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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1903-06-19 · 25 (19.6.1903) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
20 (1903)
Issue
25 (19.6.1903)
Date
1903-06-19
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 898 Dr. Bloch's Wochenschrift. Nr. LS ein Adjutum, der Jude wartet. Es vergehen mehrere Monate, die sechsmonatliche Praxis beim Bezirksgerichte ist abgelaufen, die beiden College» werden „behufs weiterer Ausbildung" zum Kceisgerichte übersetzt, der Christ erscheint als adjutirter Auscultant, der Jude als Rechtspraktikant. Es erfolgen monatlich mehrere Ernennungen von Rechtspraktikanten mit arisch klingenden, eines mit jüdisch klingendem Namen; da entschließt sich der jüdische Rechtspraktikant, ad limina ad verbum audiendum zu fahren, beim Oberlandcsgericht anzufragen, was für Anstand obwaltet, der seiner Ernennung im Wege steht. Demuthsvoll nähert er sich der „Excellenz", welche schon nach dem ersten Satze weiß, um was es sich handelt, und klipp und klar erklärt, daß man nicht alle Juden der Reihe nach zu Auseultanten ernennen könne, sondern daß der Jude immer erst nach einer Reihe christlicher College» ernannt werde. Bor Kurzem sei ein Jude zum Auseultanten ernannt worden, jetzt müsse Gesuchsteller warten; wolle er warten, ist es recht, wenn nicht, möge er austreten! — Auf eine solche Antwort hin verliert man wohl die Lust, sich dem Richterstande zu widmen. Könnte aber eine solche Antwort ertheilt werden, wenn sich „Excellenz" nicht im Rücken gedeckt fühlte? Es wäre gut, Herrn Körber's Anficht zu hören. Ein Rechtspraktikant. Die gerichtliche Untersuchung in Kischenew. Einem Berichte über die Untersuchung gegen die Theilnehmer an den Plünderungen und Metzeleien in Kischenew an den russischen Ostertagen entnimmt die „Frankfurter Zeitung" folgende Einzelheiten: Anfangs wurde keine Untersuchung eingeleitet, da man die Schuld für die Verbrechen einer unpersönlichen Menge zuschrieb, deren Thaten wie ein elementares Naturereigniß zu betrachten seien. Nachdem aber der Staatsanwalt Herr Pollan aus Odessa eingetroffen war, wurden über tausend Personen verhaftet. Da weder eine Obduction der verstümmelten Leichen gestattet wurde, noch dieselben photvgraphirt werden dursten, auch der Befehl erging, alle Häuser so schnell als möglich von den Blutspuren zu reinigen, so blieben zur Ueberführung der Mörder nur die Aussagen von Zeugen übrig. Die Arbeit unter den Untersuchungsrichtern wurde so getheilt, daß jedem Richter nur eine Art Verbrechen zugewiesen worden ist: der eine untersuchte lediglich Mordthaten, der andere Körperverletzungen, der dritte Raubthaten, der vierte Diebstähle u. s. w.; dabei werden die Aussagen eines einzigen jüdischen Zeugen als zur Verfolgung ungenügend betrachtet. So konnte es geschehen, daß Verbrecher, die durch fünf Zeugen überführt waren, freigelassen werden konnten, weil die Sache in fünf Theile getrennt war. Vielen Angeklagten konnte schon deshalb nichts bewiesen werden, weil die Mordthaten in geschlossenen Räumen erfolgt und sämmtliche jüdische Zeugen nicht mehr am Leben waren. Mehrere hundert Angeklagte, die unter anderen Umständen vor das Geschwornengericht gekommen wären, wurden den Friedensrichtern überwiesen und von diesen zu Gefängnißstrafen von zwei Wochen bis höchstens drei Monaten verurtheilt, falls sie nicht freigesprochen wurden. * * * In Kischenew haben die wackeren Beamten und ihre Frauen — die „Excellenzen" voran — nach der officiellen Mißbilligung der Metzeleien sich bemüht, in Vergessenheit zu bringen, daß sie Helfer und im besten Fall ermunternde Zeugen der Unthaten gewesen sind. Sie haben unter dem Deckmantel des „Rotheu Kreuzes" oder unter einem anderen Deckmantel sich zu Hilfscomitäs zusammengethan. Wie schon früher gemeldet, haben sie zum Gegenstand ihrer Fürsorge in erster Reihe die Angehörigen der Mörder gemacht, die eine harte und undankbare Staatsraison ins Gefängniß zu werfen nicht umhin konnte. Und hierfür haben sie in erster Reihe Geld von der jüdischen Gemeinde verlangt! Eine solche barmherzige Comitsdame, deren Spitzbube von Mann ein hoher Beamter ist, forderte einfach die Korubka- Gelder von der jüdischen Gemeinde, um die Mörder der Juden zu entlohnen! * * * Nicht nur das einfache Volk, sondern auch die Beamtenschaft ist der Ueberzeugung, daß sie während der schrecklichen Ostertage durchaus im Geist der Regierung gehandelt haben. Charakteristisch ist folgende Thatsache: Einige Tage nach den Krawallen kommt eine alte Frau zu einem Mitglied des „Rothen Kreuzes", Dr. Koslowski, und forderte eine Entschädigung für die „Arbeit" ihres Sohnes bei den Krawallen. Viele Beamte sind mehrere Tage nach den Krawallen von ihren Bureaus fern geblieben, weil sie jeden Tag eine Wiederaufnahme der „Arbeit" auf der Straße abwarteten, an der sie sich eifrig betheiligt hatten. Aus Deutschland wird gemeldet: Der Großherzog von Hessen hat dem Darmstädter Hilfscomitß für Kischenew eine namhafte Summe überwiesen. Bekanntlich ist die Kaiserin von Rußland eine Prinzessin von Darmstadt. Man meldet ferner aus: München. Ihre königliche Hoheit die Frau Prinzessin Maria de la Paz von Bayern, die Schwester des verstorbenen Königs Alfons von Spanien, haben gelegentlich einer Sitzung des Vereins zur Bekämpfung des internationalen Mädchenhandels den hiesigen Rabbiner Dr. Werner getroffen und ihm vor Beginn der Sitzung persönlich für die nothleidenden Juden in Kischenew eine namhafte Gabe eingehändigt; auch dero Gemahl, Seine königliche Hoheit der Prinz Ludwig Ferdinand von Bayern, haben sich durch Behändigung einer namhaften Gabe an den Vorstand der hiesigen israelitischen Cultusgemeiude Justizrath Ofner an der Sammlung betheiligt. Ebenso haben verschiedene in hervorragender Lebensstellung befindliche christliche Mitbürger in der theilnahmvollsten Weise die Sammlung durch Zusendung von namhaften Gaben unterstützt. Minister v. Plehwe. London. Unter Vorbehalt übermittelt der Moskauer Correspondent des „Morning Leader“ ein in gut unterrichteten Kreisen circulirendes Gerücht, daß der russische Minister v. Plehwe wahrscheinlich aus seinem Amte ausscheiden werde. Er habe kürzlich eine Unterredung mit dem Czaren gehabt, dem die Aufklärung der Kischenewer Unruhen durch den Minister nicht genügte, weil sie im Widerspruch zu dem Bericht eines vom Czaren in besonderem Auftrag nach Kischenew entsandten Officiers stand. Wer ist der Herr v. Plehwe? Im Jahre 1848, als Sohn eines armen Edelmannes geboren und früh verwaist, hat sich ein reicher litthauifcher Magnat des schutzlosen Knaben angenommen und ihm eine gute Schulbildung angedeihen lassen. Zum Dank dafür denunc i r t e der junge Plehwe seinen Wohlthäter bei Murawjew, dem „Henker Polens", wegen politischer Umtriebe, worauf der unglückliche Mann, der eine Schlange an seinen Busen genährt hatte, sein Leben am Galgen lassen mußte, v. Plehwe aber machte von da ab seine Carriere. Er studirte als künftige Stütze des Thrones auf Staatskosten Jura und wurde nach Beendigung feiner Studien sehr bald Staatsanwalt. Auf diesem Posten wußte er sich geschickt vorzudrängen und sich gehörigen Ortes als schneidiger Ankläger und wüthender Nihilistenfresier in's rechte Licht zu setzen. Bon Warschau, wo er eine nihilistische Verschwörung aufgedeckt hatte, kam er als R e i ch s a n w a l t nach Petersburg, wo es ihm durch rechtzeitige Entdeckung des Dynamitattentates auf das Winterpalais gelang, das Leben Alexander It. um eine kurze Frist zu verlängern. Als 1881 Czar Alexander dennoch das Opfer seiner nihilistischen Feinde geworden ist, wurde v. Plehwe als der geeignete Retter des Staates befunden und zum Chef des Polizeidepartements ernannt. 1884 machte der edle Streber einen weiteren Schritt vorwärts, indem Czar Alexander lll. ihn mit dem Titel eines Uuterstaatssecretärs in das Ministerium des Innern berief. Hier konnte der kaum 36jährige Plehwe seiner Berfolgungssucht reichlich Genüge leisten und bti Polen als Katholiken, die Deutschen als Stundisten und die Hebräer als Juden nach Herzenslust verfolgen. Eine noch weit einflußreichere Stellung erlangte er 1896, wo er zum Staatssecretär von Finnland ernannt wurde. Es fiel ihm die Aufgabe zu, die Freiheit eines edlen, seit Jahrhunderten unter dem Schutze einer selbstgegebenen Verfassung lebenden Volkes zu erwürgen, und man muß zugeben, daß Herr v. Plehwe sich dieser Aufgabe vollkommen gewachsen zeigte. Als er vorigen Jahres Finnland verließ, um an die Spitze des russischen Ministeriums des Innern zu treten, folgten ihm die Flüche von Millionen, deren Freiheit er zertrümmert und deren Recht er mit Füßen getreten hat. Daß ein Mann wie Plehwe, der seine Laufbahn als Judas begonnen hat, sie, auf dem Gipfel der Macht angelangt, als H a m a n fortsetzen werde, braucht wohl kaum bezweifelt zu werden.

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