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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1903-05-15 · 20 (15.5.1903) · page 15

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
20 (1903)
Issue
20 (15.5.1903)
Date
1903-05-15
Page
– (sequence 15)
Language
German
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Ihr. SO Dr» Blvch's WochenschrW» Sette 337 des Rabbiners, doch nur gut und fromm zu bleiben, vernahm sie kaum, sie war im Geiste bereits in der Großstadt. Die Reise in der dritten Classe auf der harten Bank verlief ganz angenehm. Julie war noch nie aus ihrem Heimatsstädtchen herausgekommen und Alles, was sie sah und wahrnahm, war ihr neu. Die fremden Menschen, ja selbst die Telegraphenstangen und Meilensteine, die Wächterhäuschen und Haltestellen, Alles bot ihr des Interessanten genug, so daß sie nicht wußte, ob sie sitzen oder stehen, beim Fenster hinausschauen oder mit der Reisegesellschaft sich unterhalten solle. Es war Abends 10 Uhr, als der Zug an dem Kreuzungspunkt ankam. Die Reisenden hatten ihr Ziel erreicht und Julie fuhr noch weiter in das Land hinein, hatte noch acht Stunden Bahnfahrt vor sich. Julie wagte es nicht, das Coupe zu verlassen, trotzdem der Zug beinahe dreiviertel Stunden hielt, und verzehrte ihr frugales Abendessen im Eisenbahnwagen. Knapp vor Abgang des Zuges erschien eine modern gekleidete Dame und nahm an Julie's Seite Platz. Diese wagte es nicht, die Dame anzureden, denn das mußte doch zumindest eine Amtsräthin sein, so dachte sie. und war angenehm berührt, als sie von ihrer neuen Reisegenossm vernahm, daß sie nur eine Verkäuferin in einem großen Geschäftshause vor sich habe, die bei ihren Eltern zu Besuch geweilt hatte und in die Residenz zurückkehre. Die beiden Mädchen hatten bald Freundschaft geschlossen. Rosa Friedenreich, so hieß die neue Reisegenosiin, war seit vier Jahren m der Residenz und gab Julien auf alle neugierigen Fragen befriedigende Aufschlüsse. Julie, die mit der Absicht ihre Heimat verlasien hatte, in der Residenz durch Handarbeit ihr Brot zu verdienen, wurde von Rosa bald eines Besseren belehrt; davon, so sagte sie, könne man sich nicht einmal das Salz zum Brot verdienen. Julie wäre doch ein schönes Mädchen und könne in einem Confecuonsgeschäfte als Probirmamsell Anstellung finden; sie glaubte sogar, daß eine solche Stelle in dem Confectionshauje, in dem sie bedienstet war, vacant wäre. Die Directrice werde, so meinte sie, auf ein gutes Wort von ihr, ihre Anstellung veranlassen. So verlief die Reise in angenehmer Weise. Es war sechs Uhr Früh, als der Zug in der Residenz einlief. Eine alte Tante, Namens Bele, erwartete Julie am Bahnhofe. Diese verabschiedete sich von ihrer Reisegenosiin und versprach ihr, sich am nächsten Tage im Geschäfte vorzustellen. Hiebei stieß sie jedoch auf der Tante Widerspruch, weil das Geschäft auch am Sabbath geöffnet war. Nach zwei Tagen schon fand sie Arbeit in einem Wäschegeschäfte, doch mußte sie sehr fleißig die Hände rühren, und der Verdienst war gering. Rosa, die sie täglich nach Geschäftsschluß aufsuchte, lachte sie aus, daß sie sich für einen solch geringen Lohn abmühe; auf diesem Wege, so sagte die Freundin, werde sie nie auf einen grünen Zweig, niemals in die Lage kommen, die Annehmlichkeiten der Großstadt kennen zu lernen. Die Einflüsterungen der Freundin hatten Erfolg; nach Verlauf einiger Wochen konnte Julie nicht mehr widerstehen, sie widersetzte sich dem Willen der Tante und entschloß sich, im Confectionshause Blaustein Stellung zu nehmen. Sie gefiel daselbst und wurde als Probirmamsell engagirt. Es waren herrliche Toiletten, die sie täglich zum Anprobiren bekam, sie hörte dabei immer, wie schön sie sei, und ihr einziger Wunsch war es, in so herrlichen Toiletten erscheinen zu können. Tante Bele beherbergte auch einen Zimmerherrn Namens Josef Feuerstein. Josef war ein schöner junger Mann von fünfundzwanzig Jahren; ein schwarzer Bart umrahmte das hübsche, durchgeistigte Gesicht. Er war Oberbuchhalter in einem großen, streng frommen Tuchgeschäfte. Es traf sich, daß er denselben Weg wie Julie hatte, und er begleitete sie täglich bis zum Geschäftslocale, vor dessen Thür er sie nach Geschäftsschluß wieder erwartete. Josef Feuerschein hatte bald eine Zuneigung sür das Mädchen gefaßt und wollte dieses, sobald es die Verhältnisse erlauben würden, ehelichen. In ihm lebte die Ueberzeugung, daß Julie, einem frommen Hause entstammend, auch eine gute, fromme Hausfrau sein werde, sobald sie den Einflüsterungen Rosa's entzogen sein würde. Eines nur stimmte ihn immer wieder traurig, und das war Julies Putzsucht und ihr Neid auf Schmuck und schöne Kleider, die Andere besaßen. Vor dem Juwelen- und Modewaarenlager stand sie immer wie gebannt, und nur mit schwerer Mühe konnte man sie davon wegbringen. Auch Julie fühlte für Josef eine starke Neigung. Der junge strebsame Mann, der Groschen zu Groschen legte, um die Einrichtung und Ausstattung anzuschaffen, gefiel ihr immer mehr. Der Berlobungstag war nicht mehr fern, und das von Josef so heiß ersehnte Ziel rückte immer näher; da trat plötzlich eine Umwandlung ein. Josef forderte von Julie, sie möge ihre Stellung kündigen. Der Chef des Hauses, ein Mann von 60 Jahren und seit einem halben Jahre Witwer, hatte schon lange an dem schönen Mädchen Wohlgefallen gefunden, und als sie ihre Stelle kündigen wollte, bot er ihr Herz und Hand an. Die Aussicht, eine reiche, vielbeneidete Frau zu werden, war stärker als ihre Neigung zu Josef. Ohne lange zu überlegen, willigte sie ein und in weitern sechs Wochen war sie die Frau des reichen, inzwischen geadelten Blaustein. Allein das Glück war nur von kurzer Dauer. Der alte, zur Eifersucht geneigte Gatte begleitete sie auf Schritt und Tritt, und das vergällte ihr die Freude. Im Theater und auf Concerten, im Ballsaale und auf Spazierfahrten war er stets an ihrer Seite und sobald sie der Schaar ihrer Bewunderer nur ein freundliches Lächeln gönnte, traf sie ein Zornesblick aus seinen Augen, dem auch gewöhnlich der Aufbruch folgte. Za Hause mußte sie dann immer den Borwurf hören, daß sie chm den Reichthum und das Glück, das er ihr bereitet, schlecht lohne. Bier Jahre ihrer Ehe waren verfloffen, da schenkte sie ihrem Gatten ein Mädchen. Nach der Geburt der kleinen Else begann der alte Blaustein zu kränkeln; die Gattin mußte stets an seiner Seite weilen und durfte vom Krankenlager nicht weichen, wenn sie nicht schrecklichen Borwürfen und gröblichen Insulten ausgesetzt sein wollte. Nach drei langen Leidensjahren schloß der alte Blaustein seine Augen sür immer. Das große Vermögen war der Mutter und dem Kinde zu gleichen Theilen zugefallen, nur war für die erstere mit der reichen Erbschaft die harte Bedingung verknüpft, daß sie keine zweite Ehe eingehen dürfe. Im Falle einer Wiederverheiratung sollte ihr, so lautete es im Testamente, blos der Nutzgenuß eines vierten Theiles des Vermögens zufließen. Wäre Feuerstein jetzt an sie herangetreten und hätte zu ihr gesagt: „Ich liebe dich über alle Maßen*, wie er sie deffen früher tausendmal versichert, sie hätte ihren Rang, ihr Vermögen gelaffen und wäre ihm selbst in die Noth, ins Elend gefolgt. War doch ihre Ehe eine so fürchterliche Enttäuschung für sie gewesen. Mit einer tiefen Neigung sür Josef im Herzen hatte sie sich an einen alten, eifersüchtigen Mann gekettet, der ihr wohl Ehren und Reichthümer geboten, in ihr jedoch nur Abneigung erregt hatte. Der melancholisch-finnende Zug, der dem Antlitze Julies ausgeprägt war, stammte von jener Zeit her. Allein nur der eiserne Wille hatte diesen Zug gegraben, in Wahrheit sehnte sich dieses ruhige und ernste Gesicht nach Liebe. Das glänzende Auge, das manchmal ausleuchtete, zeigte, daß eines Tages die Leidenschaft mit Elementargewalt Hervorbrechen könne, alle Schranken niederreißend. In stillen Nächten seufzte sie nach Josef, benetzte sie ihre Lagerstätte mit heißen Zähren. Allein Josef hatte eine Andere, Beffere gefunden. Ein echt jüdisches Weib, anspruchslos und bescheiden, ein Biederweib fromm und gut, war ihm zu Theil geworden. Sie stand ihm zur Seite und er verehrte und liebte in ihr die zärtliche Gattin und die treue, aufopferungsvolle Mutter. Julie v. Blaustein fand einige Befriedigung an ihren schönen Kleidern, an Vergnügungen und Zerstreuungen aller Art; sie fand zwar keine Freude daran, doch sie wollte blos glänzen und beneidet werden. Auch Else bot ihr Zerstreuung, und in den Stunden, die sie nicht der Gesellschaft widmete, hatte sie ihr Kind gerne um sich, war es doch das einzige auf der Welt, das sie liebte. Dieses Kind sollte einst jene große und gewaltige Macht der Liebe empfinden, die sie selbst in einer schwachen Stunde verschmäht; es sollte glücklicher als sie selbst werden, das hatte sie sich in den düsteren Nächten des Schmerzes zugeschworen. In dem Aufblühen dieses Kindes hätte sie die Freuden empfinden können, die sie niemals erkannt, darin hätte sie ihr verlorenes Leben wiederfinden können, hing ja das Kind mit so zärtlicher Liebe an ihr, die ihr den früh entriffenen Vater ersetzen sollte. Allein einer selbstlosen, aufopferungsfähigen Liebe war Frau v. Blaustein nicht fähig und so liebte sie auch ihr Kind

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