Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 21 (22.5.1903)
- Date
- 1903-05-22
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Sette 342 Nr. Blmtz's Wochvnschrifl. Nr. 21 oder jenes effen dürfe, ob sie am Sabbath diesen oder jenen Gegenstand berühren dürfe. Der neue Lehrer gestattete Alles und des Kindes Herz fand sich schließlich damit ab. Daß das Kind innerlich unbefriedigt blieb, unbefriedigt sowohl von der Art und Weife des Unterrichtes, der unklar sich immer in unbestimmter Kirm hielt, als auch vom inneren Gehalte desselben, darum kümmerte sich weder die Mutter noch der Lehrer, dem es in erster Linie nur darum zu thun war, die Zufriedenheit der vornehmen Frau zu erringen. (Fortsetzung folgt.) Literatur. Eine sehr beachtenswerthe literarische Neuheit entfloß der bekannten Feder des Schriftstellers Elias Lehr unter der Bezeichnung Glosien zum Religiovsbrief des Deutschen Kaisers, „Lebensquell" , worin der gewandte Autor, auf durchaus neuerem Standpunkte fußend, die Worte der Schrift einer ebenso trefflichen als feffelnden Jnterpretirung unterzieht und Gesichtspunkte enthüllt, die den Denker und Ethiker gleichmäßig in den Vordergrund stellen. In äußerst geschicktem Annex ist dem Buche die seinerzeit i n h i b i r t e meisterhafte Vertheidigungsrede angefügt, als der Autor wegen Besprechung der Hilsneraffaire vor seinen Richtern stand, welche des größten Jntercffes sicher ist. — Auch in dem vorliegenden Buche ist Lehr bestrebt lediglich der Wahrheit zu dienen, und gehört er zu Jenen „vom Bau", denen der Spaten nicht zur Bearbeitung des eigenen Bodens dient, svndern er unterstellt sein reiches Können den Jntereffen der Gesammtheit in lichtvoller Form und Gewandung. Diese Druckschrift begegnete bereits den schmeichelhaftesten Zustimmungskundgebungen berühmter Zeitgenossen, obenan Professor Häckel-Jena, und dürfte das Buch — Prns 50 h — sicherlich Jedermann willkommen sein. Neue Bücher. „Ost und West", Jllnstrirte Monatsschrift für modernes Judenthum, Mai 1903, Heft Nr. 5, UI. Jahrgang. Verlag von S. Calvary & Comp. Berlin, N. W. 7, Neue Wilhelmstroße 1. Inhalt: Bibel und Babel (Zweiter Vortrag) — Professor Dr. Jul. O p p e r t (Paris). Mattathias (Sculptur) — Boris Schatz (Sofia). Boris Schatz — Dr. M. Ehrenpreis (Sofia). Socialismus und Judenthum in Rumänien — B. Livre s c u (Wien). Die Lewaja — Michael Wurmbrand (Wien). Die bildenden Künste im jüdischen Cultus — Felix Feuchtwanger (München). Jüdische Arbeitsnachweise — Ernst Tuch (Berlin). Zur Landfrage im Zionismus — F. P. Aphorismen. Politische Revue. Kriefkasterr. F. Daß die racenstolzen Germanen im österreichischen Parlament sich gegenseitig „Mordsvieh" tituliren, wird ihren Niemand verargen; wir lehnen die Kritik ab. L. Dem „Deutschen Volksblatt" erscheinen die Vorgänge in Kischenew noch zu wenig grauenhaft, zu unblutig, so daß es eine solche Bagatelle noch nicht als vollwerthige Judenverfolgung, sondern blos als „angeblich" zu betrachten vermag. Daß aber Vergauew für den edlen Gouverneur von Raaben Sympathie empfindet und ihn gegen die angebliche Schmähung durch die „Oesterreichische Wochenschrift" in Schutz nimmt, ist begreiflich, wenn man weiß, daß dieser 80.000 Rubel von einem jüdischen Kaufhaus forderte und leider nicht erhielt. Der edle Germane aus Sollenz ist aber gewöhnt, von jüdischen Banken jederzeit nicht blos Geld zu fordern, sondern auch zu erhalten. Aufruf! für unsere arme» Brüder in Kischenew. An meine geehrten Herren College» und Amtsvorstände in Croatien und Slavonien. Angesichts des großen, herzzerreißenden Elends, des namenloseu Jammers, von welchem unsere frommen, unschuldigen und gottergebenen Stammes- und Glaubensbrüder in Kischenew heimgesucht worden sind, wäre es eine unnatürliche Grausamkeit und Pflichtvergessenheit zugleich, wenn wir es unterlaffen würden, bei unseren hierländischen Glaubens- und BolkSgenosien eine große Action zu Gunsten der Tausende und Abertausende unserer Brüder in Kischenew, welche in der grausamsten Weise ihrer Ernährer beraubt und um ihr Hab und Gut gekommen sind, einzuleiten. Weinen und Stöhnen, Seufzen und Aechzen, Jammern und Klagen über die von Mörderhänden hingeschlachteten Opfer um ihres Glaubens willen nützt nichts. Wir können nicht mehr das Geschehene, so traurig und jammervoll es auch ist, ungeschehen machen. Was wir jedoch thun können und daher auch thun sollen, ist, die ungeheuere und entsetzliche Noth unserer obdachlosen Brüder in Kischenew, deren Theuerstes, aber auch deren Hab und Gut eine Beute der Bestien in Menschengestalt, der Raub- und Mordgesellen, geworden sind, wenigstens in gewissem Maße zu lindern. Daher sollten wir uns bestreben, nicht allein durch das begeisternde Wort von der Kanzel herab auf das Herz unserer Hörer zu wirken, sondern auch vielmehr und hauptsächlich uns persönlich an der Hilfsaction betheiligen unter Hintansetzung aller unserer eigenen Interessen, die nichts zu bedeuten haben angesichts des großen Unglückes, das die russischen Boxer über unsere Brüder in K schenew gebracht haben. Wir predigen so oft von der Nächstenliebe, von der erhabenen Idee der Güte, Milde und Barmherzigkeit als von den schönen Principien unserer Religion. Nun zeigen wir auch durch die That, daß wir nicht nur überzeugt sind von dem, was wir öffentlich Predigen, lehren und künden, sondern auch so fühlen und denken, daher müssen wir auch danach handeln. Und jetzt ist gerade der geeignete Moment dazu. Denn der Schrei des Entsetzens, der jetzt von Kischenew durch alle civilisicten Lande Europas und Amerikas dringt, rührt — mit Ausnahme das Herz der russischen Boxer — selbst Steine. Und wir, die wir schon kraft unseres heiligen Amtes dazu berufen sind, unseren unglücklichen Brüdern hilfreich unter die Arme zu greifen, sollten uns solchem Elende gegenüber ganz gleichgiltig verhalten? Nicht möglich! Gehen wir daher von Haus zu Haus, von Gemeindemitglied zu Gemeindemitglied, befahren wir unsere Rabbinatsbezirke, beziehungsweise -Sprengel und legen wir unseren Gemeindemitgliedern, die in günstigen socialen und finanziellen Verhältnissen sich befinden, mit beredten Worten die unglückliche Lage, in der unsere armen Brüder in Kischenew sich augenblicklich befinden, dar, schildern wir ihnen die Jammerscenen, die sich dort abspielen: kein Jude, sofern er kein Herz von Stein hat, wird so unbarmherzig sein, unsere Bitte, mit einer größeren Geldspende für unsere unglücklichen Glaubensgenossen in Kischenew sich einzustellen, abschlägig zu bescheiden. Ich glaube, meine theueren Amtsbrüder, daß Sie sich gewiß der Stimme der Barmherzigkeit nicht verschließen werden, und bin auch überzeugt, daß unsere Glaubensbrüder in Croatien und Slavonien, die nicht umsonst sich des guten Rufes, mildthätig und barmherzig zu sein, erfreuen, uns in dieser Sache ein weitgehendes Entgegenkommen zeigen werden. Virovitica. Rabbiner Dr. Kaufmann. Aufruf. In dem Gebirgsdorfe Zvestov im Taborer Kreis lebt die fünfzigjährige, krüppelhafte Jüdin Marie Klein unter unbeschreiblichen Verhältnissen. Seit früher Jugend mit einem Körpergebrechen behaftet, zu jedem Erwerbe unfähig, ist sie ausschließlich auf die Barmherzigkeit der armen Gebirgsbauern angewiesen. Sie fristet ihren Lebensunterhalt derart, daß sie jeden Mittag bei einem Zoestover Ortsinsassen die kargen Speisereste abholen darf. Als Wohnung ist ihr eine elende, von Ungeziefer starrende Hütte angewiesen. Sollte es denn ganz unmöglich sein, eine Glaubensgenossin aus dieser schrecklichen Lage zu befreien und sie in einer jüdischen Versorgung sanft alt unterzubringen? Ich wende mich an meine Wiener und Prager Glaubensbrüder mit dieser Bitte! Vielleicht ließe sich auch ein Geldbetrag zusammensteuern, von dessen Zinsen die Aermste unterstützt würde. Der Betrag selbst würde ja nach ihrem Ableben den Spendern zurückerstattet werden. D e u t s ch b r o d am 15. Mai 1903. Max Lilling Vorsteher-Stellvertreter der isr. Cultusgemeinde.