Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 24 (12.6.1903)
- Date
- 1903-06-12
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Sette 378 Vr. Vlach's Wochenschrift. Str. 84 den Antisemiten der Gouverneur von Kischenew angeführt, der, um sein pflichtwidriges Berhalten zu bemänteln, einen von Unwahrheiten strotzenden Bericht verfaßt hat. Daß dieser Liebling der Antisemiten trotz der bekannten Langmuth der russischen Regierung wegen seines Betragens mit sofortiger Entlassung bestraft worden ist, sollte doch jedem vernünftigen Menschen davon überzeugen, daß er an den Ausschreitungen nicht unschuldig ist. Die Antisemiten freilich werden ihn wie jeden Judenfeind als Märtyrer hiustelleu. Ebenso unhaltbar und tendenziös ist die Behauptung unserer verschämten Antisemiten, daß wir es in Kischenew mit einer allgemeinen revolutionären Bewegung zu thun haben, die sich gegen den Besitz richtet. Man begreift da uicht, warum man gerade die Reichen verschonte und die Armen tödtete oder plünderte. Es ist doch auch merkwürdig, daß nur jüdische Häuser und jüdische Geschäfte zerstört wurden. Nein, mit solchen bequemen Redensarten schasst man die Thatsache nicht aus der Welt, daß der schändliche Plan unter den Augen der Regierung wocheulange vorher vorbereitet wurde und sich ausschließlich gegen die grundlos fanatisch gehaßten Juden richtete. Freilich, mehr Schuld noch als dre entmenschten Mörder und Räuber haben die berufsmäßigen Hetzer in der Presse, die die wilden Leidenschaften des Pöbels schürten und die gänzlich straflos ausgehen. Das scheinen unsere Antisemiten zu ahnen und daher die Austrenguug, die wertheu Gesinnungsgenossen in Kischenew rein zu waschen. Es scheint beinahe, daß die deutschen und österreichischen Judenhasser ihre Freunde in Rußland beneiden. Müssen sie sich doch mit bloßen Beschimpfungen in Wort und Schrift begnügen, was ihrem edlen Herzen nicht genügt. Herr Gras Pückler hat ja oft ehrlich bekannt, daß em Blutbad sein höchstes Ideal ist, und es gibt gar Viele in den antisemitischen Parteien, die sich schämen, dem edlen Grafen offen zuzustimmen, die aber im Herzen wünschen, mau könnte in Berlin und Wien nach dem Kischenewer Recept verfahren. Bestie bleibt Bestie, ob sie nackt einherschreitet oder sich jeden Tag anders maskirt. Jede Hetze zeitigt traurige Früchte, und wenn man die niedrigsten Triebe wachruft, braucht man sich nicht zu wundern, daß der Kampf der Volksclassen gegeneinander immer verbitterter wird und schließlich eine blutige Gestalt annimmL. Die ehrlichen und vernünftigen Männer in Deutschland aber können aus Kischenew eine Lehre ziehen. Sie können sehen, wohin es führt, wenn man täglich die Brandfackel des Hasses unter das Volk wirft. Noch ist es Zeit, daß alle gerecht denkenden Bürger, ohne Rücksicht auf politische Differenzen, sich vereinigen, um den gemeinsamen Culturfeind zu bekämpfen. Wir haben wahrlich durch die socialen Gegensätze Zündstoff genug im Volke uud brauchen nicht noch künstlich den consessionellen und Racenhaß groß zu ziehen. Das schwere Problem der Versöhnung der socialen Elasten steht heute im Vordergrund des Interesses, und wir brauchen für dieses große Culturwerk alle Kräfte in Deutschland. Nur die Liebe ist fruchtbar und erzeugt gesunde Reformen, der Haß wirkt verheerend und vernichtend. F. S. Die Jude« im Mirthschaftslebett Deutschlands. Der Profestor der Nationalöconomie an der Universität Breslau, Werner Sombart, versucht in seinem epochalen Buche »Die deutsche Volkswirth schüft im neunzehnten Jahrhundert"*) den Entwicklungsgang des deutschen wirthschaftlichen Lebens zu zeichnen. Die zweite Hälfte des Buches nimmt »die Genesis der modernen Volkswirthschaft" und »die Grundzüge der neuen Gesellschaft" ein. Hervorgehoben sei zunächst, was Sombart über das Volk sagt. Unsere heutigen Staaten stellen ein Racengemisch dar, und gewisse Racenfanatiker sehen darin ein Unglück. Diese Auffassung ist entschieden falsch, und wir sagen mit Schmoller, daß jede generelle Verurtheilung der Racenvermischung verfehlt ist. Sombart jedoch geht weiter und hält für die germanischen Völker die Vermischung mit slavischen, keltischen und romanischen Elementen für eine glückliche Thatsache. Dennoch erscheint ihm die Zugehörigkeit der Juden zur deutschen Bevölkerung von noch größerer Wichtigkeit. Hören wir ihn hierüber selbst: „Diese Einsprengung romanischer Elemente in die germanische, keltische, slavische Bevölkerung Deutschlands tritt jedoch an Bedeutung für den Gang der wirthschaftlichen Entwicklung ganz erheblich zurück, wenn wir sie in Bergleich stellen mit einem anderen Einschlag eines ethisch lebendigeren Bolksstammes, der, wie mir scheint, einen Einfluß von ganz ungeheurer Tragweite ans die Gestaltung unseres Wirtschaftslebens ausgeübt hat; ich meine natürlich den Einschlag jüdischer Elemente. Wenn man in der Abschätzung dieses Einflusses nicht so weit zu gehen braucht, wie der größte Jude, den das neunzehnte Jahrhundert hcrvorgebracht hat, Karl Mar x, der schlechthin meint, daß „der praktische Judengeist zum praktischen Geist der christlichen Völker geworden sei und die Juden sich insoweit emancipirt haben, als die Christen zu Juden geworden sind", daß „das reale Wesen des Juden sich in der bürgerlichen Gesellschaft verwirklicht", daß mit anderen Worten moderne, capitalistische und jüdische Wirtschaft identische Begriffe seien, so wird man doch zugeben müssen, daß unser Wirthschaftslcben, wie es sich im neunzehnten Jahrhundert gestaltet hat, ganz undenkbar wäre, ohne die Mitwirkung der Juden. Stellt man sich auf den Standpunkt der neuzeitlichen Entwicklung des Wirthschaftslebens, betrachtet man die Entfaltung kapitalistischen Wesens und damit die Freisetzung starker productiver Kräfte als einen Fortschritt, legt man Werth aus den Rang, den ein Land heute auf dem Weltmärkte einnimmt, so kann man gar nicht umhin, die Existenz jüdischer Wirthschaftssubjecte als einen der größten Vorzüge anzuerkennen, über die dieses Land in ethischer Hinsicht verfügt: Li 1s juif n’existait pas, il faudrait l’inventer (Wenn der Jude nicht existirte, müßte man ihn erfinden). Das werde ich wohl, umstritten wie diese wichtige Frage ist, etwas eingehender begründen müssen, so schwer es hält, in völlig einwandfreier Weise hier die Zusammenhänge klarzustellen. Ist es schon in jedem Falle ein gewagtes Beginnen, von einem Volk oder einer Race bestimmte Eigenschaften auszusagen, so erscheint dies bei dem jüdischen Volke ganz besonders bedenklich. Denn kein Volk ist so voller Gegensätze, wie diese wunderbare Race in ihrer bunten Mischung aus allerhand disparaten Elementen. Immerhin wird man doch, denke ich, wenn man (um wieder mit Marx zu reden) nicht den „Sabbatjuden", sondern den „wirklichen weltlichen Juden, den Alltagsjuden" betrachtet, wie er doch allein für die wirthschaftlichen Verhältnisse in Betracht kommt, einige typische Charakterzüge feststellen können, die in ihrer Bedeutung für das Wirrhschaftsleben leicht zu ermessen sind. Wiederum scheint mir die Zeichnung des jüdischen Nationalcharakters, wie sie der eigene große Stammesgenoffe gibt, nicht völlig getreu, wenn er schreibt: „Welches ist der weltliche Zug des Judenthums? Das praktische Bedürfniß, der Eigennutz. Welches ist der weltliche Cultus der Juden? Der Schacher. Welches ist sein weltlicher Gott? Das Geld". Aber ich denke doch, daß wesentliche Seiten des jüdischen Wesens, wenn auch stark stilisirt, in diesen Sätzen richtig bestimmt sind. Ich möchte in etwas anderer Fassung drei Seiten des jüdischen Nationalcharaktcrs als besonders bedeutsam für die Rolle betrachten, die die Inden im modernen Wirthschaftslcben sprelen: Das Vorwaltcn des Willens, den Eigennutz und die Abstractheit ihrer Geistesbeschaffenheit." Die citirten Aeußerungen von Marx über das Judenthum sind, wie Sombart betont, einseitige Zuspitzungen; etwa ebenso einseitig, wie der generelle Ausspruch des jungen Völkerpsychologen Vierkandls, der die Semiten mit dem Satze charakteristren will: »ihre geistigen Schöpfungen erreichen die Realität der Dinge nicht", was Schmoller wiederum auf Marx anwendet. Weiter heißt es bei Sombart: „Daß in der jüdischen Race die hervorstechende Eigenschaft ein durch Nichts von seinem Ziele abzubringender Wille ist, darin stimmen alle aufmerksamen Beobachter überein... Dies befähigt sie im eminenten Maße dazu, im Wirthschaftsleben eine große dynamische Wirkung auszuüben: Schritt für Schritt, unentwegt zieht er seine Straße, ans meist kleinsten Anfängen, wie wir Alle wissen, durch alle Stufen der wirthschaftlichen Thätigkeiten hindurch, sie alle einzeln durchmessend, vom Nächstliegenden zum Naheliegenden schreitend, ohne sich durch noch so viele Widerwärtigkeiten irremachen oder abschrecken zu lassen, die kleinsten Vortheile wahrnehniend, klettert er in die Höhe . . . Der starke Familiensinn, die große Nüchternheit der Lebensführung befördern seine Strebungen: was er selbst nicht erreicht, wird der Sohn, der Enkel erreichen. Immer unverdrossen weiter! Immer betriebsam! Immer treibend! Ein rechter Sauerteig! Sombart spricht dann von der Veranlagung der jüdischen Race zum Eigennutz, den er in Verbindung setzt mit diesem starken Willen, und führt den Satz Spinoza's an: »Um Alles, was wir zu unserem Heil und zu unserer Ruhe fordern, zu erlangen, bedürfen wir keiner anderen Grundsätze, als allein, daß *) Berlin 1903, Georg Bondi.