Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 23 (5.6.1903)
- Date
- 1903-06-05
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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-ttr. 23 Vr. Bloch's Wochenschrift. Sette 365 wie Liebau, Mitau ausgewiesen worden. Auch dafür sind die amtlichen Belege durch jene Amerikaner erbracht worden. Dabei muß in Betracht gezogen werden, daß nach den veröffentlichten russischen Militärstatistiken die jährlichen Aushebungen der jüdischen Recruten eine größere Percentziffer ergaben als bei der nichtjüdischen Bevölkerung. Wenn man diese einwandfreien, durchaus objektiven Darstellungen in dem mehrfach genannten, dem nordamerikanischen Parlamente erstatteten Bericht liest, dann will es einem förmlich unbegreiflich erscheinen, wie diese zermarterten Menschen überhaupt noch ihr nacktes Dasein zu fristen im Stande waren. Die Geschichte der Austreibung der Juden aus Moskau, aus Kiew, aus Jalta gehört mit zu dem Furchtbarsten, was in der Leidensgeschichte nicht etwa nur der Juden, nein der gesummten Menschheit vorgekommen sein dürfte. Man hat schwache Greise, zarteste Kinder, schwangere Frauen, Kranke in die Unbilden des russischen Winters erbarmungslos hinausgestoßen. Man hat kranken Greisen, die dem Erblinden nahe waren, die Aufnahme in ein Krankenhaus verweigert, weil sie Juden waren. Diese Unthaten sind ebenfalls durch die Aussagen der Herren Weber und Kenipster bezeugt. Den größten Theil der Schuld an diesem zum Himmel schreienden Verbrechen, die seit fast einem Vierteljahrhundert an unschuldigen, armen, gequälten Menschen begangen werden, trägt der sogenannte heilige Synod und sein Leiter, der kalte, blutleere Fanatiker Pobjedonoszew. Dieser auf deutschen Hochschulen gebildete Russe von hoher Intelligenz, ein Hegelianer überdies, hat sich den wenig beneidenswertheu Ruhm erworben, den Henkersknechten der spanischen Inquisition zngezählt werden zu müssen. Den Peter Arbuez, den Torquemada, den Granvella reiht sich völlig ebenbürtig dieser Russe Pobjedonoszew an. Einsichtsvolle Russen, so unter Anderen der Fürst Demidow San Donato, haben sich auch nicht gescheut, ihrer Ueberzeugung in Wort und Schrift einen muthigen. edlen Ausdruck zu verleihen und die rasche Beseitigung jener barbarischen Ausnahmegesetze nicht sowohl im Interesse der Juden, sondern im Interesse Rußlands selbst zu fordern, ganz abgesehen davon, daß die Humanität, das Christenthnm deren Abschaffung gebieterisch fordern. Hatte der ehrwürdige Cardinal Manning etwa nicht ebenfalls Recht, wenn er die Worte ausrief: „Wenn irgendein Volk, selbst im Herzen Afrikas, so viel Leiden unterworfen wäre wie die Juden Rußlands, so wäre es unsere Pflicht, demgegenüber einzuschreiten; und wir sollten unsere Pflicht nicht erfüllen gegenüber einem so bedeutenden, so hervorragenden Stamme wie dem jüdischen?" Möge auch noch das Wort des Bischofs von London hier Platz finden: „Aehnliche Greuel wie diese an den russischen Juden im Namen der Religion begangenen, bilden einen Flecken für jede Religion, insbesondere aber für das Christenthnm! Indem es die Juden verfolgt, vergißt das Christenthnm zugleich seinen Ursprung und seine Grundsätze, verräth es das Wort Christi, der gesagt hat: „Liebet Euch untereinander!"" Soll der Begriff von der Solidarität aller menschheitlichen Interessen ein leerer Wahn bleiben in einer Zeit, die sich eines hochentwickelten socialen Empfindens gegen alle Schwachen und Unterdrückten nicht ohne ein gewisses Recht rühmt? Wir wollen, wir mögen es nicht glauben. Regt sich die öffentliche Meinung in allen civilisirten Staaten, dann wird auch das ruffische Gewissen erwachen und den Greueln Einhalt gebieten, die dort geschehen. Die ruffische Regierung und die Kischenewer Borgänge. Aus Petersburg wird berichtet: Am 24. Mai empfing der russische Minister des Innern Herr v. Plehwe eine Deputation der Juden von Kischenew, die der Regierung ihre Klagen vortragen wollte. Der Minister empfing sie mit großer Freundlichkeit und hörte mit Aufmerksamkeit ihre Klagen und Bitten an. Die Deputation protestirte gegen den amtlichen Bericht, da dort im Widerspruch zu den Thatsachen versucht wurde, die Juden für die Vorkommnisse verantwortlich zu machen. Herr v. Plehwe erklärte, er könne sich nicht in einer neuen Veröffentlichung widersprechen, werde aber versuchen, es durchaus klar zu machen, in wie hohem Maße die Regierung mit den Duldern von Kischenew sympathisire. Er erinnerte die Deputation daran, daß er den Gouverneur von Beffarabien und den Polizei-Chef bereits abgesetzt habe; mehr könne man kaum verlangen. Die Delegirten ihrerseits wiesen darauf hin, daß unter den städtischen Beamten Männer seien, deren Verschulden noch größer sei als das des Gouverneurs, und sie sprachen die Hoffnung aus, daß der Minister den ganzen Beamtenstand in Kischenew einer eingehenden Veränderung unterziehen werde. Sie erklärten es auch für durchaus erforderlich, daß der antisemitischen Agitation der Preffe entgegengetreten werde, und erwähnten die Zeitungen „Snamja" und „Beffarabetz" als die Hauptsünder in dieser Beziehung. Der Minister zeigte sich durchaus bereit, in diesem Punkte auf die Wünsche der Deputation einzugehen, und daß er bereits Maßnahmen in dieser Richtung getroffen hat, ist daraus ersichtlich, daß in dem officiellen Boten vom 25. Mai die antisemitische Zeitung . Snamja" mit Ausnahme der für die festen Subscribenten bestimmten Exemplare verboten wurde. Der amtliche Bericht ist überhaupt ein Muster der Lüge und Vertuschung. So z. B. ist die Angabe des Ministers des Innern, wonach die Unruhen in Kischenew ihren Ursprung darin genommen haben, daß ein jüdischer Carouffelbesitzer eine christliche Frau vom Carouffel gestoßen haben soll, eine alberne Erfindung. Am ersten Osterfeiertag waren auf Verbot der Polizei die Carouffel gar nicht im Gange. Bon dieser angeblichen Ursache haben die Kischenewer erst aus dem Erlaß des Ministers Kenntniß erhalten. Charakteristisch ist nicht minder das Verhalten der ruffischen Regierung bei der Ausweisung des „Times"- Correspondenten. Dreist und gottesfürchtig erklärt die russische Regierung, mit der Berichterstattung der „Times" habe die Ausweisung des Petersburger „Times"-Correspondenten nicht das Geringste zu thun. Und sie erklärt das ohne Wimperzucken sogar dem britischen Botschafter in's Gesicht! Ein Laffan-Telegramm meldet aus London: „Der ausgewiffene „Times"-Correspondent telegraphirt seinem Blatte, die russischen Behörden hätten ihm amtlich mitgetheilt, seine Ausweisung erfolge wegen seiner Feindschaft gegen die russische Regierung und wegen Erfindung falscher Nachrichten. Der russische Minister des Innern v. Plehwe erklärte in einer Unterredung mit dem britischen Botschafter in Petersburg, die Ausweisung sei schon seit längerer Zeit vorbereitet und durch das, was der Korrespondent über die Ereignisse in Kischenew geschrieben habe, unbeeinflußt. Persönlich bestehe gegen den „Times"Correspondenten keine Einwendung, der feindselige Ton feiner Berichterstattung jedoch und jener der „Times" im Allgemeinen erregten Mißfallen. Die Regierung sei zu der Entscheidung gekommen, daß sie diesen Berichterstatter nicht länger in der russischen Hauptstadt dulden könne." Herr v. Plehwe leugnet den Zusammenhang beider Dinge. Aber gerade Herr v. Plehwe wird vielfach als der Urheber der Judenhetze von Kischenew angesehen. Und darauf eben hat die „Times" hingewiesen, indem sie einen Geheimerlaß des Herrn v. Plehwe, den dieser am 25. März an den Gouverneur von Beffarabien richtete, veröffentlichte. In diesem Geheimerlaß erklärte der Minister, er erfahre, daß in Beffarabien Unruhen gegen die Juden vorbereitet werden. Er schärft dem Gouverneur ein, er solle nicht etwa durch strenges Einschreiten gegen diese Bewegung in der Bevölkerung regierungsfeindliche Gesinnungen erwecken, sondern nur durch Ermahnungen, keinesfalls aber durch Waffengewalt die Bevölkerung von allzu großen Exceffen abzubringen suchen. Dieser Erlaß ist nachträglich von der russischen Regierung für apokryph erklärt worden, trotzdem glauben in Rußland viele Leute daran. An beiden Tagen haben Telegraphenbeamte die Annahme telegraphischer Anzeigen nach Petersburg und anderswohin verweigert; erst am Abend des zweiten Tages erbarmten sich einige ruffische Aerzte, nach einer weit entlegenen Station zu fahren und von dort aus an den Minister über das Blutbad zu depeschiren. Wann aber dürfen Telegraphenbeamte, also staatliche Angestellte, die Annahme von Depeschen verweigern? Wenn sie die Gewißheit haben, sich dadurch keiner d.sciplinarischen Strafe auszusetzen. Und diese Gewißheit kann ihnen naturgemäß nur von der Seite kommen, von der ihnen die Strafe droht, von ihren höheren Vorgesetzten in leitender Stellung. Aus dem ganzen Verhalten des Herrn v. Plehwe seit der Judenhetze von 1881, wo er Gehilfe und Vertreter des Ministers Jgnetiew war, schließen weite Kreise in Rußland, daß er die Tendenz verfolgt, der Gährung im russischen Volke dadurch ein Abzugsventil zu verschaffen, daß er die Unzufriedenheit der Muschiks auf die Juden abzulenken sucht. Zu diesem Zweck sei er bemüht, die Juden der russischen Bevölkerung als diejenigen zu denunciren, die den Czaren entrechten und stürzen wollen. Eine Zuschrift, die die „Nation" aus Rußland erhält, steht auf den Standpunkt, daß die Hetze von Kischenew unter der Aegide des Ministers inseenirt worden sei. Der Verfaffer theilt mit, daß der „Beffarabetz", das Organ, das durch seine Hetzartikel die Greuel hervorrief, von dem Minister persönlich protegirt werde. Es heißt in der Darlegung der „Nation": „In Kischenew selbst ist das Blatt Kruschewan's (des Herausgebers des „Beffarabetz") durch die Behörden zu einem führenden gemacht worden. Der Vicegouverneur und Censor der Zeitung, Ustrugow, ist Mitarbeiter an dem Blatte, andere Beamte, Richter rc.