Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 22 (29.5.1903)
- Date
- 1903-05-29
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3020846-3021493-3021516--12724-3037334- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Sette 858 Dr. Bloches Wochenschrift. Nr. 32 Feuilleton. Das Mrrste Gebot. Von Dr. F. Rich. H e i n s ch e l. lV. Es war im Winter des Jahres * * *. Frau v. Blaustem eröffnete ihre Empfangssalons. Alle Fenster des herrlichen Palais auf der Ringstraße waren hell erleuchtet. Bor dem Einsahrtsthore standen Diener in Galalivree, um die Wagenthüren zu öffnen. Im Vestibül empfing der Majordomus die Gäste und geleitete sie in die Empfangsräume, wo die Hausfrau, unterstützt von ihrer Gesellschafterin, die Honneurs machte. Für jeden der Gäste hatte sie ein liebenswürdiges Wort, einen freundlichen Händedruck. Die weite Flucht der Säle erstrahlte in glänzendem Lichte, die schweren Gobelins rauschten, gestreift von den lebhaften Gästen, die sich hin und herbewegten. Es war eine buntgewürfelte Gesellschaft, die sich eingefunden. Edle des Geistes neben der Hautefinance, Männer der Wiffenschaft neben rüden Emporkömmlingen, Osficiere und Sportsleute, Künstler von Beruf neben solchen, denen es an Ruhm fehlte, aber auch Männer ohne Titel, ohne Stellung, die sich vom Fette Anderer nährten. Damen in herrlichen Toiletten mit langen Seidenschleppen neben solchen in weißgewaschenen Fähnchen, und Frauen mit strahlenden Brillanten neben Damen, deren einziger Schmuck ihre Schönheit. Hier ein Blaustrumpf, dort im Winkel ihr Gatte, der froh ist, nicht bemerkt zu werden. Auf der einen Seite ein berühmter Porträtmaler, daneben seine schöne Frau, der er den Profeffortitel verdankt. Graf Monrepos, neben ihm seine Gemahlin, klein, schwarzhaarig; ihr Vater hieß Rosinenwein und handelte mit Getreide. Das Palais der Frau v. Blaustein zeigte sich heute von seiner besten Seite. Alle Thüren waren geöffnet, frische Blumen dufteten in herrlichen Vasen und Schalen auf sämmtlichen Tischen. In allen Räumen waren Buffets errichtet, die unter der Last der Delicatessen fast zusammenbrachen: Spickgänse, Rebhühner, Fasane, Austern, Pasteten, belegte Brode, Lachse, Forellen, Obst und kostbare Weine — das Alles stand in geschmackvollster Anordnung auf den Tischen. Plaudernd und lachend standen die Gäste um dieselben. Diener eilten geschäftig hin und her, um auch jeden leisesten Wunsch eines Gastes zu erfüllen. Nur die Thür zum Speisesaale war noch geschloffen. Es kamen noch immer neue Gäste. Düsterer Ernst lagerte auf dem Antlitze der Hausfrau. Die dunklen Augen starrten zur Erde und erhoben sich kaum bei den freundlichen Worten, die sie an jeden Neuankommenben richtete. Die Gäste kamen immer spärlicher, und schon wollte sich Frau v. Blaustein von der Eingangsthür entfernen, da erschien ein Nachzügler. Sie blickte auf. Es war ein Blitzen und Funkeln, das in den Augen aufleuchtete, doch nur für einen Moment, denn schon hatten sich die Augen wieder gesenkt. Der späte Gast hatte jedoch den Blick aufgefangen. Es war der Genremaler Kurt von der Walde. Bon der Walde war eine Art Reckengestalt, breitschultrig, blondhaarig und blauäugig, ein Vollbart umrahmte sein helles Gesicht. Nicht um einen Grad wärmer als die anderen Gäste begrüßte die Hausfrau den Maler, doch ihre Hand zitterte für einen Augenblick, als sie sie in die seine legte. Es war zwölf Uhr, als sich die Thüren zum Speisesaale öffneten. Der große Saal war mit Fresken aus der Rococozeit geschmückt, die heitere Scenen aus Festen und Jagden darstellten. Die hufeisenförmig ausgestellte Tafel war mit Rosengewinden umgeben und lose Blüthen waren auf dieselbe hingestreut. Die Hausfrau wurde von einem schwerhörigen Ministerialsecretär zu Tische geführt; an ihrer rechten Seite saß von der Walde. Nach wenigen Minuten schon hörte man nichts als ein ununterbrochenes Gläserklirren und Tellergeklapprr, unter dem jedes Gespräch unbeachtet bleiben konnte. Frau v. Blaustein wandte sich ihrem Nachbar zur Rechten zu. ,Jch zweifelte schon an Ihrem Erscheinen/ „Ich selbst, gnädige Frau, dachte schon, daß ich Ihrem ersten Empfangsabende nicht werde beiwohnen können. Der Director einer großen Bildergalerie, der mehrere meiner Werke ankaufen wollte, hielt mich auf, und nur durch ein Unwohlsein, das ich vorschützte, gelang es mir, mich von ihm zu befreien, und nun bin ich entzückt, doppelt entzückt, in Ihrer Nähe weilen zu können/ „Mir wäre die Freude an dem heutigen Abende vergällt worden, wenn Sie, mein Freund, fern geblieben wären. Gilt ja dieser Abend nur Ihnen/ Feurige Röthe bedeckte Frau v. Blaustein's Antlitz, als sie diese Worte gesprochen. Innerlich mochte es sie gereut haben, doch das einmal ausgesprochene Wort ließ sich nicht mehr zurückkaufen. Mit feurigem Blick und zärtlichem Händedruck dankte von der Walde für diese Erklärung. „Haben Sie Dank, gnädige Frau, für dieses Wort, ich werde es nie vergessen", flüsterte er ihr zu. Er machte eine kleine Pause, seine schlanken Finger umfaßten den Ehampagnerkelch, und er betrachtete die aufsteigenden Perlen. Dann lächelte er und wandte sich wieder seiner Nachbarin zu. „Ich weiß, was Sie gedacht. Diese aufsteigenden Perlen, die an die Oberfläche gekommen, werden vergehen, gleichen dem menschlichen Glücke. Ach Menschenglück! Kaum entstanden, schwindet es dahin/ „Vielleicht das prickelnde, berauschende," erwiderte er, „doch das Glück der reifen Jahre, das stille Glück, es muß, weil es wahr ist, ewig währen/ „Ewig währen?" antwortete sie, und dabei blickte sie dem Künstler tief in die Augen, als ob sie da die Wahrheit dieses Ausspruches ergründen wollte. Ein Blick voll Bewunderung und tiefer, inniger Liebe leuchtete ihr daraus entgegen. Der Zweck des heutigen Abends wäre erfüllt, dachte Frau v. Blaustein bei sich. Sie wurde bewundert und geliebt. Die kostbare Toilette erweckte auch den Neid der Freundinnen und so konnte sie beruhigt und befriedigt auf ihren Lorbeeren ruhen. Die Hausfrau hob die Tafel auf. „Darf ich wagen, morgen meine Aufwartung zu machen?" fragte von der Wälde'beim Scheiden. Frau v. Blaustein nickte ihm freundlich lächelnd zu. In der Nacht war ein starkes Schneewehen eingetretcn. Die Schneeflocken flogen von der Walde in's Gesicht, als er vor sein Hausthor trat, um den Wagen zu besteigen. Umso behaglicher fühlte er sich in dem durchwärmten Zimmer der Frau v. Blaustein. Die Unterhaltung drehte sich wohl nur um gleichgiltige Dinge, allein die Wärme, die in seinen Worten lag, sagte Frau v. Blaustein, daß der Künstler sie liebe. Von diesem Tage an war von der Walde täglicher Gast der reichen Witwe. Sie besuchten zusammen Theater, Concerte und Ausstellungen und fuhren gemeinsam spazieren. Die Fünfunddreißigjährige wurde von der Macht später Liebe erfaßt. Furchtbar ist die Gewalt späterwachten Lebensdranges, nachgeborenen Ehrgeizes, später Liebe. Die erste Heimsuchung, die ersten Stürme und Drangsale, die Jugendkraft überwindet sie. Doch wenn Zweifel und Anfechtung den reifen Mann erfassen, das reife Weib heimsuchen, sie erschüttern auch die Stärksten, sie kehren das Unterste zu Oberst, erwecken jenen Funken von Verrücktheit, der im Hirne eines jeden Menschen schlummert, wandeln den Mustermenschen zum Schlemmer um, machen aus dem Schlemmer einen Asketen, aus dem Sünder einen Priester, aus dem, der zu herrschen gewohnt, einen Bittenden. Der späterwachte Lebensdrang, er will das Versäumte nachholen, will dem Leben noch abringen, was er in den verborgensten Poren noch an Lebenskraft besitzt Der späterwachte Ehrgeiz will, ehe es zu spät, der Welt beweisen, was in ihm in frühester Jugend schon gerungen, und die späte Liebe will für die Enttäuschungen der Jugend entschädigt werden, will nachholen, was sie versäumt; sie ist um so leidenschaftlicher und ungestümer, weil ihr ein graues Haar schon gefährlich werden kann, weil sie fürchtet, auch den Lebensnachmittag, den sie noch vor sich hat, zu versäumen, wie sie den Vormittag vernachlässigt, will genießen, ehe es noch zu spät ist, ehe der Genuß seinen ganzen Reiz eingebüßt hat. Mit allen Frauenkünsten suchte sie den Mann ihrer Liebe an sich zu feffeln, und als die ersten Frühlingslüfte das Land durchwehten, waren von der Walde und Frau v. Blaustein ein verlobtes Paar.