Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 25 (19.6.1903)
- Date
- 1903-06-19
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 896 Dr- VLmtz"s Wochsnsrhrikk. Nr. 35 Was die angebliche Präsidentenkrise betrifft, so hat allerdings eine Verstimmung bestanden, weil ein vom Präsidenten gestellter Antrag auf Erhöhung des Gehaltes eines sehr gelehrten und minder dotirten Rabbinatsmitgliedes im Plenum eiue Ablehnung erfuhr; diese Verstimmung wurde jedoch beigelegt, und wir hüten keine Veranlassung, uns mit dem Zwischenfalle zu befassen, weil die Frage, ob man dem Rabbiner den Gehalt erhöhen soll und warum man ihn derzeit nicht erhöht hat, sowie eine nach kurzer Frist beigelegte Meinungsverschiedenheit dieser Art sich zur öffentlichen Discussiou nicht eignet. Niemals und nirgends in der Welt waren derlei Fragen Gegenstand öffentlicher Verhandlung oder gar publicistischer Erörterung. Allerdings ist die „Oesterreichische Wochenschrift" auch nicht von dem Ehrgeiz erfüllt, unfreiwilliger Mitarbeiter Vergani's zu werden. Die Erdichtung aber, als sei der „Oesterreichischen Wochenschrift" die Subvention erhöht oder mit der Entziehung der Subvention gedroht worden, um ihr Schweigen zu erzwingen, ist eine derart nackte PreHbüberei, wie sie sonst nur von antisemitischen Preßbanditen ordinärster Sorte geleistet worden ist. Derlei ruhig über uns ergehen zu lassen, sind wir durchaus nicht gesonnen, für solch' gehässige und böswillige Verleumdung sind uns nicht sowohl die Urheber verantwortlich, sondern vielmehr jene Patrone, die solche „Leistung" houoriren. Wir wollen abwarten, ob Herr Richard Rappaport seiner Ehre wegen sich verpflichtet erachten werde, die Soldschreiber zur öffentlichen Vorlage der Beweise für ihre giftige Anklage zu nöthigen. Bei einiger moralischer Feinfühligkeit kann er sich nicht herabwürdigen lassen zum Zuhälter meuchlerischer Ehrabschneiderei. Vom Jahrmarkt des Lebens. Glossen zur Tagesgeschichte. (Der in Wien fabricirte Bericht des russischen Gregorig. — Die unerhörte st e Schurkerei des „Deutschen Volksblattes".) Das »Deutsche Volksblatt" ist wieder einmal im Begriffe, auf eigene Faust Untersuchungen anzustellen, die Wahrheit, die ohne seine Nachforschungen nie ans Tageslicht kommen würde, soll nicht länger verborgen bleiben. Man erinnert sich noch, wie in der Affaire Polna Herr Hans Arnold Schwer sich auf den Untersuchungsrichter hinausgespielt hat und in welcher »objectiven" Weise er seine Berichte abfaßte. Während andere Blätter in Vernachlässigung ihrer Pflicht das Resultat der richterlichen Untersuchung abwarten und es respectiren, bestellt das »Deutsche Bolksblatt", dem die Behörden nicht unparteiisch genug sind, seine eigenen Untersuchungsrichter. Aehnlicher Natur wie die Wahrheiten, die sich Herr Schwer über Polna leistete, sind die Enthüllungen, die das »Deutsche Volksblatt"' unter dem Titel „Kischenew im Lichte der Wahrheit" bringt. Die Thatsachen, die die ganze europäische Presse über Kischenew meldeten, sind so parteiisch gefärbt, daß sich Herr Vergani, der Ehrenbürger von Mühldorf und Bürger von Wien mit Nachsicht der Taxen, veranlaßt gesehen hat, an Ort und Stelle »objektive" Erhebungen pflegen zu lassen. Der Vertrauensmann, den er zuerst interviewen ließ, ist ein sehr berüchtigtes Individuum, Herr Scherban, der Präsident des südrussischen landwirthschaftlichen Syndicates, der sich auf den Bericht des Stadtältesten von Kischenew, Stepanow, an den Gouverneur von Beffarabien, von Raaben, stützt. Auf die Wiener Verhältnisse übertragen, hieße das etwa, Herrn Schneider oder Herrn G r e g o r i g über jüdische Verhältnisse befragen, wobei diese Herren, um ihren Worten größeren Nachdruck zu verleihen, sich auf einen Bericht des Herrn S t r o b a ch stützten. Derart »objectiv" sind die Gewährsmänner des »Deutschen Volksblattes", die, wie alle Lügner es thun, vorgeben, die Wahrheit und nichts als die Wahrheit zu sagen. Die Weisheit, die Herr Scherban verzapft und die das »Deutsche Volksblatt" mit so großem Pomp ankündigte, ist nichts weniger als neu. Dieselben Märchen kehren seit Jahr und Tag in der antisemitischen Presse wieder. Die Juden, die das christliche Volk bewuchern und reich werden, während die christliche Bevölkerung verarmt, die Juden, die billiger arbeiten, weil sie schlecht arbeiten, die Juden, die mit unsoliden Mitteln Geschäfte führen, alle diese hundertmal wiedergekäuten gemeinen Lügen hören wir auch von Herrn Scherban, und daß er sie in sehr alberner Weise vorbringt, macht die Sache nicht gerade amüsanter. Das Gehirn dieses Confidenten des »Deutschen Volksblattes"' enthält nach seinem eigenen Urtheil sehr wenig Verstand. Es gibt, sagt er, in Kischenew nur einige wenige christliche Advvcaten so wenige, daß er sich ihrer gar nicht entsinnen kann. Nun, wenn sich an einem Orte nur wenige Vertreter eines Berufes befinden, die angeblich ausschließlich seiner würdig sind, so muß es doch für einen Menschen mit gewöhnlichem Mutterwitz ein Leichtes sein, sich ihrer zu entsinnen. Die Juden, die also sehr reich sind, stehen nach der Angabe des Gewährsmannes des »Deutschen Vvlksblattes" alle im fvcialdemokratifchen Lager, sie werden in perfider Weise sogar ausdrücklich als Feinde des russischen Kaisers denuncirt. Wir haben bis jetzt immer gemeint, daß die Partei, die das Capital ernstlich bekämpft, die Socialdemokratie ist, daß also diren Anhänger sich nicht aus den Millionären zu recrutiren pflegen. Es ist ja möglich, daß der eine oder der andere Großcapitalist communistisch gesinnt ist, die Regel dürfte das aber, so haben wir wenigstens früher gedacht, nicht sein. Jetzt sind wir um eine lapidare Wahrheit reicher geworden. Nicht die Arbeiter, nicht die Angehörigen der Jntelligenzberufe bilden das Contingent der Socialisten, sondern die Wucherer und Ausbeuter. Durch die Verkündigung dieser sensationellen Thatsache hat sich das »Deutsche Volksblatt wieder einmal ein außerordentliches Verdienst erworben. Bisher lebten die Reichen immer in Angst vor dem »rothen Gespenst", in Deutschland forderten eben die Gesinnungsfreunde des mehrstöckigen Vergani alle Bürgerlichen zu geschlossenem Vorgehen gegen die Umstürzler, gegen die Feinde des Besitzes auf. Nun athmen wir wie von einem bedrückenden Alp befreit auf. Die angeblichen Bekämpfer des Capitals sind in Wirklichkeit Wucherer und Ausbeuter. Und noch eine interessante Neuigkeit meldet das »Deutsche Volksblatt". In der Schilderung der Judenverfolgung heißt es, wie die erbitterte Menge sich auf die Juden, deren sie habhaft wird, stürzt und sie tödtet, zuerst einen, dann zwei, dann in einigen Straßen mehrere zu gleicher Zeit, aber die Juden, das ist wirklich stark von diesen Leuten, haben sich nicht einmal ruhig todtfchlagen lassen, denn »man kann nicht sagen, daß sich die Juden friedfertig verhalten haben". Nicht einmal diesen Gefallen haben sie der Menge gethan. Da komme noch einer und trete für die Opfer der Massacres auf! Die »Wahrheit" über Kischenew ist bereits in Wien angelangt und ihr siegreiches Vordringen in alle vertrottelten Gehirne wird man nicht verhindern können. * q- * Nimmer erlahmt das »Deutsche Bolksblatt" in seinem Kampfe für das Recht. Nachdem es mit der Aufdeckung der Wahrheit über Kischenew eine der glorreichsten Thaten, die die Geschichte kennt, seinem Ruhmeskranze beigefügt hat, setzt es sich mit wahrem Heroismus für den gesunden Verstand des Jacob Bernstein reete Reich ein, der vergangenen Freitag den bekannten Zwischenfall bei der Fahrt des Kaisers auf der Mariahilferstraße hervorrief und den die bösen Judenblätter und ihnen zuliebe die Behörden und die Aerzte für irrsinnig erklärten. Das »Deutsche Volksblatt" weiß es besser. Es ist ein Unrecht, dem armen Juden seinen Verstand abzusprechen, behauptet Vergani, gestützt auf einen hervorragenden Psychiater, nämlich auf einen Hotelportier. Wir haben nicht das Vergnügen, diesen Herrn zu kennen, wir machen uns aber ein ungefähres Bild seines Wesens nach der folgenden charakteristischen Bemerkung: »Es waren schon viele Herren von Zeitungen bei mir, die wollen den Juden aussiputzen". In seinem Dienste als Portier wird der gute Mann wahrscheinlich von Juden ebenso wie von Christen Trinkgelder nehmen, den Hotelgästen gegenüber dürfte er einen anderen Ton anschlagen als den Verganischen Jargon, den er trefflich beherrscht. Wenn man übrigens die Unbefangenheit dieses Zeugen gelten lassen wollte, was würde es beweisen, daß der Irrsinnige auf ihn den Eindruck eines vernünftigen Menschen hervorrief? Es ist eine notorische Thatsache, daß Geisteskranke