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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1903-05-29 · 22 (29.5.1903) · page 1

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
20 (1903)
Issue
22 (29.5.1903)
Date
1903-05-29
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Ur. 22 Dl*a Bloch S Itchrga«- Xjl. Centralorgan für die gesammten Interessen des Iudenthums. « =^- r— R. k. Pofifxsrraffrn-Arnk Clearing-Verkehr Nr. 810.976. Ardartton und Administration: Wien IX/1, Berggaffr Nr. 39. Telephon Nr. 14.847. K- —---==% ----- Wien. 39 Mai 1993. -i—n—<- Erscheint jeden Freitag. - ■> -<> ««j» - Brief-Adresse: Wien, H/1» Berggaffe 39. Telegramm-Adresse: Bloch's Wochenschrift» Wien. -- =m veplgSPrri» für Srstrrreich: Halbjährig 8 Kronen. Einzelexemplare 50 Heller^ Für'» Ausland: Halbjährig 10 Krone». Ganzjährig 20 Anzeigen: Die4mal gespaltene Petitzeile 24 Heller. . *= ■- m Inhalt: Leitartikel: „Das neue Weltreich." — Die Bluttage von Kischenew. — Zur Hilss»ction für die Hinterbliebenen der Märtyrer in Kischenew. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Glossen zur Tagesgeschichle. Rumänien und Kischenew. Ein neues Gesetz gegen die rumänischen Juden. Zwei Protestkundgebungen der russischen Schriftsteller Moskaus und Petersburgs. Das Traumleben der Verbrecher. — Correspondenzen: Wien, Klattau, Krakau, Linz, Berlin, Antwerpen, Bucarest. — Vermischtes: Kranzablösungsspenden zu Gunsten der Chewra-Kadischa in Wien. Wien, Turnau i. B., Bilin. Breslau, Preßburg, Ledetsch. — Feuilleton: Das fünfte Gebot. — Briefkasten. — Inserate. „Das neue Weltreich." Fieberzuckungen erschüttern das alternde Europa. Die Slaven der Balkanhalbinsel greifen wieder einmal zur Waffe, um das Joch der verhaßten türkischen Fremdherrschaft abzuschütteln. Die Pforte muß sich wohl oder übel bequemen, auf Geheiß Rußlands und Oesterreich-Ungarns dem drohenden Brande durch „Reformen" Einhalt zu thun, deren Durchführung eine neuerliche Schwächung der türkischen Macht diesseits des Bosporus bedeuten würde. Aber die mohammedanischen Bewohner der albauesischen Berge erheben sich gegen diese Begünstigung der Christen, und der Sultan muß seine kleinasiatischen Redifs gegen diese seine treuesten Unterthauen, diese verläßlichsten Stützen der türkischen Herrschaft auf der Balkanhalbinsel entsenden. In allen Staatskanzleien des Welttheiles beschäftigt man sich wieder angstvoll mit der „orientalischen Frage". Aber neben dieser wächst bereits eine zweite, die „österreichische Frage", dräuend empor. Die nationalen Wirren in Cisleithanien dauern ungeschwächt an, der eifersüchtige Haß zwischen Deutschen und Czechen lähmt die besten Kräfte der Monarchie. Der geschichtliche Gegensatz zwischen Polen und Rutheuen verschärft sich mit jedem Tage. Die Erregung unter den Balkanslaven hat sich auch den österreichischen Südslaven mitgetheilt. Während in Ungarn die Unabhängigkeitspartei einen mächtigen Vorstoß gegen die alten Deakisten und die dualistische Staatsform unternimmt und die Clericalen hinterrücks das Feuer schüren, tobt in Croatien ein wilder Aufruhr gegen das ungarische Regime, kann die offene Revolution nur mühselig mit Waffengewalt und Standrecht verhindert werden. Auch in den Herzen der österreichischen Südslaven wird der Traum von einem großillyrischen Königreiche wieder lebendig. In Zara, Spalato, Ragusa und Laibach nimmt man für die croatischen Brüder Partei und die südslavischen Parteiführer bestürmen den Wiener Kaiserhof, daß er der treuen Dienste nicht vergesse, welche die Croaten im Jahre 1848 gegen die ungarische Erhebung geleistet haben. Mitten hinein in diese Stürme, die wie der rollende Donner ein furchtbares Weltgewitter ankündigen,: fällt das Erscheinen eines merkwürdigen, sensationellen Buches. Es nennt sich: „Das neue Weltreich - ein Beitrag zur Geschichte des 20. Jahrhunderts"*) und sein pseudonymer Verfasser Dr. Mehemed Emin Efendi will es lediglich als „psychologische und politische Phantasien" gelten lassen. Aber es ist mehr, weit mehr, als eine bloße Phantasie, und wir fürchten, daß der Verfasser nur zu sehr Recht hat, wenn er in seiner Vorrede das Werk als eine Geschichte zukünftiger Zeiten bezeichnet. Den Staatslenkern und Politikern in Oesterreich-Ungarn empfehlen wir dieses Werk zu ernstem Studium. Vielleicht stehen wir dem Zeitpunkte, in welchem die Thatsachen diese vorausgeschriebene Geschichte rechtfertigen, näher, als der geistreiche Verfasser, der mit allen Kniffen und Pfiffen der europäischen Diplomatie vertraut ist, selber ahnt. Der erste Theil mit dem Untertitel: „Vom chinesischen Kriege bis zur Eroberung Constantinopels" hat schon vor Monaten, der zweite Theil: „Von der Eroberung Constantinopels bis zum Ende Oesterreich-Ungarns" vor Kurzem erst die Presse verlassen. In der actuellen Form von diplomatischen Noten, Telegrammen, Zeitungsartikeln und Kammerdebatten registrirt Dr. Mehemed Emin Efendi die umwälzenden Ereignisse einer nahen Zukunft. Wir sehen, wie der gewaltige russische Coloß ruhig und siegessicher in dem Bewußtsein seiner unerschütterlichen Macht seinem historischen Ziele, der Verwirklichung des Testamentes Peters des Großen, Schritt für Schritt näher rückt, wie der Rubel rollt, wie Verschwörung auf Verschwörung angezettelt wird, wie der „kranke Mann" sich die verderbliche Heilkuust seiner erbarmungslosen Feinde gefallen lassen und „Reformen" einführen muß, die ihn mehr und mehr zur Ohnmacht verurtheilen, wie endlich Constantinopel mit einem kühnen Handstreiche genommen wird, ohne daß das stolze Albion dagegen aufzumucken wagt, und wie schließlich durch die Anwendung der gleichen Mittel — immer unter heuchlerischer Betonung von „Völkerrecht", „Civilisation" und „Humanität" — das österreichische Staatsgebäude zusammenbricht und die willkommene Beute des nordischen Bären wird. Ist das alles pure Phantasie, die Ausgeburt der überschwänglichen Einbildungskraft eines geistvollen Schrift- *) Berlin und Leipzig, Verlag von Friedrich Luckhardt, 1903

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