Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 21 (22.5.1903)
- Date
- 1903-05-22
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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fit. 91 Dr. Bloch's Wochenschrift. Seite dal Schuldlos, und ich beschwöre es, nur um ihres Glaubens willen, der doch nur der Glaube ist an den einen Gott, der allen Menschen ein gütiger Vater sein will, sind fünf Millionen Bekenner des jüdischen Glaubens, der Lehre Moses — der gebot: „und bedrücke nicht den Fremden in Deinem Lande, denn bedenke, daß Du selber ein Fremdling warst im Lande Egypten" — in Ihrem Reiche thatsächlich jedes Bürgerrechtes, jeder Menschenwürde beraubt und schutzlos der Willkür und wechselnden Laune des letzten Beamten Ihrer Polizei freigegeben, trotzdem sie zu allen Lasten des Staates in hohem. Grade herangezogen werden. Junge Mädchen jüdischen Glaubens, welche theils zu Studienzwecken, theils um durch ehrliche Arbeit ihr Brot zu finden in Ihren Hauptstädten leben mußten, wurde dies nur unter der Bedingung gestattet, wenn sie sich in die Liste der Prostituirten eintragen ließen, und als sie dies, aus Roth gezwungen, zum Scheine thaten, verlangten, o Schande! Beamte Ihres christlichen Staates, diese Unglücklichen mögen ihr angebliches Gewerbe auch ausüben! Ist es ein Wunder, wenn innerhalb 20 Jahren nahezu eine Million dieser Unglücklichen sich aus Ihrem Reiche flüchtete, um bei den edlen Angelsachen dies- und jenseits des Oceans ein neues Vaterland zu finden. Arm, elend, ungebildet und vernachlässigt langten diese Flüchtlinge zum Entsetzen und Mitleid der dort Einheimischen an und haben sich innerhalb der kurzen Spanne von 20 Jahren durch unendlichen Fleiß, Genügsamkeit und Bilduugseifer in ihrem neuen Vaterlande solche Achtung erworben, daß der edle Präsident Rooseveldt mehrfach und auch in amtlicher öffentlicher Kundgebung erklärte, daß diesen Flüchtlingen keine Bürgertugend fehle. Und darum, Erhabene Frau, wage ich es zur Sühnung der jüngsten so namenlosen Greuel, ergriffenen Herzens und thränenden Auges wage ich es, im Namen der grausam hingemordeten schuldlosen Opfer, im Namen von 10 Millionen Menscher^ ja endlich, und ich irre nicht, im Namen der ganzen wahrhaft gebildeten mit menschlichem Mitgefühl und Vorurtheilslosigkeit begabten Menschheit wage ich es, an Euere Majestät die Bitte zu richten, wenden Sie, Erhabene Frau, Ihren Einfluß auf, bewegen Sie, edle Kaiserin, Ihren mächtigen Gemahl zur rettenden That, fünf Millionen Ihrer treuen Unterthanen von unendlichem Druck, von tödtlicher Mißhandlung zu befreien, ihnen Menschen-, ihnen Bügerrechte angedeihen zu lassen, die auch dem letzten Tartaren in Ihrem Reiche nicht verweigert werden. Löschen Sie, erhabene Monarchin, den Schandfleck aus, der an Ihrem Reiche haftet und die besten Ihrer Unterthanen werden Ihnen zujubeln, Ihren hohen Gemahl mit doppelter Liebe verehren. Hören Sie nicht auf die Stimmen verfolgungssüchtiger Priester, eigennütziger Höflinge oder selbstsüchtiger Beamten, welche in beschränkenden und verfolgenden Gesetzen zum großen Schaden des Reiches ihren Vortheil suchen und finden, folgen Sie, Majestät, der Stimme Ihres Gewissens und Ihres edlen Herzens, folgen Sie dem Rathe Ihres edlen britischen Oheims, fragen Sie den ritterlichen Herrscher des modernen Rom, den tapferen und stürmischen Präsidenten der großen Republik des Westens, und das Los von fünf Millionen der unglücklichsten Ihrer Unterthanen wird sich wie mit einem Zauberschlage verbessern. Mit welcher Inbrunst werden diese Beglückten für Sie und Ihr hohes Haus beten. Und vertrauen Sie Ihrem edlen Herzen, Majestät, Niemand wird durch diese Wohlthat geschädigt, Ihr Volk aber dadurch, daß ihm Uebung der Menschenliebe und Achtung der Menschenwürde von so erhabener Stelle gelehrt wird, in hohem Grade verbessert und veredelt werden. Die Schatten Derjenigen aber, die, nachdem sie das Entsetzlichste erduldet, bereits gestorben sind oder leider noch sterben müssen, werden dann nicht mehr mit bitterer Klage dem Throne des ewigen Richters nahen, nein, mit dem Oelzweige und der Märtyrerpalme in der Hand vor Gottes Thron niedersinken, um Vergebung zu bitten für das, was an ihnen so entsetzlich verbrochen, doch auch auf so edle und großherzige Weise wieder gesühnt und für alle Zukunft unmöglich gemacht wurde. Dann möge sich auch der Schleier der Vergessenheit über das Entsetzliche senken. Und indem ich mich mit dieser Bitte Ihrem erhabenen Throne in tiefster Ehrfurcht zu nahen wage und ich hiebei als Mann, der in unbekannter Verborgenheit seine Pflichten gegen Gott, gegen seinen Monarchen, seine Familie und seine Nebenmenschen nach Kräften zu erfüllen sich bestrebt, und auch, weil durch nichts anderes der Welt bekannt, es für vermessen finden würde, auf Grund dieser traurigen Begebenheiten aus der Verborgenheit herauszutreten, zeichne ich in tiefster Ergriffenheit und unterthänigster Ehrfurcht, in heiligster Ueberzeugung der Wahrheit des hier Vorgebrachten mit dem Namen Verus. Zur Lage in Galizien. In den letzten fünf Wochen sind in galizischen Landstädten 20.600 Häuser im Gesammtwerthe von mehreren Millionen Kronen abgebrannt. In den meisten Fällen gibt der officielle Bericht an, daß die Brandursache nicht ermittelt werden konnte. Schadenfeuer sind gerade zur jetzigen Jahreszeit in Galizien nicht allzu häufig, denn die Scheuern und Tristen stehen leer und noch brennt nicht die sommerliche Gluthitze auf die trockenen Strohdächer herab. Es ist daher wirklich räthselhaft, woher die vielen Brände kommen. Man kann doch nicht glauben, was im Lande vielfach erzählt wird: daß die Agenten gewisser antisemitischer Feuerassecuranzen die Versicherungsobjecte weit über ihren wirklichen Werth angeben, um so ihre Provisionen in die Höhe zu treiben, und daß dann der Ausbruch eines Schadenfeuers zu einem lucrativen Geschäfte für die Versicherten wird. Das ist unglaublich, weil doch angenommen werden muß, daß nicht nur die Gendarmerie und die Gerichte, sondern auch die Assecuranzinstitute selbst in ihrem eigensten Interesse eine gründliche Untersuchung über die Entstehungsursache solch verheerender Brände einleitcn. O gewiß, die Untersuchung wird eingeleitet, aber sie führt selten oder nie zur Ermittlung der Wahrheit. Denn in jüngster Zeit hat sich in Galizien eine neue Praxis eingebürgert: Wann und wo immer ein Feuer ausbricht, werden die Juden beschuldigt, dasselbe angelegt zu haben. Es ist merkwürdig, wie sehr sich überhaupt die galizischen Juden unter dem Regime des Statthalters Grafen Pininski verschlechtert haben. Es gibt kein Verbrechen, daß man ihnen in diesen füns Jahren nicht zugeschrieben hätte, und unwillkürlich wird uian zu der Frage gedrängt, ob das an den Juden oder an dem Grafen Pininski und seinen Bezirkshauptleuten gelegen sei? Der sogenannte, vom Jesuitenpater Badeni ersonnene Asemitismus hat in Galizien sonderbare Blüthen getrieben. Auch das Wirthschaftsleben ist von jesuitischem Geiste durchtränkt worden. Nicht genug» daß man die Juden aus allen Handelszweigen hinausdrängt» daß man, wie ein polnischer Graf sich so geschmackvoll ausdrückte, der Biene den Honig genommen hat, damit sie elendiglich crepire; man hat auch judenfeindliche Erwerbs- und Wirthschaftsgenossenschaften, judenfeindliche Banken und judenfeindliche Versicherungsanstalten geschaffen. Dem Regime des Grafen Badeni war es Vorbehalten, Vespasian's „Non ölet“ zu Schanden zu machen. Die Creditwürdigkeit der Geschäftsleute, die Feuersicherheit der Realitäten wird heute in Galizien nach der Konfession beurtheilt. Die Vorgänge von Uhnow sind vorbildlich für das ganze Land. Dort haben die Agenten eines Krakauer Assecuranzinstitutes die Bauern bewogen, ihre alten Versicherungsverträge zu lösen und itire Objecte zu dem drei- und vierfachen Werthe bei der Krakauer Anstalt zu versichern. Dagegen verweigerte diese Anstalt die Annahme von Assecuranzen jüdischer Häuser. Mit diesen Vorgängen fällt nun die Häufung von Bränden in Uhnow auffällig zusammen. Bei jedem neuen Feuer werden die Juden der Brandstiftung beschuldigt. Der Bauer kennt eben nicht die tiefsinnige Frage des Kriminalisten: Om prodest?, und es scheint, daß auch die Gerichte und die Direction des Assecuranzinstitutes sie nicht kennen. Die Praxis aber, die Juden der Brandlegung zu beschuldigen, hat dieselbe Wirkung wie die Blutbeschuldigung : sie leitet den Verdacht von den wirklich Schuldigen ab, sie gewährt, wie die Blutlüge den Mördern, den thatsächlichen Brandstiftern volle Sicherheit vor der Entdeckung. Und überdies läßt sich damit noch ein hübscher Nebenzweck verbinden: Die Feuerbeschuldigung bietet einen erwünschten Vorwand, gegen die vermeintlich verbrecherischen Juden die Volkswuth aufzustacheln und zu Plünderungen aufzureizen. Wegen solcher Aufwiegelung und wegen Theilnahme an der Plünderung wurden in Uhnow die Gemeinderäthe Onißkiewicz und Magora und ei» Stadtpolizist Skrepczuk und der Amtsdiener Mazurkiewiez verhaftet. Die hohe Obrigkeit hat also tapfer mitgethan, und es ist gewiß nur ein unglücklicher Zufall, daß der wackere Gemeinderath Onißkiewicz in den Stunden, die ihm die Sorge um das Wohl der