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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1903-06-12 · 24 (12.6.1903) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
20 (1903)
Issue
24 (12.6.1903)
Date
1903-06-12
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 382 Dr. Bloches Wochsnschrifk. Nr. 24 Rom, 8. Juni. Das Kischenew-Comite, unter Vorsitz Luigi Luzatti's, beschloß, eine große öffentliche Protestkundgebung gegen die Gräuel von Kischenew zu insceniren und dazu alle Senatoren, Abgeordneten, Beamten, die Bürgerschaft, sowie sämmtliche Vereine Roms einzuladen. Der Papst und die Ritualmorde. London, 9. Juni. Der frühere englische Gesandte in Wien, Sir Rumbold, schreibt an die „Times": Er habe zur Zeit des Ritualmordproceffes in Polna mit Wissen seiner Regierung sich an den damaligen Nuntius in Wien gewendet, um vom Papst autoritative Verwerfung der Blutlüge zu erwirken. Der Nuntius gab zu, daß die Beschuldigung nicht nur scandalös, sondern auch vernunftwidrig sei, und versprach, nach Rom zu berichten. Er bemerkte aber gleich, daß zwar seit Jahrhunderten die Curie die Juden vor Verleumdung und Unterdrückung zu schützen suche, so weit es möglich sei, daß aber der Antisemitismus in Oesterreich großentheils den politischen Bestrebungen einer gewissen Partei diene. Rumbold zweifelt nicht, daß der Nuntius sein Versprechen, nach Rom zu schreiben erfüllte, aber ohne Erfolg zu haben. Oesterreichischer Reichsrath. Sitzung des Abgeordnetenhauses vom Dienstag den 9. Juni 1903. Die Abgeordneten Dr. Ofner und Dr. Straucher interpelliren wegen der Zudenmaffacres in Kischenew. In der Interpellation heißt es: Wochenlang hatte der „Bessarabetz" wüthende Hetzartikel geschrieben, Ritualmordlügen verbreitet und dem Volke eingeschärft, während der Ostertage Heiligenbilder und Osterkuchen als Erkennungszeichen in die Fenster zu geben. Offen hatte man in der Nachbarschaft verkündet, man solle in den Ostertagen nach Kischenew, man dürfe den Juden Alles nehmen, der Czar erlaube das. Augenzeugen berichten, daß unter der Bande Beamte waren, daß Sicherheitsleute über ihrer Uniform Civilkleider trugen und die Banden anführten. Die Zahl der zerstörten Häuser beträgt in runder Zahl 700. außerdem sind 600 Geschäfte zerstört. Die Zahl der Menschen, die obdachlos geworden sind, ist auf 10.000 Personen oder 2000 Familien zu schätzen. Auf der Stelle wurden bei den Maffacrcs 45 Personen getödtet, 84 schwer, mehr als 500 leicht verwundet. Die Zahl der Personen, die mittelbar von den Ausschreitungen betroffen wurden, weil sie ihre Erwerbsquellen verloren haben, ist auf 20.000 zu schätzen. Die Interpellanten verkennen nicht, daß die Kritik einer in einem fremden Lande begangenen That in enge Schranken gebunden ist, aber sie ist trotz dieser Grenzen berechtigt, wenn ein gewiffes Maß der Unmenschlichkeit überschritten ist. und schon in einigen Präcedenzfällen haben befreundete Mächte Vorstellungen gemacht, die auch in der epidemischen Natur von Unruhen begründet sind, welche durch Fanatisirung bildungsloser, gewaltthätiger, hungriger Maffen entstehen. Im vorliegenden Falle ist die Gefahr dringend, weil die ruffifchen Pfingsten bevorstehen, und dieses Fest ebenso wie das Osterfest von Niederträchtigen benützt zu werden pflegt, um den Fanatismus der Menge zu Ausschreitungen zu Hetzen. Es wird daher die Anfrage gestellt: Ist Se. Excellenz geneigt, sich mit dem Minister des Aeußern in Verbindung zu setzen, daß dieser die russische Regierung auf die Verletzung alles menschlichen Gefühls durch die Kischenewer Blutthaten und auf die hohe Gefahr derselben für den allgemeinen Frieden aufmerksam mache und sich bei ihr für kräftige Maßnahmen zur Verhütung weiterer derartiger Greuel einsetze? Correspondenzen. Wien. In fämmtlichen Tempeln der Wiener Eultusgemeinde, sowie in den Synagogen der Wiener Tempel- und Bethausvereine wurde am zweiten Schewuothfesttage durch die Herren Rabbiner beim Maskir-Gebete auch ein Gebet dem Andenken der Opfer von Kischenew gewidmet". Sämmtliche Prediger brachten ihre Festesbetrachtungen mit den Greuelthaten in Kischenew in Verbindung und forderten die versammelte Gemeinde zu reichlichen Spenden für die armen Glaubensbrüder in Rußland auf. Auch der „Verein zur Abwehr des Antisemitismus in Wien" betheiligte sich an der Hilfsaction, insoferne er einen Betrag dahin sandte. — Diese Liebesgabe war von einem Schreiben begleitet worden, dessen Inhalt uns zur Kenntniß kam und welches wir nicht anstehen, unseren Lesern mitzutheilen — als einen wenigstens theilweisen Trost inmitten des namenlosen Unglücks — und als Beweis, daß die wahre Bildung auch auf christlicher Seite diese entsetzlichen Ausbrüche beklagt — wenn es dieses Beweises noch bedürfte. Es lautete: „An den geehrtenVorstand der israelitischen Cultusgemeinde in Kischenew. Zu Ostern 1903 erschütterte die Welt die Kunde von einer in Kischenew und Umgebung vorgefallenen Barbarei, wie sie nur noch das dunkle Mittelalter aufzuweiseu hat. Jedes weitere Wort auch der schärfsten Verurtheilung und Verdammung dieser fluchwürdigen Vorkommnisse würde nicht ausreichen, um dem Entsetzen hierüber entsprechenden Ausdruck zu verleihen. Dem „Verein zur Abwehr des Antisemitismus in Wien" ist es tiefstes Herzensbedürfniß, dem geehrten Cultusvorstand seine aufrichtigste Theilnahme angesichts der Ungeheuerlichkeiten, welche an unseren jüdischen Mitbrüdern begangen worden sind, auszusprechen. Der Unterzeichnete Verein bedauert, durch seine Statuten nur an eine im Stillen wirkende, jede politische Action ausschließende Thätigkeit gebunden zu sein — welche ja auch die gegenwärtig in der Macht sitzenden Agitatoren treffen müßte — er ist daher nur imstande, durch Belehrung und dahingehörende Vorkehrungen für die Zukunft vorzusorgen; dem Unglück selbst gegenüber werkthätig einzugreifen, ist uns bei unseren beschränkten Mitteln nur im bescheidensten Umfange möglich — und nur als Zeichen unseres guten Willens bitten wir den verehrten Cultusvorstand die beifolgenden K 200.— als kleine Gabe für die armen Getroffenen in Empfang nehmen zu wollen. Mit der Versicherung aufrichtigster Werthschätzung und Verehrung ergebenst Verein zur Abwehr des Antisemitismus. Professor Dr. Nothnagel m. p. F. R. Engel m. p. Dr. Josef Freiherr von Seiller m. p. Schriftführer. Vice-Präsident. Möge es vieler solcher Gleichgesinnten geben, wie die an der Spitze des Vereines Stehenden, welche es heutzutage wagen, die Juden Mitbrüder zu nennen! Lemberg. (NeuerlicheJudenunruhen inRußl a u d.) Beim „Slowo Polskie" lief am 8. d. M. Nachmittags von der Grenze die Meldung von neuerlichen Gewaltacten gegen die Juden in Rußland, nahe der österreichischen Grenze, ein. Nach der Depesche sind die Excesse am 7. d. M. in dem russischen Städtchen Beresteczko, das circa vierKilometer von derBezirkshauptmannschaft Brody entfernt liegt, ausgebrochen. In der Stadt wurde gerade Jahrmarkt abgehalten und es hatten sich circa 20.000 Banern aus der Umgebung eingefunden, die Drohungen gegen die Juden ausstießen. Es entstand eine große Panik. Die Juden wandten sich telegraphisch an den Gouverneur um Hilfe, deshalb blieben in der Stadt sämmtliche Läden geschlossen. Hunderte von Juden sollen die Stadt verlassen haben und eine große Anzahl von ihnen kam auch nach dem galizischen Grenzorte Uzyn im Brodyer Bezirk. Nähere Einzelheiten liegen noch nicht vor. In rumänischen Blättern wird ebenfalls berichtet, daß unter den russischen Bauern lebhaft agitirt wird, um sie zu veranlassen, die Städte zu überfallen und die jüdische Bevölkerung auszurauben und zu massacriren. Hunderte von antisemitischen Emiffären arbeiten, so melden rumänische Blätter, auf dem flachen Lande und verwenden für die Agitation reiche Geldmittel, von denen man nicht weiß, woher sie rühren. Die Agitation stützt sich die auf confessionelle Abneigung und auf die Thatsache, daß die vollständig verarmte Bauernschaft aufgehetzt wird, sich durch Beraubung der Juden zu bereichern. An manchen Orten ist die Aufregung unter den Bauern so groß, daß die antisemitischen Führer selber für den Augenblick dieBewegung einzudämmen suchen, bis ihre Agitationen überall Wurzel gefaßt haben, damit dann der Sturm von allen Seiten gegen die Juden ausbreche. In den ruffischen Städten ist man über die Vorgänge auf den

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