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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1903-06-12 · 24 (12.6.1903) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
20 (1903)
Issue
24 (12.6.1903)
Date
1903-06-12
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seile 880 Dr. Bloches Wochrnsttzrift. Str. 84 Der Grazer Gemeinderath Bichl hat dem Abgeordneten Franko Stein bewußte Verleumdung vorgeworfen, und er wurde verurtheilt. Herr Stein verleumdet, aber so vorsichtig, daß man ihm nur fahrlässige Verleumdung vorwerfen kann, wie das gerichtliche Urtheil ausdrücklich constatirt. Durch die „fahrlässige" Verleumdung hat Herr Franko Stein das Mandat dem früheren Abgeordneten Herrn Dr. Verkauf entrissen, dem er und sein Anwalt ausdrücklich zugestehen mußten, daß er sich im Wahlkampf stets ehrsauhast benommen hat. Der Brauereigehilfe Kleinmond der im Interesse des Franko Stein den ehrenrührigen Brief gegen Herrn Dr. Verkauf verfaßte, konnte für sein Vorgehen vor Gericht citirt werden, der alldeutsche Arbeiterführer verstand es, sich hinter seine Immunität zu verschanzen, und während andere Abgeordnete in Ehrenbeleidigungs -Angelegenheiten ihre eigene Auslieferung urgiren, suchte er auf jede mögliche Weise seine Auslieferung zu verhindern. Der ehrenwerthe Mann wurde aber jetzt endlich gegen seinen Willen ausgeliefert und wenn sein Vergehen nicht inzwischen verjährt ist, wird man wieder das erhebende Schauspiel genießen, wie ein tapferer Führer des deutschen Volkes Alles ableugnet und um Verzeihung winselt. Gleich Herrn Stein ist auch Herr Habermann, der Schriftleiter seines Blattes „Der Hammer", ein Ritter von der traurigen Gestalt. Wenn diese heldenmüthigen Männer für ihre Thaten einstehen sollen, versuchen sie immer auszukneifen. Für das Verhalten des Habermann ist folgender Ausspruch des "^Vorsitzenden der Gerichtsverhandlung charakteristisch : „Sie waren der Schriftleiter, ein fremder Mann kommt in die Redaction und schreibt auf einen wichtigen Brief eine wichtige Bemerkung und sagt Ihnen nicht einmal etwas davon? Das ist unmöglich, das dürfen Sie uns unter Eid nicht erzählen". Wenn die Aussage des Herrn Habermann der Wahrheit entspräche, bestünde ja für den „Hammer" die Gefahr, daß einmal ein vernünftiger Artikel in diesem Blatte erschiene, und das wäre mit den geistigen Qualitäten seines Herausgebers unvereinbar. Von dieser furchtbaren Gefahr sind wir befreit, nachdem Herr Habermann auf die oben citirte Aeußerung des Vorsitzenden hin seine frühere Bemerkung nicht aufrecht erhielt, sondern nur stammelte: „Ich erinnere mich nicht mehr". Das ist jedenfalls am bequemsten, sich an nichts zu erinnern, und Herr Franko Stein wünscht gewiß nichts sehnlicher, als daß auch seine Wähler sich bei der nächsten Wahl nicht daran erinnern, daß ein Abgeordneter igentlich etwas für seine Wähler zu leisten hätte. * * * Vorige Woche starb bekanntlich die Opernsängerin Irma Golz, und da sollte man doch denken, daß der frühe Tod einer talentirten Sängerin, die doch gewiß den Antisemiten nichts zu Leide gethan hat, ihnen nicht Veranlassung geben würde, gegen die Juden loszuziehen. Weit gefehlt! Weil sämmtliche liberalen Zeitungen eine Schilderung der wahrhaft rührenden Sterbescene veröffentlichten, geifern „Deutsches Volksblatt" und „Deutsche Zeitung" über „ekelhafte jüdische Reclame" und „jüdische Sensationsmacherei". Es gehört der perverse Sinn eines christlichsocialen Journalisten dazu, um in der getreuen Darstellung des Todes einer Sängerin „Reclame und Geschäft bis in den Tod" zu erblicken und den liberalen Blättern deshalb niedrige Motive zu unterschieben. * * * Herr Gemeinderath Hans Arnold Schwer fühlt, daß sein Ruhm verblaßt ist, die Erinnerung an seine Leistungen als „Bluthund von Polna", durch die er sich seine unrühmliche Popularität und sein Gemeinderaths-Mandat ergattert hat, ist aus dem Gedächtnisse seiner Parteigenossen verschwunden, und da ist er nun auf der Suche nach neuen „jüdischen" Morden. In Biala wurde ein Mann ermordet aufgefunden, der Thäter muß nach dem „Deutschen Volksblatt" ein Jude sein; aber kein Mischer Ritualruord, nur ein jüdischer Raubmord ist es selbst nach dem Blatte Bergani's. Sein Concurrenzorgon, die „Deutsche Zeitung", hat aber einen viel glücklicheren Griff gethan. In Berlin wurde der verstümmelte Körper eines Mädchens aufgefunden, nach der gerichtsärztlichen Untersuchung handelt es sich zwar um einen Lustmord, für die „Deutsche Zeitung ist es nur ein „Lustmord". Sie begründet ihre Anschauung mit einer der „Neuen Freien Presse" entnommenen Nachricht, in der es heißt: „Die Verstümmelung des Körpers wurde erst vorgenommen, nachdem der Tod durch Verblutung eingetreten war. Erst nach der A^usblutungDas genügt dem dümmsten Blatte Wiens, um festzustellen, daß die Annahme, daß der Mord thatsächlich ein Lustmord gewesen sei, an Wahrscheinlichkeit verliere. Durch den auffallenden Fettdruck der Worte „Verblutung" und „Ausblutung" soll darauf hingedeutet werden, daß es sich um einen Ritualmord handelt. Es offen auszusprechen, wagt die „Deutsche Zeitung" nicht. Die vernichtende Kritik, welche die Thätigkeit ihres Parteigenossen Kruschewan in der ganzm gesitteten Welt erfahren hat, scheint doch einigen Eindruck auf die antisemitischen Provocateure zu machen. Sie schreckt sie zwar von ihrer verwerflichen Thätigkeit nicht ab, veranlaßt sie aber, vorsichtiger, beziehungsweise raffinirter vorzugehen. Da zu Raffinement auch Verstand nothwendig ist, wird der antisemitischen Presse ihr unsauberes Handwerk etwas erschwert. Die bisherige plumpe Tactik der „Deutschen Zeitung" verfehlt selbst aus einfältige Gemüther ihre Wirkung. 1 8 e g r i m. Flüchtlinge aus Kischenew in Wien. Die Maffacres von Kischenew haben unter den Juden in Rußland eine Bestürzung erzeugt, welche alle nun von den russischen Behörden zum Schutze der Juden im Reiche ergriffenen Maßnahmen einzudämmen nicht im Stande sind. In dieser Stimmung verlassen Hunderte jüdischer Familien ihre Wohnstätten und flüchten nach dem Auslande, um ihr nacktes Leben zu retten. Die panikartige Bestürzung hat sich nicht nur der in Bessarabien lebenden Juden, wo die Erinnerungen an die Gräuel von Kischenew noch so frisch sind, sondern der Juden in ganz Südrußland bemächtigt. Und man kann es den Unglücklichen nicht verargen, wenn sie den Wanderstab ergreifen. Wieder weilen einige der Unglücklichen aus Kischenew, welche die Schrecknisse der zwei denkwürdigen russischen Ostertage erlebt und gesehen haben, seit einigen Tagen in Wien, um sich mit Hilfe hiesiger Menschenfreunde zur Weiterreise nach Amerika zu rüsten. Diesen stämmigen und kräftig gebauten Juden aus Bessarabien sieht man jetzt es noch an, daß tiefer seelischer Kummer an ihnen unaufhörlich nagt. Die nervöse Sprechweise, die innere Unruhe, die vom Weinen entzündeten Augen — Alles deutet darauf hin, daß sie dem Tode ins Anlitz geschaut und nur durch ein Wunder von ihm verschont geblieben sind. Biel ist über die Judenmasiacres von Kischenew schvn> geschrieben worden, aber die von Augenzeugen der Schrecknisse mitgetheilten Einzelheiten sind noch nicht bekannt und schier unglaublich. Einer dieser Augenzeugen, ein Lastwagenkutscher von Beruf, sagte in seiner Treuherzigkeit, daß die jüdischen Arbeiter und Taglöhner von Kischenew sich und ihre Familien wohl vertheidigt hätten, wenn sie nicht von dem Militär daran gehindert worden wären. Gleich beim Ausbruche der Unruhen haben sich ungefähr zweihundert Mische Handwerker, Arbeiter und Taglöhner mit Holzknütteln versehen, um sich zu vertheidigen. Anfangs bewährte sich dieses Vertheidigungswerk. Die Plünderer und Räuber, welche die jüdischen Familien in deren Wohnstätten auf dem Nowy Bazar in der Charlompistraße überfallen wollten, wurden von den Juden mit den Knütteln in die Flucht gejagt; so wurden die in den Kellern und Mansarden versteckten Fcauen und Kinder beschützt. Da kam der Polizeimeister Chanschenkow in Begleitung einer berittenen Schutzwache heran und befahl den Juden, die Holzknüttel aus der Hand zu legen, in ihre Wohnungen zurückzukehren und sich ruhig zu verhalten. In ihrer Todesangst weigerten sich die Juden, diesem Verlangen des Polizeimeisters stattzugeben. Da beorderete der Polizeichef einen seiner Beamten zum Platzcommando und ließ die sofortige Entsendung einer Cavallerie-Abtheilung verlangen; wenige Minuten darauf sprengte eine Cavallerie-Abtheilung daher, umringte die Juden und entwaffaete sie. . . . Dann . . . dann wurden sie freigelassen, und der wilde Pöbel stürzte sich nun auf die Wehrlosen, um das Gemetzel fortzusetzen. Das Interessante bei diesen Vorgängen ist, daß die Polizei gegen sämmtliche Juden, welche sich in Nothwehr mit Holzknütteln versahen, die Anzeige wegen „Theilnahme am Aufruhr gegen die Obrigkeit" erstatten ließ. . . In der Puschkinstraße hieb ein Kosakenofficier eigenhändig eine alte Jüdin nieder, welche ihre Tochter den Händen der Mörder entreißen wollte, die dem Mädchen die Kleider vom Leibe Herunterriffen und Anstalten machten, sie in einen Brunnen zu werfen. Nur dem Dazwischentreten eines christlichen Apothekers war es zu verdanken, daß das unglückliche Mädchen dem Tode entging. Und während diese Gräuel sich in den Straßen von Kischenew abspielten, saß der Gouverneur v. Raaben in seinem Palais, das auf seinen Befehl von Truppen umschlossen war,

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