Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 22 (29.5.1903)
- Date
- 1903-05-29
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Sette 354 Dr. Bloches Wochenschrift. Nr. 22 Zum Zeichen der Trauer hatten sich die Commissionsmitglieder von ihren Sitzen erhoben und so ihr Mitempfinden documentirt. Dem Wunsche des Herrn Obmannes gemäß circulirt eine Liste für Spenden für oie Hinterbliebenen der Opfer von Kischenew. Vor Punkt 2 der Tagesordnung wird das Protokoll der letzten Sitzung verificirt. Der Obmann theilt nun mit, daß unter dem Vorsitze des Herrn Cultu-Vorstehers Ritter von Taussig eine Versammlung sämmtlicher Obmänner der Bezirkscommissionen stattgcfunden habe, zum Zwecke der Verständigung über die Art der Geschäftsführung seitens der Bezirkscommisiionen, wobei Herr Ritter von Tanssig die Absicht des Cultusvorstchers bekanntgab, bei Berathung von Angelegenheiten, welche in die Interessensphäre der Bezirkscommissioncn fallen, Delegirte aus den betreffenden Bezirkscommissionen heranzuziehen und mit berathcnder (Stimme an den Verhandlungen theilnehmen zu lassen. Herr Ritter von Taussig verspricht sich von einem solchen Vorgänge raschere und vortheilbaftere Erledigung als von einem schriftlichen Verkehre. In diesem Sinne entschied sich auch die Obmänner-Conferenz, in welcher auch andere Gegenstände zur Sprache kamen, wie z. B. die Abfassung einer neuen. Allen entsprechenden Geschäftsordnung, sowie auch eine genauere Umschreibung des Wirkungskreises der Bezirkscommissionen. Der Obmann eröffnet die Debatte mit der Mittheilung, daß er auch die Zntheilung des Armenwesens verlangt und hofft, daß die neue Geschäftsordnung dieses für unseren Bezirk so wichtige Arbeitsfeld enthalten werde. In der hierauf folgenden Debatte gibt Herr kaiferl. Rath W. Pollak aus dem Schatze seiner reichen Erfahrungen einige Winke für ein gedeihliches Wirken der Bezirkscommissionea und empfiehlt ein einiges Vorgehen sämmtlicher Obmänner, sowie auch, sich an den Vorberathungen mit dem Cultusvorstand so oft als nur möglich, mindestens aber viermal im Jahre zu betheilrgcn. Diese Anregungen werden von der Versammlung einstimmig acceptirt und der Obmann ersucht, in diesem Sinne vorzugehen. In längerer Debatte, an welcher sich die Herren Bernhard, Pick, Mohr und Spitzer betheiligen, werden allseitig die Präpositionen des Cultusvorstehers R.v. Taussig sympathisch ausgenommen und nach dieser Richtung dem Obmanne vollständig xiein pouvoir gelassen. Der Obmann schreitet nun zur Erledigung des dritten Punktes der Tagesordnung, indem er die ihm vom Cultusvorstande zugesandtc Liste neu einzuschätzender Personen aus den Bezirken XII—XV mittheilt. Nach eingehender und gewiffenhafter Erörterung aller bezughabenden Umstände wird die Einschätzung vorgenommen und dem Cultusvorstand unterbreitet werden. Bezüglich der Einsetzung eines Comites zur Durchführung und Förderung des Antrages vom Commissionsmitgliede Director Hecht wird der Antragsteller ersucht, mit dem bereits bestellten Referenten für das Armen- und Vereinswesen ein vorbereitendes Comite zu bilden und dieses dann beauftragt, in der nächsten Sitzung seine Vorschläge zu erstatten. Zum Punkte 5 der Tagesordnung meldet sich Herr Hofbauer und stellt den wohlmotivirten Antrag, die Sitzungen der Bezirkscommission für öffentlich zu erklären. Es sprachen zu diesem Anträge die Commissionsmitglieder Herr Pick, Dr. Bars, sowie der Obmann; eine Einigung findet endlich dahin statt, daß die Bezirkscommission beschließt, bei Berathnngen von Angelegenheiten, die das öffentliche Interesse in hervorragender Weise tangiren, die Sitzung für öffentlich vorher bekannt zu geben. Schließlich stellt Director Hecht den Antrag, ein Gesuch an den löblichen Cultusvorstand um Freigabe des 24. Mai zu richten, da an diesem Tage die Confirmation der Mädchen stattfindet und an den Tempelgesängen ungefähr 130 Schulkinder theilnehmen. Der Obmann spricht dem Antragsteller für seine Mühewaltung bei der Confirmation den Dank der Bezirkscommission aus, und da der Antrag einstimmig angenommen, wird auch das Gesuch sofort verfaßt und abgesendet. Schluß der Sitzung 9 Uhr Abends. Der Obmann: Der Schriftführer: S. B e e r. Hecht. Wien. (Präludien zur Hauptversammlung des Deutschen Schulvereines.) Zu Pfingsten findet in Leoben die diesjährige Hauptversammlung des Deutschen Schulvereines statt. Als vielversprechendes Vorspiel dieses bekanntlich auch von jüdischem Gelde erhaltenen Vereines möge hier folgender Vorfall verzeichnet sein, den man der ,Grazer Tagespost" aus Leoben meldet. Darnach hat am Montag den 25. d. M. im dortigen Rathhaussaale eine Sitzung des Festausschusses für die zu Pfingsten stattfindende Versammlung des Deutschen Schulveretnes stattgefunden. In der Sitzung wurden Zuschriften der bergakademischen Körperschaften, und zwar des Vereines deutscher Akademiker „Erz", der Verbindung „Cruxia", der Burschenschaft .Leder" und des Corps .Schacht" zur Verlesung gebracht. Sie hatten in der letzten Sitzung des Festausschusses eine Garantie dafür verlangt, daß an der Versammlung kein Jude theilnehmen werde. Die Centralleitung des Deutschen Schulvereines konnte diese Garantie nicht geben, weshalb die genannten Körperschaften ihren Austritt aus dem Festausschüsse anmeldeten. Ferner wurde eine Zuschrift des Obmannes des Akademischen Sportvereines und Obmannstellvertreters des Festausschusses, Zahnarztes Dr. Hauttmann, verlesen, in welcher dieser seine Stelle niederlegt. Klattau. Bei der vorige Woche abgehaltenen Vorstandssitzung der israelitischen Cultusgemeinde besprach der Cultusvorsteher Herr Mvr. Js. Fleischer die Vorgänge der blutigen Judenverfolgung in der russischen Stadt Kischenew und gab in beredten Worten seiner tiefsten Entrüstung über die Entmenschtheit jener Stadtbewohner Ausdruck. Er machte den Vorschlag, in der Cultusgemeinde daselbst eine Geldsammlung für die Hinterbliebenen zu veranlassen. Die grausam Ermordeten — so sagte er tiefergriffen — können wir nicht wieder ins Leben zurückrufen, aber den armen Waisen, den unglücklichen Witwen, den elenden Krüppeln wollen wir als Menschen, als Brüder zu helfen suchen. Ein jeder Heller, der geliefert wird, sei ein Ausdruck unserer Empörung, ein schreiender Protest gegen die geübte Grausamkeit. Es versteht sich von selbst, daß der Antrag unseres hochgeachteten Präses lauten Beifall fand und einstimmig angenommen wurde. Das Ergebniß der Sammlung betrug 523 X; dazu spendete die Gemeindecaffe 50 X, der Wohlthätigkeitsverein p"n 50 K und der Frauenverein 50 K. Das Geld wurde bereits an die Israelitische Allianz in Wien abgesandt. —a. Biccz (Galizien). Am 12. d. M. um halb 11 Uhr Vormittags brach im Centrum der Stadt ein Feuer aus, das sich durch den heftigen Wind rasch vergrößerte, 53 Häuser, Kaufläden, Waaren-Magazine, die neue Synagoge, das alte Bethaus sammt Thorarvllen und einer großen Wischen Bibliothek vollständig zerstörte. Der Schaden allein der Wischen Bewohner wird aus K 300.000 geschätzt. Bereits viermal haben unbekannte Thäter versucht die Hauptstraße, die fast nur von Juden bewohnt wird, durch Feuer zu zerstören, bis es ihnen diesmal nur allzu gut gelang. In der letzten Nummer der.Oesterreichischen Wochenschrift" haben Sie bereits auf die sich stets mehrenden Brände in Galizien und ihre mysteriöse Entstehung hingewiesen. Es wäre Zeit, daß die Regierung dieser bedrohlichen Erscheinung ihre Aufmerksamkeit zuwendete. Die Noth der hiesigen Wischen Bevölkerung ist durch diesen Brand sehr gestiegen und die Gemeinde wendet sich hiermit an alle wohlthätigen Menschenfreunde um Ueberweisung milder Gaben, die den Abgebrannten ihr trauriges Los mildern sollen. Leib Kaczenr, ik. Berlin, 6. Mai. Das soeben erschienene Machest der „Deutschen Rundschau" enthält einen hochinteressanten Aufsatz von Prof.Hermann Guukel: Die jüdische und babylonische Schöpfungsgeschichte. Der Gelehrte sagt von den beiden Kosmogonien einleitend, sie seien „beide in ihrer Art himmelhochragende Denkmäler, ehrwürdige Erzeugnisse antiker Geschichte, vergleichbar nur den größten Bauten der Menschheit, den egyptischen Pyramiden oder den Tempelthüren Babyloniens, beide Typen ihres Volkes und ihrer Religion und eben darum getrennt von einander durch eine ganze Welt". Dennoch meint der Gelehrte, so weit die beiden Kosmogonien auch untereinander verschieden seien, wir würden doch, wie durch eine innere Nothwendigkeit, gezwungen, sie nebeneinander zu schauen und zu vergleichen. Mit Genugthuung dürfen wir feststellen, daß Guukells Parallele als eine glänzende Wiederlegung der antijüdischen Schlußfolgerungen Delitzsch's erscheint. Schon bei seiner Behandlung der biblischen Kosmogonie nimmt Gunkel an zahlreichen Stellen Veranlassung, den erhabenen Geist der jüdischen Darstellung zu betonen. Das erste Wort der Bibel: „Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde" erklärt er als die Grundlage eines Gottesbegriffes, der unter den Religionen des Orients eine bewunderungswürdige Höhe darstelle. „Kein Wort gibt es anderswo in der-Antike, was diesem ersten Worte der Bibel von ferne gleichkäme." Ebenso sieht Gunkel in der durch das Wort Gottes erfolgenden Schöpfung im Gegensatz zu der „uralten dunklen Anschauung vom brütenden Gottesgeist" einen klaren Gedanken vom persönlichen Schöpfergott. In gleicher Weise zeigt nach Gunkel z. B. die religiöse Beurtheilung der Gestirne eine besonders hohe Stufe der Religionsanschauung. Während die Völker ringsumher die Gestirne als Götter verehren, „sind dem jüdischen Verfasser die Gestirne nicht mehr furchtbare Wesen, vor denen der Mensch in den Staub sinkt, sondern sie sind ihm Ding e, bestimmt, dem Menschen zu d i e n e n". Interessant