Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 21 (22.5.1903)
- Date
- 1903-05-22
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Mt.« Dr. Bloch’s ♦ fl ♦ emill» Iahr-a«- 4 Centralorgan für die gesammten Interrffen des Iudenthums. ---- —— — ■— - Wen. 22. Mai 1903. -> <- - Erscheint jeden Freitag. -■>— - Brief-Adreffe: Wien, IX/1» Berggafse 39. Telegramm-Adresse: Bloch's Wochenschrift, Wien. *= - =% i SerugLPrri» für Oesterreich: Halbjährig 8 Kronen. Einzelexemplare 50 Heller. Für'» Ausland: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig 20 „ Anzeigen: Die 4mal gespaltene Petitzeile 24 Heller. ^.- - - —m U - - -- - =% Li. ft. Postsparcassen-Amt Clearing-Verkehr Nr. 610.976. Redarlion und Administration: Wien IX/1, Berggafse Nr. 39. Telephon Nr. 14.847. Inhalt: An Ihre Majestät Alexandra Feodorowna, Kaiserin von Rnßland. — Leitartikel: Zar Lage in Galizien. — Die Politik des Creditoren-Vereines. — VomJahrmarkt desLebens: Glossen zur Tagesgeschichte. Das Blutbad in Kischenew. Hilferuf für Kischenew. — Correspondenzen: Aus der Plenarsitzung des Vorstandes der israelitischen Cultusgemeinde in Wien. Wien, Verein antisemitischer Aerzte. Budapest, Eibenschitz, Florenz, Hildesheim. — Vermischtes: Kranzablösungsspenden zu Gunsten der Chewra-Kadischa in Wien. Wien, Floridsdorf, Brünn, HoraLdowitz, Friedek-Mistel, Lemberg, Prag, Leipa, Poöega, Ung.-Brod, Alsä-Kubin, Györ, Budapest, Zürich, Breslau. — Feuilleton: Das fünfte Gebot. — Literatur. — Neue Bücher. — Briefkasten. — Aufruf. Inserate. An Ihre Majestät Alkxaiidra Fcodorowna, Kaiserin non ~ '/ Euere Majestät — Erhabene Frau! Gestatten Majestät, daß ein unbekannter Bürger des Auslandes die Feder zu erfassen wagt, um Thatsachen zu Ihrer Kenntniß gelangen zu lassen, die ein Schwarm selbstsüchtiger, boshafter und gegenwärtig vielleicht auch erschreckter Höflinge Ihnen gewiß zu verhüllen suchen wird! Nie, Erhabene Frau, die auf der Menschheit allerhöchsten Höhe durch Gott oder das Schicksal gestellt ist, hätte ich je geahnt, die Feder ergreifen zu müssen, um an Euere Majestät zu schreiben, nie in der Träume verworrenster Phantasie kam mir je der verwegene Gedanke, an Sie, Kaiserin und Herrin von 150 Millionen menschlicher Wesen, je Worte richten zu sollen — und doch Majestät — die schändlichste Wirklichkeit übertrifft! ja übertrifft! der schauerlichsten Phantasmen wahnwitzigen Flug. Erhabene Frau! Wenn man Ihr Bild betrachtet, wie Sie mit innigem, mit seelenvollem Auge auf das Kind in Ihrem Arme voll Zärtlichkeit und auch mit etwas Wehmuth blicken, so ist man versucht, mit den rührenden Worten jenes Dichters meines Volkes zu beten: Ich will die Hand aufs Haupt Dir legen und beten, daß Dich Gott erhalte, so rein, so schön, so hold. Majestät! Sie, welche der Welt mächtigste Krone auf Ihrem zarten und edlen Haupte tragen, Sie, Erhabene Frau, bekunden stets das schöne, das rührende, das rühmliche Streben, Ihrem mächtigen Gemahl eine treue, eine liebende Gattin und Helferin, Ihrem Reiche eine edle Fürstin, Ihren jugendlichen Kindern die beste, die zärtlichste Mutter zu sein — und doch Majestät — in Ihrem Reiche wurden nach den glaubwürdigsten und unangezweifeltsten Berichten Kinder wie die Ihrigen vor den Augen ihrer geschändeten Mütter bei den Beinen in zwei Theile gerissen oder ihre weichen Schädel an den Mauern zerschmettert, daß Gehirnmasse und unschuldiges Blut die geschändeten Mütter bespritzten. Und doch sagt der Herr im sechsten Gebot: „Du sollst nicht morden" und verbietet in seiner unendlichen Barmherzigkeit und seinem Zartgefühle, selbst gegen das stumpfe Thier „das Zicklein zu kochen in der Milch seiner eigenen Mutter". Aber nicht genug daran, den geschändeten Müttern mußten noch die Leiber aufgerissen, die zuckenden, die blutenden Eingeweide von entsetzlichen Kannibalenhänden herausgerissen, auf die Straßen der ihrer geographischen Lage nach anscheinend noch zu Europa gehörigen Stadt geworfen werden, so daß man an ihnen ausglitt — und die leeren Leibeshöhlen wurden noch zum Hohne mit Federn angefüllt, die aus jenen Pölstern stammten, in welchen die lebend zerrissenen Kinder gehüllt waren! Daß Männern die Schädel zerschmettert und einem Vater, der Frau und Kinder vertheidigen wollte, die Augen ausgestochen, die Zunge ausgerissen wurde, ist bei den geschilderten Greueln kaum noch hervorzuheben. Daß hiebei geraubt, geplündert und gestohlen wurde, will ich der Vollständigkeit und des Motives wegen nur noch erwähnen. So, Majestät, wüthete man in Ihrer Stadt Kischenew au dem Tage der Auferstehung Ihres Heilandes, an beiden Tagen, an welchen ganz Rußland jubelt, 0üri8to8 ivo8kr6 — Christ ist erstanden aus Grabesnacht — Christ ist seinen Jüngern wieder erschienen — Christ ist in seiner unendlichen Liebe wiedergekommen, um Frieden zu bringen allen Menschen auf Erden — Christ, der seinen Feinden bereits am Kreuze verziehen hatte, weil sie nicht wußten, was sie thaten! Doch wer waren diese grauenhaften Thäter? Haben aus dem Tartarus stammende Barbaren, haben die thierischesten aller Skyten die von ihnen belagerte Stadt im Sturm genommen — was waren das für menschenähnliche Unholde, welche Greuel verübten — die Hunnen, Avaren und die wildesten Vandalen sich zu verüben schäniten? Welche schändlicher als die vertiertesten Kannibalen, die den Menschen rasch tödten, um ihn dann zu verzehren oder ihren Götzen zu opfern, sich an den Qualen namenlos verstümmelter Väter, Mütter, Jungfrauen und Kinder weideten, an ihren Todeszuckungen sich ergötzten, mit ihrem Blute sich beschmierten, mit ihrem Todesschweiße sich benetzten, um dann noch mit ähnlichen Genossen um die meist ärmliche Habe der Opfer zu würfeln! 8555