Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 22 (29.5.1903)
- Date
- 1903-05-29
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 350 Dr. Blach's Wochenfchrrfr. Nr. 22 Man half sich dabei mit einer originellen Erklärung der Ausschreitungen. Es wurde behauptet, daß die Juden die Arbeiter demorali'sirt hätten, indem sie die ohnedies gespannte Lage durch Verbreitung anarchistischer Proclamationen noch mehr verschärft hätten. Es fehlt nur wenig dazu, um den rohen Mob als Hüter der Gesellschaftsordnung zu feiern, der den Feinden der Staatsordnung ein gutes Beispiel gegeben hat. Die wahre Erklärung der Judenkrawalle ist freilich eine andere. Sie besteht in dem gesetzgeberischen und administrativen Regime, bei dem ein solches Verhalten der christlichen Bevölkerung zur jüdischen möglich ist. Vom Standpunkte dieses Regimes ist der Jude ein Paria, ein Wesen niederer Ordnung, etwas Schädliches an und für sich. Er wird nur geduldet, muß aber eingeschränkt und gefesselt werden und darf die für ihn bestimmte Ansässigkeitszone nicht überschreiten. In den Bevölkerungsschichten, die der wahren Cultur noch fremd sind, hat sich die hergebrachte Anschauung festgesetzt, wonach der „Jud" schon deswegen verwerflich ist, weil er als Jude geboren wurde. Diese rohe und brutale Ansicht gegenüber einem ganzen Volke findet in dem herrschenden Regime eine indirecte Stütze und Bestätigung. Dieses Regime läßt auch die Vermuthung jenes Bauernburschen erklärlich erscheinen, der einen Juden ermordet hat, weil er gemeint habe, daß „kein Gericht für einen Juden eintreten könne". Man kann sicher sein, daß die große Mehrheit der Theilnehmer an den Krawallen von Kischenew wenn auch nicht gerade derselben Meinung war, so doch keine besonders schlimmen Folgen ihrer Schandthaten befürchtete. Und das ist wohl das Tragischeste an diesen Krawallen. Sie dienen wirklich als „erlösendes Beispiel", aber nicht für die Juden." Zur Hilfsaktion für die Hinterbliebenen der Märtyrer in Kischenew. Der „Hamburger Correspondent" vom LI. Mai 1903 enthält unter „Sprechsaal" folgendes Eingesendet: Ein Aufruf, der von einer Reihe angesehener jüdischer Mitbürger unterzeichnet ist, wendet sich an „edle Menschen" mit der Bitte, zur Milderung der Nothlage schwer betroffener Juden in Kischenew beizutragen. In den Tagesblättern des letzten Sonntags erschien das erste Gabenverzeichniß, und mit Beschämung müsien wir bekennen, daß der Aufruf anscheinend nur (oder mindestens fast nur) bei Juden Gehör gefunden hat. Und dies bei uns in Hamburg, wo es keine wohlthätige Veranstaltung — cs sei denn eine solche, die ausschließlich christliche Culturzwecke betrifft — gibt, bei welcher nicht ein erheblicher Theil der Gaben, wenn nicht der größere, von unseren jüdischen Mitbürgern beigesteuert wird! Handelt es sich hier denn um eine ausschließlich jüdische Angelegenheit? Doch wohl nur insoweit, als die Juden in Kischenew ihres Glaubens und ihrer Race wegen verfolgt werden. Sind sie deswegen als schwer heimgesuchte Menschen der Unterstützung anderer weniger bedürftig oder würdig? Nach Meinung des Unterzeichneten fordert gerade diese Thatsache die Hilfe nichtjüdischer Kreise heraus; denn die verblendeten Verfolger jener Unglücklichen sind — leider - unsere eigenen Glaubensgenossen! In den Kirchen sollte man sammeln, um wenigstens einen Theil des hiedurch verschuldeten Elends wieder gut zu machen, und dadurch gleichzeitig der weiteren Verbreitung judenhetzerischer Ideen entgegcnzutreten. Die Zurückhaltung christlicher Gaben in diesem Falle könnte aussehen wie eine stillschweigende Billigung des furchtbaren Verbrechens, oder als ob man sagen wollte: „Ihr Juden habt Geld genug, helft Euch allein." Selbstverständlich ist dies nicht die Meinung. Aber man meide auch den bösen Schein nnd lasse die sonst stets bewährte hamburgische Wohlthätigkeit nicht umkehren vor der Schwelle der Juden! H. B a g g e Dr. In Jekaterinoslaw (Südrußland) haben, wie uns ein Freund unseres Blattes schreibt, die Arbeiter einer großen Eisengußstahlfabrik (etwa 1000 Mann) aus eigenem Antriebe auf dem Bureau der Fabrik erklärt, daß sie durch drei Monate zwei Percent ihres Lohnes zu Gunsten der geschädigten Juden in Kischenew geben wollen. Die Inhaber der Firma sind Ehristen. Vom Jahrmarkt des Lebens. Gloffcn zur Tagesgeschichte. Herzog's Gei st. — Der tiefe Blick. — Der Märtyrer Haman. — Verschiedene Wahrheiten. — Ein Lächeln des Zweifels. — Der schlagende Graf. Herr Herzog, der bereits so oft denuncirt hat, daß er sich den Titel „Denunciant kat’exochen" beruhigt beilegen darf, führt nun wieder das große Wort im Parlamente. Sein Antrag, den Juden das Staatsbürgerrecht zu entziehen, fand im Abgeordnetenhause die nöthige Unterstützung; nun geht die antisemitische Preßmeute daran, in ihren Organen für denselben Stimmung zu machen. An demselben Tage veröffentlichten die „Ostdeutsche Rundschau" und die „Deutsche Zeitung" inhaltlich fast gleiche Artikel über die jüdischen Advocaten, so daß man fast mit Bestimmtheit annehmen kann, daß beide Blätter von Herrn Herzog inspirirt wurden. In seinem Anträge heißt es bekanntlich, daß die Juden unter Anderem auch nicht Advocaten werden dürfen, und das wird nun in den antisemitischen Zeitungen damit begründet, daß die jüdischen Rechtsanwälte nicht vertrauenswürdig sind. Diese infame Beschuldigung Hunderter ehrlicher Männer erheben sie, weil sich einige jüdische Advocaten Veruntreuungen zu Schulden kommen ließen, wobei sie aber selbst zugeben müssen, daß auch christliche Advocaten Unterschleife verüben. Für die Juden sei das aber typisch, bei den Christen bilde es die Ausnahme. Laueta Limplieitas! Wir sürchten übrigens sehr, die antisemitischen Parteiführer werden bald fast nur mehr aus solchen Ausnahmen bestehen, denn bis heute haben wir schon zahlreiche Verbrechertypen unter ihnen vertreten, viele in mehreren Exemplaren, z. B. Defraudanten, Denuncianten, Verleumder, Stampiglienfälscher, Diebe, Erpresser u. s. w., während die für die Juden „typischen" Fälle nicht häufiger Vorkommen, als bei anderen Bevölkerungsschichten. Mit der Logik hapert es auf christlich-socialer wie auf alldeutscher Seite überhaupt sehr. Während einmal behauptet wird, die Juden reißen alle Verdienste an sich, sie richten die Anderen zu Grunde, schreibt z. B. die „Deutsche Zeitung" an einer Stelle: „Den Angehörigen dieser Kreise ist die Lust, zu nivelliren, eigen, da durch das Verschwinden der Racen-, Confessions- und Standesunterschiede notwendigerweise ihr eigenes Niveau gehoben werden würde." Die Unterdrücker, Ausbeuter und Wucherer sind also froh, wenn es ihnen gerade so gut und gerade so schlecht geht, wie den Unterdrückten, Ausgebeuteten und Bewucherten, jedenfalls eine eigenthümliche Thatsache. Ein Gedanke, dem man Originalität nicht absprechen kann, findet sich nicht in der „Deutsch?« Zeitung", sondern ist ausschließlich geistiges Eigenthum der „Ostdeutschen Rundschau", die sagt: „. . . werden die jüdischen Studenten oft als Muster von Fleiß und Ausdauer hingestellt. Und in der That, so rasch, wie der größte Theil der jüdischen Hörer, beenden nur wenige Arier ihre Studien. Sie haben es eben noch nicht gelernt, dem Grundsätze zu folgen, daß man trachten müsse, so bald wie möglich „in's Geschäft hinein" zu kommen . . . Wir wollen hier nicht davon sprechen, daß unter der großen Eile in vielen Fällen vielleicht die Gründlichkeit leiden dürfte." Es gehört wirklich „teutsches" Empfinden dazu, um die Berechtigung dieses Vorwurfes zu begreifen. Wer seinen Studien fleißig obliegt und sie in der vorgeschriebenen Zeit beendet, der verdient wahrlich kein Lob, er ist ein schlechter, habgieriger Mensch. Gründlich muß man studiren, so gründlich, wie der frühere Herausgeber und jetzige Spiritus reetor der „Ostdeutschen Rundschau", Herr K. H. Wolf, der mit größter Gründlichkeit studirte und sich so gewissenhaft tiefe Kenntnisse zu erwerben suchte, daß er sich eben verbummelte. In die „Tiefe" muß man gehen, sei es auch nur in die Tiefe des Glases, und ein bemostes Haupt, das immer noch eins trinkt und vor lauter Kneipen nicht zum Studium gelangt, das ist ein Student nach dem Ideale der Alldeutschen. Heil ihm, Heilo! Die Lorbeeren der „Deutschen Zeitung", die sie sich durch ihren Artikel über die „wahren" Ursachen der Kischenewer Massacres erworben hat, lassen das „Deutsche Volksblatt" nicht ruhen. Hat die „Deutsche Zeitung" ihren Schlager, „das Machen in Martyrium" ausgespielt, so rückt das „Deutsche Volksblatt" mit noch schwererem Geschütz heran. Purim wird den Kischenewer Ereignissen gleichgestellt. Das Blatt des Ehrenvergani erdreistet sich oder, besser gesagt, entblödet sich nicht, zu schreiben: „Die Juden haben ihr Purimfest, sie feiern heute noch als eine große That, was sie in Kischenew als himmelschreiende Verbrechen in alle Welt hinausschreien". Die Errettung eines ganzen Volkes vor dem sicheren Untergange wird durch Purim gefeiert, und nicht der Tod Hamans. Wenn es auch nach der Meinung Bergani's besser gewesen wäre, Haman wäre nicht gehenkt und an seiner statt sämmtliche Juden getödtet worden, so war der Judenknccht Ahasveros eben anderer Ansicht, er erhörte die Bitten seines Weibes Esther und seines Lebensretters Mordechai, verhinderte die Ermordung aller jüdischen Bewohner seines Reiches und ließ den Anstifter des Planes hinrichten, Diese Geschichte