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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1903-05-29 · 22 (29.5.1903) · page 7

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
20 (1903)
Issue
22 (29.5.1903)
Date
1903-05-29
Page
– (sequence 7)
Language
German
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«t. 32 Dr. Bloch's Wochenschrift. Sette 38t ist sämmtlichen Lesern des „Deutschen Volksblattes" aus dem Alten Testament bekannt, und wenn dieses Blatt trotzdem einen Vergleich mit Kischenew wagt, so rechnet es mit vollständiger Gedankenlosigkeit und Gedächtnißschwäche seiner Anhänger. Die gerechte, auf Befehl des Königs vollzogene Hinrichtung eines Bösewichtes mit der Mißhandlung wehrloser Menschen, mit der Vergewaltigung von Frauen und Mädchen, mit der qualvollen Tödtung zahlreicher unschuldiger Menschen in Parallele zu ziehen, das bleibt dem österreichischen Kruschewan Vorbehalten, und über diesen Vergleich, der die christlich-sociale Marke, blöde und perfid, selbst für den fast ganz Blinden noch weithin sichtbar trägt, noch ein Wort zu verlieren, halten wir für überflüssig. In demselben wird wiederum die antisemitische Hetze verleugnet und die jüdische Presse angegriffen, weil sie nichts von den wahren Ursachen, der jüdischen Ausbeutung und dem jüdischen Wucher, schreibe und weil sie deren Existenz überhaupt negire. Daß jüdische Ausbeutung und jüdischer Wucher die Exceffe nicht verursacht haben, geht selbst aus den gewiß alles eher als judenfreundlich gefärbten Berichten der Kischenewer Behörden hervor, und jüdischen Wucher und jüdische Ausbeutung zu negiren, gibt es für die jüdische Presse keinen Grund, weil es eben keinen specifischjüdischen Wucher und keine specifi'ch^ jüdische Ausbeutung gibt. Es fällt uns gar nicht ein, in Abrede zu stellen, und wir bekennen es ganz offen vor aller Welt, daß es Ausbeuter und Wucherer gibt, die jüdischer Confission sind, daß auch Juden so charakterlos handeln. Der Unterschied zwischen Juden und Antisemiten ist aber, ihr Herren vom „Deutschen Volksblatt", auch in dieser Hinsicht ein ganz gewaltiger. Mit Verachtung spricht man bei den Juden von solchen Männern, die durch Untergrabung der Existenz Anderer Vermögen erwerben, als Führer des christlichen Volkes werden die feudalen Ausbeuter gepriesen. Wer unredlich handelt, gilt für gebrandmarkt in den Augen nicht nur der Juden, sondern überhaupt aller anständigen Menschen, bei den Christlich-Socialen bringt er es zu Reichthum und zu den höchsten Würden. Herr Vergani, der Ehrenbürger von Mühldorf, der eben erst mit Nachsicht der Taxen Bürger von Wien geworden ist, weiß ja, daß er selbst ein markantes Exempel für die Richtigkeit dieses Satzes bildet. * * * Die Wahrheit über Kischenew, die auf dem Anmarsche ist — in den antisemitischen Zeitungen, zeigt seltsame Widersprüche. Einmal heißt es. nicht antisemitische Hetze, sondern jahrelange jüdische Unterdrückung hat die Exceffe verursacht, dann heißt es wieder, es waren gar keine Exceffe gegen die Juden speeiell, sondern es ging gegen jüdische und christliche Ausbeuter. Die Zahl der christlichen Opfer sei ebenso groß wie die der jüdischen. Wenn diese „Wahrheit" der Wahrheit entspräche, dann würden die antisemitischen Zeitungen damit selbst zugeben, daß es nur eine Ausbeutung ohne Unterschied der Konfession gibt. Selbst zugegeben, die Revolte war gegen die Unterdrücker gerichtet — waren die Frauen, Mädchen und Kinder, die man auf scheußliche Weise verstümmelte, auch Ausbeuter? Ist es nicht Pflicht aller mitfühlenden Menschen, die Krüppel, die Verwaisten und die Obdachlosen zu unterstützen? Sind, wie die Antisemiten behaupten, tatsächlich viele unschuldige Christen vom Pöbel er- Nlordet worden, so haben die Antisemiten deren Verwandten Hilfe zu leisten, anstatt sich über den Wohlthätigkeitssinn der Juden lustig zu machen. Freilich, wo es sich um das eigene Geld handelt, da hört bei den Antisemiten das Mitgefühl für die Anderen auf, wir erinnern nur daran, daß Vergani für seinen eigenen Redactionsdiener einen Aufruf in seiner Zeitung erscheinen ließ. Daß es sich in Kischenew nicht um einen Kampf gegen die Ausbeutung handelt, beweist zur Genüge der Ausruf der internationalen Socialdemokratie, der die Socialisten aller Länder zu Protesten gegen die unerhörten Gewaltthaten auffordert. Die Behauptung in dem Aufrufe, daß die Exceffe von den Agenten der russischen Regierung geradezu angestiftet waren, ist wahrscheinlich übertrieben, aber das ist zum Mindesten klar, daß die russischen Behörden ihre Pflicht gröblich vernachlässigt haben. Die Socialdemokraten haben den Aufruf an ihre Anhänger erlassen, unbekümmert darum, daß die Antisemiten sie als Judenschutztruppe verschreien werden. Die Liberalen fürchten sich vor diesem Vorwurfe derart, daß sie daran vergessen, daß sie vorgeben, auch wirkliche Liberale, Schützer der Freiheit zu sein und sich nicht nur so zu nennen. Der Borwurf, als Judenknechte bezeichnet zu werden, darf sie nicht abhalten, für das Recht auch dann einzutreten, wo es sich um Juden handelt. Schützer der Freiheit, die nur dann für die Freiheit kämpfen, wo es ganz gefahrlos ist, sind keinen Schuß Pulver Werth. * * * „Sie und immer sie" bilden das Thema der „Deutschen Zeitung", alles Mögliche wird ihnen angedichtet, als verächtlich werden sie hingestellt, gegen sie wird gehetzt, und Alles das nur, damit die „Deutsche Zeitung" interessante Artikel hat, damit sie gekauft wird, „sie und immer sie" müssen herhalten. „Sie und immer sie" ist der Titel des sonntägigen Leitartikels dieses Blattes, und obgleich „sie und immer sie" erst im vierten Absätze mit Namen genannt werden, wußte jeder ständige Leser der „Deutschen Zeitung" schon beim Lesen des Titels oder zumindest der ersten Zeilen, daß die Juden gemeint sind. Dem großen antisemitischen Schriftsteller entschlüpft manchmal wider Willen eine richtige Bemerkung, so nennt er die Juden das ewig gährende Ferment. Mommsen, der größte Geschichtsforscher, der, wie übrigens leicht begreiflich, bei den Antisemiten in Ungnade ist, machte einen ähnlichen Ausspruch, er nannte die Juden das Salz der Nationen, und hält es für ein Glück, daß in Deutschland das jüdische Element vertreten ist. Aber was versteht ein Gelehrter von solchen Dingen? Der antisemitische Journalist muß es besser wissen. Die Juden sind die Hefe, sie sind mit den Blutegeln zu vergleichen, und „naturnothwendig" bleibt es im Leben, den Blutsauger abzuschütteln, den vollen Egel zu salzen." Die unerhörten Exceffe in Kischenew werden „eine heilsame Prophylaxis" genannt und die alte Lüge von jüdischer Ausbeutung wird wiederholt. Der in unserer vorigen Nummer veröffentlichte Brief an die Czarin, hat es der „Deutschen Zeitung" besonders angethan und speciell über den Paffus, worin die an geschändeten und gemordeten Frauen verübten Scheußlichkeiten geschildert werden, ereifert sie sich in heftiger Weise. „Auch nur ein Zehntel Wahrheit gefügt in dieser Tirade, um Grauen und Entsetzen zu erregen. Wie kommt es. daß der Effect bei dem mildherzigsten Leser sich nicht einstellt? Das macht die Uebertreibung, für die Juda keinen Sinn hat und die uns anders Gearteten ein leises Lächeln des Zweifels entlockt." Wenn der antisemitische Schreiber sich die Mühe genommen hätte, an den Tagen, an denen die Berichte über Kischenew in den Zeitungen erschienen, aus die Gespräche, die hierüber in ganz Wien geführt wurden, zu hören, so würde er die alberne Frage nicht stellen. Ja, Grauen und Entsetzen haben die Schilderungen der Verbrechen erregt und die sanftesten Menschen glühten vor Empörung über die nichtswürdigen antisemitischen Hetzer. Nur menschlichen Bestien vermag die erwiesenermaßen wahrheitsgetreue Schilderung der Unthaten ein Lächeln zu entlocken. Der Stil, in dem die Artikel über die Kischenewer Vorgänge gehalten sind, ist ganz nebensächlich, übrigens befindet sich die „Oesterreichische Wochenschrift" nach der „Deutschen Zeitung" in der Gesellschaft eines Tolstoi und eines Gorki, „denn ihre Epistel sind nicht intereffanter als der Bloch's an die Czarin." * * * Wie verrohend der Antisemitismus wirkt, zeigt Graf Pückler-Muskau der Mitwelt an einem charakteristischen Beispiele, freilich wirkt der edle Graf nur unfreiwillig mit. Seine Gattin hat wegen gröblicher Mißhandlung gegen ihn die Klage angestrengt. Der „verrückte" Graf, wie er in Deutschland genannt wird, ist auch bei uns in Oesterreich sehr bekannt. Er spricht in einem ähnlichen Ton, wie Herr Schneider, der auch reif für das Irrenhaus gehalten wird» vom Todtschlagen der Judenhunde, war wegen seiner aufreizenden Reden schon einigemale von preußischen Gerichten angeklagt und mußte auch längere Freiheitsstrafen absitzen. Der vornehme Junker, den die Behörden verhinderten, die Juden zu erschlagen, und sei es auch nur in Worten, wollte durchaus beweisen, daß er ein deutscher Mann ist, er wollte Jemandem den Herrn zeigen und da hielt er als das geeignetste Object, das, weil von ihm abhängig, ihm am gefügigsten sein mußte, seine eigene Frau. Der Herr Graf sieht sich zu seinem Leidwesen getäuscht, er theilt das Schicksal seines Gesinnungsgenossen K. H. Wolf, dessen Frau bekanntlich gleichfalls wegen schlechter Behandlung die Ehescheidungsklage eingereicht hat. In der O ffentlichkeit sich als Befreier des christlichen Volkes aus jüdischer Knechtschaft geberden und das Volk gegen die Juden aufhetzen, zu Hause aber Weib und Kind mißhandeln, das charakterisirt die antisemitischen Helden. Das Eine zieht übrigens das Andere logisch nach sich. Wer sich öffentlich ordinär benimmt, kann im Kreise der Seinen nicht liebevoll sein. Isegrim.

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