Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 22 (29.5.1903)
- Date
- 1903-05-29
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Sette 348 Dr. Bloch's Wochsnfchrifl. Nr. 22 ».denn wenn die bösen Geister einmal entfesselt find, so können ste nur mit Blut und Eisen wieder gebannt werden." In der That zeigte sich die verheerende Wirkung dieser neuenBewegung bald nicht nur in Rumänien, das, auf Deutschlands Borgehen gestützt, immer härter und grausamer seine Gesetzgebung gegen die Juden gestaltete, sie als Fremde behandelte und sie vollständig entrechtete, sondern die Bewegung griff auch bald auf Rußland hinüber, das Deutschland als das Borbild der Cultur ansah; und 1882 — nach zweijähriger antisemitischer Minierarbeit — fanden in Kiew Metzeleien von Juden statt, wahre Raubzüge wurden damals gegen sie unternommen. Der Haß. der einmal entfeffelt war, wuchs, dre Leidenschaften wurden immer wilder. Im Jahre 1891 kamen die zahllosen Vertreibungen der Juden aus ihren bisherigen Wohnstätten vor, wodurch viele Tausende von Existenzen vernichtet wurden. Das Gift des Haffes breitete sich verheerend in Oesterreich- Ungarn aus, führte in Galizien, Böhmen und Mähren zu blutigen Exceffen, die begraben geglaubte Verleumdung des Ritualmordes, gegen welche sich das junge Christenthum im Römischen Reiche und das moderne Christenlhum in China zu wehren hatte, wurde wieder hervorgesucht, der Proceß von Tisza-Eszlar war die Folge, und die Saat, die dort gepflanzt war, ging auf. Xanten, Polna, Könitz waren Stationen schrecklichen Leidens der jüdischen Bevölkerung. Wurde auch der Nachweis geführt, daß die Beschuldigung die Ausgeburt krankhafter Wahnvorstellungen oder finsteren Haffes sei, die fanatisirte Masse blieb doch bei ihrem Irrglauben. Die Presse der Antisemiten fand ihr Geschäft darin, diesen zu schüren. Die Anklage lautete: Die jüdische Religion erfordert Menschenblut (die Antisemiten behaupten zwar neuerdings, sie richteten ihre Beschuldigungen nicht gegen die jüdische Religion als solche, sondern gegen eine bestimmte Secte; aber auch diese Secte ist nur ein Gebilde ihrer Phantasie, und ryatsächlich wenden ste ihre Beschuldigungen und ihre Hetze gegen das Judenthum überhaupt. Red.), und gegen die jüdische Religion wurde wie gegen einen Angeklagten vorgegangen, es wurde gewissermaßen Haussuchung bei ihr gehalten, denn man drang in die Gotteshäuser und durchfiöberte sie nach Blut. So gewaltthätig war der Wahn, der Verleumder, daß die Kraft der Behörden gelähmt war und der Rechtsgedanke von dem Haß und der blinden Wuth niedergedrückt wurde. Wenn der Culturhistoriker die Acten der in Deutschland geführten Proceffe von Xanten und Könitz dereinst durchsuchen wird, so wird er mit Schrecken constatireu, welchen Terrorismus die wilde Masse auf den Gang des Rechtes geübt hat. Kein Wunder, daß — nach Xanten und Könitz — die Lüge vom Ritualmord auch m Südrußland von Neuem verbreitet wurde. Vor den Osterfeiertagen des Jahres 1963 wurde in dem in Kischenew erscheinenden Blatte »Bessarabetz" erzählt, die Juden in Duboffari hätten einen Ritualmord begangen. Umsonst die Feststellungen der Behörden, daß dies eine Lüge sei; der Gouverneur von Bessarabien erklärte die Behauptungen für ein böswilliges, unwahres Gerücht. Der Fanatismus hatte sich des Volkes bemächtigt und der Boden war bereitet, auf dem dann die Barbarei ihre Orgien feierte. Auch in Xanten und Könitz hatte man jüdisches Eigenthum zerstört, Juden mißhandelt, sie verfolgt, beschimpft und zahlreiche Existenzen vernichtet. Indessen der Schutz eines geordneten Staatswesens vermochte doch wenigstens die ärgsten Ausschreitungen — Raub und Mord — zu verhüten. In Kischenew aber zeigte sich, wie früher in Kiew, nur noch in verstärktem Maße, die ganze Bestialität der Unkultur. Eine Panik bemächtigte sich der Juden Südrußlands. Nur zu oft haben sie es erlebt, wie die Verfolgungen und Brandschatzungen in einer Stadt zur Nachahmung reizen, — die geschäftliche Thätigkeit stockt, Kummer, Noth und Elend greifen weit um sich! Und nun kommt der beffarabische Gouverneur und fordert in salbungsvoller Ansprache gegenüber der Noth zur Hilfe für Kischenew auf, er spricht vom Christenthum und Liebe, er ätirt das mosaische Gebot: »Liebe Deinen Nächsten wie dich selbst" und legt dem Publicum ans Herz: nicht nur der gefallenen Opfer zu gedenken, sondern auch der unglücklichen Familien derjenigen, »die das Herz eines jeden Wohlgesinnten beleidigenden Ausschreitungen und Verbrechen begingen", also der Räuber und Mörder; die gütigen Gaben sollen für beide Kategorien verwendet werden! Unsere Antisemiten können noch viel lernen, auf solchen Gedanken ist noch keiner von ihnen gekommen: Ein armer Teufel, der seine Familie nicht, ernähren kann, beraube einen Juden, wandre dafür ein paar Monate oder Jahre ins Zuchthaus oder Gefängniß; in der Zwischenzeit wird dann die Familie des Räubers von dem Gelde jüdischer Wohlthäter erhalten. Das ist der Gipfel der Humanität. Wann wird es den Staaten einmal klar werden, welche Gefahr für die Nationen darin liegt, stillschweigend zuzuschauen, wie Religions- und Racenhaß weiter entfacht wird und wie die allerniedrigsten Instinkte durch planmäßige Agitation, durch Verbreitung von Lügen und durch Verbrechen genährt und entwickelt werden! Es gibt keinen größeren Feind der Cultur, des Gemeinsinnes und des Gemeinwesens, als Religionshaß; er ist ein Gift, das die Grundlagen der Gesellschaft und den Völkerfrieden zerstört. * * * Das internationale socialdemokratische Bureau in Brüssel verbreitet einen Ausruf, worin das Proletariat aller Länder aufgefordert wird, laut gegen die Mördereien von Kischenew zu protestiren. Die belgische »Liga für Menschenrechte" hat die französische Liga ersucht, Schritte zu unternehmen, damit die französische Regierung der befreundeten und verbündeten russischen Regierung wegen der Greuelthaten in Kischenew Vorstellungen macht. Gegen die Metzeleien in Kischenew richtet sich ein Aufruf an die Pariser Studenten zu einem Meeting, das u. A. von den Professoren Anatole Leroy-Beaulieu, Brunot, Seignobos, Aulard, Lyon-Caen, Dumas, Meyer, Havet u. s. w. unterzeichnet ist. Er lautet: »Kameraden! Wiederum eine Metzelei! Wiederum ein entsetzliches Blutbad! In Kischenew hat man mitten im Frieden Hunderte von Bürgern erstochen und verstümmelt. Dank der Mithilfe einer straflos verbrecherischen Verwaltung haben Plünderer und Fanatiker die Stadt durchziehen können, ohne beunruhigt zu werden, indem sie Alles, was sie fanden, zertrümmerten. Dann fühlten sich diese Elenden durch den Beistand der Soldaten, einer Armee von rohen Trunkenbolden, die mit ihnen gemeinsame Sache gemacht hatten, noch weiter ermuthigt und ihre wilde Grausamkeit kannte keine Grenzen mehr. Frauen sind geschändet und in scheußlicher Weise niedergemacht worden. Die Männer, die ihnen zu Hilfe eilten, sind mit Kolben niedergeschlagen worden, und man hat kleine Kinder gefunden, deren Körper zerstückelt waren, nachdem an ihnen ein nicht wiederzugebendes Verbrechen verübt worden war. Die Leichname selbst sind geschändet worden, und in die klaffenden Wunden der mit dem Tode ringenden Opfer häufte man noch allen möglichen Schmutz zusammen. Wiederum scheint das barbarische Europa das civilisirte Europa herausfordern zu wollen. Kameraden! Das Maß ist voll. Seit einiger Zeit wiederholen sich Verbrechen dieser Art zu häufig, als daß wir sie vorübergehen lassen könnten, ohne einen energischen Protest zu erheben. Euer Schweigen würde sie zu billigen scheinen und einen Zustand, den wir nicht länger dulden dürfen, noch erniedrigender hervortreten lassen. Ihr müßt Euch alle ohne Unterschied der politischen Meinungen im Hotel des Loeietös savantes einfinden, um diese schändlichen Thalen in gebührender Weise zu verurtheilen und mit Euren entrüsteten Protesten die weit hinaus klingenden Worte unserer verehrten Lehrer zu kräftigen." Das ist die Sprache von Franzosen gegen das verbündete Rußland. Der in Rußland populäre und am Czarenhofe sehr beliebte Priester Johann von Kronstadt, publicirt in dem Petersburger »Nowosti" einen äußerst scharfen Artikel über das Judenmassacre von Kischenew, in welchem es u. A. wörtlich heißt: Das Herz des Czaren, welches für das allgemeine Wohl des Volkes besorgt ist, ist durch das erschreckend blutige Ereigniß von Kischenew in großen Kummer versetzt worden. Russisches Volk, meine Brüder! Was thut ihr? Warum habt ihr euch in Barbaren und in Mörder von Menschen verwandelt, welche in einem und demselben Vaterlande lebend Warum habt ihr eine so blutige Abschlachtung von euch ähnlichen Menschen verübt? Ihr habt eure Zugehörigkeit zum Christenthum und die Lehre Christi vergessen. Der Geist der Kischenewer Mörder und Plünderer ist der Geist des Teufels, welcher die erhabenen Lehren Christi von Liebe, Barmherzigkeit und Güte verhöhnt und verschmäht. Und nun, ihr russischen Brüder, wißt ihr, welcher böse Geist euch beherrscht. Das ist mein kurzes evangelisches Wort über das blutige Gemetzel der völlig unschuldigen Juden und ihrer Kinder." Neben dem Priester Johann von Kronstadt, hat nun auch der berühmte Professor Weffolowski, der frühere Rector der Petersburger Universität, einer der berühmtesten und gelehrtesten Männer Rußlands, zu den barbarischen Judenmetzeleien das Wort ergriffen. In der „No w o st i" hat er einen Artikel veröffentlicht, der mit der