Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 22 (29.5.1903)
- Date
- 1903-05-29
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 22 Dr. Bloch's Wochenschrift. Sette 34» charakteristischen Überschrift versehen ist: „Ich schäme mich." Diesem entnehmen wir folgende Stellen: Ist denn das möglich, daß dies alles in Europa, noch dazu am Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts geschehen ist? Hat denn in Europa an Plünderungen, Mördereien und Raub der verwilderte Mob Gefallen finden können? Ist denn wirklich dies alles in Europa geschehen? — Ist vielleicht bei den Berichten über die Barbareien ein geographischer Jrrthum unterlaufen? Denke ich an die Ereignisse, die sich bisher seit Langem nicht abgespielt haben, stelle ich mir in Gedanken die schauderhaften Facta vor, die jetzt Jedermann genau bekannt sind, empfinde ich natürlicher Weise Schmerz, Pein und Mitleid . . . Wenn ich mit einem Wort alles ausdrücken wollte, was sich auf meinem Herzen angesammelt hat, seit ich die Zeitungsberichte über die Judenmetzeleien in Kischenew gelesen, müßte ich ausrufen: Ich schäme mich! Ja, ich schäme mich, obwohl ich selbst nicht geraubt, nicht Seelen hingemordet, nicht Körper abgeschlachtet und kleine Kinder gemartert habe. Ich schäme mich, obwohl ich stets für alle anderen Nationen im Allgemeinen, für die Juden im Besonderen plaidirte. Ich schäme mich, während ich in den Zeitungen die Beschreibungen von den wilden Barbareien, die an das Mittelalter mit seinen Mördereien erinnern, lese — oder wenn ich einem Juden begegne, welcher in dem grausamen Kischenewer Gemetzel gar seinen Bruder. Vater oder Schwester verloren haben könnte. Ich schäme mich, daß ich ein Russe bin» ein Vorsteher von der russischen Gesellschaft und ich begreife, daß die häßlichen Vorgänge einen Jeden von uns abschrecken. Ja, Alle sind wir aus die eine oder andere Weise schuldig an dem, was geschehen ist, weil wir gegen den wilden Menschenhaß nicht angekämpst haben. Gewiß, bei diesen häßlichen Vorgängen haben die größte Rolle dieselben Bauern und Arbeiter gespielt, die wir schon seit Langem idealisiren wollen, und die wilden Horden, die jetzt obenan stehen, die in diesem Falle die ganze Rohheit ihrer Natur, ihre Gleichgiltigkeit moralischen Empfindungen und der Barmherzigkeit gegenüber so beweisen konnten . . .! Oder hat vielleicht die Kischenewer Intelligenz nicht ihre Zustimmung zu den Massacres gegeben, sich selbst nicht daran betheiligt? Haben wir denn nicht jetzt Kenntniß erhalten, daß Menschen mit Diplomen, Schüler höherer Anstalten, offen oder geheim den Mördern und Plünderern gratulirten? Die Artikel iu einigen Zeitungen haben die Verfolgungen vorbereitet. Intelligente Menschen blickten harmlos mit Behagen auf die grausamen Scenen. Es ist schwer, zu sagen, wer besser und wer ärger ist. Vor unseren Augen liegt etwas wie Finsterniß, an welcher Jeder seinen Antheil hat, Jeder auf seine Weise . . . Ein Artikel von Maxim Gorkij.. In den letzten Jahren ereignen sich immer häufiger in unserem Lande Dinge, die es mit Schmach überdecken, das Schmachvollste aber, das unser Entsetzen, unsere Scham und Empörung hervorruft — das ist das schreckliche Judenmassacre zu Kischenew. Leute, die sich für Christen halten, Leute, die vorgeben, an den Gott der Barmherzigkeit und des Mitleids zu glauben — diese Leute beschäftigen sich an den Tagen, die von ihnen der Feier der Auferstehung ihres Gottes von den Todten geweiht sind damit — Kinder und Greise zu ermorden, Frauen zu vergewaltigen, Menschen von jenem Stamm zu martern und zu berauben, der ihnen Christus geschenkt hat. Wer trägt an diesem gemeinen Verbrechen, das sich auf uns Alle wie ein blutiger Fleck legt, die Schuld? — die Schuld an dieser Befleckung, die auch Jahrhunderte von der traurigen Geschichte unseres finsteren Landes nicht wegwischen werden? Es wäre ungerecht und allzu einfach, die „Masse", die die Juden mordete, zu verurtheilen; die Masse — ist eine Hand: schuld daran ist das verdorbene Bewußtsein, das sie zu diesem Raub und Mord lenkte. Wie bekannt, wurde die Masse in Kischenew durch Leute von der intelligenten Gesellschaft angeführt, aber was ist eigentlich die „russische intelligente Gesellschaft?" Das ist auch eine Masse, dazu noch eine viel schlimmere als die des „Volkes", weil unser Volk durch sein schweres Leben aufgestachelt ist und blind gemacht und in Ketten geschmiedet durch die ringsum künstlich geschaffene Finsterniß... Die intelligente Masse aber — das ist ein Haufen feiger Sclaven, die, des Gefühls der Selbstachtung und des Bewußtseins ihrer Rechte beraubt, bereit ist, vor jeder Macht ihre Knie zu beugen, die bereit ist, eine jede Lüge anzunehmen, blos damit sie ihre Ruhe nicht störe, eine kraftlose, rechtlose und graue Masse, ganz ohne Bewußtsein, und eine schamlose, ungeachtet ihres anständigen Aeußern. An der schmachvollen und schaudererregenden That, die in Kischenew vollbracht wurde, ist unsere intelligente Gesellschaft nicht minder schuld als die activen Mörder und Vergewaltiger. Sie ist nicht blos schuld daran, weil sie die Ermordeten nicht nur nicht in Schutz nahm, sondern weil sie sich sogar daran ergötzte — ihre Schuld besteht hauptsächlich darin, daß sie während langer Jahre sich von Menschenhasiern verderben ließ, von Leisten, die schon seit Langem den abscheulichen Ruhm genießen, Lakaien der Macht Md Verherrlichet der Lüge zu sein, wie Alexei Csuworin, Victor Burenin, Waffilij Welitschko, Csergey Scharapow, Wissarion Komarow, Krufchewan, Pjatkowski und Andere, die ihresgleichen sind. Das sind die wahren Anstifter des für uns schmachvollen Md schaudererregenden Verbrechens in Kischenew! All den abscheulichen Benennungen, die von jeher diesen widerlichen Leuten gehören — müssen wir heute noch eine von ihnen wohlverdiente Bezeichnung hinzufügen : sie sind Aufhetzer zu Raub und Mord! Diese Heuchler mit den Gottesnamen auf ihren Lippen, die der ruffischen Gesellschaft den Haß gegen die Juden, die Armenier Md Finnen predigen und sie dadurch verderben — heute überschütten sie die Leichen der durch ihre Einwirkung Getödteten mit feigen und gemeinen Infamien und setzen schamlos ihr häßliches Werk fort: die Verderbung des Gefühls und des Gedankens der ganz willenlosen russischen Gesellschaft. Schmach auf ihre bösen Häupter, und möge das Feuer deS Gewissens in ihren verfaulten Herzen brennen, die voll von Eitelkeit und Kriecherei vor jeder Macht sind! Und auch der ruffischen Gesellschaft, die schmachvoll der Aufhetzerei dieser Sclaven folgt, liegt jetzt die Pflicht ob, zu beweisen, daß sie noch nicht ganz durch diese Banditen verdorben ist, daß sie nicht identisch ist mit den Aufhetzern zu Raub und Mord, daß sie noch ein Körnlein echten menschlichen Gefühls in sich birgt. Die russische Gesellschaft muß, um einen Theil der Schmach von ihrem Gewissen zu nehmen, den beraubten und verwaisten Juden zu Hilfe kommen, diesen Angehörigen einer Nation, die der Welt so viele wahrhaft große Männer gab und die — trotz des Entsetzens und des Druckes ihrer Lage in der Welt — noch immer Lehrer der Wahrheit und Schönheit hervorzubringen fortsetzt. Nun also — ein jeder, der sich nicht als Lakai zu Lakaien gehörig betrachtet, Alle, in denen das Gefühl der Selbstachtung noch nicht erstorben ist — ihr Alle auf, den Juden zu Hilfe! _ „Die Wochenschrift »»Prowo" (Das Recht), die vor einigen ^agen die erste Verwarnung wegen eines Artikels über die Judenhetze in Kischenew erhielt, ist eine fachwiffenschaftlrche, hauptsächlich für Juristen bestimmte Zeitschrift. Umsomehr fällt es auf, daß Herr v. Plehwe es für nöthig gehalten hat. ihr eine Verwarnung zu ertheilen. Agitatorische Wirkung hat die Zeitschrift nicht angestrebt und konnte eine solche ihrem ganzen Charakter nach unmöglich anstreben. Man muß also annehmen, daß die Maßregelung deshalb erfolgte, weil dem Minister des Innern eine sachlich ausgesprochene Meinung über die Gründe und Bedeutung der Judenhetze unbequem war. Der beanstandete Artikel war von dem Sohne eines ehemaligen russischen Justizministers verfaßt und lautete folgendermaßen: „Mit tiefer Empörung und Schmerz im Herzen haben Alle, deren menschliche Gefühle noch nicht erstickt sind, die traurigen Nachrichten von der Judenhetze in Kischenew gelesen. Die kurze amtliche Mittheilung, welche die Zahl der Getödteten und Verwundeten angab, ließ bei all ihrem Lakonismus, ihrer amtlichen Trockenheit errathen, daß etwas Ungeheuerliches vorgefallen war." Der Artikel gibt dann Einiges aus den Berichten der russischen Blätter über die Greuel wieder, hebt die Schuld der Behörden hervor und sagt: ..Wir wissen nicht, ob man die Behörden zur straf- Und civilrechtlichen Verantwortung ziehen wird; die moralische Verantwortlichkeit vor der Gesellschaft und der Geschichte können sie aber nicht von sich abwälzen. Auf ihnen liegt die schreckliche Gewissenslast vernichteter Menschenleben und zu Grunde gerichteter Familien. Man war nicht darauf gefaßt, daß die schrecklichen Blutthaten der Judenhetze in Kischenew Anlaß zu einem neuen Angriffe der antisemitischen Presse geben könnten, und doch hat sie einen neuen Angriff unternommen. Es hat sich eine völlige geistige Gemeinbürgschaft zwischen einigen (glücklicherweise wenigen) Vertretern der Presse und dem rohen Pöbel erwiesen, der am 19. und 20. April in Kischenew ungehindert gewüthet. Es hat sich eine schamlose Feder gefunden, die sich nicht entblödete, folgende, wirklich schändliche Worte niederzuschreiben : „So sind die Juden immer: Erst fordern sie durch ihre Schändlichkeiten heraus, und dann jammern sie und rufen das Mitleid der Gesellschaft an." Diese Worte standen in der „Snamja", die vom Leiter des Kischenewer „Beffarabetz" in Petersburg herausgegeben wird. Der Artikel gibt dann noch andere Citate aus antisemitischen russischen Blättern wieder und fährt fort: „Wir würden all diesen Auslassungen keine Beachtung schenken, wenn die Möglichkeit ihrer Verbreitung in der Presse bis zu einem gewissen Grade nicht eine Erklärung bieten würde, wie Ereignisse wie die Judenkrawalle in Kischenew möglich find. Wir ersehen hieraus, daß eine Ansicht möglich ist, wonach das Recht auf Unverletzlichkeit und Erhaltung des Lebens von den Juden erst verdient werden muß. An und für sich steht es ihnen nicht zu. Wenn ein Jude getödtet oder verstümmelt wird, so ist das erste Gefühl bei den Vertretern dieser Anschauung das Mitleid mit dem „unglücklichen Christen", der den Juden ermordet hat und der dafür leiden muß, daß er zufällig zum Mörder wurde. DaS Jammern und Schreien der verstümmelten Juden ist ihnen weiter nichts als elendes Judengeschrei. Die Mutter, die ihre drei Söhne verloren hat, wird belehrt, daß deren Tod eine „erlösende Sühne" für die „Versündigungen des jüdischen Volkes" sei.