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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1903-05-22 · 21 (22.5.1903) · page 7

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
20 (1903)
Issue
21 (22.5.1903)
Date
1903-05-22
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 21 Sette 335 Dr. Bloch's Wochenschrift. rüstung gegen die Metzeleien in Kischenew protestirten. Israel Zangwill ergriff auch das Wort und sagte, mitten in das Zanken und Nörgeln über die Judenfrage sei wie eine Bombe die schreckliche Nachricht von der Schlächterei in Kischenew hereirgeschlagen, um zu zeigen, daß die Judenfrage noch genau so stünde, wie im Mittelalter. Die Blätter hätten schon viel berichtet, aber selbst die Zeitungen außerhalb Rußlands hätten noch nicht die unnennbaren Scheußlichkeiten gemeldet, die ihm, Zangwill, an Ort und Stelle berichtet seien, daß Leinwand in jüdisches Blut getaucht sei, um rothe Fahnen daraus zu machen, und daß die Grausamkeiten Jack des Aufschlitzers an jüdischen Frauen begangen seien. Der Lord-Mayor von London, Sir Marcus Samuel, hat, wie der „Jndspendance Belge" aus London gemeldet wird, die Einladung der Municipalität von Petersburg, der Feier der 200jährigen Gründung der Hauptstadt durch Peter den Großen beizuwohnen, abgelehnt. Als Grund der Ablehnung wird der Eindruck bezeichnet, den die bedauerliche antisemitische Hetze von Kischenew und die Politik der ruffischen Regierung gegenüber dem liberalen und protestantischen Finnland in der City hervorgerusen haben. Der jüdische „Arbeiterbund" hat in 10.000 Exemplaren einen Aufruf seines Central-Comites verbreitet, in welchem es unter Anderem heißt: „Bei uns in Rußland spielt die Regierung bei der nationalen Verhetzung und Verfolgung die Hauptrolle. Die mächtige Arbeiterbewegung, die Bauern- und Studentenunruhen, der revolutionäre Strom, der ganz Rußland überschwemmt, läßt dem Absolutismus die Unsicherheit seiner Exrstenz fühlen. Außer Galgen, Gefängniß, Sibirien und Durchpeitschung benützt die Regierung jede Gelegenheit, um eine Nation gegen die andere aufzuhetzen; die Russen gegen Polen, beide gegen Juden u. s. w. „Die Polizei und Kosaken, die auf grausamste Art jede Kundgebung gegen die Capitalisten und Regierung ungesäumt unterdrücken, hätten leicht einige hundert Judenplünderer bändigen können. (Kischenew hat 300 Polizisten, drei Regimenter Militär, drei Brigaden und ein Reservebataillon.) Die Regierung hat es nicht gethan, weil sie nicht wollte, weil ihr mit solchen Judenhetzen nur Gefallen geschieht. „Der jüdische „Volksfreund" jammert über das neue indische Unglück; der „Freund" ringt vor Verzweiflung die Hände; die jüdische „Volkszeitung" empfiehlt uns, „uns stiller als Wasser und niedriger als Gras" zu halten (Russische Redensart). „Unser Arm ist zu schwach zum Streit, stark und schwer ist unser Schmerz," singt uns klangvoll ein zionistischer Poet. So können nur Sclaven denken, Menschen, die gewohnt find, allerlei Gewaltthaten geduldig über sich ergehen zu lassen, die nicht an ihre eigene Kraft glauben und immer von Gott oder der Regierung Hilfe erwarten. „Nicht so denken wir jüdischen Arbeiter. Der Kamvf, den wir schon jahrelang führen, hat uns überzeugt, daß unsere Hilfe nur in uns selbst liegt. Unsere Einigkeit hat unsere Kräfte verstärkt; unsere Solidarität und Kampfbereitschaft, das eigene Recht zu schützen, schlägt unsere Feinde mit Schrecken. An der Kischenewer Metzelei hat eine unwissende, aufgehetzte Menge theilgenommen. Der verständige und classrnbewußte Arbeiter ist unser Bruder und Kampfgenosse, welcher Nation er auch angehöre. Das Classenbewußtsein zu verbreiten, das ist das beste Mittel, dem Antisemitismus mit den Judenverfolgungen ein Ende zu machen. „Wie sollen wir uns aber während der vorkommenden Judenexcesse verhalten? Mit bewaffnetem Widerstand müffen wir solche Gewaltthaten beantworten, woher sie auch kommen. Wir dürfen nicht ein Versteck in den Kellern und den Dachkammern suchen, sondern offen, mit bewaffneter Hand müssen wir uns gegen die Mörder vertheidigen." Hilferuf für Kischenew! Seit der Veröffentlichung unseres ersten Aufrufes sind erschütternde Nothrufe aus der durch die unerhörten Greuelthaten fast gänzlich ruinirten, über 40.000 Seelen zählenden jüdischen Gemeinde in Kischenew zu uns gedrungen. Nach den uns zugegangenen zuverlässigen Nachrichten haben die planmäßig. infolge einer systematischen, jndenfeindlichen Verhetzung des Pöbels am Osterfeste unter den Augen der Behörde ausgesührten Morde und Plünderungen eine so schauerliche Verwüstung angestistet, daß es einer Hilfsaction in großem Maßslabe bedarf, um den Jamrmr der unschuldigen Opfer des Glaubens- und Racenhaffes auch nur einigermaßen zu lindern. Außer den vielen Hunderten von Frauen und Kindern, deren Ecnährer in bestialischer Weise niedergemetzelt oder zu Krüppeln gemacht worden sind, sind Tausende von Gewerbetreibenden und Geschäftsleuten durch gänzliche Zertrümmerung ihrer Wohnungen, Raub oder Zerstörung ihrer Habseligkeiten und Werkzeuge für lange Zeit mit ihren gesammten Familien dem furchtbarsten Elende preisgegeben; hungernd und obdachlos, rufen sie das Mitleid der gesammten gesitteten Menschheit an. Die Israelitische Allianz zu Wien hat bereits circa 30.000 Kronen dem Hilfscomite in St. Petersburg übersendet, dieser Beitrag ist jedoch nur wie ein Tropfen im Meere und steht einstweilen weit hinter den Hilfeleistungen zurück, welche bereits in anderen europäischen Hauptstädten zu Gunsten der Unglücklichen aufgewiesen werden. Jede Gabe ist zugleich auch ein Ausdruck der Entrüstung über die barbarische Hetze, die diesen Jammer geschaffen. Wir richten an alle edlen Menschen, insbesondere aber an unsere Glaubensgenossen die dringende Bitte, durch eine möglichst ausgiebige Betheiligung an unserer Sammlung den Hinterbliebenen der Märtyrer ihr Mitgefühl zu bezeigen und zur Linderung der Noth unzähliger Familien beizutragen. Gütige Spenden sind an unser Präsidium, Wien, l., Weihburggaffe 10, zu adreffiren. Der Vorstand der Israelitischen Allianz zu Wien. * * * In der am 20. Mai 1903 unter dem Boi sitze des Präsidenten kais. Rath Kling er abgehaltenen Plenarsitzung des Vorstandes der israelitischen Cultusgemeinde Wien wurde der Trauer und Entrüstung über die entsetzlichen Vorkommnisse in Kischenew Ausdruck gegeben und einhellig beschloffen, aus Gemeindemitteln einen Beitrag von 10.000 Kronen für die Hinterbliebenen der ermordeten Glaubensbrüder in Kischenew zu widmen. Gleichzeitig wurde der Beschluß gefaßt, sämmtliche Gemeinderabbiner zu ersuchen, am Schewuothfest in der Maskirpredigt der Opfer der traurigen Ereignisse in Kischenew zu gedenken und einen App-ll an die werkthätige Hilfe der Gemeindemitglieder zu richten. Correspondenzen. Aus der Plenarsitzung des Vorstandes der israelitischen Cultusgemeinde in Wien vom l4. Mai 1903 unter dem Vorsitze des Präsidenten kais. Rath Klinger. Beginn der Sitzung halb 7 Uhr Abends. Im Einlaufe werden bekanntgegeben: Spenden für die armen, geplünderten Juden in Kischenew: Von der Cultusgemeinde Kolin K 500.—, von Herrn Arthur Schlesinger in Wien K 5.—. Ferner befindet sich im Einlaufe eine Zuschrift des Vorstandes der Chewra-Kadischa, betreffend die am 17. Mai 1903 stattfindende außerordentliche Generalversammlung, weiters ein Schreiben des Herrn Maximilian Paul-Schiff, mit welchem er die Berufung als ständiger Obmann der Schiedsgerichte anzunehmen erklärt, und ein Schreiben des Cultusvorstehers Doctor Breuer, betreffend die Annahme des Mandates eines Curators der Victor Ritter v. Boschan'schen Kranken-Stistung. Cultusvorsteher Hermann Ellbogen interpillirt in Angelegenheit der Uebertragung der Jnstallationsarbeiten für die elektrische Beleuchtung im Leopoldstädter Tempel an eine nichtjüdische, angeblich antisemitische Firma und stellt die Anfrage, was das Bertretercollegium zu einem solchen Schritte veranlaßt habe. Der Präsident erklärt, in der Lage zu sein, die Interpellation sofort beantworten zu können. Wie den geehrten Herren bekannt ist, mußte der Leopoldstädter Tempel aus Gründen der Sicherheit vom Cultusvorstande gesperrt werden, weil sich bei der diesfalls durch den Vorstand über eine Anzeige des Tempelinspectors vorgenommenen Commission herausstellte, daß die Anlage der elektrischen Leitung nicht mehr den gegenwärtigen Vorschriften entspreche. Das Vertretercollegium hat sofort nach eingehender Berathung einen beschränkten Coneurs mit kurzer Frist ausgeschrieben und hatte unser College Hofrath Tauffig die Güte, die Durchführung der Angelegenheit zu übernehmen. Zur gegebenen Zeit wurden durch Herrn Hofrath Tauffig die Offerte ordnungsgemäß in einer Bertretersitzung geöffnet und stellte sich heraus, daß einzelne Offerte sich nur auf Theilconstructionen bezogen und nur zwei oder drei den in der Concursausschreibung bezeichneten Arbeiten Rechnung trugen. Die Firma, welche die Arbeiten vor 11 Jahren gemacht hatte und welcher von vornherein dieselben ohne Concurs übertragen werden sollten, hatte erklärt, diese Arbeit nicht übernehmen zu können, weil sie sich mit derartigen Arbeiten nicht

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