Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 24 (12.6.1903)
- Date
- 1903-06-12
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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Nr 24 Dr. Bloches Wochrnfthriy. Sette 391 Als Else wieder zur Mutter zurückkehrte, wurde Meta ein oft und gerngesehener Gast der Blaustein'schen Familie. Als die Mahlzeit vorüber war, zogen sich die Damen auf ihr Zimmer zurück. In den Tagen, die nun folgten, trat in dem Verhältniffe zwischen Mutter und Tochter keine merkliche Veränderung ein. Bei oberflächlicher Betrachtung schien es wohl, als ob zwischen der Mutter und ihrem Kinde das alte, innige Verhältniß herrschen würde, denn Else plauderte so munter und fröhlich wie früher, und selbst die Mutter schlug den ehemaligen, freundlichen Ton an, aber der aufmerksame Beobachter hörte aus ihren Worten einen gewissen Zwang heraus. Ein Punkt war es besonders, der zwischen ihnen nicht berührt wurde, als hätten sie eine Vereinbarung darüber getroffen. Es war etwas Fremdes, das zwischen ihnen stand, wovon sie nicht sprachen, dem sie aus dem Wege gingen und das doch lebte und Beide im Geiste unausgesetzt beschäftigte. Beide litten unter diesem Zustande. Es hatte sich eine tiefe Kluft zwischen der zärtlichen Mutter und der liebevollen Tochter aufgethan. Wenn das geliebte Kind während der Ferialzeit aus der Pension zur Mutter kam, war Heller Sonnenschein in deren Heim eingezogen. Das sorglose Mädchen sprang und hüpfte im Hause herum, kehrte das unterste zu oberst und zauberte auf das ernste düstere Gesicht der Mutter gar oft ein lebensfrohes Lächeln. Als sie aus der Erziehungsanstalt gänzlich heimgekehrt war, da trug das jugendfrische, muntere Wesen des Kindes dazu bei, daß aus dem Herzen der Mutter die trüben Schatten der Vergangenheit zu weichen begannen; ein ruhiger Friede spiegelte sich auf dem Antlitze der Mutter ab, der die frühzeitig Gealterte zu verjüngen schien. Da sah die Mutter eines Tages durchs Fenster, wie ein Mann ihre Tochter begleitete. In diesem Manne erkannte sie ihren ehemaligen Verlobten. Entsetzen malte sich auf ihren Zügen. Sollte das ein Zufall sein? Als die Tochter das Zimmer betrat, fragte die Mutter, wer der Herr gewesen sei, der ihr das Geleite gegeben. „Das war ja der Onkel Maler, dem ich morgen sitzen soll", antwortete sie bis an die Haarwurzeln erröthend. Else hatte wohl schon oft vom Onkel Meta's als vom Onkel Maler gesprochen. Die Mutter stellte sich in diesem einen behäbigen alten Herrn vor. Daß ihr früherer Verlobter dieser Onkel Maler, das hätte sie nie vermuthet. — Und nun war der ehemalige Friede gewichen und an deffen Stelle eine Unruhe getreten, die sich Beider bemächtigt hatte. Wohl suchten sie diese zu verbergen, sie klang aber doch bei jedem Worte das sie wechselten, heraus. Das junge Mädchen liebte den Maler mit der ganzen Gluth ihres unerfahrenen Herzens, mit dem Feuer der ersten Liebe. Der Mutter schwebte das Schreckgespenst vor, daß von der Walde ihr Kind Wiedersehen und seine Verführungskünste fortsetzen könnte. Es war eine Angst in ihr, die sie Tag und Nachl nicht verließ und die ihr den Muth gab, den Entschluß zu saffen, Kurt aufzu;uchen. Aber auch die Tage der Angst und Unruhe schienen zu Ende zu gehen, denn in zwei Tagen sollten sie die geplante Reise antreten. Es war an einem Vormittage. Frau von Blaustein war ihrer Kammerzofe beim Einpacken behilflich, als die Haushälterin ins Zimmer trat, um irgend eine wirthschaftliche Frage zu besprechen. Frau v. Blaustein fragte, warum sie nicht Else zurathe gezogen. Jene antwortete, das gnädige Fräulein hätte sich schon vor einer Stunde in den Garten begeben. Kaum war die Haushälterin gegangen, so schützte Frau v. Blaustein heftige Migräne vor, ließ die Kammerzofe allein und eilte, wie von Furien gejagt in den Garten. Ihr Herz sagte ihr, daß Kurt bei ihrem Kinde sein müsse — vielleicht war es doch noch nicht zu spät. Dem Garten, den sie betrat, schloß sich ein weitausgedehnter Park an. Zwischen zwei Linden stand ein Ruhebänkchen, dort saß ihr Kind mit Kurt, dicht aneinandergeschmiegt. Bei diesem Anblicke blieb ihr das Herz fast stille stehen. Wilder Schmerz packte sie; sie hätte vor Verzweiflung aufschreien mögen. Schließlich faßte sie sich so weit, daß sie sich auf einem abseits gelegenen Pfade bis zu den Linden heranschleichen konnte. Sie rührte sich nicht, um ja keines der Worte zu verlieren, die von Kurts Lippen kamen. Was sie da Alles hören mußte! Der Athem ging ihr nur mühsam aus der Brust, das Blut pulsirte ihr gluthhetß durch die Adern. Dieselben Liebesworte, die er ihr einst in's Ohr geflüstert, wiederholte er ihrer Tochter. Seine Augen sprühten Funken, sein Antlitz war geröthet. Das Angesicht des Mädchens war bleich. Wie von einem Banne befangen, lauschte sie seinen Worten. Er bat sie, mit ihm zu fliehen. Darin wollte das Mädchen nicht einwilligen, denn die Mutter, so sagte sie, die ihr nichts versage, werde ihr doch auch diesen Wunsch erfüllen. Kurt schilderte ihr darauf in kurzen Worten sein Verhältnis zu ihrer Mutter, die er zu lieben geglaubt hatte, und wie er das Verlöbniß gelöst, als er seinen Jrrthum bemerkt hatte. Das Alles mußte die Mutter mit anhören. Das Herz drohte ihr stille zu stehen, und dennoch hielt sie an sich. Sie wollte den Kelch des Leides bis zur Neige leeren. Es gelang Kurt's Ueberredungskunst. Else zur Flucht zu bewegen, die während der Reise mit ihrer Mutter vor sich gehen sollte. Dann verabschiedeten sich die Liebenden von einander. Kurt verließ den Garten durch ein Nebenthürchen. Nun trat die Mutter aus ihrem Verstecke hervor. Else erschrack so heftig, daß das ohnehin blasse Gesicht so bleich wurde, als wäre jeder Tropfen Blut daraus gewichen. „Kind, warum hast du mich hintergangen?" Else sank ihrer Mutter zu Füßen, umschlang deren Knie und sprach mit von Schluchzen unterbrochener Stimme: „Herzliebste Mutter! Ich konnte nicht anders, ich liebe Kurt von ganzem Herzen, liebe ihn über Alles." „Laß' ab, mein Kind. Kurt von der Walde liebt in dir nur die reiche Erbin, er bethört dich nur, um mit deinen Besitzthümern seinen Leidenschaften stöhnen zu können. Er ist ein infamer Schurke." „Mutter, liebste Mutter, nimm dieses Wort, dies garstige Wort zurück, du stichst mir Dolche in's Herz." „Sei nicht thöricht, mein Kind, du bist mir ja doch das Theuerste auf Erden, und ich will dich doch glücklich sehen. Aber laß' ab von diesem Elenden, denn niemals könntest du an seiner Seite glücklich werden." „Nie? Warum? Das glaubst du, herzliebste Mutter, weil er ..." „Sprich aus, was der Elende dir zugeflüstert und was ich mit meinen eigenen Ohren hören mußte. Daß er mich treulos verlaffen, weil er seinen Jrrthum eingesehen, bevor er mich und sich für immer unglücklich machen wollte." „Mutter, laß' doch die Vergangenheit vergeffen sein." „Schweig', thörichtes Kind, niemals wirst du die Seine." „Ich liebe dich über Alles, theuerste Mutter, aber diesmal mußte ich dir den Gehorsam verweigern. Ich liebe Kurt mehr mehr als mein Leben." „Meine Einwilligung, meinen Segen erhältst du nie und nimmer." „Mutter, liebste Mutter, es fällt mir schwer, aber es muß doch gesagt werden; dann muß ich ohne deinen Segen mein Glück..." Die Mutter schnitt ihr das Wort ab und sprach voll Bitterniß: Kennst du nicht das fünfte Gebot?" „Ja Mutter. Es gab eine Zeit, wo ich auf dieses Wort hin allein entsagt hätte, doch du selbst spötteltest über das vierte Gebot, ließest mich lehren, daß alle Gebote nur Menschenwerk seien, daß man sich nicht um Heiliges zu kümmern brauche. Jetzt forderst du von mir Ehrsucht, die Erfüllung des göttlichen Gebotes? Ich kenne nur noch die menschliche Satzung: „Liebe Vater und Mutter und dieses Gebot, das die Natur uns befiehlt, es hat seine Grenzen. Bedingungslos wäre nur das Gotteswort. Die Liebe zu Vater und Mutter aber, wozu das Herz mahnt, wozu die Bande des Blutes uns verpflichten, sie muß schwinden, wenn jene das Glück ihres Kindes erbarmungslos vernichten wollen. Ich kann von Kurt nicht laffen." Mit diesen Worten wandte sich die Tochter von der Mutter ab, um den Garten zu verlaffen. Kaum, daß sie sich umgewandt, stieß die Mutter einen gellenden Schrei aus und stürzte zusammen. Else fiel über ihre Mutter hin, doch sie konnte nur mehr deren entseelte Hülle mit ihren Armen umfangen. Ende.