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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1903-05-22 · 21 (22.5.1903) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
20 (1903)
Issue
21 (22.5.1903)
Date
1903-05-22
Page
– (sequence 4)
Language
German
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«eite 332 Dr. Bloch's Wochonschrift. Nr. 21 Stadt und um die Vernichtung der Juden frei läßt, Agent einer — Versicherungsgesellschaft ist. Das ist so ein kleines Genrebild von der galizischen Verwaltung unter der Statthalterschaft des Grafen Pininski. Von der Haltung der Gendarmerie in Uhnow und anderwärts werden wir nicht sprechen. Nun denn, Graf Pininski hat seine Entlassung genommen und wir können die Acten über ihn schließen. Vielleicht nehmen wir uns noch die Mühe, nach seinem definitiven Rücktritt den Charakter dieses Mannes an der Hand von Thatsachen zu zeichnen. Man soll zwar einem todten Löwen keinen Fußtritt geben, aber wenn schon zoologische Vergleiche herangezogen werden sollen, ein Löwe ist Graf Pininski nie gewesen. In seiner Antwort auf die Interpellation des Abgeordneten Breiter hat Herr von Körber den neuen Statthalter Grafen Andreas P o t o c k i manches Gute nachgesagt und vor Allem versichert, daß derselbe frei von kleinlichen Standesvorurtheilen ist. Wir wünschen, daß der Ministerpräsident sich nicht täuschen wird, daß Graf Potocki seine Vorurtheilslosigkeit auch in der Behandlung der gali zischen Judenfrage erweise. Er steht ja zu hoch, um die Juden mit dem verbiffenen Hasse eines Parvenüs zu verfolgen. Es ist Zeit, daß ein eiserner Besen in die Verwaltung Galiziens fahre. Die Politik -es Cre-itorett-Uereines. Wir haben mit dem Wiener Creditoren-Verein ein ernstes Wort zu reden. Daß er seine Mitglieder vor Beuachtheiligung zu schützen bemüht ist, finden wir vollkommen in der Ordnung, aber das Wie, in welcher Weise seine Organe Vorgehen, dürfte kaum den Wünschen der Mehrzahl seiner Mitglieder entsprechen. Er arbeitet direct den Antisemiten in die Hände. Wir berufen uns auf die Aeußerungen der ganzen antisemitischen Preßmeute, welche wie hungrige Hunde über einen mageren Knochen herfallen, die Zeugenaussage aufgreifen, die ein Vertreter des Wiener Creditoren- Vereines bei einem jüngst in Krakau durchgeführten Betrugsprocesse abgab. Es - fällt uns auch nicht im Entferntesten ein, für Betrüger welcher Art immer auch uur ein Wort fallen zu lassen. Wogegen wir uns aber wehren, ist, daß ein Vertreter des Creditoren-Vereius, statt sich über den einzelnen Fall auszusprechen, über den er gefragt wird, die Gelegenheit benützt, um eine Pauschalverdächtigung vorzubringen, die natürlich uur Wasser auf die Mühle der Antisemiten ist, die den Splitter im Auge des Nächsten, aber nicht den Balken im eigenen Auge sehen wollen. Wir theilen ausführlich diese famose Aussage mit, aus der unsere Leser entnehmen werden, daß sie tatsächlich des ordinärsten Antisemiten würdig ist. Mit dem „Zeugen" haben wir nicht zu rechten — wohl aber mit dem Creditorenverein, dessen Aufgabe es nicht sein kann, einen großen Theil des galizischen Kaufmaunsstaudes in einer durchaus ungerechtfertigten Weise auzuschwärzen. Es zwingt die Herren des Creditorenvereiues ja Niemand zum Creditgeben, und wenn sie Agenten, haben, um das creditirte Geld einzutreiben, so haben sie doch gewiß auch Agenten, welche sie über die Bonität der Creditwerber unterrichten. Sie kennen also Land und Leute aus eigener Anschauung und auf Grund eigener Berichte. Und dennoch creditireu sie? Da muß doch das Creditiren nicht so riskant sein, wie es der Vertreter des Creditoren-Vereines hinstellt — oder wenn es trotzdem riskant ist, sind es dann nicht die Creditoren selber, die das Schuldeumachen erleichtern? Wir wollen natürlich nicht die Vermuthung aussprecheu, daß der Gläubiger schon beim ersten Geschäft das Risico des zweiten sich in seinen Preis eiurcchuet, aber daß es ohne diese Gläubiger nicht so viele zahlungsunfähige Schuldner gebe, das. werden sich die Herren vom Creditorenverein doch wohl selber sagen! Und wenn sie es thun, so werden sie darin wohl auch einen Grnnd finden, ihre Vertreter zu iustruiren, nicht alle Schuld auf die. Schuldner zu überwälzen, namentlich es ihnen nahezulegen, in dieser Zeit nationaler und consessioneller Erregung nicht Oel in's Feuer zu gießen und den Leidenschaften, die von anderer Seite her begierig aufgestachelt werden, nicht Nahrung zu geben. Coucurse sind — das dürfen wir betonen — weder eine Landesspecialität, noch eine Volks- oder Confessionsspecialität, sie ereignen sich in den „frömmsten" Ländern, werden von den „gläubigsten" Christen angemeldet, kommen in Spanien wie in Rumänien vor, in Rußland, Frankreich und Italien, wie sie auch im seligen Kirchenstaat keine Seltenheit waren. Die Arier e tutti quanti wissen sich dieses Mittels ganz so zu bedienen, wie Nicht-Arier. Sie haben also sich gegenseitig nichts vorzuwerfen. Und wenn in irgend einem Laude die Zahl der Concurse eine größere ist als in einem anderen, so hängt dies nicht mit confessionellen und Raceverhältnissen, sondern mit wirthschaftlichen und socialen Verhältnissen zusammen — das wissen doch die Herren vom Creditorenverein und ihre Vertreter sicherlich sehr genau; geradeso wie sie es wissen müssen, daß in Galizien und anderwärts den Juden speciell viele Gewerbe und Berufe verschlossen sind, daß sie zum Handel gedrängt werden, weshalb dann auch diese Verhältnisse in der Statistik zum Ausdruck gelangen müssen. Daß dies aber auch von den Organen des Creditorenvereiues stets und überall in richtiger Darstellung betont werden muß, ist doch das Mindeste, was man von ihrer Einsicht und Wahrheitsliebe verlangen kann. Aber auch das eigene Interesse müßte diesen Herren sagen, daß das namenlos gehässige und dumme Auftreten ihrer Organe, wie wir es gekennzeichnet haben, nicht ihren Vortheilen dient. Dies Argument wird vielleicht noch am ehesten bei ihnen verfangen, um sie zu veranlassen, ihre Vertreter entsprechend zu iustruiren. Wir erhielten darüber folgenden Bericht: Krakau. Euer Wohlgeboren! Ersuche höflichst um Aufnahme folgender Zeilen in Ihrem vielgelesenen Blatte. Der Kamps gegen den Antisemitismus, den die ,Oesterreichische Wochenschrift" jahrelang führt, wird kaum Erfolg haben, insolange wir in unserer Mitte Schädlinge haben, die ohne Ueberlegung, vielleicht aus Mangel an Intelligenz und Ueberlegung den Juden mehr Schaden zusügen als die Antisemiten. . . Seit 8, Tagen werden vor d,em hiesigen Schwurgerichte einige. Juden wegen betrügerischer Krida zur Verantwortung gezogen und sind dieselben mit Uctheil hart bestraft worden, was vollkommen gerecht ist. Unter den Zeugen, die während der Verhandlung vorgeladen wurden, erschien auch Herr K a u f l e r, Secretär und Vertreter für Galizien des Wiener Creditorenvereiues. Dieser Herr, selbst in Galizien geboren und erzogen, ist der Sohn eines konservativen armen Juden, der nicht in der Lage war, denselben entsprechend zu erziehen und bilden zu lassen. Herr Kaufler hat auch bis vor einigen Jahren eine sehr bescheidene Stellung eingenommen, er war Secretär des hiesigen Kaufmännischen Vereines und wurde, als der Posten eines Secretärs und Vertreters für Galizien beim Wiener Creditorenverein zu besetzen war, als solcher ernannt infolge Verwendung hiesiger Kaufleute, und wie sich derselbe für diesen Posten, der materiell glänzend ist, da er wenigstens 30.000 Kronen jährlich einträgt, dankbar erweist, soll seine Aussage als Zeuge vor dem Krakauer Schwurgerichte beweisen. Ich übermittle Ihnen die Aussage in wörtlicher Uebersetzung aus dem „Krakauer Czas" vom Dienstag, 12. Mai, Morgenausgabe, unter dem Titel „Kaufmännische Moral in Galizien": Die vor dem hiesigen Schwurgericht durch 8 Tage gegen Osterjung und Genossen wegen Verbrechens des Betruges stallfindende Verhandlung brachte eine unerhört wichtige Episode, die zur Genüge die ökonomischen und commerciellen Verhältnisse in Galizien charakterisirt. Als Zeuge wurde Herr Kaufler vernommen, der Secretär und Vertreter für Galizien von Seite des Wiener Creditorenvereines. Auf Befragen dcs Vorsitzenden sagte Herr Kaufler, daß er 300 Tage im Jahre auf Reisen in Galizien sei, um Fallimente zwischen Gläubiger und Schuldner zu ordnen, gewöhnlich sind die Letzteren Juden, und bei diesen Bankerotten sind wenigstens 99 Procent auf Betrug basirt. Aus Befragen des Vorsitzenden, warum so wenige Strafanzeigen erstattet werden, erwiderte Herr Kaufler, daß man ihm trotzdem vorwerfe, er erstatte zu häufig Strafanzeigen. Ein Mitglied der Geschwornen fragte Herrn Kaufler, wieso es komme, wenn es so schlecht mit der Moral in Galizien bestellt ist, daß Wiener und Brunner Kauflente und Fabrikanten den Galizianern Credit gewähren? Herr Kaufler wörtlich: Auf diese Frage will ich unparteiisch antworten, denn darüber habe ich sehr oft nachgedacht, ich bin hiebei persönlich nicht interessirt, da ich nicht Kaufmann bin und weder Credit gewähre, noch brauche. Ich

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