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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1903-06-12 · 24 (12.6.1903) · page 11

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
20 (1903)
Issue
24 (12.6.1903)
Date
1903-06-12
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 34 Dr. Vloch's WochrnfttzrM Sette 387 Ex-Präfident Cleveland^s Rede. In geharnischter Weise macht er gegen die Greuelthaten Front. Ex-Präsident Cleveland äußert sich wie folgt: „Ich habe nur wenige Worte zu sagen, aber ich wünsche unter Diejenigen gezählt zu werden, welche von Herzen mit den Zwecken und Zielen dieser Versammlung sympathisiren. Die Einflüsse, welche uns hier zusammenführen, sind der Erkenntniß der Bestimmungen christlicher Civilisation entstanden und unserer pflichtgetreuen Hingebung zu den besten und tiefsten unserer nationalen Charakteristiken. Diese Versammlung liefert erfrischendes Zeugniß, daß unsere amerikanische Sympathie mit den Bedrückten und mißhandelten Einwohnern, wo immer sie leben mögen, unsere amerikanische Liebe für Humanität und unsere Hingebung zu Recht und Gerechtigkeit noch activ und unerschüttert sind. Weiter ist ein anderer Faden, der unseres nationalen Charakters, eingewoben, der heute hier in erfrischender Weise veranschaulicht wird. Wenn die Sympathie unseres Volkes berührt wird, wenn man seine humanen Jnstincte herausfordert und wenn sein Haß gegen Unterdrückung wachgerufen, so scheut es sich nicht zu sprechen und wird bei solchen Gelegenheiten seine Worte nicht in vorsichtiger Weise verschleiern. Jedes amerikanische bumane Gefühl ist durch den letzten Angriff auf die Juden in Rußland — mörderischer Natur und in jeder Weise schauderhaft — erschüttert worden. Als Mitglieder der menschlichen Gesellschaft und Bürger einer freien Nation geben wir heute dem Gefühle Ausdruck, das jeden wahren Mann und jeden Amerikaner, der dieses Namens werth ist, ergreifen sollte. Es liegt etwas intensiv Schreckliches in den Maffenmord von ruhigen wehrlosen Männern, Frauen und Kindern, denen unter einer angeblich civilisirten Regierung Schutz und Sicherheit versprochen wurde. Solche Dinge rufen die Furcht wach, daß sogar das erleuchtete zwanzigste Jahrhundert die Barbarei der menschlichen Natur weder zerstört noch unterdrückt hat und die civilisirte Welt von des Menschen Unmenschlichkeit gegen Menschen noch nicht erlöst hat. Wir und alle unsere Landsleute protestiren in der stärksten Sprache, welche uns zur Verfügung steht und mit der gesammten moralischen Kraft, die uns unser amerikanisches Bürgerthum gibt, gegen diese Morde und Ausschreitungen, und ^bestehen darauf, daß strenge und angemessene Strafe Diejenigen erreicht, welche jene barbarischen Verbrechen begingen. Und das genügt nicht. Wir werden als gute Amerikaner und mit offener Hand die Familien, die durch Mord ihrer Ernährer beraubt wurden, unterstützen, ebenso Diejenigen, welche von Hunger und Schreck getrieben aus ihren Heimwesen flüchteten. Ich weiß wohl, wie uns unsere Indignation dazu treibt, starke Sprache zu gebrauchen, und die Versuchung an uns herantritt, übertriebenen Berichten und extravaganten Forderungen bei solchen Gelegenheiten wie dieser, Glauben zu schenken. Aber in dieser Angelegenheit können wir nicht weit genug gehen. Ich kann mich nicht enthalten, zu sagen, daß der moralische Effect unseres Protestes nicht vermindert wird, wenn wir unzweifelhafte Beweise verlangen, ehe wir die russische Regierung des schuldigen Einverständnisses mit den innerhalb ihrer Grenzen verübten Verbrechen beschuldigen und es scheint mir, daß wir wohl die Beziehungen zwischen Nationen erwägen müffen, ehe wir zu prononcirte Einmischung seitens unserer Regierung verlangen. Ich will nicht sagen, daß die ruffische Regierung infolge von Nachläffigkeit oder Nachsicht unsere Verurtherlung in gerechter Weise verdient, aber wir sollten nicht zu schnell sein, um dieses anzunehmen, da wir eingedenk sein müffen, daß wir selbst nicht rechtzeitig imstande waren, mörderische Angriffe auf Chinesen in Wyoming und Italiener in New Orleans zu verhindern. Ich bin entschieden dafür, daß unsere Regierung in nicht mißzuverstehender Weise über unsere Indignation und unsere Verdammung der Vergewaltigung der Juden in Rußland unterrichtet wird. Ich hoffe indeß, daß in Uebereinstimmung mit amerikanischem Conservatismus und amerikanischer Mäßigung, die sich nicht lange verbergen können, wir gerecht und billig handeln und davon Abstand nehmen, unsere Regierung in Verlegenheit zu bringen, und sie zu gewaltsamen Vorgehen zu zwingen. Unsere öffentlichen Diener sollen uns sprechen hören, aber wir sollten ihnen vertrauen, daß sie unsere nationale Ehre wahren. In der Zwischenzeit mögen sich die Bürger der Vereinigten Staaten zusammenschaaren, in Versammlungen wie dieser und in allen Theilen des Landes furchtlos zu der civilisirten Welt sprechen, energisch protestiren gegen jede vorgebliche Civilisation, welche mittelalterliche Verfolgung gestattet, prolestiren gegen jede bigotte Confeffion, welche religiöse Toleranz und Gewissensfreiheit nicht gestattet, protestiren gegen falsche Erleuchtung, die Haß und Grausamkeit gegen irgend eine Menschenrace entschuldigt, protestiren gegen alle falschen Formen von Regierungsschutz, der irgend einem menschlichen Wesen das Recht, in Ruhe zu leben und in Frieden zu arbeiten, raubt/ Nachdem sich der fünf Minuten lange Beifall gelegt, mit welchem man Herrn Cleveland belohnt hatte, nahm Herr Jacob Gould Schurmann das Wort. Er meinte, daß es keiner großen Agitation bedürfe, um das Mitleid und die Indignation des amerikanischen Volkes zu erwecken, sondern daß die einfache Thatsache, wie sie von Kischenew berichtet wurde, genügte. Angesichts dieser Scheußlichkeiten sei es überflüssig, an das Gemüth zu appelliren und lange Reden zu halten. Herr Schurman schilderte die Greuel in beredter Weise und behauptete, daß die Dakotahs oder die Apachen nicht so teuflisch zu Werke gegangen seien, als die Leute in Rußland, in dem civilisirten. christlichen Rußland. Aber das Schlimmste ist, daß gar keine Entschuldigung, kein mildernder Umstand vorliege. Der Historiker müsse constatiren, daß ein christlicher Mob eine unprovocirte Schlächterei der harmlosen unbeschützten Juden verübt habe. Unzweifelhaft habe die Religion damit zu thun gehabt, aber Religionsunterschiede haben immer existirt und in Kischenew hätten Juden und Christen lange in Frieden zusammengelebt. Seit Kurzem jedoch habe die antisemitische Bewegung, die sich unglücklicherweise über Europa verbreitet, auch Kischenew erreicht. Eine antisemitische Zeitung sei in der Stadt gegründet worden, die stets die Vernichtung der Juden predigte, und wenn der Mob schließlich diesen Rath befolgte, so sei er nicht mehr zu tadeln, als der Redacteur. Der russischen Administration, welche das Vorgehen der Zeitung duldete, würde es schwer werden, die Verantwortung für die Folgen abzuschütteln. Herr Schurman gibt sich der Hoffnung hin, daß der Czar den Juden die ganzen Rechte und Privilegien der Russen verleiht, wenn nicht, dann sind sie in Amerika stets willkommen. Mit großem Beifall wurde die Rede Dr. McArthur's ausgenommen. In drastischer Weise schilderte Redner die Borkommniffe in Kischenew und wies aus die Ursachen dieser Greuelthaten hin. „Rußland ist der große Bär unter den Nationen", führte Dr. McArthur an. „Rußland ist der mittelalterliche Barbar in unserer modernen Civilisation. Seit der Krönung Jvan's des Großen im Jahre 1462 haben die russischen Kaiser sich eingebildet, sie seien Bicegötter; seit der Zeit haben die Czaren das göttliche Recht, die Welt zu regieren, für sich in Anspruch genommen. Rußland will nun die Welt beherrschen. Es wollte Sibirien haben, und nahm es einfach; es wollte Centralasien, und ist nun dabei, es sich anzueignen; es will Indien haben, es wünscht den Besitz der ganzen Welt. Doch Amerika ruft ihm ein energisches „Halt" entgegen. Aus keinem Palast Europas tönt eine stärkere Stimme als diejenige, welche aus dem Weißen Hause in Washington kommt. Es ist die Stimme der Freiheit, und auch Rußland wird hören müffen. Gleiche Rechte allen Menschen sei unser Wahlspruch." Beschlossen wurde alsdann einstimmig, für eine gerechte und unparteiische Behandlung der Juden in Rußland einzutreten und gegen den Geist mittelalterlicher Verfolgung, der sich in einigen Tbeilen von Rußland zeigt, zu protestiren, zugleich unseren jüdischen Mitbürgern unser Beileid auszusprechen für die Heimsuchungen ihrer Glaubensgenossen in Rußland. Endlich wurde beschlossen, daß die Vereinigten Staaten ihren Einfluß aufbieten, um die Regierung von Rußland zu bestimmen, diesem Geist der Verfolgung zu wehren, den Juden von Kischenew Abhilfe zu schaffen und weitere derartige Vorkommnisse unmöglich zu machen. Der letzte Redner des Abends war der filberzüngige Anwalt Edward M. Shepard. Er sagte im Wesentlichen: „Wenn ich meinem Gefühle folgen dürfte, so würde diese Versammlung mit den Worten, die ich soeben gehört habe, schließen. Ich kann auch nur „Amen" sagen. Wir müffen einen Warnungsruf erschallen laffen. Sie und ich haben ein Recht, unsere Indignation zum Ausdruck zu bringen. Sehen wir darauf, daß die Uebelthäter die verdiente Strafe erhalten. Wenn Sie eine Regierung haben, die mächtig genug ist, Schwache zu schützen, das ist eine gute Regierung".

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