Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 22 (29.5.1903)
- Date
- 1903-05-29
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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Nr. 22 Dr. V loch's WochsnschrifL Sette 35S Von der Walde, ein Mann von hervorragender Begabung, war in Frau v. Blaustem nicht gerade sterblich verliebt, doch die schöne Frau mit den großen dunklen Augen gefiel ihm, und eine noch größere Wirkung übte der große Reichthum, der ihm ein genußreiches, sorgenloses Leben, die Erfüllung jeder seiner Künstlerlaunen versprach. Von der Walde verdiente mit seinen Bildern viel, aber noble Passionen, Spiel und Sport verschlangen Unsummen, so daß der große Künstler immer auf dem Trockenen saß. Es waren vier Wochen nach der Verlobung, die in der Gesellschaft nicht wenig Aufsehen erregt hatte, als von der Walde eine Reise in die Schweiz unternahm. Glühende Liebesbriefe wurden gewechselt, die weitschweisende Künstlerphantasie verstand Land und Leute so herrlich zu schildern, daß Frau v. Blaustein den Wunsch äußerte, die Flitterwochen in der Nähe des Genfersees, wo Kurt sich gerade aufhielt, zu verleben. Auch von der Walde fand Gefallen an diesem Plane. Ein doppeltes Motiv leitete ihn dabei. In einem Walde unfern vom Genfersee hatte ein reicher Amerikaner, der Pinsel und Palette als Dilettant führte, sich eine herrliche Villa erbaut, die er nun wieder los schlagen wollte, weil er am Malen jedes Gefallen verloren hatte. Diese Villa gefill von der Walde und er wollte sie käuflich erwerben. Das Haus war frei von jeder Schablone, frei von jedem Architekturzopf, für ein echtes Künstlerheim wie geschaffen. Die Villa war groß, geräumig und bei aller Pracht behaglich. Im Parterre waren herrliche Empsangsräume, an deren Wänden kostbare, altfranzösische Gobelins, an den Decken kunstvolle Reliefschnitzereien, zum Theile Casettenfüllung, die mit elektrischen Glühlampen versehen waren, an denen venetianische Prismen glänzten. Musikzimmer, sowie Schlafräume für den Besitzer und seine Gäste befanden sich auch daselbst. Eine breite Freitreppe führte in das Obergeschoß. Das Treppengeländer war kunstvolle Schmiedearbeit, die Teppiche auf den Stufen waren von einem seltenen Linienornamente. Der Vorplatz war groß und geräumig, der Fußboden in der Vorhalle stellte in herrlichem Mosaik Gemälde alter Meister dar. Die Marmorwände waren mit herrlichen Gemälden und Kunstgegenständen reich behängen, drei hohe Eichenthüren, antike Schnitzarbeit, führten in das Atelier. Dieses war groß und hoch, die Wände, mattgrüne Marmorverkleidung, waren mit einigen Broncestatuen geschmückt Die Balkendecke, blau und Gold getönt, war mit Stückarbeit versehen, Alles aus erster Künstlerhand. An der einen Wandseite drei große Spiegelscheiben, die mit einer Anzahl Glühlampen umrahmt waren, um auch bei Nacht Tageshelle zu schaffen. Neben dem Atelier, Wartezimmer für Modelle und Besuche, anstoßend daran ein großes Rauch- und Spielzimmer. Dieses Haus hatte von der Walde's Wohlgefallen erregt. Aber auch ein Modell, das er gefunden und das ihm nicht in die deutsche Heimat folgen wollte, hielt seine Sinne gefangen. Künstlerfrauen müssen ja frei von Eifersucht sein. Julie, so sagte sich von der Walde, wird an den häufigen Besuchen des Modelles keinen Anstoß nehmen. Er war mit dem Besitzer des Hauses über den Kaufpreis einig geworden, und der Kauf sollte geschlossen werden, nur fehlte ihm noch die Kaufsumme. Nachdem er seiner Braut die Herrlichkeiten der Villa eingehend geschildert, rückte er schließlich mit seinem Plane heraus und gab ihr andeutungsweise zu verstehen, daß es ihm nur an der Kaufsumme für diese Billa fehle, und daß er jedem dankbar wäre, der ihm diese vorstrecken wollte. Julie empfand diese Anspielung, allein sie hatte nur den Nutzgenuß des großen Vermögens; das Capital selbst lag in Reichsbank wohl verwahrt, ohne daß sie es antasten konnte. Sie bat von der Walde, daß er von seinem Plane abstehen möge; gerne wolle sie ihm Alles zur Verfügung stellen, was sie besitze, aber zur Antastung des Vermögens stehe ihr kein Recht zu. Von der Walde antwortete in den ersten vierzehn Tagen gar nicht, gab dann auf Julie's Drängen und Bitten eine kühle Antwort, schützte dringende Arbeit vor, und nach Verlauf von einigen Wochen schrieb er einen formellen Absagebrief. Er habe sich geprüft, so schrieb er, und gefunden, daß er für die Ehe nicht tauge, seine Künstlerlaune lasse sich nicht in Fesseln schlagen. Dieser Schlag traf Julie sehr hart, und nie wieder konnte sie sich ganz von demselben erholen. Die Liebe, die in den Jahren der Reife mit so elementarer Gewalt hereingebrochen und so schwer enttäuscht worden war, drückte die Frau zu Boden, und nur Haß und Bitterkeit gegen den Geliebten blieb im Herzen zurück. Sie gab ihre Tochter in ein vornehmes Pensionat und zog sich in ein kleines Landstädtchen zurück, wo sie neun Jahre still und zurückgezogen verlebte. (Fortsetzung folgt.) Krieflrasterr. „Ehrlicher Jude". Den Anlaß der Kischenewer Greuelthaten wählen Sie zu einer Epistel an uns mit einem Plaidoyer für die Taufe. Sie schreiben: „Sollen wir denn ewig verhöhnt und versvottet und zurückgesetzt werden, wie etwa in Wien, oder verdrängt werden, wie in Rumänien oder aber hingemordet werden, wie in Kischenew?" „Nachdem wir von den Andersgläubigen nicht verlangen können, daß sie Juden werden sollen, so glaube ich, daß uns nichts anderes übrig bleibt, als überzutreten zur Landesreligion nach dem Satze: Cujus regio illius religio." Da Sie doch nicht im Ernste der Meinung sich hingeben können, daß die 6 Millionen Juden, welche in Rußland, Rumänien und Galizien seit Jahrhunderten ein Leben voll Noth und Elend, voll Leid und Drangsal geduldig ertragen, um der Religion der Väter nicht untreu zu werden, auf Empfehlung von freigeistiger Seite hin zum Abfall von dem Gotte Israels sich verleiten lassen dürften, so richtet sich Ihre Empfehlung und Ihr Rath doch nur an die Adresse der Wiener Juden. Werden aber die Bedrückungen in Rumänien und die Mordexcesse in Rußland aufhören, wenn m Wien nach Ihrer Empfehlung Massentaufen eintreten? Oder meinen Sie vielleicht, daß es Ihnen und Ihren Gesinnungsgenossen dann gleichgiltig bleibt, welche Grausamkeiten gegen die Stammesgenossen anderwärts verübt Werdens Wenn die Taufe ein Mittel sein soll zur Abhärtung gegen die Theilnahme, gegen das Mirlerd, gegen das^ menschliche Empfinden, gegen die sittliche Earpörung, die uns Alle beim Lesen jener Greuelthaten ergreift, dann antworte ich Ihnen: Ich will meine Kinder lieber sehen in den Reihen der Verfolgten und Gemordeten als in den Reihen der Verfolger und Mörder. Nicht um „gedankenlose Gebete" um „diverse Speisegesetze" handelt es sich, sondern um die Pflicht der Treue, des Zusammenhaltens mit den blutsverwandten Bedrängten und Verfolgten, deren Lage im Osten durch einen Massenabfall im Westen nur noch ungemein verschlimmert wird. Für jeden anständigen Menschen ist die Treulosigkeit, die Fahnenflucht etwas Ehrloses, in Zeiten der Noth gemeiner Verrath. Wenn aoer Ihre Epistel gar mit dem Satze schließt: „Unsere erhabene makellose jüdische Lehre bleibt dann erhaben für alle Ewigkeit und wird nicht besudelt werden von Leuten, die unfähig sind, auch nur eine Zeile zu lesen", so verräth das eine völlige Gedankenlosigkeit. Wir sollen die jüdische Lehre verleugnen, den Gott Israels lästern, damit unsere Religion von den Feinden nicht mehr geschmäht werde. Wenn wir selber die Arbeit übernehmen, dann wird dem Gegner zu thun nichts mehr übrig bleiben. Nein! Heinrich Heine nannte die Juden einmal in seiner gedankentiefen Art, „Gottes Leibgarde". Die Leibgarde des Monotheismus waren wir vier Jahrtausende hindurch und noch immer ist das Wort wahr: „Die Garde stirbt, doch sie ergibt sich nicht." Golvstein: Unser Hase ist nicht wiederkäuend. Die Bibel dagegen zählt den Hasen zu den Wiederkäuern. Offenbar existirte in alter Zeit eine solche Thiergattung. K. Die Wiener Antisemitenorgane begleiten die Meldung von der Auszeichnung des Lord-Mayors von London, welchem König Leopold den belgischen Leopoldsorden verliehen hat, mit der Bemerkung, daß der König seine Maitressen ebenfalls mit Orden auszuzeichnen pflegte. Für die monarchische Gesinnung der officiellen Organe Dr. Lueger's, welchem Graf Sylva-Tarouca auf dem nieder österreichischen Katholikentag als Vorbild feierte, haben wir hier eine kräftige Demonstration. R. S. Der bekannte Schachmeister E. Lasker wird sich jetzt dauernd in New-Uork niederlassen. Er hat eine Vertretung der New- Dorker Lebensversicherungsgesellschaft übernommen. F. lieber die Höhe der für die Kischenewer Juden in Oesterreich eingelaufenen Spenden können wir Ihnen vorläufig nichts mittheilen, da die Spendenlisten leider nicht publicirt werden. Was Deutschland anbetrifft, so sind, wie wir erfahren, bisher dem „Hilfsverein der deutschen Juden" circa 167.000, dem Berliner Localcomitä der „Alliance israelite universelle“ circa 50.000, dem Frankfurter Comite 60.000, den B'nei Brith-Logen 40.000, zusammen also allein diesen vier Organisationen circa 320.000 Mk. zugegangen. Dieser Erfolg der erst begonnenen Sammlungen bestärkt in der Zuversicht, daß die deutschen Juden eine Million Mk. beisteuern werden. R. i. W. Mit dem Verein „Heilanstalt Alland" sind die Juden wiederum einmal gründlich ausgebeutet worden. Die Heilanstalt ist vorzüglich mit jüdischem Gelde gegründet worden und der Dircctor dieser Heilanstalt erläßt einen Aufruf zur Gründung einer ärztlichen Antisemitenliga. Diese Infamie trifft nicht blos den Director, sondern auch die betheiligten jüdischen Kreise.