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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1903-06-19 · 25 (19.6.1903) · page 9

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
20 (1903)
Issue
25 (19.6.1903)
Date
1903-06-19
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Kr. 25 Vr. Blmtz's Wortzsnfchrifr. Seite 4SI standslos paffiren zu köuneu. Der Lohndiener brachte die Pässe zurück mit dem Bemerken, daß nur der Paß des Herrn Hofbauer, der Katholik ist, sich jedoch seines Liberalismus wegen überall der größten Werthschätzung erfreut, abgestempelt sei, während mein Paß nicht abgestempelt werden könne, weil ich Jude bin und sohin gar nicht das Recht besäße, in Zaryzin mich aufzuhalten. Wir wollten unbedingt abreisen, Herr Hofbauer jedoch nicht ohne mich, da er eine so weite Reise (6 Tage ununterbrochen per Eilzug) nicht ohne Gesellschaft machen wollte. Auf meine Anfrage beim Hotelier, was wohl in diesem Falle zu thun wäre, erbat er sich meinen Paß mit dem Bemerken, er werde dies schon ordnen, doch dürfe ich auf ein Paar Rubel nicht sehen. Und stehe, nach kaum einer Stunde hatte ich den richtig abgestempelten Paß wieder in Händen und der Spaß kostete nur 10 Rubel, die derselbe Polizeimeister, der früher einem Juden den Paß nicht abstempeln durfte, „für seine Bemühung" sich bezahlen ließ. Herr Hofbauer, dem die russischen Zustände unbekannt waren, blieb sprachlos, aber genug an dem, wir konnten reisen und bei der Grenze hatte ich nicht die geringsten Anstände. So geht es in Rußland! Mit Geld richtet man Alles, selbst das Schwierigste. Für die Veröffentlichung bestens dankend, zeichne ich hochachtend R. H. Wien. Von allen Seiten kommen uns Mittheilungen zu über die Trauerfeier, welche Cultusgemeinden ob der grauenhaften Judenverfolgungen in Kischenew veranstalteten. Wir haben selbst Berichte aus einzelnen Gemeinden hierüber veröffentlicht und auch erwähnt, daß der „Allgemeine österreichisch-israelitische Bund" die Aufforderung an alle Cultusgemeinden gerichtet hatte, diese Feier zu einer gleichzeitigen und gemeinsamen großen Trauerkundgebung zu gestalten, indem sie sich als am geeignetsten an die große Todtenfeier, an die Haskarab am Schewuothfeste, anschließe. Die Zuschrift des «.Allgemeinen österreichisch-israeltischen Bundes" lautet: Wien, 27. Mai 1903. Sehr geehrter Cultusvorstand! Ueber Beschluß des Vorstandes der Wiener Eultusgemeinde wird bei der Haskarah am 8ebkvu-)tb-Feste unserer unglücklichen Glaubensgenossen, welche Opfer der Kischenewer Judenverfolgung wurden, gedacht werden und die Rabbiner in den Gemeindetempeln werden auch in ihren Ansprachen es an der gebührenden Erinnerung an jene Greuelthaten und deren unglückliche Opfer nicht fehlen lassen. Wir glauben nur einer Empfindung gemeinsamer Trauer Ausdruck zu verleihen und in Ihrem Sinne zu handeln, wenn wir heute alle jüdischen Gemeinden in Oesterreich auffordern, sich dem Beispiele der Wiener Eultusgemeinde anzuschließen. Sicherlich einigen sich alle menschlich Fühlenden ohne Unterschied der Konfession in dem Abscheu und der Empörung ob der Greuel von Kischenew und in der Anklage gegen die blutrünstigen Anstifter der Judenhetze. Wir aber, die Glaubensgenossen Jener, deren unschuldiges Blut wegen der verlogenen, fluchwürdigen Blutbeschuldigung vergossen wurde, wollen uns in unseren Synagogen versammeln, um das Andenken unserer Brüder zu ehren, die wegen ihrer Religion Marter und Tod erduldeten, gleich ihrem greisen Rabbi, jenem Märtyrer, von dem zu lesen war, daß er der blutdürstigen Menge, welche von ihm die Schändung der Thora forderte, widerstand und qualvollen Tod erlitt. Wir wollen für das Seelenheil unserer hingemordeten Brüder beten und unseren Gott, der, wie der Prophet sagt, der Vater Aller ist, anflehen, er möge den grausamen Haß aus den Herzen der Verfolger und Unterdrücker tilgen, damit Niemand mehr wegen seines Glaubens leide und die die Menschheit schändenden Blutthaten von Kischenew niemals mehr eine Wiederholung finden. Mit vorzüglicher Hochachtung Dr. Alfred Stern. Es muß noch bemerkt werden, daß in vielen Gemeinden dieser Anlaß zu Sammlungen für die Opfer Kischenews anregte, welche namhafte Summen erzielten. Wien. Im Rossini-Theater in Turin fand eine große Protestversammlung gegen die Kischenewer Greuelthaten statt. Die Versammlung nahm eine scharfe Tagesordnung an und votirte den Ausdruck der Sympathie für den Abgeordneten Morgan wegen dessen Rede gegen den Kaiser von Rußland, die er in der italienischen Deputirtenkammer gehalten hatte. Baden. Ich hatte wieder einmal Gelegenheit, die Unverschämtheit einiger Functionäre in flagranti anzunageln, die, von Haus zu Haus gehend, für humanitäre Institute absammeln, welche angeblich „allen Confrssionen" zu Gute kommen sollen. In diesem Fall handelte es sich um ein im XUI. Wiener Gemeindebezirk (Speising-Lainz) befindliches Kindererziehungsinstitut. Als die beiden Absammlerinncn am Thore der in meiner unmittelbaren Nachbarschaft befindlichen Billa die Antwort erhielten : „Die gnädige Frau ist nicht zu Hause", sagte eine der Absammlerinnen zu ihrer Collegin: „Wenn die Juden nix hergeben wollen, so sagn's Sie san nit z' Haus." Darauf machte sie sich weiter auf den Sammelweg, während sie noch zu ihrer Gefährtin sagte: „In die Billen da wohnen a lauter Juden". Da ich unmittelbar am Gitter in einem Salettel saß, wußten die „für alle Consefflvnen" wirkenden Humanitätsfeen nicht, daß ich sie unfreiwillig belauscht hatte. Als ich nun heraustrat, um sie mir gehörig „auszuborgen" und ihnen u. A. bedeutete, daß sie wenigstens so viel Anstandsgefühl haben sollten, bei Juden nicht zu betteln, wenn sie sie beschimpfen, krochen sie nach echter, feiger Antisemitenart natürlich zu Kreuz, betheuerten, daß „es sich nicht um ein Kloster handle", daß im betr. Institut auch „israelitische Kinder" Aufnahme fänden rc. rc. Wahrscheinlich ist dies auch eines jener Institute im Genre der bewußten unter antisemitisch - communaler Patronanz stehenden Kinderschutzstationen, die ja auch mit Vergnügen das jüdische Geld nehmen — non otet — und zur Erreichung dieses Zweckes auch nach einigen jüdischen Paradekindern fahnden, um Seelenfängerei an ihnen zu treiben. Da die Sommersaison jetzt vor der Thür ist, in welcher Sammlerinnen selbst für rein antisemitische Zwecke in unverschämtester Weise bei Juden einfallen, so heißt es für alle Nichtantisemiten ganz besonders auf der Hut zu sein. Für die Veröffentlichung dieser Zeilen im Voraus bestens dankend, zeichne ich S. F. Linz. (K a i s e r b e s u ch.) Linz, die Landeshauptstadt von Oberöfterreich, hatte am Dienstag den 9. Juni d. I. wieder einmal einen „Kaisertag". Se. Majestät war nämlich zur Eröffnung der neu errichteten Landesschießstätte in Kleinmünchen und zur Besichtigung des vor Kurzem errichteten Denkmales für die verstorbene Kaiserin Elisabeth und des Adalbert Stister- Denkmales nach Linz gekommen. Unter den von der k. k. Statthalterei zum vfficiellen Empfange geladenen Behörden beziehungsweise Persönlichkeiten befanden sich auch die Vertreter der israelitischen Eultusgemeinde Linz, für welche der Seelsorger Herr Rabbiner Moriz Friedmann und der Cultusvorstehen Herr Ignaz Hahn erschienen waren. Der Kaiser sprach in überaus leutseliger und huldvoller Weise zuerst Herrn Rabbiner Friedmann an und sagte, es freue ihn sehr, daß auch die Vertreter der israelitischen Eultusgemeinde erschienen find; er erkundigte sich nach der Anzahl der Gemeindemitglieder, worauf Herr Rabbiner Friedmann erwiderte: „Es find beiläufig 300 Familien und Alle vereinigen sich in dem warmen, tiefgefühlten Herzenswünsche, daß der Allmächtige Eure Majestät noch viele ungezählte Jahre zum Heile und Frommen des theuren Vaterlandes erhalten möge"; dann bot Herr Rabbiner Friedmann den Monarchen um die Gnade, bedeckten Hauptes den vorgeschriebenen Sezensspruch sprechen zu dürfen, was der Kaiser huldvoll gestattete. Nachdem der Rabbiner das bezügliche Gebet in hebräischer und in deutscher Sprache vorgetragen hatte, dankte der Kaiser, sichtlich ergriffen. Sodann wandte sich der Kaiser an den Cultusvorsteher Herr Ignaz Hahn und fragte ihn, wie lange er Vorsteher sei, und dann, ob die Gemeinde ein eigenes Gotteshaus besitze. Herr Hahn erwiderte bejahend und fügte bei, daß in demselben an jedem Festtage inbrünstig für das Wohl und Heil des allgeliebten Landesvaters gebetet werde. Der Kaiser dankte auch dem Herrn Vorsteher und verabschiedete sich in der leutseligsten und gnädigsten Weise von den beiden Herren. Kolin. (Sterbefall. —FürdieHinterbliebenen des Kischenewer Massacres. — Ein Autor, der sein Theater st ück entschuldigt.) Vorige Woche wurde eines der ältesten — und es sei gleich hier gesagt — auch eines der verdienstvollsten Mitglieder unserer Gemeinde unter ungemein zahlreicher Betheiligung zu Grabe getragen. Im Leben schlicht, verfügte der Dahingeschiedene, daß an seiner Bahre, weder eine Trauerkundgebung, noch ein Nachruf laut werden soll. Jgna; Stein ist nicht mehr — segensreich werden aber seine Thateu fortwirken. Nahezu ein viertel Jahrhundert war er Vorsteher der „Cbewra-Kadischa"! Nnr Derjenige, der die Aufgabe dieses Vereines kennt, kann ermessen, welche hingebungsvolle Pflichttreue dazu gehört, ein solches Amt zu bekleiden, insbesondere aber, wie es der Verewigte that, der ohne Unterschied, ob reich oder arm> gleich aufopfernd seiner schweren Pflicht oblag. Aber noch ein zweiter eminent humanitärer Verein in unserer Gemeinde ist es, in dessen Annalen der Name Ignaz Stein mit goldenen Lettern eingeschrieben bleibt. Anfangs der Sechziger-Jahre wurde der Dahingeschiedene zum Präses der „veroeü Jesehoreh“ gewählt. Dieser Verein hat die statutenmäßige Aufgabe, seinen Mitgliedern bei Eintreten von Siechthum oder Verarmung einen wenn auch bescheidenen, aber doch sicheren Lebensunterhalt zu bieten; waren nun vor 40 Jahren in

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