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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1903-06-05 · 23 (5.6.1903) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
20 (1903)
Issue
23 (5.6.1903)
Date
1903-06-05
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 366 Nr. 23 Vr. Bloch's Wochenschrift. arbeiteten an dem Blatte mit; es wurde überdies durch die Behörde« eine andere Zeitung des Ortes, der „Bessarabski Westnik", beseitigt; es wurden alle Gesuche wegen Herausgabe einer zweiten, anständigen Zeitung abgeschlagen, und es wurde schließlich der nichtofficielle Theil der officiellen Zeitung abgeschafft, so daß das Organ des Herrn Kruschewan für die Zeitungsleser allein bestehen blieb. Alles dies betrifft Kischenew. Herr Kruschewan erhielt aber auch die Erlaubniß, in Petersburg eine Zeitung herauszugeben, „Snamja" mit Namen; er wurde aus Staatsgeldern von dem Minister Plehwe mit 25.000 Rubeln subventionirt, und in einem Ministerconseil verlangte Herr Plehwe eine weitere Snbventionirung, die nur dadurch verhindert wurde, daß der Minister Witte erklärte, Staatsgelder ständen für diesen Zweck nicht zur Verfügung. Unter diesen Umständen erhielt Herr Kruschewan, der hoch verschuldet ist, durch die Protection des Ministers Plehwe den gewünschten Betrag von der Staatsbank auf Solawechsel, die Herr Kruschewan einzulösen nicht in der Lage sein würde". Die Mitarbeit der hohen Beamten an dem Blatte, die Thatsache, daß die Censur die Hetzartikel gegen die Juden durchgehen ließ, sie also als von der Regierung gebilligt hinstellte, die offenkundige Begünstigung des Herrn Kruschewan und seiner antisemitischen Unternehmungen hätten, so wird in der Zuschrift an die „Nation" weiter ausgeführt, die Revolte von Kischenew zur Folge gehabt. Die ungebildete Bevölkerung glaubte im Namen des Czaren zu handeln, und die gebildete Bevölkerung nahm mit gutem Grund an, daß die Regierung den Krawall wolle. Die Bevölkerung von Kischenew und Umgebung glaubte, wie bei der Judenhetze von 1881, während deren Herr v. Plehwe Chef der Polizerverwaltung war, an ein goldenes Manifest des Czaren, das in den Gemeindekanzleien ein getroffen sei und das befähle, die Juden zu Ostern zu erschlagen. Nachträglich ist der Gouverneur v. Raaben, der lediglich den Instructionen des Ministers folgte, ja bestraft worden. Aber, sagt die Zuschrift, nur deshalb, weil er die Ausschreitungen zu weit gehen ließ, so weit, daß sie den Czaren empörten, internationale Schwierigkeiten erregten und Plehwe's Stellung gefährdeten. Der Czar habe die Absicht gehabt, einen Adjutanten zu seiner persönlichen Information über die Vorgänge nach Kischenew zu entsenden. Das habe Herr v. Plehwe zu hintertreiben gewußt, er seinerseits habe einen Beamten nach Kischenew entsandt, der einen sehr mild gefärbten Bericht erstattet habe. Selbst dieser Bericht sei dem Minister noch zu kraß gewesen, und er habe ihn erheblich umredigirt, ehe er ihn dem Czaren vorlegte. Die in russischer Sprache erscheinende Zeitschrift des ausländischen Comitäs der allgemeinen jüdischen Arbeiterorganisation in Litauen, Polen und Rußland bringt noch folgende Einzelheiten: In der Nacht zum russischen Ostersonntag drangen Haufen von Christen aus der Kirche, machten sich an die Magazine und Läden heran und fingen an zu plündern. Das dauerte etwa zwei Stunden. Dann traf vom Bahnhof her eine große Schaar Christen, meistens Welikoroffen (Großruffen aus den centralen Gouvernements) ein, theilte sich in Gruppen, begab sich auf die Straßen, welche von Juden besetzt sind, und fing an, Häuser zu plündern. Männer, Frauen und Kinder zu ermorden. Am nächsten Tage vermißten schon viele Familien ihre Angehörigen, der Vater, die Mutter, die Tochter, der Sohn fehlten. Die noch gestern reich und wohlhabend waren, waren an den Bettelstab gebracht. Noch des Morgens wurde am Denkmal Alexanders IL ein jüdisches Mädchen tobt aufgefunden, mit allen Zeichen der Gewaltthat, halb entblößt, mit Schaum vor dem Munde. Später wurde bekannt, daß die Uebelthüter vielen Frauen und Mädchen Gewalt angethan. Ein Blechschmied, der die Ehre seiner Schwester vertheidigen wollte, wurde in Stücke zerriffen. Ein Mädchen wurde mit ausgeschnittenen Brüsten gefunden; außer Leichen wurden in den Straßen Köpfe, Arme, Beine gefunden, welche vom Rumpf abgeschnitten und auf die Straße geschleudert worden waren. Einige Bilder: Eine Witwe mit ihrer Tochter flüchtete vor den Mördern in das zweite Stockwerk zum Nachbar, einem Christen. Sie wurden aber nicht eingelassen, und die Mörder erreichten und ermordeten sie. In einem Hause fanden die Mörder einen Greis, der eingehüllt in seinen Gebetmantel dastand und betete. Die Uebelthäter schlugen ihm mit einer Stange auf den Kopf und ermordeten ihn. Eine Familie verbarg sich in dem Abort. Die Mörder bemerkten es, rissen die Bretter des Bodens auf und die Unglücklichen fielen alle in die Grube und ertranken. Eine Frau verbarg sich mit ihrem Säuglinge in einem Dachzimmer. Das Kind wollte aber nicht schweigen, und da stopfte sie ihm ein Tuch in den Mund. Das Kind erstickte und die Mutter wurde wahnsinnig. Auf der Straße .geht ein Jude mit einem Kinde in den; Armen. Die Mörder entrissen ihm das Kind, schleuderten es in die Lust und ermordeten den Mann. Eine junge Mutter mit ihrem Säugling flüchtete zu dem christlichen Arzte Stein fn den Corridor. Dieser aber wollte sie hinausjagen, und da sie nicht gehorchte, so erfaßte er das Kind und schleuderte es über den Zaun. Die Mutter warf sich dem Kinde nach, da erfaßten sie die Mörder und erschlugen sie. Dr^ 13- bis 1-jährige Mäden wurden in Stücke zerrissen. Bier Synagogen sind vernichtet und die Thorarollen, zerschmettert. Bis jetzt sind 118 Leichen ausgefunden. Verschwunden sind circa 500 Juden. Die Polizei ging Hand in Hand mit den Räubern und zeigte ihnen, wo Juden wohnten, nannte die Räuber „brave Kerle" und verhinderte die Juden an der Selbstvertheidigung. Bei den Reviercommissären und sonstigen Polizisten wurden geraubte Sachen aufgefunden. Erst am Dienstag, als die Räuber die jüdischen Quartiere in Brand stecken wollten, mischten sich die Behörden ein. Der Schaden beläuft sich auf etwa 30 Millionen Rubel. In Orgeen (der Bezirkshauptstadt dieses Gouvernements) trafen etwa 65 Soldaten ein, welche den Juden 1000 Rubel kosten. Diese erzählen, wie sie in Kischenew geholfen hätten, die Juden zu schlachten, sie verjagten sie und schlugen sie mit den Flinten auf den Kopf. Ein anderer von der Zeitschrift abgedruckter Brief lautet: „Am Sonntag, am ersten Tage der russischen Ostern. Nachts, als alles schon schlief, übersielen Schaaren von Christen die schlafenden Juden. Sie raubten, zerschmetterten, zerstörten Alles, was sie fanden. Was man nicht mitnehmen konnte, wurde vernichtet. Dächer wurden niedergerissen, Wände zerschlagen, und die Häuser dem Erdboden gleichgemacht. Frauen wurden entehrt in Anwesenheit der Männer, Mütter in Anwesenheit der Kinder, Töchter in Anwesenheit der Eltern. Man hat zehnjährigen Mädchen Gewalt angethan und sie nachher in Stücke gerissen. Eine schwangere Frau hat man, nachdem man sie vergewaltigt, ermordet, ihr den Bauch aufgeschlitzt, den Fötus herausgenomrnen und ihr in die Arme gelegt. Sechzehnjährigen Mädchen hat man die Brüste abgeschnitten. Einem schönen Mädchen schnitt man, nach vielfacher Gewaltthat, den Bauch auf, nahm die Eingeweide heraus und stopfte ihn mit Schmutz voll. Eine der Bestien hat während der Gewaltthat seinem Opfer die Nase abgebissen, nachher versetzte er ihm Fußtritte und riß es in Stücke. Bei Männern wurden Nasen, Ohren, Hände, Beine abgerissen und Zungen ausgeschnitten. Einem Manne hat man lebend die Haut vom Schädel abgezogen, dem anderen in die Augen Holzstücke hineingeschlagen. Kindern hat man die Händchen und Beinchen abgeschnitten und sie auf die Straße geschmissen, oder man schlug sie solange mit den Köpfen an die Wand, bis die letztere mit Blut und Hirn bedeckt war. Mehr als 100 Ermordete sind schon begraben. In den Krankenhäusern stirbt jeden Tag eine Menge fürchterlich Verstümmelter. Viele Leichen sind noch in den Dachzimmern, Kellern, Gruben, Schmutzgruben und Aborten" Die „Frankfurter Zeitung" erhält das Facsimile einrs Placates, dessen Original am Freitag und Sonnabend vor den russischen Osterfeiertagen durch die Polizei in Kischenew in Tausenden von Exemplaren vertheilt worden war. Das Placat zeigt einen Christuskopf mit der Dornenkrone und trägt die Aufschrift: „Gottes Strafe gegen die Bilderfrevler!" Unter dem Christuskopfe ist eine in biblischem Style geschriebene kleine Erzählung zu lesen, die etwa so lautet: „Nächst dem Judenviertel wohnte einst in einem Häuschen ein Christ, der, als er auszog, au der Wand seines Zimmers ein geschnitztes Bild des Erlösers aus Vergeßlichkeit hängen ließ. Nach dem Christen zog ein Jude in das Haus, und als dieser von Glaubensgenossen Besuch erhielt, wurde das Bild bemerkt. Die Juden erinnerten sich, daß ihre Vorfahren einst den Heiland ans Kreuz gebracht hatten, und sie glaubten, mit dem Bildnisse ebenso verfahren zu müssen, wie mit dem Sohne des Menschen vor zwei Jahrtausenden auf Golgatha. Sie haben bespieen also das Bild, stachen es mit Nägeln und Dornen, und hielten ihm ein in Essig getauchtes Tuch an die Lippen. Und siehe da, mit einem Male begann das Bild, ganz wie einst der Leib Jesu, zu bluten und das Blut floß stundenlang, so daß tropfenweise ein ganzes großes Gefäß damit voll wurde. Nun erschrocken die Peiniger, und um Gott zu versöhnen, gingen sie hin und bestrichen mit dem Blut die Wunden ihrer Kinder und die Schwüren ihrer Kranken. Und alle wurden geheilt. Darauf gingen viele Juden zum Bischof, der sie taufte." Soweit die Erzählung. Das Bemerkenswertheste aber an dem Placate ist, daß es folgende Unterschrift trägt: „Moskau, im Hause des Klosters zum heiligen Marcarius, Große Lubiankastraße. Gedruckt durch das Beichtcomitß des Heiligen Synods zu Petersburg, am 4. Februar 1903. Der Ceusor: Alexander Jeremonach." Wie die „Frankfurter Zeitung" aus New-Iork meldet, faßte eine gewaltige Maffenversammlung in Carnegie Hall den Beschluß, die Bundesregierung aufzufordern, durch geeignete Mittel bei der russischen Regierung darauf hinzuwirken, daß die Judenverfolgung aufhöre und die Ueberlebenden von Kischenew für die Gräuel entschädigt würden. Fast alle hervorragenden Männer Amerikas waren entweder persönlich anwesend oder schickten Briefe. Der frühere Präsident Cleveland sprach, ebenso Präsident Schürmann von der Cornelli-Universität. Karl Schurz bezeichnete die russische Regierung als direct verantwortlich für das Massacre und die Greuel von Kischenew einen „fluchwürdigen Verbrauch an Menschheit."

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