien die wirkliche Gefahr, sondern die Katholiken, gegen die sich alle guten Orthodoxen und alle vernünftigen Juden wenden müßten. Herr Braescu würde nicht glauben, die Juden für seine Sache gewinnen zu können, wenn er nicht auf deren Unzufriedenheit mit den bestehenden Verhältnissen rechnete. Denn die Juden sind in Rumänien — und daraus ist ihnen früher immer ein Vorwurf gemacht worden — geradezu die Träger der deutschen Cultur, wofür nicht allein die Thatsache spricht, daß sich in ihren Gemeindeschulen die deutsche Sprache unter den Hauptgegenständen befindet. Aber in ihrer eigenthümlichen Lage bilden natürlich die Juden ein Anziehungsobject für solche Politische Abenteurer. Zum Glück ist gerade dieser Bevölkerungstheil Rumäniens der culturell höher stehende, durch Vergangenheit und Tradition ein unerschütterlicher Factor deutschen Einflusses und deutscher Cultur, und auch ernstere Leute als ein Braescu könnten nicht seine Bekehrung zu Russophilen durchsitzrn. Der Fall sollte aber die rumänischen Politiker darüber belehren, welche Gefahren dem Lande daher drohen, daß eine zahlreiche, arbeitssame, ordnungsliebende Bevölkerung in einem ungeheuerlichen rechtlosen Zustande erhalten wird. Es ist wohl verfrüht, jetzt schon über die Chancen, die Herr Braescu und seine .Bremea" haben, zu sprechen, denn es wird wohl Alles davon abhängen, wie weit der Rubel rollt. Paris. (Eine katholische Dreyfus-Partei.) Daß es auch eine katholische Dreyfus-Partei gegeben, ja noch gibt, ist den wenigsten unserer Zeit- und Kampfgenossen klar geworden. Nichtsdestoweniger hat sie während der .Affaire" schon bestanden und scheint jetzt mehr denn vorher von sich reden machen zu wollen. Einer ihrer Wortführer ist Leon C h a i n e, Advocat am Appellationsgericht in Lyon. Gläubiger Katholik und dennoch Anhänger der Proceßrevision, gibt er in einem „Les Catholiques frangais et Ieurs difficultes actuelles“ benannten Buche eine Schilderung der Schwierigkeiten, aus denen französische Katholiken, wie er, heute einen Ausweg suchen. Die Hauptklippen der französischen Katholiken, sagt Chaine, sind Militarismus, Nationalismus und Antisemitismus. Gegen diese Uebel suchen Menschen wie Chaine und seine Gesinnungsgenossen vom .Katholischen Counts zur Bertheidigung des Rechtes" (gegründet, um die Revision des Dreyfus-Proceffes zu fördern) anzukämpfen. Der Katholik, sagt Chaine, braucht durchaus kein Militarist zu sein, die bedeutendsten Vertreter der katholischen Kirche haben den Krieg verurtheilt. Einzig Bertheidigungskriege sind nicht absolut verwerflich. Eine Vergötterung der Armee ist schädlich, der .Herr der Heerschaaren" istk ein christlicher Begriff. Der Katholik braucht kein Nationalist zu sein, ist der Katholieismus doch eine .göttliche Internationale". Jeder liebt sein Vaterland und j.dcs Vaterland verdient geliebt zu werten. Der Katholik braucht vor Allem kein Antisemit zu sein. Ersteus ist der Haß nicht christlich, zweitens ist es nicht wahr, daß die Juden dieHauptträgerdesvaterlandslose^ Kosmopolitismus sind. Gambetta war jüdischen Ursprungs, Disraöli ein Jude und Lassalle ein wütheuder Pangermanist. Auch die Geldherrschcrst der Juden ist stark übertrieben: unter den großen französischen Banken sind sehr wenig jüdische. Die Befähigung der Juden zum Handel ist ein Product christlicher Zwangsherrschaft. An die Märchen vom Ritualmord glaubt kein verständiger Mensch mehr. Viele .Antisemiten" haben überhaupt nie einen Juden gesehen. Die Legenden vom .Complott der Juden und Protestanten" gegen die Katholiken ist — eine Legende. Die Katholiken Frankreichs verfallen den drei oben genannten .ismen" deshalb so leicht, weil sie sich daran gewöhnt haben, nicht nur religiöse, sondern auch politische Wahrheiten ohne Prüfung hinzunehmen. Ihre Frömmigkeit wird oft irregeleitet und zu Kindereien, zu Götzendienst mißbraucht. Die Scheu der Katholiken vor der Bibelforschung und Bibelkritck ist eine .geistige Feigheit". Wiffen und Glauben find beide von Gott, sie beherrschen verschiedene Gebiete, aber sie können einander nicht feind sein. Die französischen Katholiken haben in ihrer Angst vor Aufklärung und Fortschritt einer blind conservativen. reactionären Richtung Vorspann geleistet, sich von allen socialen Reformen fern gehalten, die besten Neuerungen bekämpft und dem Socialismus daher in die Hände gearbeitet. Die Republik, der Fortschritt, di? Wissenschaft aber sind Sache aller Franzosen, es ist Znt, daß die französischen Katholiken ihre veralteten Vorurtheile anfgeben, Zeit, daß sie modern und solide werden. Tripolis. Bekanntlich legt die Türkei ihren nichtmohammedanischen Unterthanen keine persönlich: Militärpflicht auf, sondern läßt sich von ihnen dafür den sogenannten .Haradsch", die Kopsteuer, .bezahlen". Seit Einverleibung Tcipolitaniens in den ottomanischen Reichsoerband (1836) bis auf die Gegenwart wurde von der hnsigen Judengemeinde unter diesem Titel eine Pauschalsumme von etwa 6000 Franken jährlich eingehoben. Dies eigentlich zu Unrecht. Denn da für die Gesammtbevölkerung der Provinz Tripolis bisher eine Wehrpflicht überhaupt nicht bestanden hatte, so konnte füglich auch keinerlei Berechtigung vorhanden sein, irgend ein Ablösungsgeld dafür gerade von den Juden einzuheimsen. Doch dergleichen logische Entgleisungen nimmt man in der türkischen Berwaltungspraxis nicht sonderlich genau, und da auch die Judenschast selber nichts gegen die ungerechtfertige Anzapfung einzuwenden hatte, so ging die Leier an die sechzig Jahre lang ruhig ihren Gang. Nun ist aber jüngst endlich auch für Tripolitanien die allgemeine Militärpflicht Gesetz geworden und hierbei das Berhältniß der israelitischen Unterthanen (christliche gibt es hier nicht) zuc neuen Sachlage ebenfalls einer Nachprüfung unterzogen worden. Die Regierung legte hierbei den sonst auch im ganzen übrigen Reiche geltenden Maßstab an, daß von je 135 Individuen der Bevölkerung ein Recrut zu stellen sei. Keineswegs gerade viel, ganz erheblich weniger als in den europäischen Culturstaaten. Die Kopfzahl der hiesigen israelitischen Einwohnerschaft auf 5000 geschätzt (sie genau zu zählen, hat sich bisher noch Niemand die Mühe genommen) ergibt demnach ein zu stellendes Gesammtrecrutencontingent von 36 Mann. Die im ottomanischen Reich seit jeher festgesetzte Militärbefreiungstaxe — auch für mohammedanische Wehrpflichtige, welche nicht persönlich dienen wollen — beträgt 50 türkische Gold-Lira (1150 Frcs.). Nun fordert die Regirung von der hiesigen Judenschaft demgemäß fortan die sich hieraus ergebende Ablösungssumme in der Höhe von 39.000 Frcs. Das ist freilich ganz erheblich mehr als ehedem, aber immehrhin wäre es, auf eine fünstausendköpfige Bevölkerung vertheilt, noch keine allzu harte Last — zumal anderweitige directe Steuerabgaben nicht bestehen — wenn nur die Mehrzahl der hiesigen Judengemeinden aus halbwegs zahlungsfähigen Leuten bestände, was indeß keineswegs der Fall ist. Die wenigen Reichen unter den hier ansäffigen Juden haben längst Mittel und Wege gefunden, irgend eine fremdländische Staatsangehörigkeit zu erwerben und damit für alle kaiserlich-ottomanischen Steuererhebungsbestrebungen unerreichbar zu werden. Bon den anderen