Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 21 (22.5.1903)
- Date
- 1903-05-22
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3020846-3021493-3021515--12699-3037308- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Vr. Bloch's Wochsnschrifk. Sette 834 Ackerbauer betätigen. Die Bemerkung, daß die Juden an Ackerbau und Gewerbe keinen Geschmack finden, ist einfach eine Lüge. Hatte fich der Verfasser bis dahin bemüht, den Eindruck eines in vornehmen Tone geschriebenen Artikels hervorzurufen, so kommt nun wieder seine echte Natur zum Vorscheine; er ergeht fich in Verdächtigungen und sagt unter Anderem: „Es gibt doch Leute, die in jüdischen Büchern etwas von Blutaberglauben, etwas davon, daß das Gut Andersgläubiger den Juden als herrenlos gilt u. dgl. gelesen haben/ Das alte Blutmärchen wird also aufgewärmt, die längst als freche Entstellungen entlarvten Behauptungen Rohling's wieder aufgetischt. Der Artikel endigt mit einer Pauschaldenunciation aller Juden, die Juden dächten nur immer zuerst daran, daß sie Juden, und dann erst daran, daß sie Staatsbürger sind. Als ob das irgend ein Gegensatz wäre, als ob das Eigenschaften wären, die einander ausschließ-n. Die Juden haben unzähligemale bewiesen, daß sie gute Staatsbürger sind, die in jeder Beziehung ihren Mann stellen, bei allen Kriegen haben die jüdischen Soldaten mit derselben Todesverachtung gekämpft wie ihre christlichen Kameraden. Antisemit und ordentlicher Staatsbürger, das ist allerdings ein unüberbrückbarer Gegensatz. Jeder, dem das Gedeihen seines Vaterlandes am Herzen liegt, darf nicht wünschen, daß ein großer Theil der Bevölkerung zu Grunde geht, der aus Bürgern besteht, die ordentlich arbeiten wie ihre Nachbarn anderer Confessionen, mit denen sie auch in Frieden leben würden, wenn nicht von Männern, die durch die Aufhetzung einen einträglichen Erwerb haben, immer Unfriede gestiftet würde. * * * Die Studentenkrawalle an den Wiener Hochschulen und die Debatte hierüber im Abgeordnetenhause zeigten wieder, auf welch' kläglichem Niveau wir uns befinden. In anderen Städten begeistern sich die Studenten für hehre Ideale — in Rußland kämpfen fie für ihre Freiheit, in Paris wurden sie soeben von den Univerfitätsprofessoren zu einer Demonstrations-Kundgebung gegen die Kischenewer Excesse aufgefordert, weil man nicht Zusehen könne, wie das barbarische Europa dem civilisirten Europa Trotz bietet — bei uns raufen die Studenten herum, ob die clericalen Hochschüler Kappen und Schläger tragen dürfen oder nicht. Allerdings -ist an den Streitigkeiten nur ein kleiner Bruchthell der Studenten betheiligt, der aber die große Masse terrorisirt, die unter der zeitweiligen Sistirung der Vorlesungen unschuldig leidet. In der Debatte im Abgeorduetenhause traten die Alldeutschen als Beschützer der bedrohten Freiheit der deutschen Universitäten auf, die Christlich-Socialen und Clericalen gleichfalls als Hüter der Freiheit und des Rechtes, in den Haaren lagen sich beide Parteien, aber getreu dem Sprichwörter „Pack schlägt sich, Pack verträgt sich", waren fie in der Beschimpfung der Juden einig. Dr. Weiskirchner schiebt die Schuld an dem Niedergange unserer Hochschulen der Berjudung der Profefforenschast zu — derselbe Weiskirchner, der io seiner Empfindlichkeit gleich zum Kadi läuft, wenn Jemand an der Gründlichkeit seiner Kenntnisse Zweifel hegt, nimmt sich heraus. Gelehrte von Weltruf als Schädiger der Wissenschaft hinzustellen — und die „Ostdeutsche Rundschau" schreibt: „Die Universitäten erfreuen sich nicht zu ihrem Vortheile einer zunehmenden Verjudung. Die Klagen darüber wollen nicht verstimmen. Aber Herrn von Härtel rühren sie nicht. Erst dieser Tage erfolgte wieder ein clericaler Vorstoß gegen die Wiener Hochschulen/ Die wörtlich citirte Stelle des Artikels in der „Ostdeutschen Rundschau" zeigt von großem logischen Scharfsinne. In einem Athem wird die Verjudung und die Clericalisirung der Hochschulen beklagt, ganz unbekümmert darum, daß ja das Eine das Andere ausschließen würde. Außer ihrem Haffe gegen die Juden haben die clericalen und deutschnationalen Antisemiten noch die Unwahrheit ihrer Behauptungen gemeinsam. Der allveutsche Berger wird von dem Professor Toula, der clericale Geßmann von dem Prorector Schipper als Lügner hingestellt, was die Ehrenmänner nicht hindern wird, bei der nächsten Gelegenheit wieder Unwahrheiten vorzubringen. t 8 e g r i m. Kr. 21 Das Blutbad in Kischenew. London. Die „Times" bringt folgenden Geheimerlaß des Ministers Plehwe an den Gouverneur von Bessarabien, datirt vom 25. März: „Ich habe erfahren, daß in der Ihnen anvertrauten Gegend ausgedehnte Unruhen gegen die Juden, die hauptsächlich die locale Bevölkerung ausbeuten, vorbereitet werden. Mit Hinblick auf die allgemeine Aufgeregtheit, die sich zu betätigen sucht, und auch mit Hinblick darauf, daß es zweifellos nicht wünschenswerth ist, durch strenge Maßnahmen regierungsfeindliche Gesinnungen einer Bevölkerung einzuflößen, die bisher von der revolutionären Prbpaganda noch nicht berührt worden ist. wird Eure Excellenz nicht verfehlen, zur Verhütung etwaiger Unruhen beizutragen durch Ermahnungen der Bevölkerung, ohne jedoch irgendwie zur Waffengewalt Zuflucht zu nehmen." Nach einer Meldung des „Berliner Tageblatt" spendete Graf Leo Tolstoj 15.000 Rubel für die Kischenewer Juden. Auch die in Odessa wohnenden Schwestern des russischen Finanzministers sendeten größere Spenden nach Kischenew. Die Vorgänge in Kischenew sind einer Washingtoner Lassan-Meldung zufolge Gegenstand nichtformeller Mittheilungen zwischen dem amerikanischen Staatssecretär Hay und der russischen Regierung gewesen. Die Vermittlung erfolgte durch den amerikanischen Botschafter in Petersburg, Mac Cormick. Staatssecretär Hay unternahm den Schritt auf Ersuchen der amerikanischen jüdischen Gesellschaften, die zu den Unterstützungen für die Geplünderten beizutragen wünschten. Botschafter Mae Cormick theilte den Staatssecretär Hay mit, die russische Regierung habe ihn officiell benachrichtigt, daß kein Anlaß zu Spenden vorhanden sei, da ein Nothstand nicht bestehe; (!!) nichtsdestoweniger würde man jedoch in Rußland milde Gaben dankbar annehmen. Den Vereinigten Staaten wurde gleichzeitig für ihr humanitäres Interesse Dank ausgesprochen. In Anbetracht des amtlichen Dementis der russischen Regierung kann das Staatsdepartement keine weiteren Schritte in der Sache thun. Aus Netv-Iork wird uns telegraphirt: Viele christliche Geistliche brandmarkten am Sonntag von der Kanzel herab die Vorgänge in Kischenew. Washington. Der hiesige russische Botschafter Graf Cassini erließ eine Erklärung über die Lage der Juden in Rußland, in welcher es heißt: „Bei den Ausschreitungen, wie sie in Kischenew vorgefallen sind, tritt nicht der Russe dem Juden, sondern der Bauer dem Wucherer gegenüber". Der Botschafter versicherte, die russische Regierung werde prompte Maßregeln zur Bestrafung der Schuldigen Inffen. — Daß diese Behauptungen der Wahrheit direct widersprechen, ergibt sich bereits aus der in der vorigen Nummer publicirten Denkschrift, welche die jüdische Gemeinde von Kischenew dem Director des Polizei- Departements im Ministerium des Innern, Herrn Lopuchin. überreicht hat. Paris. Samstag wurde in Paris ein großes Protest- Meeting gegen die Judenmassacres in Kischenew abgehalten. An der imposanten Versammlung, der Anatole Lervy Beaulieu präsidirte, betheiligten sich unter Anderen Frederic Passy, Violet, zahlreiche Professoren und Gelehrte rc. Lervy-Beaulieu sprach im Namen der Menschlichkeit seine Entrüstung über die Judenmassacres aus und alle Redner stimmten ihm unter großem Beifall zu. Mr. Baurens gab nach einem Brief Schilderungen der furchtbar grausamen Scenen von Kischenew, die den schmerzlichsten Eindruck hervorriefen und schloß: „Frankreich, stolz auf seine civilisatorische Rolle in der Welt, muß seine starke Stimme erheben, damit sie in das Ohr des Selbstherrschers töne!" Biolet erörterte die katholischen Lehren der Menschlichkeit und appellirte an die Religionen zum gemeinsamen Kampf gegen die Barbarei. Zum Schluffe wurde eine Resolution angenommen, in der „die Professoren und Studenten der Pariser Universität ihren Abscheu vor den Greueln in Kischenew aussprechen und erklären, daß die Wiederholung derselben Rußland in den Augen der civilisirten Welt herabsetzen müßte". Petersburg. Durch kaiserlichen Ukas vom 17. d. M. wurde der Gouverneur von Kischenew, Generallieutenant von Raaben, seines Postens enthoben. Aus London wird gemeldet: Im Stadthause des Stadttheiles Shoreditch fand am 16. Mai unter Vorsitz von Sir Francis Montefiore eine große Versammlung von zionistischen Juden des Ostends von London statt, die mit größter Ent-