Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 21 (22.5.1903)
- Date
- 1903-05-22
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 21 Vr. Bloch's Wochrnschrifl. Sitte 333 warne diejenigen, die ich vertrete, daß sie keinen Credit gewähren nach Galizien, stelle auch den Sachverhalt klar dar, aber es will mir Niemand glauben. Im Westen, in Wien, Graz, Laibach, kommen ebenfalls Fallimente vor, aber sie sind kein ökonomisches Unglück für den Gläubiger, sondern nur eine gewöhnliche Folge der ökonomischen Verhältnisse. Dort meldet sich Jeder, der nicht zahlen kann, bei dem Creditorenverein, übergibt das Waarenlager, das Vermögen, die Bücher, die Correspondenz. Der Creditorenverein entsendet einen Beamten, der in der Buchführung geübt ist, der berechnet, wie viel der Betreffende zahlen kann, gewöhnlich sind es 60—65 Procent. Dort sind die Berhältniffe ganz rein. In Galizien anders. Hier borgt der Kaufmann in der Absicht, seinen Gläubiger zu berauben, nach sechs Tagen wechselt derselbe die Firma, vernichtet die Bücher, versteckt das Geld, und er würde den Gläubigern nichts zahlen, wenn er den Staatsanwalt nicht fürchten würde. Unter dieser Pression offerirt er 20—30 Procent und der Gläubiger ist zufrieden, weil er nicht Alles verlieren will. Selten ist ein Gläubiger so reich, daß er auf die 20—30 Procent verzichten könnte und der sagen würde, ich will mich nicht am hellen Tage berauben lassen. Ich bitte meine Herren, schließt der Zeuge Kaufler, ich sehe hier im Saale als Zuhörer dreißig meiner Clienten, mit denen ich theils Ausgleiche durchgeführt habe oder mit denen ich im Namen des Creditorentzereines ausgleichen werde. Sie hören zu und lernen. — In diesem Lichte hat Herr Kaufler alle seine Glaubensgenoffen öffentlich dargestellt, ohne daß hiezu irgend ein Grund vorhanden war, da er doch nur die Pflicht hatte, wahrheitsgetren über den Fall Osterjung und Genossen auszusagen. Ich bin neugierig, wie der Wiener Creditorenverein die Beurtheilung aller Kaufleute Galiziens von Seite ihres Vertreters Kaufler beurtheilen wird. In Galizien sind vielleicht Fallimente so häufig infolge anderer Momente und nicht allzuoft in der Absicht, durch Betrug sich zu bereichern. Der Mangel jedweder Industrie, die traurige Lage vieler Tausende, die gar keinen Erwerb haben, der Antisemitismus, der die Juden boycottirt, der Mangel an billigem Credit und die Leichtigkeit, mit der junge Kaufleute, die sich ein Geschäft einrichten, die Maaren auf Credit erhalten, und da selbe kein Vermögen haben, auch sehr bald in Zahlungssrockungen gerathen, und vieles Andere möge an den mißlichen commerciellen Verhältniffen Schuld sein, und dies sollte doch Herr Kaufler, der 300 Tage im Jahre in Galizien auf Reisen ist, wissen. Heute will ich noch hervorheben, daß die Kaufleute und Fabrikanten, die nach Galizien Credit gewähren, denn doch ihre Rechnung hiebei finden, da doch äußerst selten ein solcher Fabrikant oder Kaufmann durch die Verluste in Galizien gezwungen sei, die Zahlungen einzustellen, während für die galizischen Juden, di: sich durch Betrug bereichern, eine Hilfsaction in's Leben gerufen wurde, und das ComitS bestrebt ist. alle Juden der ganzen Welt heranzuziehen, um denselben nicht Reichthum, sondern Brot durch ehrliche Arbeit zukommen zu lassen. Herr Kaufler irrt, wenn er der Meinung ist. daß die Fabrikanten und Kaufleute, die nach Galizien Credit gewähren, die Berhältniffe in Galizien nicht kennen. Sie kennen dieselben ganz gut, ich vermuthe, daß selbe so gescheit sind wie Herr Kaufler, wenn sie auch nicht 300 Tage im Jahre auf Reisen sind. Mit besonderer Hochachtung ergeben Dr. Lustgarten. Vom Jahrmarkt des Lebens. Glossen zur Tagesgeschichte. („D as Machen in Martyrium". — Staatsbürger II. Classe. — Antisemitische Krakehler.) »Was die jüdischen Märtyrer betrifft, so geht es ihnen schon besser. Die Juden handeln ja auch mit ihren Leiden. Der »Hilfsverein der deutschen Juden" allein hat bis heute Mark 62.659*40 zusammengeschnorrt. Bei der geringen Zahl der Blutzeugen kommt da aus einen jüdischen Kopf schon viel, und fast steht zu erwarten, daß sich ein neuer Erwerbszweig in Israel bilden wird: das Machen in Martyrium." Diesen Passus entnehmen wir einem »Streiflichter zur Judenfrage" betitelten Artikel der »Deutschen Zeitung". Das Individuum, das mit solchem schamlosen Cynismus über die Opfer der schrecklichen Kischenewer Maffacres schreibt, stigmatisirt sich selbst als verworfener Charakter. Man vergegenwärtige sich nur die Vorgänge: Eine von Antisemiten aufgehetzte und durch die Verhaftung ihres Führers erbitterte Menge, oder — nehmen wir selbst an, die nachträglich von den schuldbewußten Kischenewer Behörden verbreitete, entstellte Schilderung entspräche der Wahrheit — eine Menge, die in Wuth und Raserei versetzt wurde, weil ein jüdischer Carouffelbefitzer eine Christin geschlagen hatte, mordet und plündert. Gegen hundert Juden werden erschlagen, zwölshundert mehr oder minder schwer verletzt, Hunderte Frauen und Mädchen werden vergewaltigt. Die jüdischen Wohnungen und Geschäftsläden werden zerstört, so daß der materielle Schaden allein einige Millionen Mark beträgt, und da nun Sammlungen eingeleitet werden, um das Elend der Armen zu lindern, wagt es ein solcher Kerl, in niederträchtiger Weise von einem neuen Geschäftszweige der Juden, dem »Machen in Martyrium" zu sprechen. Im Gehirn dieses Menschen spielt sich der Verlaus eines solchen »Geschäftes in Martyrium" in Wien etwa folgendermaßen ab: In einem jüdischen Geschäfte beschwert sich eine Frau über die ihr absichtlich in schlechtem Zustande gelieferte Waare; der Besitzer, der eben »in Martyrium" machen will, schlägt die Frau, die sofort in die antisemitischen Redactionen läuft. Extraausgaben werden veranstaltet, bei ihrer Leeture bemächtigt sich der Leser furchtbare Erregung, sie sammeln sich in großen Massen, Fortsetzung wie in Kischenew. Wenn auch, selbst seiner Ansicht nach, nur Leute niederer Bildungsstufe an den Exceffen theilnehmen, so weiß er, daß dieser Umstand kein Hinderniß bildet, daß fast alle Antisemitenführer an dem Zuge betheiligt sind. An der Tete marschiren Bielohlawek, der sich mit wahrer Berserkerwuth auf alle Bücher stürzt, Gregorig, der in freudiger Erinnerung an ein angenehmes Abenteuer mit Syphon arbeitet und Schneider, der immer brüllt: »Schußgeld auf dö Juden, heut' gibt's Schußgeld auf dö Juden". Dicht hinter diesem Triumvirat rollt mit einer für seinen Körperumfang unglaublichen Geschwindigkeit Herr Strobach heran, vor sich hingrunzend : »Haut's ös in Scherben, dö ölendige Bagage, in Scherben haut's ös." Bei der großen Bevölkerung Wiens werden trotz des schnellen Einschreitens der Behörden fünfhundert Juden getödtet, zweitausend verwundet, in einem Bezirkstheile alle jüdischen Geschäfte demolirt. Das war das unbedingt erforderliche Präludium zum Geschäfte »in Martyrium". Jetzt wird in der ganzen Welt gesammelt, es laufen große Beträge ein, zum Leidwesen der Christlich-Socialen zum großen Theile auch von Christen, und der jüdische Kaufmann, der vielleicht vor dem Concurse stand, erhält einen bedeutenden Geldbetrag, der es ihm ermöglicht, seinen Laden neu einzurichten. Das wäre ein Geschäft »in Martyrium" nach Ansicht der »Deutschen Zeitung". Die Gemeinheit, die in den Bemerkungen dieses Tintenkulis liegt, übersteigt selbst das Maß deffen, was sonst in Antisemitenblättern geleistet wird, und ist nur durch die besondere Stupidität des Schreibers zu erklären, denn ein Mensch mit normalen Fähigkeiten, wenn er auch durch jahrelange Thätigkeit in antisemitischen Redactionen jedes moralische Empfinden, jede Uriheilskraft eingebüßt hat, begeht keine derartige Infamie. ' * * * In scheinbarem Contrast zu diesem ordinären Artikel der »Deutschen Zeitung" steht der Leitartikel »Die Judenverfolgungen in Rußland" in derselben Nummer, der den Versuch unternimmt, die Judenfrage von einem angeblich höheren Gesichtspunkte aus zu behandeln. Die Herren, die sonst als die Retter und Befreier der unterdrückten christlichen Bevölkerung aus der jüdischen Gewaltherrschaft den Munh nicht voll genug nehmen können, geberden sich auf einmal sehr bescheiden, sie verleugnen den Erfolg ihrer eigenen Agitation und bemühen sich, zu zeigen, daß der Antisemitismus nicht künstlich hervorgerufen und von berufsmäßigen Hetzern geschürt, sondern von selbst entstanden ist. Zunächst wird ganz keck behauptet, daß überall, wo es Juden gibt, auch Antisemiten zu finden find, während es in Wirklichkeit in England und in den Bereinigten Staaten beispielsweise keinem Menschen einfällt, nach der Confeffion seines Nachbarn zu fragen, man beurtheilt dort Jeden nach seinen Werken und kennt eine specielle Judenfrage überhaupt nicht. Dann wird mit der Thatsache paradirt, daß die Juden ausschließlich Handel betreiben, am Ackerbau und Gewerbe fänden sie keinen Geschmack. Wenn der Artikelschreiber auch nur dürftige historische Kenntniffe hätte, müßte er wiffen, daß die Juden während des ganzen Mittelalters auf den Handel als ihre einzige Erwerbsquelle angewiesen waren und Ackerbau und Gewerbe gar nicht ausüben durften, ähnlich wie es ihnen jetzt in Rumänien unmöglich gemacht wird. Uebrigens gibt es jüdische Colonien in Palästina und in Amerika, in welchen sich die Juden als sehr fleißige