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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1903-06-05 · 23 (5.6.1903) · page 9

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
20 (1903)
Issue
23 (5.6.1903)
Date
1903-06-05
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr 23 Dr. Bloch's Wochrnfchrist. Sette 36» Correspondemen. Professor Dr. Moritz Lazarus. Aus Meran geht uns nachfolgendes Condolenzschreiben zu. welches kaiserl. Rath Heinrich Klinger als Präsident der Cultusgemeind«' am Todestage des Professors Lazarus an deffen Witwe Frau Nahida Ruth Lazarus gerichtet hat: Hochgeehrte gnädige Frau! In allen gebildeten Kreisen wird das Hinscheiden Ihres theuren Gatten, des großen Denkers und Gelehrten, auf's Schmerzlichste empfunden werden. Aber Niemand hat so sehr ein Recht, mit Ihnen, hochgeehrte Frau, die Todtenklage anzustimmen, als das Judenthum, dessen großer Apologet der Verewigte war, wiewohl er grundsätzlich eine Apologie des Judenthums nie niederschrieb. Er hat die sittlichen Lehren des Judenthums in ihrer Hoheit und Würde der Welt verkündet, ihren Einfluß erhöht, das Reich der Ethik gemehrt, vertieft und veredelt. Mit dem Scharfsinn und Tiefblick seines Geistes, mit der Zartheit und Energie des Gefühls, mit seiner innigen, hingebenden Liebe zu seinem Volke erfaßte er alles Gute, erbaute er eine geistige, ideale und sittliche Welt. So wurde er eine Quelle der Belehrung, ein Vorbild unseres Lebens, ein Apologet des Judenthums. Darum beklagen wir mit Ihnen seinen Verlust, darum trauern wir mit Ihnen an seinem Grabe. Möge Sie, hochgeehrte Frau, der Gedanke aufrichten und erheben, daß der Verewigte die Sonnenhöhe des Lebens erreicht hatte, daß sein Streben sich segensreich bewährt hat und segensreich fortwirken wird bis in die spätesten Zeiten. Wien, 14. April 1903. Mit vorzüglicher Hochachtung Dr. Lieben, Secretär. H. Klinger, Präsident. Wien. Ueber die Ereignisse in Kischenew bringt der vortrefflich geleitete „Europßen", dieses Blatt, das sich der Verfolgten jeder Nationalität und jeder Confession so hingebend annimmt, einen äußerst interessanten Artikel von einem Russen. Man mußte sich immer wieder fragen, wie konnten die Civil- und Militärbehörden diese Massacres, die einem Kurdenstamm alle Ehre gemacht haben würden, ruhig Tage lang zulaffen. Allmählich werden jetzt Beweggründe bekannt, die wenigstens einigermaßen die Haltung der Beamten erklären. Die Beamten rührten sich nicht, weil, wie zuverlässig versichert wird, die Juden nicht rechtzeitig sich die Protection der Gewaltigen durch eine entsprechende Anzahl Rubel erkauft hatten. In einzelnen Gegenden Kleinasiens und Arabiens reist man gleichfalls, indem man zuvor durch Geld sich von den einzelnen Stämmen Sicherheit erkauft. Auf dieser Höhe standen leider die Zustände in Kischenew. Dazu kommen aber allgemeine, erklärende -politische Erwägungen. Auf sie wirft eine Aeußerung Licht, die der Graf Schuwalow, seinerzeit Gouverneur von Odessa, zu jüdischen Arbeitern gethan hat. Er rief die Führer der jüdischen Arbeiter im April vorigen Jahres zu sich und erklärte ihnen: „Wenn Ihr den ersten Mai feiert, lasse ich Exceffe gegen die Juden organifiren." Um die Arbeiterbewegung zu lähmen, wirft man dem Mob die Juden als Beute zum Zerfleischen vor. Wenn solche Grundsätze in der Regierung vorhanden sind, so hört die Haltung der Behörden in Kischenew auf, unbegreiflich zu sein. Wien. (Die Opfer der Katastrophe von Kischenew.) Wie ein Telegramm aus Odessa meldet, haben durch die mit dem furchtbaren Massacre in Kischenew verbundenen Zerstörungen und Verwüstungen etwa 4000 jüdische Familien ihr gesammtes Hab und Gut, ihre Wohn- und Arbeitsstellen und die Mittel des Erwerbes verloren; es sind dadurch nahezu 20.000 Menschen der Noth und dem Elende preisgegeben worden. Zahlreiche Witwen der ums Leben gekommenen Männer und Hunderte von Waisen müssen auf die Dauer erhalten und unterstützt werden. Der ganze geschäftliche Erwerb dieser ruinirten Familien ist auf Jahre hinaus unmöglich gemacht. Diesen Mittheilungen zufolge, die auf gewissenhaften Erhebungen beruhen, sind die Aufgaben, welche für die eingeleitete Hilfsaction erwachsen, sehr schwierig und erfordern große Mittel. Nur durch das Zusammenwirken der an den verschiedenen Orten begonnenen Hilfsthätigkeit können die zur Behebung dieses furchtbaren Massennothstandes nöthigen Mittel aufgebracht werden, und es wird hiezu einer allseitig gesteigerten Opferwilligkeit bedürfen. Die Sammlung der Israelitischen Allianz zu Wien für die Opfer der Massacres von Kischenew hat bis heute einschließlich der avisirten Beträge circa K 120.000 erreicht. Unter den außerhalb Wien veranstalteten und der Israelitischen Allianz zugeführten Sammlungen find außer den bereits mitgetheilten folgende zu nennen: Prag (durch Herrn Dr. Arnold Rofenbacher) weitere Sendungen k 3354, L1179 90, K1039 und K1770 (zusammen circa 20.000 K). Triest, zweite Sendung K 3500 (zusammen K 7631). Czernowitz, erste Sendung der Filiale der Israelitischen Allianz K 2000. Essegg und Filialgemeinden K 1318 (darunter: vom Slavischen allgemeinen Spar- und Aushilfsverein und von der „Uuion"-Dampfmühl-Actiengesellschaft je K. 100. vom Cultusvorsteher Dr. H- Spitzer, Josef Kraus Söhne. Sorger. Weißmaher & Co.. Ungenannter, I. N. Schulhof und Djakovarer Walzmühl Actiengesellschaft je L 50; von S. Kästenbaum, Otto Fellner, und Franz Weiß je K 25; von der Effegger Spargenoffenschaft, Salomon Schwarz. Brüder Berger, Rud. Ungar & Söhne, Bela Springer, Hermann & Weiß, Ludwig Frankl. Josef Frank, Samuel Berger, Dr. Wilhelm Winter, Jsak Frank je K 20 und diverse kleinere Spenden, ferner aus Balgo K. 33, aus Dolja K 28, aus 6epin K 38). Nachod (durch den Cultusvorstand gesammelt) K 900. Ung.-Hradisch K 621, Znaim K 610, Ni kols bürg L 600. JglauL600 (CultusgemeindeK200, Chewra-Kadischa K 200, Frauenverein und Tempelgesangsverein je K 100), Teplitz (M. Bloch's Söhne) K 400. Stanislau K 360, Spalato (durchVioletta Goldstein und GiulettaStock) K354*20, Königinh of K 302, Jungbunzlau K 300. LundenburgL 276, S t. P ö l t e n und 6 a s l a u je K 240, Tach au K 233*90, Bis ch ofteinitz L 208, B i s e n z K 200, HohenemsL 197, Deutschbrod K. 192. TrieschL 174» Ungar.- Brod K 174, Slatina (Slavonien) K 161, TrebilschL183, BelovarK114, NeutitscheinL 150. Israelitische Cultusgemeinde Wien. Spendeneinlauf: Bon Herrn Stefan Quittner.K 1000.— im Sinne des Vermächtnisses des sel. Herrn Max Quittner zur Vertheilung an Arme am Tage seines Begräbnisses. Von Herrn Benno Goldschmidt anläßlich der Vermählung seiner Tochter: für die isr. Armenanstalt „ 50.— für das israelitische Siechenhaus.„ 50.— für den Verein „Ferienheim" .„ 30.— Von Herrn Baron Albrecht Schey: für den israelitischen Waisenverein.. 20.— für die unglücklichen Glaubensgenossen in Kischenew „ 30.— Von der Cultusgemeinde Ronsperg.„ 105.— sür die unglücklichen Glaubensbrüder in Kischenew. Von Anonymus durch Herrn Dr. Albert Kuh, für die armen geplünderten Juden in Kischenew . . „ 100.— Bon Frau R. R. für den israelitischen Waisenverein .„ 10.— Von Frau Emma Karpeles für die Insassen der israelitischen Versorgungsanstalt 55 Flaschen Bordeaux-Wein; von Herrn Dr. Wilhelm Pappenheim einen Krankenstuhl und einen Fauteuil für die israelitische Bersorgungsanstalt. Wien, 4. Juni. Mit der Tagesordnung „Finnland und Kischenew" wurde vorgestern Abends in Ronacher's Ballsaal eine allgemein zugängliche Versammlung abgehalten. Unter den Versammelten fiel insbesondere die große Anzahl der erschienenen russischen Studenten und Studentinnen auf. In der Versammlung kam es zu lebhaften Widersprüchen zwischen den Soeialdemokraten und den Jüdischnationalen. Den Vorsitz führte Arbeiterführer Winarsky, welcher die Versammlung begrüßte und der Meinung Ausdruck gab, daß auch auf dem Wiener Boden Protest erhoben werden müsse gegen die Judenhetzen in Kischenew und die Unterdrückung der finnländischen Bevölkerung. Reichsrathsabgeordneter Dr. Ellenbogen erklärte, daß er der Meinung entgegentreten müsse, als ob das Massacre von Kischenew antisemitischen Ursprungs sei. Die Revolution sei in Rußland eine geschichtliche Nothwendigkeit geworden. Die Ereignisse an den Universitäten

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