Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 24 (12.6.1903)
- Date
- 1903-06-12
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 24 Vr. Moch's Wochsnschrifl. Seite 383 Dörfern nur wenig informirt, dafür aber wiffen die Behörden ganz genau Alles/ was vorgeht. Sie bemühen sich allerdings, dem allzu heftigen Treiben der antisemitischen Agitatoren Einhalt zu thun. Sieht man auch die Bewegung gegen die Juden in Rußland nicht ungern, so wünscht man doch, daß im Ausland möglichst wenig davon verlaute. Es wurden umfassende Maßregeln getroffen, daß nichts von den Vorgängen über die Grenze dringe. Briefe und Telegramme werden aufs Strengste censurirt, die Reisenden werden genau untersucht rc. rc. Wenn die russische Regierung das Treiben der antisemitischen Agitatoren einigermaßen einzudämmen versuchen will, so geschieht das offenbar aus Grund der üblen Erfahrungen, die sie in Kischenew machen mußte. Wien. Geehrter Herr Redacteur! Anknüpfend an das vor Kurzem in Ihrem geschätzten Blatte erschienene „Eingesendet" des Herrn Albert Mandlbaum, erlaube ich mir, Sie zu bitten, ihm an dieser Stelle für seine fürsorgliche Anregung im Namen vieler Frauen zu danken. Gleichzeitig bitten wir die geehrte Redaction, an maßgebender Stelle sich für die von Herrn Albert Mandlbaum angeregte hygienische Maßregel gütig zu verwenden. Es wäre eine gründliche Lüftung des Gotteshauses umso wünschenswerther, als es auch vorkommt, daß Leute den Tempel besuchen, auch wenn in ihrer Familie ein Mitglied an einer beliebigen Jnfection erkrankt ist, nicht daran denkend, daß aus diese Weise manche Krankheit weitere Verbreitung findet. Aber davon ganz abgesehen, genügt es ganz und gar nicht, blos vor und nach dem Gottesdienste den Tempel zu lüften, es müsse auch während der Andacht eine genügende, gesunde Ventilation stattfinden. Ich selbst muß das Bedürfniß, meine Andacht im Tempel der inneren Stadt zu verrichten, regelmäßig mit heftigen Kopfschmerzen büßen. Also wir bitten um tägliche, gründliche Lüftung des Gotteshauses, welches wir besuchen, um uns zu erbauen, unser religiöses Bewußtsein zu stärken, nicht aber um krank zu werden. Mit bestem Dank für die gütige Aufnahme dieser Zülen. hoffend auf Erfolg. Im Namen mehrerer fleißiger Tempelbesucherinnen. — L. W. — Wien. (Der Währinger Friedhof.) Herr Redacteur! Gestatten Sie, daß ich in Ihren Spalten dem schmerzlichen Erstaunen Ausdruck verleihe, das mich befiel, als ich nach mehrmonatlicher Pause den Währinger Friedhof wieder besuchte. Fast hundert Jahre (1703—1879) wurden die Angehörigen unserer Gemeinde in diesem „Hause des Lebens" zur Ruhe gebracht und kaum gibt es eine hier ansässige Familie, welche nicht theure Verstorbene dort zu betrauern hätte. Die Erinnerungen der Einzelnen und die Geschichte der Gemeinde sind mit den dort befindlichen Gräbern eng verknüpft; das Bild des Friedhofes, wie sich dies im Laufe jenes Jahrhundertes allgemach gestaltet hatte, birgt wohl für Jeden aus unserer Gemeinde pietätvolles, trautes Gedenken. Wie sehr war ich betroffen, als ich nunmehr dieses Bild wesentlich verändert fand, indem ein Theil des Friedhofes, und zwar der älteste und bedeutsamste, gartenähnlich umgestaltet worden ist. Alle Grabhügel wurden planirt, das Niveau durch Erdanschüttung gehoben, wodurch zahlreiche Grabsteine wie eingesunken erscheinen, die zwischen den Grabsteinen führenden Fußpfade verschüttet, die Wege nach dem Lineal geregelt, die altgewohnte Physiognomie des Friedhofes total verändert. Während ehedem die regellose Gruppirung der Grabsteine und der Anpflanzungen einen malerischen Anblick gewährten, hat der mit der „Verschönerung" betraute Gärtner diese Wirkung gründlich zerstört — ohne Rücksicht aus die mit jenem früheren Bilde untrennbar verbundenen Erinnerungen und ohne Verständniß für die pittoreske und poetische Bedeutung des Alterthümlrchen. Ob es dem religiösen Gefühle entspricht, die Grabstätten der Ahnen in einen Ziergarten umzuwandeln, die von treuer Hand gepflanzten Bäume und Sträucher gegen Kunstgärtner-Arbeit zu vertauschen, die Individualität zahlreicher Gräber der Uniformirung aufzuopfern, bleibe dahingestellt. Mir ist die Veränderung wie eine Versündigung erschienen, ein Vergehen gegen die Majestät des Ortes, eine groteske Modernisirung der Tradition. Hat sich denn im Vorstände keine Stimme gegen solchen Verstoß an künstlerischen und religiösen Sinn erhoben? Wo blieben die Künstler, die dem Vorstand angehören, als man daran ging, die unersetzliche Patina wegzukratzen, welche das liebe Bild weihevoll gefärbt hatte? Und ist denn überhaupt ein Vorstand berechtigt, dieses mit den Erinnerungen unserer Jugend, mit den Vorkommnissen unseres Mannesalters untrennbar verwobene Bild mit rauher Hand zu verändern? Dem Vernehmen nach hat der Vorstand diese sogenannte „Verschönerung" in der Absicht vorgenvmmen, um etwaige Bestrebungen der Anrainer gegen den Fortbestand des Friedhofes zu vereiteln. Sonderbare Logik! Die Verwaltung der Commune, welche den unentbehrlichen Kinderpark dem Verkehre geopfert hat, wird sich durch die Parkanlagen des Vorstandes in ihren Plänen nicht abschrecken lassen. Weit eher hätte ihr der alterthümliche Charakter des Friedhofes imponirt, der nun schonungslos preisgegeben ist. Das Heilmittel erscheint bedenklicher als das Uebel. Wenn irgendwo das alte Wort cjuieta non movere gilt, so ist's gewiß am Friedhof. Ewig schade, daß der Vorstand sich dies nicht vor Augen gehalten hat. Für die jüdischen Gewerbetreibenden. Wir befinden uns gegenwärtig in einer Periode wirthschaftlich schwieriger Verhältnisse. Wir wollen darüber nicht streiten, ob der Ansdruck „Krise" zur Kennzeichnung der Lage ein berechtigter ist, oder ob damit zu viel gesagt würde. Auf die Thatsache kommt es an und nicht auf den Namen, die Thatsache ist aber unzweifelhaft feststehend, daß die Erwerbsverhältnisse sich sehr ungünstig gestalten. Der Finanzminister hat es in seiner Budgetrede zugestanden, die Berichte der Handelskammern constatiren es seit einer Reihe von Jahren, die Generalversammlungen der Actiengesellschaften widerhallen von der gleichen Klage; zahlreiche Genossenschaften haben den Behörden gegenüber die traurigen Verhältnisse ihrer Mitglieder geschildert; die Sparcassen machen kein Hehl daraus, daß sich die Lage von Jahr zu Jahr verschlechtere. Wir berufen uns also auf classische Zeugen, und man kann nicht etwa uns nachsagen, daß wir „Grau in Grau" malen, um tendenziöser Zwecke willen. Die Wirkungen dieser verschlechterten Erwerbsverhältnisse empfindet der Staat, die wirthschaftlichen Gesellschaften, alle Kreise der Bevölkerung, am unmittelbarsten aber die Gewerbetreibenden und am intensivsten die jüdischen Gewerbe treibenden. Wird den christlichen Gewerbetreibenden der Brodkorb höher gehängt — so wird er den jüdischen von einem Theile der Mitbürger ganz entzogen. Die Thatsachen beweisen, daß der „kleine Mann", zu dessen Rettung angeblich die Christlich-Socialen auszogen, nichts weniger als gerettet wurde; es geht ihm schlechter als vorher, und die wenigen Protectiouszuwendungen, dieeinzelnen Gewerbetreibenden zu Gute kommen, haben nur einem ganz geringen Bruchtheil der Bevölkerung Vortheile gebracht, der Masse aber gar nichts genützt. Der Arbeitskreis der jüdischen Gewerbetreibenden ist aber umsomehr eingeengt, als sie in Folge der politischen Verhältnisse, die auf die socialen zurückwirken, 60 ipso auf einen kleinen Kreis angewiesen sind, und sie sind es daher, für die wir heute das Wort ergreifen wollen. Wir haben in Wien zwei Institutionen, die sich dieses Kreises unserer Glaubensgenossen besonders nachhaltig annehmen, der Verein für Arbeitsvermittlung und der Verein zur Unterstützung israelitischer Gewerbetreibender und Handwerker. Wir wissen wohl, daß auch noch zwei andere Vereine bestehen, die sich eifrig der Förderung jüdischer Gewerbetreibender annehmen, wir heben aber die ersteren hervor, weil uns ihr Gebühren als das systematische und einer nachhaltigen Mitwirkung der weitesten Kreise empfehlenswertheste und bedürftigste erscheint. Beider Ziele sind darauf gerichtet, die Arbeitsfähigkeit aufrecht zu erhalten: der eine durch Zuweisung von Arbeit, der andere, indem er durch unverzinsliche Darlehen den Gewerbetreibenden eine Stütze zu bieten bemüht ist, die der Verarmung ebenso entgegenwirken soll, wie sie im Stande ist, durch Gewährung von Vertrauen das Selbstvertrauen zu stärken. Man möchte meinen, daß es gar keiner Auseinandersetzung weiter bedürfte, um den Werth dieser beiden Vereine zu erweisen, ja, sie als nothwendige Glieder der richtigen socialen HilfSthätigkeit, als unentbehrliche, einander logisch ergänzende Factoren darzustellen. Wer aber die Jahresberichte dieser beiden Vereine aufmerksam verfolgt, wird uns zustimmen, daß die beiden Vereine es noch immer nöthig