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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1903-06-05 · 23 (5.6.1903) · page 10

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
20 (1903)
Issue
23 (5.6.1903)
Date
1903-06-05
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 370 Dr. Bloch's Wochrnschrifl. Nr. 23 seien ebenso verzweifelte Versuche des Czarismus. sich der Revolution zu erwehren, wie die jüngsten Ereignisse in Kischenew. Man öffnet darum dem Volke ein Ventil, und dazu dient am besten eine Judenhetze, die auch in civilisirten Staaten nicht verpönt ist. (Lebhafte Zustimmung.) Minister Plehwe sei ebenso wie im Jahre 1881 der Urheber des Blutbades. Ein Regierungsblatt habe die Bevölkerung zu dem Maffacre gehetzt. Trotz dringender Bitten der Juden habe die Regierung keine Vorkehrungen getroffen; Flugblätter, welche zum Morde der Juden aufforderten, wurden anstandslos unter der Bevölkerung verbreitet. Dieses Ereigniß war keine antisemitische Hetze, sondern es war eine von der ruffischen Regierung gemachte Ablenkung des Zornes des russischen Volkes, um demselben nach einer anderen Richtung Luft zu machen. (Lebhafter Widerspruch seitens der anwesenden Jüdischnationalen.) Wir Arbeiter werden, schloß Redner, unseren heldenmüthigen Brüdern in Rußland immer zu Hilfe kommen. Ganz Europa muß sich vereinigen in dem donnernden Rufe: »Nieder mit dem Czarismus!" (Stürmischer, langanhaltender Beifall.) Reichsrathsabgeordneter Pernerstorfer besprach die Versuche zur Entnationalisirung Finnlands. Die Auswanderung aus Finnland sei coloffal gestiegen. Die Unterdrückung ganzer Völker sei ein Verbrechen an der Cultur. — Redner begreife daher auch die Empfindungen der Juden Europas, die aus nationalen Gründen anläßlich der Greuel in Kischenew für ihre Brüder in Rußland Stellung nahmen. (Stürmischer Beifall bei den Zionisten. Rufe: Bravo Pernerstorfer!) Wir sehen auch bei uns Unterdrückungen und Verfolgungen, und es ist begreiflich, wenn sich die Juden auch bei uns nicht ducken. (Lebhafter Beifall bei den Jüdischnationalen.) Es ist kein Grund vorhanden, sich der Zugehörigkeit zu einem Volke zu schämen, das durch zwei Jahrtausende sich durch ein Meer von Blut und Thränen erhalten hat. (Stürmischer Beifall.) Unsere gemeinsame Parole muß lauten: Kampf gegen die Unterdrückung, Kampf für Entwicklung und Freiheit des Volkes! (Stürmischer Beifall.) Herr Lozinski besprach die Unterdrückung der Ruthenen in Galizien und Rußland. Herr Groß widersprach im Namen der Jüdischnationalen, der Darstellung des Abgeordneten Ellenbogen, der den Vorfällen in Kischenew den antisemitischen Charakter benehmen wolle. Nachdem noch mehrere Redner sich den Protesten gegen die Judeomaffacres angeschloffen hatten, wurde die Versammlung in später Nachtstunde geschloffen. Eine Resolution italienischer Soeialisten. Der Verband der Socialistenpartei in Rom nahm in einer Protestversammlung gegen das Judenmaffacre in Kischenew eine Resolution an, in der der Wunsch aus gedrückt wird, daß Italien der Besuch des Czaren erspart bleiben möge. Die Wirkungen des Getreideterminhandelsgesetzes. Es ist der Fluch aller Tcndenzgesetze, daß sie nicht nur Denjenigen treffen, auf den gezielt wird, sondern ihre Schädlichkeit auch auf die Allgemeinheit übertragen. Das Getreideterminhaudelsgesetz war auf die hundert oder mehr Juden berechnet, welche auf der Wiener Getreidebörse den Terminhandel in Getreide, nebst dem regulären Getreidegeschäfte, cultivirten, da sich einer dieser Zweige des Getreidegeschäftes vom anderen nur schwer oder gar nicht trennen läßt. Wir haben bereits bei der parlamentarischen Berathung auf die wahrscheinlichen Folgen hingewiesen. Letztere sind jedoch noch viel schlimmer eingetreten, als Freund und Feind des Getreideterminhandels ahnten. Es zeigt sich, daß man das »Kind mit dem Bade" ausgeschüttet hat. Am 16. April d. I. ist das Verbot des Getreideterminhandels in Rechtskraft getreten und gleich am ersten Tage wurde mit elementarer Gewalt die Wiener Getreidebörse aus ihren Grundfesten gehoben und zu einer communen Trödlerhalle degradirt. Wie mit einem Ruck wurde der Börsenverkehr zum Stillstände gebracht. Gähnende Leere, klaffende Lücken, auf ein Minimum reducirter Besuch, dies ist das Bild der noch vor kurzer Zeit tonangebenden Wiener Getreidebörse. Ja noch mehr. Infolge der Geschästslosigkeit ist es nicht mehr möglich, die jeweiligen Marktpreise sicherzust-llen, daher der Wiener Getreidebörse das wichtigste Attribut, die nothwendigste Jmponderabilie einer Börse abgeht. Wien ist hiedurch als Getreideplatz depoffedirt worden, es ist kein Getreide-Emporium mehr, zählt weiter nicht auf dem Weltmärkte als Getreidehandelsplatz, und was fürder auf der Wiener Getreidebörse entrirt wird, besitzt kaum eine untergeordnete locale Bedeutung, im internationalen Verkehr hat sie aufgehört, mitzuzählen. Die Consequenzcn, die der Weltstadt Wien ausderDecapitalisirung als Getreide-Emporium erwachsen werden, sind vorläufig kaum abzusehen. Als erste Folge ergibt sich, daß Budapest die Rolle, welche Wien im Getreidewelthandel besessen, übernommen, daß Budapest über Nacht für ganz Oesterreich der maßgebende Platz für Getreide ist und daß Budapest die Marktlage vollständig beherrscht. Ja, noch mehr, die Budapester Getreidebörse dictirt, resp. notirt die Marktpreise, nicht nur für den effcctiven, sondern auch für den terminen Getreide- Handel. Es wird sich das beschämende Schauspiel ergeben, daß privat sowohl als auch amtlich die Notirungen der Budapester Getreidebörse als Maßstab zu gelten haben werden überall dort, wo es sich darum handeln wird, Preise von Körnerfrüchten für prompte und spätere Termine festzustellen. Was nützen alle Wasserstraßen, wenn es an Güter fehlen wird, sie zu befrachten. Begonnen hat man mit der Unmöglichmachung und Unterdrückung des Wiener Saatenmarktes, wodurch Wien schweren Verlust erlitt, den es bislang noch nicht zu verschmerzen vermochte. Als zweite Etappe hat man sich das Verbot des Terminhandelsgesetzes husersehen; die Regierung, die sich beeilt, allen Forderungen der herrschenden Strömung mit katzenartiger Geschwindigkeit Handlangerdienste zu leisten, ist ohne Verzug mit einem persecutorischen Gesetze auf dem Plan erschienen und das Parlament gab sein plaeet hiezu. Man hat sich freilich de'' Illusion hingegeben, es werde durch das Verbot nur der Terminhandel getroffen werden, das reguläre Effectivgeschäft dem Wiener Platze aber erhalten bleiben. Alle Warnungen waren vergebens. Nun zeigt sich, daß zwischen dem prompten und terminen Getreidehandel ein causaler Zusammenhang besteht, daß Eines ohne das Andere nicht zu prosperiren vermag. Man wollte sich damit nickt allein begnügen, nur die Auswüchse des Terminhandels zu treffen, nein, der Terminhandel mußte mit Stumpf und Stiel ausgerottet werden, weil — es Juden sind, die an der Wiener Getreidebörse das Geschäft cultivirten, und dies ist den antisemitischen Machthabern ein Dorn im Auge gewesen. Wie das rothe Tuch auf den Stier, so wirkt es auf die antisemitischen Bluthunde, wenn sich ein Jude kümmerlich ernährt. Und die Moral aus der Affaire! Die antisemitischen Agrarier oder agrarischen Antisemiten, welche der Meinung gewesen, nicht die »Juden der Wiener Getreidebörse", sondern sie selbst werden nach Aufhebung des Geireideterminhandels die Preise der Brotsrüchts dictiren können, sehen sich bitter enttäuscht und um die Früchte ihrer Agitation gebracht. Sie müssen es mit verbissener Wuth ruhig geschehen lassen, daß die »Budapester Körndljuden" es sind, die die Preise machen, ohne sich im Geringsten um die antisemitischen Agrarier und agrarischen Antisemiten Wiens zu kümmern. E. B. Die zweijährige Militärdienstpflicht. Es will nun doch ernst werden mit der Einführung der zweijährigen Dienstpflicht in Oesterreich-Ungarn. Selbstverständlich wird mit dieser Einführung eine durchgreifende Reorganisation der stehenden Armee verbunden sein. Allein auch die Landwehr und der Landsturm dürften von der großen Reform nicht unberührt bleiben. Zuförderst dürfte sich die zweijährige Dienstpflicht darin äußern, daß das jährliche Recrutencontingent nicht nur relativ, sondern auch absolut eine Vermehrung erfahren wird. Jnsbesonders aber wird mit derselben eine weitausgreifende Erhöhung des Cadrestandes verbunden sein. Die Cadres aber bestehen zumeist aus Ober- und Unterofficieren, insbesonders aber aus Letzteren, denn diese: die Gefreiten, Corporäle und Feldwebel nämlich, bilden das Gerippe der Compagnien, Bataillone und Regimenter, aus welchen wieder die Heereskörper höherer Ordnung: Brigaden, Divisionen und Armeecorps, zusammengesetzt erscheinen. Die bevorstehende Armeereform wird auch an uns Juden erhöhte Anforderungen stellen, mehr und in weit erhöhterem Maße als an die Arier. Wir Juden werden aber die progressive Blutsteuer ohne Murren, ja mit Bereitwilligkeit tragen, ebenso wie wir die auf uns entfallenden verhältnißmäßig höheren Steuern und Abgaben willig und unverdrossen leisten. Wir sind auch anspruchslos und bescheiden und fordern nicht, wie Andere, für die voraussichtliche Mehrleistung an Blutsteuer eine wie immer geartete Gegenleistung, eine specielle Bevorzugung. Wir möchten dafür nur erreichen, daß den Söhnen unseres Volkes für die dem Staate geleisteten Dienste dieselben Beneficien zutheil werden, wie den Militärs anderer Confeffionen, nicht mehr, aber auch nicht weniger.

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