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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1903-05-29 · 22 (29.5.1903) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
20 (1903)
Issue
22 (29.5.1903)
Date
1903-05-29
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Sette 846 Sir. 22 Vr. Bloch's 1 stellers, der augenscheinlich tiefen Einblick in die Werkstatt der europäischen Staatsmänner gewonnen hat, oder ist es nicht vielmehr die mit prophetischer Begabung unternommene Ableitung bestimmter, aus der Vergangenheit gewonnener Erfahrungen und ihre streng logische Anwendung auf die nächste Zukunft? Die Antwort auf diese Frage mögen die Ereignisse der unmittelbaren Gegenwart, deren Zeugen wir Alle sind, geben. Möge Europa sich in Acht nehmen! Jedes Unrecht, jede Bedrückung der Minorität durch die Majorität wird durch perfide Rechtstheorien gedeckt. Während in den Zeitungen, in den Parlamenten, in den Versammlungen und nicht zuletzt in den diplomatischen Noten von nichts Anderem als von Frieden, Völkerversöhnung. Civilisation und Humanität die Rede ist, hat man die Theorie von den unüberbrückbaren Racenunterschieden, die Theorie von den Wirths- und Gastvölkern großgezogen und durch künstliche Verschärfung der nationalen Gegensätze alle bestialischen Jnstincte der Völker erweckt. Lest doch die tückischen Friedensversicherungen der russischen Staatsmänner, die großsprecherischen Phrasen französischer Minister, die säbelrasselnden Tiradeu des deutschen Reichskanzlers, die egoistischen Ausflüchte des auf seinem traditionellen Wollsack thronenden englischen Premiers, lest nur, wie sie alle das Princip der Nichtiuterveutiou gegenüber den schwersten Rechtsbrüchen vertheidigeu, und Ihr werdet zugeben, daß der Verfasser mit scharfem psychologischen Blicke die besonderen Eigenthümlichkeiten jeder einzelnen Nation erfaßt hat und daß Alles sich — wir wollen nicht apodiktisch sagen: so vollziehen wird — aber gewiß sich so vollziehen kann, wie es im „Neuen Weltreich" dargestellt wird. Ist denn die Ohnmacht Europas nicht heute schon eine vollständige? In ihren politischen Consequenzen mag die gewaltsame Wegnahme Constantinopels durch die Verletzung des Pariser Vertrages unabsehbare Wirkungen nach sich ziehen, in ihrem Wesen ist sie nichts anderes, als die Durchlöcherung des Berliner Vertrages und die Verhöuuug Europas seitens Rumäniens durch die Entrechtung seiner jüdischen Unterthanen. Europa schweigt, wenn in Kischevew die Juden, in Kleiuasien die Armenier, auf der Balkanhalbinsel die Macedouier hingeschlachtet werden — die dräuend erhobene Pranke des russischen Bären ist stärker als alle Satzungen des Völkerrechtes und der Menschlichkeit. Der bis zur Unerträglichkeit bewaffnete Friede und das Princip der Nichtiuterveution sind unausgleichbare Gegensätze und an diesem inneren Widerspruche muß früher oder später das stolze Staatengebäude Europas zu Grunde gehen. Ob der Verfasser die Zukunft Oesterreich-Ungarns richtig vorausbestimmt hat? Unsere patriotischen Empfindungen lehnen sich gegen die Bejahung dieser Frage auf. Aber der gesunde Menschenverstand sagt uns, daß ein Staat des Unrechtes und der Anarchie in seinem Innern für die Dauer nicht Herr zu werden vermag, wmn er erst einmal angefangen hat, die Rechtlosigkeit gegen einzelne Classen seiner Staatsbürger stillschweigend zu sauctioniren, wenn er zugibt, daß Race, Abstammung, Sprache und sonstige willkürliche Begriffsbestimmungen stärker sein dürfen, als das geschriebene und verbriefte Recht. Das ist die Lehre, die unsere Staatsmänner aus den sehr realistischen „Phantasien" des hier angezeigten Buches schöpfen mögen! Wenn einmal die Gewalt über das Recht gesetzt wird, dann muß jene Macht triumphiren, welche die höchste Brutalität mit der äußersten Gewissenlosigkeit vereint, daun wird die Weissagung, daß die russischen Kosaken ihre Rosse in den Flutheu des Rheines tränken werden, in absehbarer Zeit, wenn diese auch nicht auf Jahr und Tag zu bestimmen ist, sich erfüllen. De Klnttagc von Kischenew. Einem Privatbriefe aus Kischenew entnehmen wir: „Das Verhalten der Behörden von Kischenew während der Unruhen war im höchsten Grade verdammenswerth. Auch am 6. und 7., als sich die Truppen der Polizei zur Verfügung stellten, hat diese die Menge zu weiteren Ausschreitungen nur ermuntert. Daraufhin versuchten sich die Juden zu fvnuiren, um dem Vordringen der plündernden und mordenden Menge begegnen zu können, allein sie wurden von Polizei-Patrouillen zerstreut, „um Blutvergießen zu verhindern". Die Officiere sowohl wie auch der Chef der Garnison, General Beckmann, hätten gerne mit Waffengewalt den Plünderungen ein Ende gemacht; ja am Mittag des 7. April verlangte sogar Beckmann einen geschriebenen Auftrag vom Gouverneur, die Ordnung wiederherstellen zu dürfen, allein der Gouverneur machte Ausflüchte und während durch 8 Stunden darüber correspondirt wurde, sind die ärgsten Greuelthaten geschehen und das Blut floß stromweise. Während der Unruhen machte der Polizeichef seine Ostervisiten, um zu zeigen, wie wenig Bedeutung er dem „Pogrom" beilege. Gestern wurde angezeigt, daß einer der Polizei-Commissäce sich im Voraus ein paffendes Local gemiethet, um die Beute dort unterzubringen. Dieser Commissär wurde verhaftet. Unglücklicherweise ist aber die Mehrzahl der Plünderer auf freiem Fuße belassen worden und diese bilden nun außerhalb der Stadt eine Art Zigeunerlager, dem General Beckmann nichts anhaben zu können behauptet, da seine Machtsphäre nicht über die Stadtgrenze reiche. Natürlich ist infolgedessen die Unruhe der Bevölkerung noch sehr groß. Wenn man bedenkt, daß in allen Theilen des Gouvernements die Sorge um Aufrechterhaltung der Ordnung in den Händen der Staatsbehörden liegt, so kann man sich leicht die Besorgnisse der Bevölkerung vorstellen. Die Notwendigkeit, in ganz Bessarabien den Kriegszustand zu proelamiren und die Macht den militärischen Führern zu übertragen, erweist sich als immer dringender. Eine Deputation begab sich zum Gouverneur und bat, die Zeitung „Bessarabetz", wenn auch nur vorläufig, zu verbieten. Sie theilte ferner mit, daß, nachdem die Ruhe kaum ein wenig hergestellt war, einer der Anführer Namens Tscherban in einer Hauptstraße die Menge zu einem neuerlichen Maffacre der Juden auffordete, da Alles, was ihnen geschehen, noch zu wenig sei. Zeugen können diese Worte beschwören. Der Gouverneur antwortete, man möge ihm die gehässigsten und aufreizendsten Artikel des „Bessarabetz", die im Laufe der letzten Jahre erschienen sind, gesammelt vorlegen; er werde eine vollständige Suspendirung der Zeitung befürworten. Als man ihn jedoch bat, Tscherban zu verhaften, damit er wenigstens einige Zeit nicht schaden könne, antwortete er ausweichend. Als der Direktor des Polizei-Departements im Ministerium des Innern ankam, suchten ihn gebildete Christen auf und erklärten ihm, daß nur die strafbare Unthätigkeit der städtischen Behörden das Unglück verschuldet habe. Einige Officiere gaben an, daß sie machtlos Schreckensscenen zuschauen mußten, da der Chef der Polizei, Ustrugow, auf ihre Frage, was sie thun sollen, stets mit „nichts" antwortete. Ustrugow will nun alle Schuld auf den Gouverneur abwälzen und vergißt, daß er all die Jahre hindurch nie eine Gelegenheit Vorbeigehen ließ, um den Juden ihr hartes Los noch schwerer zu machen, und die Bevölkerung ist dank seinem Verhalten zu der Ansicht gekommen, daß die Juden außerhalb des Gesetzes stehen und jeder Mißhandlung preiszegeben sind. Er hat den Bulcan geschaffen, dessen Eruption Kruschewan hervorgerufen hat. * * * Von anderer Seite wird uns mitgetheilt: Wer ist Kruschewan? Der jetzt zur traurigen Berühmtheit gelangte „Vater des Antisemitismus in Bessarabien", der Herausgeber des antisemitischen „Bessarabetz". Kruschewan ist em dunkler Ehrenmann, der mehrfach öffentlich als Hallunke gebrandmarkt wurde. Obwohl er stets im Namen des russischen Volkes spricht und alle Tage das Wort „wir Russen" mißbraucht, ist der Mann dennoch kein Russe, sondern ein in Rußland eingewanderter Rumäne. Ebensowenig wie Kruschewan haben alle übrigen Antisemitenhäuptlinge, die bei der Katastrophe von Kischenew eine hervorragende Rolle gespielt haben, das Recht, sich als Ruffen zu geberden. Herr v. Raaben ist ein Balte,

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