Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 24 (12.6.1903)
- Date
- 1903-06-12
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 24 Dr. BLoch's Wochenschrift. Gelte 37!» wir das beherzigen, was zu unserem eigenen Vortheil gereicht." Jedoch sieht Sombart auch die entgegengesetzte Erscheinung, indem er bemerkt: „Wenn wir so viele Inden mit gerade entgegensetzter Denkweise finden, mit einem, fast kann man sagen, überspannt altruistischen Sinne, einer rigorosen Selbstlosigkeit und einem zelotischen Eifer gegen alles eigensüchtige Wesen, so dürfen wir gerade aus diesen Reactionserscheinungen auf die Existenz des gekennzeichneten Nationalcharakterzuges schließen. Man hat oft und mit Recht hervorgehoben, wie gerade das wahrhaft heroische Prophetenthum, das einzelne Angehörige der jüdischen Race auszeichnet, eine völkliche Veranlagung voraussetzt, die in ganz besonders hohem Grade das Bußpredigen herausfordern mußte." Wir halten es hier mit Simmel, der einmal sagt: „Das Wesen der Persönlichkeit besteht nicht darin, daß man dies oder jenes, sondern daß man dies und jenes ist", und sehen nicht eine „Reactionserscheinung", sondern die beiden Seiten der Bolksanlage in dieser Vereinigung von Egoismus und Altruismus. Sombart geht sodann zum capitalistischen Geist über, in dem das iminent Praktische, das schlechthin Zweckmäßige entscheidend über den wirthschaftlichen Erfolg wird: „Wie sehr gerade diese specifisch capitalistischen Zuge des Wirthschaftslebens dem jüdischen Charakter adäquat sind, vermögen wir am deutlichsten an der Thatsache zu ermessen, daß wir am meisten die Juden in denjenigen Sphären wirthschaftlicher Thätigkeit zu Hause finden, in denen das reine, qualitätslose, abstracte Geldverhältniß am ausschließlichsten herrscht: das sind der Geld- und nach ihm der Waarenhandel. und zwar in diesem wiederum der Zwischen- oder der Detailhandel, während in der Productionssphäre, zumal in der Landwirthschaft, längst die Betheiligung der Juden nicht in gleichem Maße stattfindet. Von 1000 erwerbsthätigen Juden in Preußen entfallen nur 106 auf die Landwirthschaft (gegenüber 3411 Evangelischen und 3929 Katholischen), 2119 auf die Industrie (davon aber 885 allein auf Bekleidung und Reinigung, d. h. wesentlich auf die .halb zum Handelsgeschäft gewordene Confectionsindustrie) gegenüber 3524, bezw. 3762 der anderen Confessionen, dagegen 5205 (gegenüber bezw. 522 und 377 Christen) auf das Handelsgewerbe! Und daß trotzdem ihnen seit mehreren Menschenaltern die Wirksamkeit auf allen Gebieten des Wirthschaftslebens völlig freigegeben ist.. . Je reiner also capitalistisches Wesen im Wirthschaftsleben sich durchsetzt, desto mehr Spielraum erhält die jüdische Eigenart. Was man dann auch so ausdrücken kann: je mehr sich jüdisches Wesen durchsetzt, desto ausschließlicher kommt die capitalistische Organisation zur Anwendung. Und nun wird Niemand länger im Unklaren sein, worin die eminente Bedeutung des Judenthums für die moderne Volkswirthschaft liegt; es beschleunigt deren Umbildung in die capitalistische Organisation, die heute wirthschaftlich die schlechthin vollkommene ist". Weil dieser Entwicklungsgang nothwendigerweise zu einer Auflösung des Handwerkes durch die Großindustrie führt, findet es Sombart verständlich, daß „in den Kreisen des sinkenden Handwerkes ein durchaus naturwüchsiger Antisemitismus sich entwickelt hat, der sich, wie es solchen blinden Volksbewegungen eigen zu sein Pflegt, an die greifbare Form (das Judenthum), statt an den inneren Kern (den Capitalismus) hält." Damit glaubt Sombart festgestellt zu haben: „daß Deutschland seinen wirthschaftlichen Aufschwung während des neunzehnten Jahrhunderts, soweit er durch die Eigenart seiner Bevölkerung bedingt ist, u. A. dem Vorhandensein seiner jüdischen Einwohner verdankt... In Deutschland sind von 10.000 Einwohner 111 jüdischer Eonfession. Mit dieser Ziffer wird natürlich der Procentsatz der Bevölkerung jüdischer Race nicht vollständig ausgedrückt, aber die Statistik kennt keine andere Ziffer, als die der Confessioneu, wir müssen uns also mit diesen begnügen. Sie genügen aber auch für unsere Zwecke. Für diese kommt es nur darauf an, festzustellen, in welchem V:rhältniß sich Juden im Deutschen Reich aufhalten im Verhältniß zu anderen Ländern, von denen wir ebenfalls nur die Confessionsziffer kennen. Da ergibt sich denn, daß gerade so groß, wie in Deutschland, der Antheil der jüdischen Bevölkerung in den Vereinigten Staaten von Amerika ist. Ist es da voreilig, zu sagen: daß wir gerade im richtigen Verhältniß mit Juden durchsetzt sind, in solchem Verhältniß, wie es für den wirthschaftlichen Aufschwung, der in den beiden genannten Ländern während des letzten Menschenalters am größten ist, am Fördersamsten erscheint? Und daß Skandinavien, Italien, Spanien, Frankreich, ja selbst Großbritannien unter uns und den Vereinigten Staaten auch deshalb Zurückbleiben, weil sie zu wenig Juden haben?" Das im Vorstehenden wiedergegebene Urtheil eines deutschen Nationalöconomen vom Range Wilhelm Sombart's über die wirthschastliche Bedeutung der Juden bildet, weil es aus der wirklichen Erfahrung geschöpft ist, ein gewichtiges Argument gegen gewisse antisemitische Faseleien, welche die Juden als das wirthschastliche Unglück Deutschlands ausschreien, und verdiente darum wiedergegeben zu werden. Vom Jahrmarkt des Lebens. Glossen zur Tagesgeschichte. (Wie man Wiener Bürger wird. — Unbefugte Lobredner. — Der' fahrlässige Verleumder. — Auf der Suche nach jüdischen Dt ordern.) Erprobtes Schema, um das Bürgerrecht der Stadt Wien mit Nachsicht der Taxen zu erwerben: Man defraudire Werthpapiere, sehe jedoch, daß die Entdeckung nicht vor der Verjährung erfolgt; nachher liegt nichts daran, man trete nur ganz stolz als verjährter Defraudant auf. Dann gründe man eine Zeitung, die auf die niedrigsten Jnstincte der Bevölkerung berechnet ist. das zieht am meisten. Man gebe fremde literarische Arbeiten für seine eigenen aus, dadurch erlangt man einen guten schriftstellerischen Ruf, strengt sich nicht an und erspart das Schriststellerhonorar. Man bezahle seine Angestellten möglichst schlecht, denn was ihre Arbeit mehr werth ist, bleibt einem als Profit, man veröffentliche in seiner Zütung Aufrufe für seinen Angestellten, wenn er krank wird und man ihn während seiner Krankheit nicht bezahlen will. Man greife einige Geschäftsleute an, dadurch veranlaßt man die anderen, in seinem Blatte zu inseriren. Man lüge und verleumde nach Herzenslust, nur trachte man, daß die Verleumdungen allgemeiner Natur sind, so daß man keine Klage riskirt; war man einmal so unvorsichtig, sich einer Klage auszusetzen, dann gebe man eine Ehrenerklärung ab. wenn sie auch noch so erniedrigend ist. Dieses Verfahren sitze man durch einige Jahre fort und man wird zuversichtlich mehrfacher Hausbesitzer und Bürger der Stadt Wien mit Nachsicht der Taxen. Der Erfolg wird verbürgt. * * * Die goldene Salvatormedaille war in früheren Jahren sehr geschätzt, es durften sich nur wenige, treffliche Männer ihres Besitzes rühmen. Seil dem christlich-socialen Regime, insbesondere seit der Denunciant Pfister mit der goldenen Salvatormedaille decorirt wurde, hat sie ihren Werth vollständig eingebüßt, es will Niemand Besitzer der Pfistermedaille werden. Ebenso wird es nun mit der Verleihung des Bürgerrechtes mit Nachsicht der Taxen werden, nachdem ein V e r g a n i dieser Auszeichnung theilhastig wurde, die nur derjenige erfahren sollte, der sich um die Stadt Verdienste erworben hat. Vergani hat sich zwar um die Stadt keine Verdienste erworben, wohl hat er aber für sich selbst in der Stadt Wien Reichthümer erworben. Der Antisemitenhof verkündet es weithin, daß der Einwanderer aus Saybusch in Galizien es verstanden hat, durch seine öffentliche Thätigkeit, wenn auch nicht das Volk, so doch sich selbst sehr ausgiebig zu retten. In den Augen des Bürgermeisters genügt das, um jemandem das Bürgerrecht mit Nachsicht der Taxen zu verleihen, und er hat es gerade herausgesagt, das Verdienst Vergani's besteht darin, daß er der Vorkämpfer des Antisemitismus in Wien war. Jetzt bildet also der Antisemitismus auch officiell einen Punkt des Wiener Communalprogrammes. An der Rede des Herrn Dr. Lueger fiel die außerordentliche Kälte auf, mit der er über Herrn Vergani sprach, der in seiner Bescheidenheit, und sich den Bürgermeister zum Vorbild nehmend, sich selbst über den grünen Klee lobte. In der Erkenntniß aber, daß Eigenlob nicht den besten Eindruck hervorruft, und da er in seinem prophetischen Gemüthe das reservirte Benehmen des Herrn Dr. Lueger voraussah, hatte er sich seinen Chefredacteur mitgenommen, der dann auch die große Festrede hielt. Es fiel natürlich keinem Anwesenden ein. zu fragen, mit welchem Rechte der Chesredacteur des „Deutschen Volksblatt" bei einer Bürgerbeeidigung spricht. Ist er durch seine Stellung bei dem berüchtigten Blatte etwa ein kommunaler Würdenträger? Wenn der Bürgermeister sich selbst noch für zu gut hält, dem Ehrenbürger von Mühldorf eine Lobrede zu halten, dann möge er es den Bicebürgermeistern oder den Stadträthen überlaffen; aber zu gestatten, daß sich Vergani seinen eigenen Angestellten mitbringt, ist eine grobe Unzukömmlichkeit, die absolut nicht geduldet werden sollte. Mit schamloser Offenheit wird dadurch zugestanden, daß im Rathhause ein Parteiregime der schlimmsten Sorte herrscht, daß die derzeitigen Machthaber thun, was ihnen beliebt, unbekümmert um das Recht und Gesetz. Sie sind so übermüthig geworden, daß sie nicht einmal die äußere Form wahren. Sie degradiren auf diese Weise selbst die Ehren, die sie zu vergeben haben.