Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 25 (19.6.1903)
- Date
- 1903-06-19
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr S5 Dr. Bloch's WochrnlÄrrist. Sette 399 Wer ist Krufchewan? Diese Frage beantwortet die „Odeskija Nowosti" in einer drastischen, das Gebühren dieses minderwerthigen Menschen jedoch vortrefflich skizzirenden Weise. Als Antisemit gehört der „Vater des Antisemitismus in Bessarabien" zu jenen feigen Wölfen, die nur in Rudeln jagen, nur Schwächere angreifen und vor jeder unternommenen Attaque sich vorher sorgfältig nach Deckung und Schutz eines Mächtigen umsehen. Das eigentliche Lebensziel Kruschewan's ist das eines jeden echten und rechten Antisemiten, nämlich baares und richtiges Geld zu verdienen. Als Sohn des armen Rumänen Alrxandrescu Krufchewan war Pawolaki Krufchewan noch vor 8 Jahren ein armseliger Schreiber bei einem Accisen-Aufseher in Soroki. Er zeichnete sich durch eine schöne Handschrift, durch niedrige Verschmitztheit und sowie namentlich dadurch aus, daß er den Höherstehenden (und fast jeder Mensch in Soroki stand höher als das untergeordnete Schreiberlein Krufchewan) bis zum Erbrechen schmeichelte. Trotzdem machte er sehr langsam Carriere, da er ohne jedeSchulb i l d u n g war und erst im Alter von 30 Jahren das Reifezeugniß einer zweiclassigen Volksschule erlangen konnte... Weiter konnte er es nicht bringen! Um dem Schicksal nachzuhelfen, griff er in eine Casse und mußte sein Aemtchen aufgeben. Ec ging nach Wilna und stellte sich da der Redaction des dortigen Gouvernementsanzeigers, des antisemitischen „Wilenski Wjestnik", vor. „Können Sie einen Localreporter gebrauchen, der als früherer Grenzbeamter vortrefflich schnüffeln kann? Sie werden mit mir zufrieden sein/ Und das Wilnaer Antisemitenblättchen war mit Kruschewan's Leistungen höchlich zufrieden. Es verging kein Tag mehr, in dem nicht irgend ein armes Jüdchen denuncirt wurde. . . Der Eine verkaufte heimlich Schnaps, der Andere handelte ohne Gewerbeschein, während der Dritte im Besitz von unverzollter Waare sich befand. Die Zeitung machte großes Aufsehen und wurde von Vielen gelesen, da man ängstlich oder schadenfroh in derselben jeden Morgen eine neue Denunciation mit voller Namensnennung zu finden erwartete. Nach zweijährigem weiteren Spionendienst beim „Wilenski Wjestnik" erhielt Krufchewan einen Ruf nach Kischenew, um da als ständiger Mitarbeiter des „Bessarabischen Boten" engagirt zu werden. Das Engagement kam zwar nicht zu Stande, da sämmtliche Redactivnsmitglieder des Blattes einstimmig erklärten, mit einem Menschen wie Krufchewan nicht zusammen arbeiten zu wollen; es gelang aber Letzterem, die Erlaubniß zur Herausgabe eines eigenen Blattes zu erschleichen, und so blieb Krufchewan dauernd in Kischenew. Zwar besaß er keiur» Heller im Vermögen, allein Leute wie Krufchewan setzen bei einem Unternehmen niemals eigenes Geld zu. Er miethete fich eine Druckerei und erhielt Credit beim Papierhändler. Wollte jemand Krufchewan kein Geld pumpen, so erfuhr es am folgenden Tage ganz Bessarabien. Der widerwärtige Angriff auf Bürgermeister Schmidt erfolgte am Tage darauf, nachdem Krufchewan an der städtischen Bank kein Credit gewährt worden ist. Dasselbe passirte auch der ersten Kischenewer Kreditgenossenschaft. Eines Tages erfuhr das Gouvernement Bessarabien, daß der Papierhändler Schächter Krufchewan den Credit gekündigt haben mußte, denn im „Bessarabetz" erschien gegen Schächter ein heftiger Schimpfartikel. Seinem Personal gegenüber hat sich Krufchewan stets auf das Schofelste benommen. Dieser Mann, der unablässig das Wort „Exploitation" im Munde führt und nicht müde ward, „die Juden als Ausbeuter" zu denunciren, war selber ein Blutsauger und Ausbeuter schlimmster Sorte. Seine Privatsecretäre halten es bei ihm keine 3 Monate aus, wobei Krufchewan ihnen den Gehalt für die letzten 2 Monate regelmäßig schuldig bleibt. Seine Setzer wechseln alle 4 Wochen und über sein Personal verhängt er wegen jeder Kleinigkeit schwere ..Ordnungsstrafen" in Gestalt von empfindlichen Lohnabzügen. Dieselben erreichen in der Regel die Höhe eines vollen Monatsgehalts, und das so erpreßte Geld fließt in die eigenen unergründlichen Taschen des edlen furchtlos und unentwegt gegen „jüdische Ausbeutung" kämpfenden Krufchewan. \ Sir Horace Rumbold und die Blutlüge. i Die „Times" vom 9. d. enthält einen Brief des früheren^ Botschafters in Wien Sir Horace Rumbold, der bekanntlich,^ nachdem er sich ins Privatleben zurückgezogen, seine interessanten»; Aufzeichnungen herausgegeben hat und der jetzt seine Stimmet zu Gunsten der verfolgten russischen Juden erhebt. Sir Horace^ Rumbold schreibt: „Ein Leitartikel in Ihrer Nummer vom 6. d. weist mit großer Kraft und Wahrheit darauf hin, daß die grausamen Exceffe, welche in Kischenew stattfanden, in großem Maße den Ritualmord-Anklagen zuzuschreiben sind, die in neuerer Zeit regelmäßig zu Ostern in den östlichen Ländern von Europa gegen die Juden vorgebracht werden. Man empfiehlt mit Recht Herrn v. Plehwe, er möge seinem kaiserlichen Herrn aufs Angelegentlichste die Promulgation eines Ukas anempfehlen, in welchem „diese verbrechenerzeugenden Geschichten" mit Autorität widerlegt werden. Die Frage des Ritualmordes hat mir vor einigen Jahren das lebhafteste Interesse eingeflößt, und dies muß meine Entschuldigung dafür fein, daß ich Ihren Raum in Anspruch nehme. Eine starke antisemitische Woge ging damals über das östliche Europa und erreichte ihre bedrohliche Höhe in der österreichisch-ungarischen Monarchie. In ihrem Gefolge kam eine Wiederbelebung der entsetzlichen Fabeln über die Juden, deren Ursprung uns in die fernste Zeit des Mittelalters zurirckiiihrt. Die Religionsgenvssen und Freunde der Juden in England — und sie haben nirgends mächtigere oder eifrigere Vertheisiger als bei uns — waren sehr beunruhigt durch diese Auferstehung des antisemitischen Geistes, dem zufällige Verbrechen, wie der berüchtigte Mord in Polna und ein ähnlicher Fall in Preußen, neue Nahrung zuführteu. Ich war damals in der Lag?, bei einem Versuch, das Wachsthum dieses gefährlichen Geistes hintanznhalten, mitzuhelfen. Die Herren v. Rothschild, die aufgeklärten und großmüthigen Beschützer ihrer unterdrückten Brüder in der ganzen Welt, die meine alten und hochgeschätzten Freunde sind, waren an mich herangetreten und ersuchten mich, meinen Einfluß zu Gunsten der armen Juden geltend zu machen. Ich sollte versuchen, eine maßgebende Aeußerung von jener Seite zu erlangen, die allein fähig ist, in katholischen Ländern das Uebel wirksam zu bekämpfen. Andere theilten meine Meinung, daß es Zeit sei, an den Heiligen Stuhl zu appelliren, und wenn es irgendwie möglich sei, vom Papst eine Erklärung zu erlangen, welche die Tradition, wonach die Juden zu irgend einer Zeit zum Ceremoniell des Passahfestes das Blut christlicher Opfer verwendet hätten, als eine böswillige Erfindung stempelte. Es gab ja Präcedenzfälle für ein solches Vorgehen seitens des Heiligen Stuhles. Eine Anzahl von Päpsten, von Jnnocenz IV. und Gregor X. bis zu Clemens XIV., hatten Bullen erlaffen, in welchen das Ritualmordmärchen als fatsch erklärt wurde; man verlangte also vom P)pst nur, was seine Borfahren auf dem Stuhl Petri vor ihm gethau. Ich besuchte den liebenswürdigen Prälaten, der damals den heiligen Stuhl in Wien vertrat und seitdem zum Cardinal ernannt wurde, und machte den Versuch, seine Sympathien für die Sache zu erwecken. Ich versicherte ihn, daß die hervorragenden englischen Katholiken dieselben Ansichten vertreten, darunter der Herzog von Norfolk, der stets unter den Vordersten ist, wenn es eine edle That zu vollbringen gilt, und ebenfalls der seither verstorbene Lord Russell von Killowen. Der Nuntius, mit dem ich auf vertrautem Fuße stand, gab zu, der päpstliche Stuhl habe es seit Jahrhunderten als seine Aufgabe betrachtet, die Juden vor Verfolgungen zu schützen, aber er machte mich darauf aufmerksam, und darin mußte ich ihm Recht geben, daß die Bewegung in Oesterreich-Ungarn zum größten Theile den politischen Zwecken einer gewissen Partei diene. Er v'rsprach jedoch, die von mir erhobenen Beschuldigungen nach Rom zu melden, und gab zu, daß die Vorfälle nicht nur scandalös seien, sondern geradezu der Vernunft ins Antlitz schlügen. Ich bin überzeugt, der Nuntius hat mir Wort gehalten, aber damit endete, so viel ich weiß, die Sache, und jedenfalls ist niemals eine öffentliche Erklärung erfolgt, welche die Verleumdungen verdammt hätte, deren schreckliche Wirkung wir wieder geschen haben. Ich möchte hinzus tzen, auch auf die Gefahr hin, daß mir von Neuem der Vorwurf gemacht wird, ich gebe Informationen preis, die ich als activer Botschafter gewonnen, daß die Regierung von meinem leider erfolglosen Versuch gewußt und ihn gutgeheißnl hat. Wahrscheinlich wäre die Sache anders ausgegangen, wenn England im directen diplomatischen Verkehre mit dem Batican stünde, ein Mangel, den ich stets beklagt habe. Ich glaube noch immer, daß die beste Methode, um die Wiederholung der entsetzlichen Vorgänge, welche das Gewissen der c-vilisirten Welt empört haben, hintanzuhalten, die wäre, den v gütigen, hochherzigen Beherrscher von Rußland und den ehr- K'würdigen und seelenguten Papst, welcher den Thron von Sanct -IP;ter mit solchem Glanz umgibt, davon zu überzeugen, daß nur Mihre persönliche Einmischung von befreiender Wirkung sein kann. »Nur wenn sie öffentlich und unzweifelhaft ihren Abscheu gegen "das läßliche Märchen kund geben, werden die unwissenden Mafien