Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 24 (12.6.1903)
- Date
- 1903-06-12
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 24 Dr. Bloch's Wochenschrift. Sette 881 deren Commandant den Auftrag erhielt, jeden Versuch, in das Palais zu gelangen, mit Waffengewalt zurückzuweisen. * * * Ein anderer Augenzeuge beklagt sich bitter darüber, daß die Richter, welche über die Plünderer und Mörder zu Gericht sitzen, fast alle freisprachen. Von 127 Angeklagten, welche in der abgelaufenen Woche vor Gericht standen, wurden 119 freigesprochen, die andern zu kleinen Arreststrafen verurthcilt. Auch den officiellen Bericht des russischen „Regierungsboten" über die Vorgänge von Klschenew bezeichnen die in Wien weilenden Augenzeugen als unrichtig. Die Behauptung des Berichtes daß ein jüdischer Carroussel-Besitzer ein Christenweib mißhandelt hätte, sei eine Unwahrheit. * * * Auf die Frage, wohin sie nun zu gehen beabsichtigen, antworteten die Flüchtlinge im Tone vollster Resignation: „Uns ist es ganz gleichgiltig, wohin. Wir wollten nur die Stätte unseres beständigen Unglückes so rasch als möglich verlassen, um wenigstens das nackte Leben zu retten. Denn die Judenverfolgungen in Rußland haben mit Kischenew nicht ihr Ende gefunden.'' Das Verhallen der ruffischen Regierung. Wie seinerzeit bereits gemeldet wurde, haben die Petersburger Schriftsteller in einer Mitte Mai abgehaltenen Versammlung, welcher mehr als zweihundert Vertreter der Journalistik und der Literatur beiwohnten, einstimmig eine Resolution gefaßt, in welcher die Blutthaten von Kischenew in den schärfsten Ausdrücken gebrandmarkt und die maßlosen Beschränkungen aller Rechte der Juden in Rußland als die tiefere Ursache der Juden- Maffacres bezeichnet wurden. Die Resolution konnte jedoch mit Rücksicht auf ihren anti-gouvernementaleu Charakter der Oiffentlichkeit nicht bekanntgegeben werden. Um aber auch öffentlich die Gräuel von Kischenew zu brandmarken, beschlossen die Schriftsteller, ein in diesem Sinne abgefaßtes Schreiben in den Blättern zu publiciren. Aber bei der Verwirklichung dieses Vorhabens zeigte sich, wie sich die russische Bureaukratie zu den Blutthaten von Kischenew und zu den Protesten gegen diese Gräuel verhält. Dieses Verhalten dürfte Vieles begreiflich machen, was angesichts der Vorgänge in Kischenew völlig unbegreiflich erschien. Das im Namen der Petersburger Schriftsteller und. Journalisten abgefaßte Schreiben wurde im Aufträge der Versammlung von dem ruffischen Publicisten und Schriftsteller Nikolai Anuenskij redigirt und unterzeichnet. Zuerst wurde dieses Schreiben dem Herausgeber der „Nowosti", Ossip Notowitsch, zur Veröffentlichung übersendet. Der wies jedoch dieses Schreiben zurück unter Hinweis darauf, daß Minister v. Plehwe die Publication untersagt habe. Fürst Esper Uchtomskij, der Herausgeber der „Petersburaskija Wjedomosti", verweigerte gleichfalls die Publication des Schreibers. Auch die liberalen, in Moskau erscheinenden „Ruffija Wjedomosti* druckten das Schreiben nicht ab. sondern gaben den Inhalt desselben wieder, ließen aber die darin enthaltenen Worte aus „Dem ganzen rechtlosen jüdischen Volke". Nur die in Petersburg erscheinende Wochenschrift , Woskhod" druckte das Schreiben vollinhaltlich ab. Und nun trat das Verhalten der russischen Bureaukratie deutlich zu Tage. Die ganze Auflage des „Woskhod" wurde confiscirt und der Verfasser des Protestschreibens, Nckolai Annensklj zum Direktor des Polizeidepartements, Staatsrath Lopuchin, citirt. Und hier, im Arbeitszimmer des Herrn Lopuchin im Ministerium des Innern, vernahm Annenskij Ansichten, welche ihm die Gewaltthaten von Klschenew begreiflich machten. Herr Lopuchin sagte dem verblüfften Schriftsteller, wie die gutunrerrichtete Stuttgarter „Oswoboschdenje" aus zuverlässiger Quelle erfährt, wörtlich: „Ihre publicistische und gesellschaftliche Thätigkeit trägt einen schroff anti-gouvernementalen Charakter. Endlich gingen Sie so weit, in Ihrem im „Woskhod" publicirten Schreiben von der „Rechtlosigkeit des jüdischen Volkes" zu sprechen. Sie erklären also die Unruhen von Kischenew mit der Rechtlosigkeit der Juden, Sie messen folglich die Schuld an den Unruhen der Regierung bei. Ich erkläre Ihnen, daß die Regierung entschlossen ist, dies nicht länger zu dulden. Ich habe Sie hiehergerufen, um Sie zu warnen. Wenn Sie Ihre Thätigkeit in dieser Richtung fortsetzen sollten, wird das Ministerium die strengsten Maßnahmen ergreifen, sogar die Verbannung nach Sibirien anwenden. Ich behaupte, daß die Juden in Beffarabien alle Rechte besitzen, die ganze ökonomische Macht liegt in ihren Händen. Ich betrachte Herrn Kruschewan (den bekannten Redacteur des antisemitischen hetzerischen Blattes „Beffarabetz") als den einzigen Menschen, welchem die Juden nicht bestechen konnten. . .* Das sagte Herr Lopuchin über Kruschewan, dem er selbst einige Tage zuvor im Auftrag des Ministers v. Plehwe eine Subvention von 25.000 Rubeln ausbezahlt hatte. Aber noch deutlicher hat sich der Bice-Gouverneur von Beffarabien, Staatsratb- Ustrugow, über die Ursachen der Gräuel von Kischenew geäußert. Auf dem jüdischen Friedhofe zu Kischenew, während der Beerdigung der zahllosen hingemordeten Opfer, richtete Ustrugow an die Tausende von Juden, welche erschienen waren, um den Unglücklichen die letzte Ehre zu erweisen, folgende charakteristische Ansprache: „Meine Herren! In allzu großer Zahl seid ihr hier erschienen. Ich könnte auf Grund der mir eingeräumten Vollmachten euch Alle sofort davonjagen, aber ihr thut mir leid. Beruhigt euch nun! Bergeßt das Vorgefallene: das ist als Belohnung für eure Sünden oder für die Sünden eurer Eltern gekommen. Gott hat es so beschlossen, ihr müßt es in Demuth ertragen . . . ." Der bekannte russische Akademiker Janschul, welcher mit Minister v. Plehwe eine Unterredung über Klschenew hatte, erzählt, Minister Plehwe hätte ihm gesagt, der wahre Antisemitismus in Rußland sei nicht bei dem Minister des Innern, sondern am Czarenhofe selbst zu suchen. Herr v. Plehwe hält es für richtiger, den Czaren vorzuschieben. London, 9. Juni. Eine amerikanische Abordnung begibt sich nach einer New-Z)orker M-ldung des ^Standard" nach Petersburg, um durch persönliche Vorstellung beim Czaren gegen die Vorgänge in Kischenew direct in Rußland Protest einzulegen. New-Vork, 9. Juni. Der amerikanische Botschafter in London. Cdoate, berieth laut einer Washingtoner Meldung des „New-Aork Herold" am Sonntag mit den Präsidenten Roosevelt und dem Staatssecretär Hay über die Stimmung in England und den Bereinigten Staaten bezüglich des Blutbades in Kischenew. Der russische Botschafter in Washington, Graf Caffini, und der amerikanische Botschafter in Petersburg, Mc. Cormik, hatten mit dem Präsidenten eine Beratbung. Im Staatsdepartement liegen Nachrichten vor, daß die russische Regierung ihren Unwillen über die fortdauernden zahlreichen rußlandfeindlichen Massenversammlungen in den Vereinigten Staaten nicht verhehlen könne. Der Staatssecretär des Auswärtigen, Hay, machte den Präsidenten Roosevelt im Verlauf der Berathmigen darauf aufmerksam, daß es dem internationalen Brauche widerspräche, wenn die Bereinigten Staaten sich wegen der Vorgänge in Kischenew förmlich bei Rußland beschweren wollten. Präsident Roosevelt hat deshalb beschlossen, seine Entscheidung über weitere Schritte bezüglich Kischenews bis nach der Conferenz zu vertagen, die er demnächst mit einer Abordnung hervorragender Führer der amerikanischen Israeliten haben wird, die ausdrücklich um ein Einschreiten Amerikas zur Verhütung einer Wiederholung der Ereignisse in Kischenew bitten wollen. Der Czarenbesuch in Rom. Aus Rom wird in Ergänzung des telegraphischen Berichtes geschrieben: Bekanntlich droht der Stadt Rom ein Besuch des russischen Czaren. Der socialistische Abgeordnete Morgari vom zweiten Turiner Wahlkreis hat deshalb den Minister des Aeußern befragt, ob in der That ein Besuch des Czaren bevorstehe. Der Uuterstaatssecretär Alfredo Baccelli bejahte die Frage, worauf der socialistische Redner erklärte, wenn die demokratischen Parteien bei den früheren Monarchenbesuchen ein würdevolles Schweigen bewahrten, so würde das beim Czarenbesuch nicht d-r Fall sein. Oeffentliche Aeußerungen der Mißbilligung würden laut werden (lärmende Unterbrechungen, Glocke des Präsidenten), der Czar sei kein Monarch, er sei ein Henker, und ein constitutioneller König könne ihm keine Gastfreundschaft gewähren. — Die Freunde der ruffischen Wirthichaft machten es durch ihr Gebrüll dem Redner unmöglich, fortzusetzen. Baccelli fand kein Wort zum Ruhme Väterchens des Friedensverkünders, sondern sagte nur. die Ausfälle Morgari's beleidigten di> Ritterlichkeit und Gastfreundschaft des italienischen Volkes. Die Presse der Ordnungsblätter schmollt heute gewaltig und meint, der Minister des Aeußern hätte von seinem Rechte, nicht zu antworten, Gebrauch machen sollen. Manche Blätter wagen sogar, die Verdienste des blutbesudelten Monarchen um die — Friedensbewegung hervorzuheben. Der socialistische Verein in Rom hat einstweilen eine Volksversammlung einberufen, um gegen den bevorstehenden Besuch des Czaren zu protestiren.