Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 21 (22.5.1903)
- Date
- 1903-05-22
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Jftt. 21 Dr. Bloch's Wochenschrift. Sette 341 die Gesetze zu heiligen, nicht Jude sein könne. Diese veraltete Art religiöser Unterweisung macht sich auch bereits unangenehm bemerkbar. Die Kleine fragt bei allen Speisen, ob sie auch rituell bereitet worden seien, und erregt dadurch beim ganzen Gesinde oft die größte Heiterkeit. Ein Glück, daß ihr der Eintritt in die Küche verboten ist, denn sonst würde sie bei ihrem störrischen Sinne alle Speisen unberührt lassen. Kommt aber etwas auf den Tisch, wobei eine Täuschung nicht mehr möglich ist, dann genießt sie den ganzen Tag nichts als Obst und Brot, Milch und Eier, die Fröhlichkeit weicht den ganzen Tag von dem Kinde, und eine tiefernste Trauer ersaßt ihr ganzes Fühlen und Denken. Heute erst machte sie mir bittere Borwürfe wegen einer sogenannten Sabbathentweihung; ich aber kann eine solche Kluft zwischen mir und meinem Kinde, die im Laufe der Zeit immer klaffender und unüberbrückbarer zu werden scheint, nicht bestehen laffen. Wollen Sie, Herr Doctor, mein Kind lehren, was reine Gotteslehre, reine Ethik ist, dann will ich Ihnen mein Kind auch weiterhin gerne anvertrauen, im anderen Falle aber muß ich auf Ihre Dienste verzichten. Gestatten Herr Doctor noch eine Bemerkung. Ein Kunstwerk, das ich heute in der Ausstellung gesehen, und das Hagar's Verstoßung darstellt, machte mich auf die Grausamkeiten, die unsere Religion enthält, aufmerksam; der Anblick des Bildes hat mich so tief bewegt, daß ich nicht länger zögern durfte, Ihnen diese Alternative zu stellen. Es wäre doch zu schrecklich, wenn mein Kind aus solchen Erzählungen Belehrung schöpfte/ Eine leichte Röthe überzog Doctor Magnus' durchgeistigtes Antlitz. Eine tiefe Erregung erfüllte ihn. Bald jedoch hatte er dieselbe niedergekämpft und erwiderte: „Gnädige Frau gestatten, daß auch ich meinen Standpunkt, den Standpunkt des wahren Judenthums, präcisire. Die Religion kennt keinen Unterschied zwischen vornehm und gering, zwischen reich und arm. Es gibt nur ein Gesetz für Alle. Dieses heilige Gesetz, das alt ist, aber ewig neu bleibt, von dem keine Zeit, kein Verhältniß entbinden kann, habe ich auch Ihr Kind gelehrt. Ich wußte, daß Ihr Haus mit dem wahren Judenthum gebrochen, doch ich erwartete von diesem Kinde einen wohlthätigen Einfluß auf das ganze Haus. Ich lehrte Ihr Kind die Ethik und Sittenlehre des Judenthums, das ist die getreue Erfüllung des Gottesgesetzes. Und gerade die biblische Erzählung, welche der Maler als Motiv zum erwähnten Bilde erwählt, zeigt, wie Alles im Gottesbuche nur edle Menschlichkeit ist. Eine wahre, opferfreudige Mutter schildert das Gottesbuch, eine Mutter, die das Schwerste erträgt, um ihr Kind zum edlen Menschen zu erziehen. Ob sie die Welt, ob sie ihr eigenes Kind auch grausam und herzlos schilt, sie erträgt den Borwurf, von dem edlen Bewußtsein geleitet, von ihrem Kinde alles Böse entfernt zu haben. Weint ihr Kind auch, weil sie den Spielgenoffen fortschickt, sie wird trotz dcs Schmerzes, den sie darob empfindet, nicht gerührt, ihr Kind soll entbehren, entsagen lernen. Wenn den Wünschen nicht Schranken gesetzt werden, den Genüssen nicht Einhalt geboten und dem Kinde nicht frühzeitig gelehrt wird, daß es nicht Alles begehren und genießen darf, dann zerreißt es nicht allein die Grenzen des Erlaubten, der Sittlichkeit, zerstört mit rauher Hand nicht nur die Bande der Religion, sondern auch schließlich die des Blutes. Das Kind soll schon frühzeitig lernen, daß heilige Ueberzeugung mehr als Genußleben, Frömmigkeit und edelsinnig' Empfinden glücklicher macht als alle Schätze der Welt. Die tiefe, innere Ueberzeugung davon, wollte ich Ihrem Kinde in das jugendliche Herz pflanzen, für die Heiligkeit des Glaubens wollte ich Ihr Kind begeistern, und mögen Sie nie bereuen, es anders gewollt zu haben. Leben Sie wohl/ Doctor Magnus ging, ehe Frau v. Blaustein ihn zurückhalten oder auch nur ein Wort der Erwiderung hatte sprechen können. Während im Salon diese Besprechung stattfand, wartete Else aus ihren sonst so pünktlichen Mentor. Sie hatte ihm heute so viele Fragen vorzulegen. Ihre Ungeduld steigerte sich von Minute zu Minute, bis sie diese nicht mehr länger bezähmen konnte und zur Mutter eilte: „Mama, ich weiß nicht, was dem Herrn Doctor geschehen, ich warte schon so lange und er kommt nicht. Sonst kommt er früher, als zur festgesetzten Stunde, und heute ist diese schon vorüber. Ich möchte den Diener zum Herrn Doctor schicken und fragen laffen, ob er nicht etwa gar krank sei. Im ersten Momente war die Mutter um eine Antwort verlegen, fie faßte sich aber bald und erzählte dem Kinde, Doctor Magnus wäre bei ihr gewesen und hätte ihr geklagt, daß ec sich in der letzten Z-it nicht wohl fühle und nicht mehr unterrichten könne. Gerne hätte er sich auch von seiner Schülerin verabschiedet; nachdem ihm dies aber zu schwer gefallen wäre, hätte er es vermeiden wollen. Er empfahl auch einen anderen Lehrer; Doctor Acher, so sagte er, möge ihn ersetzen, „Doctor Acher?" erwiderte die Kleine ganz verwundert, „das ist ja doch der Reform-Rabbiner, und von diesem sprach Herr Doctor Magnus doch immer so wegwerfend/ „Siehst Du, mein Kind", sprach die Mutter, „auch diese Herren ändern ihre Ueberzeugung. Gewiß ist Herr Doctor Magnus anderer Meinung geworden/ „Mama, mir wäre es lieber, wenn Du gar keinen Lehrer nehmen wolltest, als diesen Doctor Acher, der ist ja gar nicht fromm. Ach wie leid thut es mir, dcß Herr Doctor Magnus nicht mehr kommen kann. Vielleicht läßt er sich doch erbitten, wenn ich zu ihm gehe und ihn darum ersuche/ „Aber Kind, sei doch nicht thöricht, Doctor Magnus hat ja seinen Nachfolger selbst bestimmt/ „Ich glaube es Dir ja, liebe Mutter, aber ich kann es nicht verstehen, wie Doctor Magnus, der immer mit begeisterter Frömmigkeit gesprochen, mit einemmale seine Anficht so geändert haben kann, den leichtsinnigen Reform-Rabbiner Doctor Acher zu meinem Lehrer zu bestimmen. Hast Du Dich auch nicht verhört?" so sprach dre Kleine, dabei standen ihr die Thränen in den Augen. „Ich habe doch mit Herrn Doctor Magnus lange gesprochen und irre mich nicht. Ich c achte gleich, daß Du, wenn Du es erfährst, große Augen machen wirst/ Klein Else schüttelte den Kops, doch es blieb bei dem Ausspruche der Mutter. Frau v. Blaustein freute sich innerlich der Lüge, die sie ihrem Kinde vorgeschwätzt. Daß Doctor Acher die einträgliche Stelle nicht ausschlagen werde, dafür bürgte ihr sein Ruf. Ec wurde dur.tr einige Zeilen verständigt und erschien am anderen Tage. Der ihn begleitende Diener klopfte an, öffnete die Thür und Doctor Acher stand Frau v. Blaustein gegenüber. Doctor Acher war eine elegante Erscheinung. Das mähnenartige blonde Haar, an der Seite gescheitelt, reichte fast bis an die Schultern. Die blauen Augen waren mit einem goldenen Kneifer bewaffnet und der graue Kaiserrvck saß ihm wie angegossen. Die Art seines Auftretens war die eines Mannes der großen Welt und das erweckte in der emporgekommenen Frau v. Blaustein ein Gefühl der Sympathie für ihn. Nachdem er sich tief vor ihr verneigt hatte, trat sie auf ihn zu und reichte ihm verbindlich die Hand, auf die der elegante Weltmann einen Kuß hauchte. Doctor Acher nahm der Hausfrau gegenüber Platz und die Unterhaltung wurde bald recht lebhaft, denn Doctor Acher war ein eleganter Causeur. Er entwickelte sein Lehrprogramm, und es stimmte mit dem der Frau v. Blaustein ganz überein. Die Religion, so meinte Doctor Acher, müffe dem Zeitgeiste Concessionen machen, die veralteten Formen müßten schwinden, die äußere Hülle hätte mit dem Kern ja nichts gemein. Der Zweck des Glaubens sei die Veredlung des Geistes, des Herzens, und dazu bedürfe man nicht des ganzen Gesetzapparates, der nur das Leben erschwere. Das erreiche man schon durch die Sittenlehre allein. Den Geist des Glaubens, die reine Ethik wolle er das Kind lehren, dadurch werde dann auch der Conflict zwischen Theorie und üblicher Praxis gelöst. In diesem Tone sprach Doctor Acher vielleicht eine Stunde lang. Als er Abschied nahm, wußte Frau v. Blaustein zwar nicht mehr viel von dem, was er gesprochen; eines aber wußte fie gewiß, daß er ein gefügiges Werkzeug sei, und das genügte ihr vollständig. Am anderen Tage begann der Unterricht. In den ersten Stunden konnte Else zu dem neuen Lehrer wohl kein Zutrauen fassen. Es erschien ihr Alles so fremd, so eigenartig und gekünstelt, allein Kinder in ihrem Alter vergeffen auch Vater und Mutter, und die guten Lehren des Doctor Magnus schwanden auch bald aus ihrem Gedächtnisse. Nach wenigen Wochen schon war der Unterschied zwischen Erlaubten und Unerlaubten, zwischen Rein und Unrein geschwunden. Else fragte nicht mehr, ob fie dies