Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 23 (5.6.1903)
- Date
- 1903-06-05
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 33 Dr. BLoch's Wochrnfrtzrikr. Weite 371 Wie wird sich die Situation für die jüdischen Militärs nach Einführung der zweijährigen Dienstpflicht herauskryslallisiren? Das stehende Heer wird, wie bereits schon erwähnt, eine namhafte Erhöhung im Präsenzstande erfahren. Behufs specifischerer Ausbildung der Truppen wird sich eine relativ bedeutende Vermehrung des Standes der Ober-, insbesonders aber der Unterofficiere als unbedingt erforderlich erweisen. Bei den Oberofficieren wird sich für uns Juden keine oder eine nur sehr geringfügige Veränderung ergeben, dieser exclusive Stand wird, insoweit es das stehende Heer betrifft, für die Juden nach wie vor eine terra meognita bleiben, trotzdem oder weil wir im Reserve-Officierscorps numerisch prävaliren. Ganz anders wird sich jedoch das Bild im Chargenstande gestalten. Wir haben schon bei anderen Anlässen darauf hingewiesen, daß, entgegen den von gegnerischer Seite ausgestreuten Verdächtigungen, Juden im stehenden Heere überhaupt percentualiter viel stärker herangezogen erscheinen. Als Chargen werden Juden mit Vorliebe gewählt, weil sie ausnahmslos des Lesens und Schreibens kundig sind. Insbesonders in den gemischtsprachigen Kronländern sind die Juden umworben für den Unterofficiersdienst, weil sie die deutsche Sprache, das Berständigungsmittel der Armee, in Wort und Schrift beherrschen. Von Belang zeigt sich dies insbesondere in Böhmen, Mähren, namentlich in Galizien und Ungarn, in welchen Landestheilen die Juden dichter angesiedelt sind. Während die Mannschaft fluctuirt, soll die Charge im stehenden Heere das Bleibende im Wechsel, der ruhende Pol in der Erscheinungen Flucht bilden, der Krystallisativnspuntt der Truppenabtheilungen niederer Ordnung bleiben. Die Bemühungen der Armeeverwaltungen waren auch stets darauf gerichtet, die Chargen für möglichst lange Zeit im Activdienste festzuhalten. Zu diesem Ende wurden ihnen Zulagen an Geld und nach zurückgelegter zwölfjähriger Dienstzeit die gesetzlich stipulirte Begünstigung gewährt, auf eine Staatsanstellung im Militär¬ oder Civildienste Anspruch zu machen, entweder als Diener oder bei erfolgreich zurückgelegter Prüfung auch als Beamte in der Militär-Rechnungs-, Berpflegs- oder Baubranche, oder als Kanzlisten bei den Civilämtern. Derartige langgediente Unterofficiere sind die sogenannten Certificatisten. Die ausgedienten jüdischen Certificatisten hatten bis allher die größten Widerwärtigkeiten bei Erreichung einer Staatsanstellung zu bestehen, namentlich seit der Aera des Antisemitismus. Legt man aber Werth auf die jüdischen Unterofficiere, so muß in dieser Richtung Wandel geschaffen werden. Wir behalten uns vor. gelegentlich der Berathung des neuen Wehrgesetzes auf diese für die jüdischen Soldaten hochwichtige Angelegenheit des Ausführlichen zurückzukommen. E. B. Linz. (Der Herr Bürgermeister hat sich b l a m i r t.) Getreu seinem bei der letzten Wählerversammlung einbekannten Principe, die Juden als Schädlinge zu betrachten, unterließ es auch der Bürgermeister Eder, die Repräsentanz der Linzer jüdischen Cultusgemeinde zur Theilnahme an der Empfangsfeierlichkeit anläßlich des bevorstehenden Kaiserbesuches einzuladen, obgleich an das Presbyterium der evangelischen Kirchengemeinde eine diesbezügliche Einladung ergangen ist. Als dann über dringende Vorstellung seitens der Cultusg-meinde der Herr Bürgermeister gezwungen ward, sein nicht conciliantes Vorgehen zu corrigiren, wurde an die Cabinetskanzlei die Anfrage gerichtet, ob es zulässig sei, daß das bereits genehmigte Empfangsprogramm dahin abgeändert werde, daß auch die Vertreter der Cultusgemeinde an der Empfangsfeier theilnehmen. Die umgehend erfolgte Antwort lautete, daß diese Abänderung nicht nur zulässig, sondern sogar erwünscht ist. Und so wird denn der bedauecnswerthe Herr Bürgermeister am 9. Juni das große Herzeleid und die erdrückende Blamage erfahren, sich unserem Monarchen in der Folie von Schädlingen vorstellen zu müffen. So weit kommt man, Herr Eder, wenn man den schönen Carl copiren will, ohne gleichzeitig sein unleugbares Talent zu besitzen. O, König Wismawytra! I. B. Lemberg. In letzterer Zeit hat das hier erscheinende polnische Blatt »Slowo Polski", das von der galizisch-jüdischen Bevölkerung stets unterstützt wurde, judenfeindliche Tendenzen gezeigt. Infolgedessen wurde in einer am 30. Mai d. I. stattgefundenen Versammlung des Vereines »Schomer Jisroel" beschlossen, den »Slowo Polski" aus allen jüdischen Restaurants und Grschäftslocalen zu entfernen. Ferner wurde in dieser Versammlung folgende Resolution gefaßt: Der Verein dankt dem Grafen Tolstoi und dem Dichter Gorki für ihr Eintreten zu Gunsten der Kischenewer Juden. Den hiesigen Circus, deffen Besitzer sich bei den Kischenewer Maffacres betheiligt haben soll, zu meiden. — Erwähnenswerth ist, daß in einer Gerichtsverhandlung der Advocat Dr. Wiernieki die antisemitische Bemerkung machte: „Auch die hier anwesenden jüdischen Geschworenen werden mir selbst zugestehen, daß der Md der Juden bei den Christen keinen Werth hat", und daß keiner der jüdischen Geschworenen, wie die Herren Silberstein oder Blumenfeld, auf diesen Angriff reagirten und ihn zurückwiesen. J. U. Krakarr (Gegen das Gesetz über die Sonntagsruhe.) Am 22. Mai fand eine Versammlung jüdischer Kaufleute unter dem Vorsitze des Cultuspräfidenten Dr. Leo Horowltz statt. Die Versammelten erklärten, daß sie die Jntereffen der jüdischen Kaufmannschaft, welche beinahe 70 Percent des galizischen Handelsstandes bildet, durch die projectirte Aenderung des Gesetzes über die Sonntagsruhe sehr gefährdet sehen, und beschlossen, wenigstens eine sechsstündige Verkaufszeit zu verlangen und eine diesbezügliche Resolution an den Polen-Club und die polnischen Abgeordneten zu senden. Ungarisch-Hradisch. Der Vorstand der israelitischen Cultusgemeinde zu Ungarisch-Hradisch hat in seiner am Sonntag den 24. Mai l. I. stattgehabten Sitzung, über Anregung des Cultusvorstehers Herrn Josef Braun, Brauereibefitzer in Jaroschau, den einstimmigen Beschluß gefaßt, für die armen Hinterbliebenen nach den Märtyrern von Kischenew eine Sammlung einzuleiten. Die Herren Tempelvorstand und Beirath Heinrich Gansel und Ausschußmitglied Wilhelm Trost wurden mit der Vornahme der Sammlung betraut. Diese beide Herren haben sich auch der gewiß dankenswerthen Mühewaltung unterzogen und sich hiesür ein bleibendes Denkmal gegründet. Der Opferwilligkeit der?. T. Gemeindemitglieder ist es auch zu verdanken, daß das Ergebniß der Sammlung 621 Kronen betrug. Hierzu spendeten: die israelitische Cultusgemeinde 50 Kronen, die Chewra-Kadischa 50 Kronen, der Israelitische Frauen-Wohlthätigkeits- und Freitisch-Verein 50 Kronen. Der Betrag wurde bereits an die Israelitische Allianz in Wien abgesendet. Drohobyez. Den 28. v. M. fand aus Anregung unseres Ehrwürden Rabbiner Dr. B. Margulies in der hiefigen Hauptsynagoge eine Trauerandacht für die unglücklichen Opfer der Kischenewer Exceffe statt. Der Andrang in der Synagoge, die einen Raum für 4000 Personen umfaßt, war ein so großer, daß das Ueberfüllungsverbot angewendet werden mußte. Während der Andacht waren — auf Geheiß des Rabbiners — alle Geschäfte gesperrt. Die jüdische Gymnasialjugend, deren Zahl hier über 200 beträgt, nahm in der Synagoge mit Büchsen in den Händen Aufstellung und ein auf Anregung unseres thatkäftigen Rabbiners entstandener Schülerchor sang Psalmen. Die tiefempfundene und ergreifende Trauerrede Seiner Ehrwürden rief eine solche Erschütterung hervor, daß derselbe infolge des lauten Weinens und Klagens seine Rede unterbrechen und warten mußte, bis sich das Publicum beruhigt hat. Das gesammelte Geld wurde vom Cultusvorstande an die Israelitische Allianz gesendet. Budapest. Zwei israelitische Schüler der achten Claffe der Realschule in der Markogaffe wohnten während des ganzen verflossenen Schuljahres dem Religionsunterricht nicht bei. so daß sich der israelitische Religionslehrer gezwungen sah, ihnen die Note ,ungenügend" zu geben. Infolge dieser Note find sie durchgefallen und werden zur Maturitätsprüfung nicht zugelaffen. Nun trat aber der katholische Religionslehrer Pfarrer Gallowitsch an den jüdischen Religionslehrer heran und erklärte, diese zwei Schüler seien vor drei Tagen zum katholischen Glauben übergetreten und deshalb sei er es. der ihre Religionskenntniffe zu claffificiren habe, nicht aber der israelitische Religionslehrer. Dagegen verwahrte sich nun dieser. Die zwei Schüler waren während der ganzen abgelaufenen Schulzeit bei ihm Religionsunterricht zu nehmen verpflichtet und folglich liege es auch an ihm. ihnen die entsprechenden Noten zu ertheilen. Er wies Gallowitsch nach, daß die beiden Schüler bisher die Note »ungenügend" erhalten haben und folglich könne er ihnen auch jetzt keine andere geben. Der Pfarrer protestirte, allein der israelitische Religionslehrer wich nicht von seinem Standpunkt und so werden jetzt die beiden Schüler zur Matura nicht zugelaffen, da sie das Semestralzeugniß nicht besitzen. Selbstverständlich werden die Schüler an das höhere Forum appelliren, und man darf nun gespannt sein, welche Entscheidung der Cultusminister Herr von Wlaffics treffen wird. Suezawa (Bukowina). Aus Anlaß der am 23. v. M. hierorts stattgefundenen Einweihung eines neuen Amtsgebäudes der k. k. Bezirkshauptmannschaft beehrte der Laudespräfident der Bukowina Se. Durchlaucht Herr Kourad Prinz Hosteulohe- Schillingsfürst unsere Stadt mit seinem Besuche. Unter mk