Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 23 (5.6.1903)
- Date
- 1903-06-05
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Veite 364 Vr. Bloch's Wochvnschrifr. $ii. 23 vom mangelnden Patriotismus in die Welt gesetzt, debutirt er sofort mit einer anderen. Nach seiner Behauptung steht den Juden in Rumänien nichts im Wege, zu arbeiten und Geld zu verdienen. — Man muß wahrlich angesichts der rumänischen Gesetzgebung und der rumänischen Verordnungen über die Unverschämtheit oder Verlogenheit dieses Professors staunen. Begreiflicherweise nennt er dann die von den Juden erhobene Klage — eine Verleumdung! Diese guten Rumänen, die alle Berufe den Juden entziehen, die Dörfer und Städte ihnen verschließen, deren Minister unverfroren ankündigen, sie würden aus diesem Wege der Judenbehandlung verharren — werden verleumdet, wenn mau die Wahrheit über sie spricht! Man müßte also lügen, um sie nicht zu verleumden? Was Herr Antonescu sonst noch dem Ministerpräsidenten Dr. v. Koerber als „Belehrung" über Nationalitatsfrageu mitzutheilen beliebt, wird dieser vornehme Staatsmann gewiß mit Geduld und Gelassenheit entgegennehmen und dorthin legen, wohin es gehört, in den Papierkorb. Die Drohungen, die dieser Papierheld gegen Ungarn erhebt, werden Niemand auch nur im Geringsten einschüchtern, und am wenigsten wird man sich dadurch veranlaßt sehen, Gleiches mit Gleichem zu vergelten. Gefährlich sind solche steifleinene Ritter nicht. Aber ihre Bundesgenossen muß man im Auge behalten. Und gerade weil österreichische antisemitische Blätter, unter ihnen auch ein Organ das sich „Zeitung für die österreichische Monarchie" nennt, sich dazu hergeben, Autouescu's Aeußerungen zu veröffentlichen, ohne gegen die aumaßungsvolle Einmischung in österreichische oder ungarische Verhältnisse zu protestiren, seine an den Ministerpräsidenten Oesterreichs gerichteten Angriffe nach Gebühr zurückzuweisen, muß man den Zusammenhang und das innere Getriebe, das hier und dort sich bemerkbar macht, beachten. Herr Antonescu ist ungefährlich — daß seine Bundesgenossen nicht gefährlich werden, caveant consuies! A. Wiener. Die rMifche« Jude«. Die Excesse in Kischenew haben das öffentliche Interesse in dem Grade auf die Verh'ältniffe der russischen Inden hingelenkt, daß sich auch der kürzlich erschienenen neuen Auflage des ohnebin sehr bemerkenswerthen Errera'schen Werkes „Bes Juifs Busses“ (Bruxelles, Librairie Falk Fils) eine ungewöhnlich lebhafte Beachtung zuwendet. Die entsetzlichen Greuel, deren Schauplatz jüngst die Hauptstadt Beffarabiens, Kischenew, gewesen, haben von Neuem die gesammte gesittete Welt tief effchüttert und zugleich die allgemeine Aufmerksamkeit auf die furchtbare Lage gelenkt, in welcher sich die unglücklichen russischen Juden seit beinahe einem Vierteljahrhundert befinden. Selbst in der Jahrtausende alten Leidensgeschichte des sogenannten „auserwählten" Volkes ist dieses russische Martyrium ohne Beispiel. Denn selbst die spanische Katastrophe unter Ferdinand dem Katholischen und Jsabclla von Aragonien war im Vergleich mit der Leidenskette jener ruffischen Juden eine milde. Damals war es ein Ende mit Schrecken. Jetzt ist es ein Schrecken ohne Ende, unter dem nunmehr einige Millionen Menschen in Rußland unbeschreiblich leiden, und zwar aus gar keinem anderen Grunde, als eben weil sie Juden sind und keine orthodoxen Christen. Diese für die Civilisation unseres Zeitalters tief beschämende Thatsache außer allem Zweifel festgestellt zu haben, ist das große Verdienst zweier Commissäre, der Herren Weber und Kempster, welche die Regierung der Vereinigten Staaten nach Rußland entsendet hatte, um de« Gründen nachzuforschen, aus denen eine so überraschend große Einwanderung, namentlich armer Leute, von dorther in die Vereinigten Staaten erfolge. Der Bericht über diese merkwürdige Aufklärungsweise liegt in dem amtlichen Bericht vor, den die genannten Commissäre erstattet haben. (Report of the Commissioners of immigration upon the causes, which invite Immigration to the United States. Washington 1892.) Also schon vor elf Jahren ist dieser amtliche Bericht erschienen, aber leider hat er bisher die gebührende öffentliche Beachtung nicht gefunden. Es gehört das eben auch zu den Merkmalen dieser Leidensgeschichte der russischen Juden! Doch mag man sich im Namen der Humanität jetzt der Hoffnung hingeben, daß sich das nunmehr ändern werde. Gerade zur rechten Zeit erscheint eine auf die obige unantastbare Quelle und auf noch andere ebenso einwandfreie Documente gegründete Schrift des Brüsseler Univerfitätsprofeffors Leo Errera „Bes Juifs Busses“, auf die unsere Leser so eindringlich als nur möglich hingewiesen werden sollen. Der greise Theodor Mommsen, dessen weit über alle Lande hin schallende Stimme überall vernommen wird, wo es gilt, die Sache der Gerechtigkeit zn vertheidigen, hat der Schrift ein Geleitwort mit auf den Weg in die Oeffentlichkeit gegeben. Es heißt darin unter Anderem: „Es bleibt zu wünschen, daß die Staatsmänner eines großen Reiches und ein Herrscher, der das Schiedsrichteramt Europas übernommen, nicht für immer der Verblendung eines wiederauferweckten Torquemada unterliegen". Die beiden amerikanischen Regierungscommissäre haben ihr an und für sich sehr schwieriges Amt mit einer Hingebung ausgeführt, die wahrlich die höchste Anerkennung verdient. Sie haben der Sache der Menschlichkeit einen nicht hoch genug zu veranschlagenden Dienst geleistet. Sie haben Licht verbreitet über Zustände, dieman nicht für möglich gehalten hätte. Sie haben für die einzelnen Greuelthaten der russischen Verwaltung die unumstößlichen Beweise erbracht. Die Herren Weber und Kempster haben für die furchtbare Thatsache, daß die russischen Juden die schütz- und rechtlosen Sclaven der dortigen Polizeiorgane sind, die geschichtlichen Quellenzeugnisse vorgeführt und dadurch das ihrige beigetragen, um das öffentliche Gewissen der gesammten civilisirten Welt, das leider in diesem Betrachte nur zu lang schon geschlummert, endlich wieder aufzurütteln. Um es mit einem Satze zu sagen: Die ganze russische Gesetzgebung der letzten zwei Jahrzehnte, soweit sie sich auf die im Czarenreiche lebenden Juden erstreckt, hat keinen anderen Zweck, als diese unglücklichen vier Millionen Menschen systematisch, langsam aber sicher, zu vernichten. Dazu ist die Bestimmung, die Juden nicht blos auf ein bestimmtes Territorium zusammenzudrängen, sondern sie auch innerhalb dieses Niederlassungsgebietes lediglich auf die Städte anzuweisen, ein vortrefflich ausgesonnenes Verwaltungsmittel. Auf diese Weise sind in Städten des sogenannten „Territoriums" wahrhaft ungeheuerliche Massen von größtentheils beschäftigungslosen Juden zusammengepfercht worden, die einander den Räum zum Leben in des Wortes verwegenstem Sinne streitig machen müssen. Auf diese Weise sind in Rußland Städte mit 30, 40, 50 Procent, ja mit 70 und 100 Procent jüdischer Einwohnerschaften entstanden. Dort Hausen sie in einzelnen Quartieren aufeinander gepreßt, dort verkommen sie in Elend, Schmutz, Krankheit. Und trotz der den russischen Juden meistens anerzogenen Nüchternheit und der im Verhältnis zum Russen aus den ärmeren Classen ihnen gleichfalls anerzogenen sorgfältigeren Körperpflege herrscht unter ihnen eine größere Sterblichkeit als in anderen, gleichen socialen Bedingungen unterworfenen Volksclassen. Die Bilder, welche die beiden nordamerikanischen Regierungscommissäre in ihrem Berichte von dem furchtbaren Elende dieser beklagenswerthen Menschen entworfen haben, die solchem namenlosen Martyrium ausgesetzt bleiben, lediglich weil sie Juden sind und weil sie nicht zur orthodoxen Kirche übertreten wollen, sind so erschütternd, daß auch das durch Parteihaß verhärtetste Gemüth von ihnen auf das Tiefste ergriffen werden muß. Aber an diesen blutlosen Vernichtungsmitteln sozusagen war es der russischen Verwaltung noch lange nicht genug. Aus der Regierungszeit Nikolaus I. gab es noch Bestimmungen, die geeignet waren, unter Umständen den Juden bessere Existenzbedingungen zu schaffen. So war tüchtigen Handwerkern, ausgedienten Soldaten, akademisch gebildeten Juden, ferner Hebammen der freie Aufenthalt im ganzen Reiche gestattet. Allein für die in kalter Bosheit ihre Bestimmungen ausklügelnde und auslegende russische Verwaltung war es ein Leichtes, auch mit diesen bestehenden Gesetzen fertig zu werden, um den armen Juden das bischen Leben unmöglich zu machen. Man begann zu interpretiren. Was soll man unter einem „tüchtigen", einem „geschickten" Handwerker verstehen? Damit war der Verwaltungswillkür Thür und Thor geöffnet. Ferner mußte er „ununterbrochen" Beschäftigung haben. Die genannten amerikanischen Commissäre haben eidlich nachgewiesen, daß Polizeibeamte zu jüdischen Handwerkern kamen, als diese ihre Arbeiten den Kunden ablieferten. Sie fanden also den jüdischen Handwerker ohne Beschäftigung und so war er denn für die Ausweisung im Sinne des Gesetzes reif. Auch Wohnungswechsel ist in dieser scharfsinnigen Weise gedeutet worden, um jüdische Handwerker heimatlos zu machen. Solche Fälle sind zu Tausenden vorgekommen. Es wäre unglaublich, wenn nicht die einwandfreien Zeugnisse der Herren Weber und Kempster vorlägen. Natürlich war nicht jeder russische Beamte von Stein. Er ließ sich durch die klingenden Rubel erweichen. So wurde der jüdische Handwerker für den russischen Polizeibeamten geradezu eine fast nie versiegende Einnahmsquelle. Auch hierfür haben die amerikanischen Regierungscommissäre Statistiken zusammengestellt, die eine ungemein beredte Sprache reden. Um der Vergünstigungen quitt zu werden, welche akademische Bildung und akademische Grade den russischen Juden kraft der nikolaitischen Gesetze gewährten, dazu bedurfte es für die Verwaltung lediglich der Bestimmung, daß nur ein bestimmter Procentsatz jüdischer junger Leute zu den Gymnasien, Universitäten, Polytechniken zugelassen werden dürfte. Oder man sperrte einfach jüdische Schulen unter dem Vorgeben, daß ja öffentliche in genügender Zahl vorhanden seien; nur daß man den jüdischen Schülern den Zugang zu ihnen verwehrte. Jene nikolaitische Bestimmung aber, der zufolge ehemaligen jüdischen Soldaten der freie Aufenthalt im Reiche erlaubt sein solle, hob man in dem Momente auf, da man die allgemeine Wehrpflicht einführte! Jüdische Soldaten, mit der Tapferkeitsmedaille aus dem Krimkriege geschmückt, Invaliden sind erbarmungslos aus Städten