Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 22 (29.5.1903)
- Date
- 1903-05-29
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 22 Dr. Bloches Wochenschrift. Grite 347 der Notar Schtschebran ein Zigeuner, der Stadtverordnete Sinadino ein Grieche und der Advocat Pissarjewski ein Pole. Und diese internationale Antisemitenbande hat sich aus aller Herren Länder in Kischenew zusammengefunden, um im Namen des russischen Volkes gegen die seit vielen Jahrhunderten in Beflarabien wohnenden Juden zu hetzen. Bezeichnend für die den Juden in Rußland gezollte Mißachtung ist es ferner, daß der talentlose Rumäne Kruschewan in Rußland die Erlaubniß zur Herausgabe zweier Tageszeitungen erhalten hat, von denen die »Snamja" in Petersburg erscheint und von der russischen Regierung subventionirt wird. Nirgends hat sich der Ausspruch des Talmud „Kol hameitzar 1. jisroel nasso rosch“ (Wer Israel bedrängt, gelangt zu Aemtern und Würden) so bewahrheitet wie bei den beiden minderwerthigen Menschen Suworin und Kruschewan. Der Geschäftsantisemit Suworin ist als Herausgeber und Besitzer der »Nowoje Wremja" vielfacher Millionär geworden, und Kruschewan hat für seinen in Kischenew erscheinenden »Bessarabetz" von der Censurbehörde vollkommen freie Hand erhalten. Er durste in demselben bluttriefende Artikel schreiben, in denen folgende Sätze vorkamen: »Auf zu einem zweiten Kreuzzug gegen die Juden!" »Wir Russen wollen es nicht länger dulden, daß 7—10 Millionen Juden uns aussaugen und unsere Wohlfahrt untergraben!" „Traut nicht den Worten eines Juden! Seine Lippen sind von genossenem Christenblute gefärbt!" Als der gleich nach den Krawallen nach Kischenew beorderte Staatsrath Lopuchin diese gräulichen Sätze dem Vicegouverneur Ustrugow vorhielt und ihm fragte, wie er als Censor sie dem »Bessarabetz" durchgehen ließ, hielt dieser ihm einige Nummern der »Nowoje Wremja", in der ähnliche Sätze Vorkommen, vor und erwiderte ruhig: »Weshalb sollte ich einem Kischenewer Blatte etwas verbieten, was Ihr einem Petersburger Blatte zu schreiben erlaubt?" — Die letzten Publikationen des „Bunt" (Aufstand), der Organisation des jüdischen Proletariats in Rußland, dessen Leitung in Genf eineDruckerei besitzt, befassen sich mitden Metzeleien in Kischenew und bringen unter Anderem nachstehende Mittheilnng: Die Unruhen waren planmäßig von einem Cvmitö vorbereitet, das aus folgenden Personen bestand: Untersuchungsrichter Dawidowitsch, Notar Pissarjewsky, Dr. Tschindine, Grundbesitzer Tscherbana und Balinsky und Student Popow. Dieses Counts hielt regelmäßige Sitzungen im Hotel de Ruffie ab. Der Polizeicommissär Dabroselsly kam am Vortage der Unruhen in ein jüdisches Geschäft, ließ sich verschiedene Waren geben und entfernte sich, ohne zu bezahlen. Darauf aufmerksam gemacht, erwiderte er: »Morgen werden wir euch Alles nehmen." Charakteristischerweise hat der oben erwähnte Untersuchungsrichter, der selbst an der Spitze einer plündernden und mordenden Bande die Stadt durchzog, nun die Untersuchung zu leiten! Von einem jungen Berliner Arzt, der auf einer Studienreise durch Südrußland in Odessa die Kunde von den Massacres in Kischenew erhielt, sofort dorthin abreiste und sich der Hospitalverwaltung zur Verfügung stellte, geht dem »Berliner Tageblatt" aus dem Kischenewer Lazareth eine Darstellung zu, der wir folgende erschütternde Einzelheiten entnehmen: „Da liegt eine junge, kaum 18jährige Frau, der die Unmenschen die rechte Brust abgeschnitten haben; ihr kleines einjähriges Kind ruht in ihren Armen; man hat es, wie sie selbst erzählt, vor ihren Augen mit glühendem Eisen geblendet. Sie habe sich auf die Unmenschen gestürzt, doch sofort sei sie von der entmenschten Rotte niedergeworfen und geschändet worden. Als ihr Mann, der gerade dazu kam, von seinem Revolver Gebrauch machen wollte, habe man ihn gebunden und gezwungen, mit anzusehen, wie seiner Frau die Brust abgeschnitten wurde. Neben dieser Unglücklichen, aus deren thränenlosen Augen der entsetzliche Seelenschmerz dringt, sitzt aufrecht in ihrem Bette eine alte gramgebeugte Frau. Sie trägt eine Binde um den Kopf, der von einem Säbelhieb gespalten ist. Auf die Frage, warum sie nicht liege, anwortet sie, sie könne nicht liegen, der Rücken sei ihr mit Ruthen zerfleischt worden. Warum? Sie hatte, als die wilde Rotte eindrang, ihre Enkelkinder im Keller versteckt; die Kinder wurden, als man sie fand, vor ihren Augen abgeschlachtet, sie selbst ausgezogen und mit Geißeln gezüchtigt. Nebenan jammert ein sechsjähriges Mädchen, es windet sich in furchtbaren Zuckungen, will den Verband, den man ihm um den Kopf gelegt hat, abreißen, die Wärterinnen halten es an den Händen fest; da plötzlich streckt die Kleine sich lang hin, sie gibt keinen Laut mehr von sich — sie hat ausgelitten. Noch schrecklichere Scenen spielen sich in dem Män ners a a l e ab. Da befindet sich ein Greis, der sich, schrecklich verstümmelt, den Tod herbeiwünscht, denn er hat sein Weib, seine Söhne und Töchter umkommen sehen und hofft nun, bald mit ihnen vereinigt zu sein. Da sieht man einen Mann, dem man die Füße a b g e s ä g t, einen Jüngling, dem man die B r u st g e s p a l t e n, ein Kind, dem man s ä m m t l i ch e Z ä h n e a u s g e r i s s e n hat, kurz, es ist ein unbeschreibliches Elend!" Von anderer Seite wird berichtet: Auch ein Breslauer, Namens Arthur Stein, ist in Kischenew ums Leben gekommen. Er siedelte vor 12 Jahren von Breslau zu einem Verwandten nach Kischenew über und errichtete dort spater ein Herrengarderobegeschäft, das sehr gut ging. Trotzdem äußerte Stein in Briefen an seine Breslauer Verwandten oft. daß er sich in Rußland sehr unbehaglich fühle und bald nach Breslau zurückkehren werde. Er kam, wie der „Herrenconfectionär" meldet, auf schreckliche Weise ums Leven. Zwei jüdische Frauen flüchteten in sein Geschäft, um sich dort zu verbergen; der nachdringende Pöbel aber schlug im Laden Alles kurz und klein, zündete das Warenlager an und zerrte die Frauen wieder auf die Straße heraus. Stein selbst wurde mit zerschmettertem Schädel todt aufgefunden. Zu welchen unsinnigen Lügen die russischen Regierungsmänner Zuflucht nehmen, um die Blutschuld von Kischenew von sich abzuwälzen, zeigt die telegraphische Meldung aus Moskau vom 25. d.M., wonach angeblich ein wahnsinniger Jude die Mittheilung von einem Ritualmord verbreitet haben soll. Die auf seine Erzählung hin unter den Bauern verbreiteten Gerüchte sollen die wahre Ursache der Kischenewer Greuel sein. Der russische Botschafter in Washington Graf Cassini versicherte Hay, die russische Regierung habe Schritte gethan, um die Wiederholung von Unruhen wie in Kischenew zu verhindern. Ueberall in den Vereinigten Staaten finden sitzt Versammlungen statt, in welchen die amerikanische Regierung aufgefordert wird, gegen die Vorkommnisse in Kischenew zu protestiren. Eine große Versammlung hat am 27. d. M. unter dem Vorsitz des Ober-Bürgermeisters von New-Iork stattgefunden. Zahlreiche hervorragende Bürger haben an ihr thrilgenommen. Die russische Regierung hat das Ersuchen des Grafen Cassini um Ferien vom 26. Juni ab abgelehnt und ihn angewiesen, die Ferien bis zum 9. Juli zu verschieben. Dieser Schritt der Regierung wird mit dem Anwachsen der Rußland feindlichen Agitation in Zusammenhang gebracht, die infolge der Mandschureifrage und wegen der Kischenewer Ereignisse entstanden ist. Aus London wird berichtet: Die amerikanischen Juden sind nach einer Washingtoner Meldung des „Daily Expreß" empört über die Erklärung des russischen Botschafters Grafen Cassini, bei den Unruhen in Kischenew sei der Bauer dem Geldverleiher gegenübergetreten und nicht der Russe den Juden. Von der Regierung wurde seitens der Juden verlangt, sie solle dem Grafen Cassini seine Pässe znstellen. Die Sammlungen haben bis jetzt fast eine halbe Millwn Dollars erreicht. Staatssecretär Hay hat 200 Dollars gezeichnet. — Ein weiteres Londoner Telegramm meldet: Der russische Botschafter in Washington Graf Cassini, hat es abgelehnt, die für die Juden von Kischenew gesammelten Gelder nach Rußland zu übermitteln. Er erklärte, die russische Regierung werde einer Vertheilung der Gelder durch Privatpersonen kein Hinderniß in den Weg legen. Die Post des Staatsdepartements schwillt gewaltig an infolge von Zuschriften, die ersuchen, gemeinsam mit den übrigen Culturmächten Vorstellungen bei Rußland wegen der Vorgänge in Kischenew zu erheben. Die russische Botschaft verlangte besonderen Polizeischutz. Unter der Ueberschrift: „Ursachen und Wirkungen" schreibt Dr. Julius Plotke in der »Frankfurter Zeitung": Als nach dem Abschluß des Berliner Vertrages vom 13. Juli 1878 Rumänien bei den Großmächten Alles in Bewegung zu sitzen suchte, um die Umgehung des die Emancipation der rumänischen Juden anordnenden Artikels 44 des Vertrages möglich zu machen und um diese Juden in den seitherigen rechtlosen Zustand zu belassen, da fand es zunächst heftigen Widerstand. Aber Anfangs September 1878 konnte der rumänische Vertreter Liteanu von Berlin depeschiren, daß auch in Berlin sich eine antisemitische Strömung in der öffentlichen Meinung bemerkbar mache und daß daher für Rumänien der psychologische Augenblick für eine möglichst günstige Lösung der ^udensrage gekommen sei. So berichtet König Carol von Rumänien in seinen Memoiren Band IV, Seite 247. Bon diesem Moment an konnte sich Rumänien darauf verlassen, daß Deutschland seinen Widerstand gegen die Bitten Rumäniens aufgeben würde. Der Vater des Königs von Rumänien, der Fürst von Hohenzolleru, schrieb ihm am 24. Jänner 1880, daß in Preußen die »evangelische Pastorenpartei" mit einigem Erfolge eine antisemitische Bewegung in Scene gesitzt habe, daß lie conservative Partei dieses recht gefahrvolle Experiment unterstütze, gegen welches sich der Kronprinz öffentlich ausgesprochen Hobe, und der Fürst schrieb wörtlich seinem Sohne weiter: