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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1903-05-22 · 21 (22.5.1903) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
20 (1903)
Issue
21 (22.5.1903)
Date
1903-05-22
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 830 Nr. 21 Vr. Blockes Wochsnschrifk. Ihre entmenschten Unterthanen waren es, Majestät! die, durch die Vorschubleistung Ihrer verbrecherischen Behörden verleitet, Schaudthaten verübten, bei deren Erinnerung die Haare erbleichen können. Ihre Unterthanen, Majestät! waren es, die etliche 50 Menschen unter den entsetzlichsten Greueln hiugemordet, gegen 100 sehr schwer verletzt und barbarisch verstümmelt, 500 leichter verwundet, viele Frauen geschändet, 10.000 Menschen obdachlos gemacht und 4 Millionen Rubel Eigenthum muthwillig zerstört und geraubt haben. Ein gewisser Kruschewan hat unter dem Schutze der Localbehörden jahrelang das Gift des Hasses und der Verleumdung ausgestreut, und als seine Saat aufging, zuletzt noch das Massacre arraugirt und so seine Frucht zur Reife gebracht. Ihre Behörden, deren Macht nur in dem Willen Ihres erhabenen Gemahls ihre Grenze und Regelung stndet, haben wohlwollend sich der Thätigkeit dieses Unholdes erfreut, den ausbrechenden Unruhen keine Schranke gesetzt, ja sogar dieselben activ und passiv unterstützt. Die Ueberfallenen hinderte Ihre Polizei, sich zur Vertheidigung zusammenzuschaareu und drängte sie in ihre Häuser, um sie den Messern der Fraueuschänder und Bauchaufschlitzer wehrlos auszulrefern. Sie schützte nur Einige, die, rechtzeitig gewarnt, sie erkaufen konnten, sonst stahl sie mit. Ihr Vice-Gouverneur Ustrugow ließ erbarmungslos, die in sein Haus Geflüchteten hiuaustreiben! Ihre Priester sah man aneifernd an der Spitze der Mord- und Schandgesellen marschiren. Ein Notar, Studenten, Beamte befanden sich unter den Raubmördern! In der großen Synagoge mißhandelte mau zuerst den für seine Gemeinde betenden Rabbiner und knüpfte ihn, da er sich trotz aller Mißhandlungen weigerte, die ihm heiligen, die 10 Gebote enthaltenden Gesetzesrollen mit den Füßen zu treten, an den Haken eines Candelabers auf und zündete chn gleichzeitig an. Dieser wahre Glaubensmärtyrer des 20. Jahrhunderts erlitt daher in Ihrem Reiche jenes Martyrium, welches Nero den ersten Christen zutheil werden ließ. Aber Nero ließ Frauen nicht die Leiber aufschlitzen, die Därme ausreißen und Kinder lebend auseinanderreißen oder sie von drei Stockwerken aufs Pflaster schleudern. Die wilden Tiger und Löwen, welche in der Arena auf die Märtyrer gehetzt wurden, waren milder, denn sie erwürgen vorher rasch ihre Opfer bevor sie sie zerreißen. Dem unglücklichen Kaufmann Galanter aber, der seine Kinder vertheidigte, stach man die Augen und riß ihm die Zunge aus! Einem Schlossermeister, der das Verbrechen beging, den Gott Abrahams anzurufeu, haben die Mörder beide Arme mittelst einer Holzsäge durchgesägt, nachdem sie ihn vorher auf ein Brett festgebuuden hatten. Eine Frau und deren Tochter wurden, nachdem sie vergewaltigt waren, von den Mördern in ein Schlachthaus getrieben, dort durch Beilhiebe getödtet und dann aufgehängt. Viele Juden, die sich in den Elosets versteckt hatten, wurden dort todtgeschlagen und in den Dung gesteckt. Jeden Tag stndet man solche Leichen in Closets, Kellern und Stallungen. An den beiden Tagen, während deren das Massacre währte, haben die Telegraphenbeamten die Annahme von telelegraphischeu Anzeigen nach Petersburg und anderswohin verweigert. Und während dieser Scenen des Grauens spielte die Militärmustk auf dem nahen Boulevard fröhliche Weisen — denn es war das sonnige Osterfest Ihres rechtgläubigen Volkes und Christ ist erstanden — Christas woskres. Aber nicht nur Galanter wurde so schauderhaft verstümmelt. Auf dem Friedhofe liegt ein Gymnasiast mit ausgeschnittener Zunge. Armer Knabe, Du wirst Deine Lection nicht mehr aufsagen, aber mit Deiner ausgeschnittenen Zunge in der Hand wirst Du vielleicht als stummer Blutzeuge auftreten vor Gottes Thron, gleich wie jene 7 Kinder der Witwe, die Antiochus Epiphaues (jedoch vor mehr als 2000 Jahren) für ihren Glauben zu Tode martern ließ, und die Ihre Kirche als „die heiligen Makkabäer" verehrt! Neben "der Leiche dieses Knaben lag ein erdrosseltes Kind, weiter drei tobte Frauen, von denen bei einer der Bauch kreuzförmig aufgeschlitzt war, der anderen die Brüste abgeschnitten und der dritten Eisennägel in die Nase geschlagen waren. Varietas äsleetat! Viele Leichen waren in Folge unerhörter Verstümmelungen nicht zu agnosciren. Schaudernd wendet sich der Gedanke von diesen entsetzlichen Bildern ab. Als die europäischen Gesandtschaften in Peking von den teuflischen Boxern belagert wurden, wagte sich die europäische Phantasie nicht die Greuelscenen auszumalen, welche der Einnahme durch die als äußerst grausam bekannten „heidnischen" Chinesen folgen könnten, und hoffte, daß die Bedrohten durch Selbstmord endigen würden. Auf dem Boden Ihres Reiches, erhabene Frau, ist diese Schauerphantasie zur trostlosen Wirklichkeit geworden. Das Blut dieser gräßlich gemordeten Opfer fließt gegen die Stufen Ihres Thrones, Majestät! Die Todesschreie der Massacrirten und Verstümmelten dringen in langsamen, aber immer weiter ausgreifenden Wellen allmälig bis zu den entferntesten Oceanen, ja selbst bis zu Ihrem erhabenen Thron! Der Himmel ist hoch und der Czar ist weit, so tröstet sich, zugleich das Schicksal entschuldigend, der Bedrückte in Ihrem großen Reiche, aber so hoch ist nicht der Himmel, so weit nicht der Kaiser, daß solche Greuel nicht bis zu Beiden dringen würden. Und ihr Echo ist gewiß auch schon bis dahin gedrungen! Daher bitte ich, Erhabene und großmächtigste Kaiserin, im Interesse der Reinheit Ihres Purpurs, geben Sie Satisfaction dem geschändeten Menschenrecht, der unsäglich beschmutzten Würde Ihres großen Reiches! Strafen Sie die Schuldigen! Doch besonders die Anstifter und Vorschubleister, Majestät! Nicht Rachsucht führt meine Feder, denn auch ich bete von ganzem Herzen „und verzeihe uns unsere Schuld wie auch wir verzeihen unseren Schuldnern Amen!" Aber auf welche Weise sonst können so viel grauenhafte Schandthateu, so viel irreparable Verbrechen, eine solche Schändung jeder Menschenwürde, eine solche teuflische Verhöhnung jeglicher Gesetze, jeder Staats- und Rechtsordnung, solche Thaten wüstester Anarchisten, eine solche Verachtung der Majestät Ihres Thrones gesühnt werden? Wenn in einer mit Sturm genommenen Stadt Wehrlose angegriffen werden, so verfällt der erhitzte Soldat dem Kriegsrechte und hier geschah solches im tiefsten Frieden! Erhabene Kaiserin, der Arm Ihres Gemahls ist mächtiger wie der irgend eines Imperators der antiken römischen Welt! Jenem trotzte der flüchtige Parther und an den Schranken des Oceans fand er seine Grenze. Vor dem Arme Ihres Gemahls sinkt der Perser zu Boden, es erzittert der gelbe Bogdychan in seiner verbotenen Stadt und verbeugen sich tief die großen Republiken des Westens. Sein Wunsch ist manch stolzem Staate Europas Gesetz! Und solcher Macht steht Edelsinn schön an. Welche Gefühle weckt der edle Name des Großen Cajus Julius Cäsar, wie lebt Heinrich IV., der edle Habsburger Josef II., der „Schätzer des Menschengeschlechtes", in der Erinnerung der Nachwelt fort. Schon jetzt preist die Menschheit jenen zweiten Alexander, der 40 Millionen Leibeigenen großherzig die Freiheit gab. Als „Czar-Befreier" ist sein Name mit unauslöschlichen Buchstaben in den Tafeln der Geschichte eingegraben, und als wahnsinnige Verbrecher ihn wie Heinrich IV., der Priestersendling Ravaillac, mordeten, war er eben im Begriffe, die Welt durch seine Großherzigkeit zu überraschen und neuen Ruhm seinem großen Namen hinzuzufügen! Auch Ihr erhabener Gemahl bestrebt sich, seinem verewigten Großvater zu folgen. Gleichwie der große Macedonier befürchtete, sein Vater Philippos werde ihm nichts mehr zu thun übrig lassen, und doch noch solches Feld für sein Genie vorfand — so überließ auch der große Czar-Befreier seinem Enkel ein Feld der Fortsetzung seiner edlen That! Erhabene und Edle Frau — 5 Millionen Menschen — mehr wie die Einwohnerzahl manchen Königreiches, sind in Ihren weiten Landen noch nicht befreit.

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